Sublimation, Narration, Zärtlichkeit

Drei Stichworte als Herausforderungen für das Christentum heute, aber auch als mögliche Wege in seine Zukunft. Von Isabella Guanzini.

1. Sublimation. Oder: Den Kräften eine Form anbieten

In der gegenwärtigen Konjunktur der Säkularisierung und des Radikalismus, des Skeptizismus und des Fundamentalismus, wo die Virulenz der Debatten um die Rolle der Religion in der politischen Öffentlichkeit in hohem Maße durch Irritation und Bedrohungsgefühle stimuliert wird, scheint es notwendig, dass das Christentum und das theologische Denken ihre symbolisierende und sublimierende Funktion wieder annehmen und weiterentwickeln. Die Kirchen und Religionen sind in besonderer Weise gefragt, nicht nur über den Glauben, sondern vielmehr für ihre anti-fundamentalistischen Ressourcen Verantwortung zu tragen und sie immer neu zu entwickeln. Die Theologie stellt – wie die Kunst und die Psychoanalyse – eine Art der Sublimierung dar, die der grundlegend ambivalenten Dimension des Heiligen eine sprachliche und symbolische Form anbieten kann.

Die anziehende und erschaudernde Erfahrung des Numinosen als Kern aller Religionