Stil(e) der Stille

Hat Corona mehr Ruhe ins Leben gebracht? Viele Menschen haben das nicht so empfunden, im Gegenteil. Was muss passieren, dass wirkliche Stille einkehrt? Woran lässt sich das festmachen? Und gibt es einen christlichen Beitrag zu solchen Fragen? Sibylle Trawöger durchquert ein weitläufiges Terrain. 

Die variantenreichen Formen der Stille gehen in unserer Zeit mit unterschiedlichen Selbstverständlichkeiten einher. Optische Eindrücke – ansprechend präsentierte Konsumprodukte etwa, auffallende Plakate oder stylische Outfits – prägen das Stadtbild und buhlen um Aufmerksamkeit. Der Blick kommt selten zur Ruhe. Auch Orte der „akustischen Stille“ sind vor allem in Städten ein rares Gut. Darauf reagierte beispielsweise das Kunstprojekt „Ruhepol“[1] unter der Leitung von Peter Androsch: An ausgewählten frei zugänglichen Orten im Linzer Stadtzentrum wurden ruhige Rückzugsmöglichkeiten vom Trubel der Stadt geboten. Gegenüber der optischen und akustischen Stille scheint die „olfaktorische Stille“ – wie die Textilwissenschaftlerin Andrea Steinert feststellt – seit den 1950er Jahren eine Selbstverständlichkeit in unserer Gesellschaft geworden zu sein. Mittels Waschmittel, Seife und Deodorant wird versucht, den Körpergeruch restlos zu eliminieren, um sich in „olfaktorisches Schweigen“ zu hüllen.[2]

Das Daheim-Sein bedeutet nicht (mehr) automatisch Rückzug oder Ruhe.

In den letzten Wochen, in denen das Zuhause zum Lebensmittelpunkt wurde, waren die sinnlich erfahrbaren Formen der Stille anders als gewohnt zu erleben. Die olfaktorische Stille hat sich im öffentlichen Raum beispielsweise noch zusätzlich intensiviert. Aufgrund von Ausgangsbeschränkungen und Abstandsregelungen war selten der Körpergeruch oder das Parfum eines anderen Menschen in der Fußgängerzone zu riechen. Andere, eher metaphorisch konnotierte Aspekte der Stille durchbrachen wiederum das Gewohnte. Das innerhalb kürzester Zeit vollzogene Update der digitalen Kommunikation ließ Menschen, die normalerweise außerhalb der eigenen vier Wände angetroffen werden, (beinahe dauerhaft) in die privaten Räumlichkeiten einkehren. Das Daheim-Sein kann insbesondere vor diesem Hintergrund nicht (mehr) automatisch mit Allein-Sein, Rückzug oder Zur-Ruhe-kommen gleichgesetzt werden.

Auch einige der vielen Deutungen der unerwartet eingetroffenen und herausfordernden Geschehnisse erzeug(t)en Lärm. Noch immer sind hilfreiche Deutungen vermengt mit solchen, die eher einem Beruhigungs- oder auch einem Aufputschmittel gleichkommen. Der Medienwissenschaftler Norbert Bolz bezeichnet unsere Gesellschaft als „Sinngesellschaft“[3] und fasst damit ins Bild, dass die „Komplexität“ unserer Wirklichkeit, die ihre „Selbstverständlichkeiten“ verloren habe, in der Regel mit vorschnellen Sinnangeboten überdeckt wird. Religiöse Sinn- und Deutungsangebote, die davon absehen, starre Antworten zu liefern, würden ein mögliches Korrektiv zu den von der Marktlogik durchdrungenen Deutungsangeboten einer „Sinngesellschaft“ bilden. Es sei die Aufgabe der Religion, „die Wunde des Sinns offen“[4] zu halten. Im Folgenden möchte ich auf diesen Zugang zugreifen und ergänzen: Religiöse Erschließungs- und Orientierungsangebote halten die Wunde des Sinns offen, indem sie mit einer „offenen Gerichtetheit“ dazu einladen, dem Geheimnis des Lebens je von Neuem nachzugehen.

Habitare secum: bei sich selbst zu Hause sein

Ein religiöses Sinnangebot, das die Kraft hat, Leben(sereignisse) immer wieder aufs Neue sowohl zu erschließen als auch auszurichten, ist das „Habitare secum“. „Habitare secum“ geht im christlichen Kontext auf die in Höhlen und Höhen gestärkte Glaubenserfahrung des Benedikt von Nursia zurück. Ihm wird zugeschrieben, dass er ein Mensch gewesen sein soll, der bei sich selbst zu Hause war bzw. mit sich (selbst) wohnte.[5] Ein solches Sinnangebot verdeutlicht auch Prozess und Ziel während geistlicher Exerzitien. Sie unterbrechen den beschleunigungsgeprägten[6] Alltag, um wieder bei sich selbst einzukehren und von Neuem zu gastfreundschaftlichen Begegnungen mit Mensch und Gott bereit zu sein. Dieser selbstgewählte Rückzug in die „äußere“ Stille, die zur Ausformung eines christlichen Stils der Stille beiträgt, hat sich im alltäglichen Leben zu bewähren.

Der Pariser Theologe Christoph Theobald spricht vom „Christentum als Stil“ und betont damit, dass das Christentum nicht ausschließlich in „dogmatischen Lehrsätzen oder autoritativen Aussagen eingefangen werden kann, sondern als Begegnungs- und Beziehungsgeschehen in der Welt verstanden werden will“[7]. Mit Bezug auf den Philosophen Maurice Merleau-Ponty bestimmt Theobald Stil als „Kennzeichen einer Art und Weise, die Welt zu bewohnen“[8]. Stil ist „die mehr oder weniger große Konkordanz, eventuell die Identität zwischen dem Inhalt und der Form“[9].

Das Christentum als Stil und ein stilistischer Scharfsinn der Stille

Zentrale Charakteristika des christlichen Stils arbeitet Theobald mit Blick auf Jesu Beziehungs- und Begegnungsfähigkeit aus. So fordere Jesu Gastfreundschaft dazu auf, zuallererst die Wahrnehmungsfähigkeit zu schulen, einen „stilistischen Scharfsinn“ zu entwickeln. „Dieser stilistische Scharfsinn, den die Schrift mit der Weisheit identifiziert, besteht in der Fähigkeit, in dem, was gehört und gesehen wird, die unsichtbare und unhörbare Übereinstimmung des jeweiligen Menschen mit sich selbst zu hören und zu sehen: geheimnisvolle Übereinstimmung, Einheit und Einfalt, die seine Einzigkeit begründet.“ [10]

Stille und Ruhe sind mit diversen Sehnsüchten und Konnotationen verflochtene Modeworte unserer Zeit. Ein „stilistischer Scharfsinn“ deckt auf: Stille ist nicht gleich Stille. Dies führt zur Frage: Wie spielt der Inhalt mit den jeweiligen unterschiedlichen Ausformungen der Stille zusammen? Denn Stille kann beispielsweise als bedrohende Totenstille, als beängstigender Stillstand oder als ersehnte Stille der Ruhe in Erscheinung treten. „Habitare secum“ verleiht dem Stil der Stille innerhalb des christlichen Kontextes Ausdruck und kann dazu anregen, sich in den Gegebenheiten der Zeit auf die begegnungs- und beziehungsfähige Haltung der Stille auszurichten, ohne auf ein vorgefertigtes „Stillleben“ fixiert zu werden.

 

[1] Vgl.: https://hoerstadt.at/projekte/ruhepol/ (Stand: 20.6.2020).
[2] Vgl. Steinert, Andrea, Kunstseidene Welten: Die Erfahrung textiler Materialität im Kontext der 20er und 50er Jahre, in: Mentges, Gabriele, Nixdorff, Heide (Hg.), Bewegung, Sprache, Materialität. Kulturelle Manifestationen des Textilen (Bamberg: Museum für angewandte Kunst), Köln 2003, 185-254.
[3 ] Bolz, Norbert, Die Sinngesellschaft, Berlin 2012.
[4]  Ebd., 12.
[5]  Vgl. ausführlicher: https://abtei-kornelimuenster.de/images/aktuell/kurznachrichten/tibi_habitare-secum.pdf (Stand: 20.6.2020).
[6] Vgl.: Rosa, Hartmut, Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstruktur in der Moderne, Frankfurt am Main 2005.
[7] Theobald, Christoph, Christentum als Lebensstil, in: ThPQ 166 (2018), 172-186, 174.
[8] Ebd.
[9] Ebd., 173.
[10] Ebd., 179.

Dr. Sibylle Trawöger ist Juniorprofessorin für Systematische Theologie und ihre Didaktik an der Universität Würzburg. 

Bild: momosu – pixelio.de

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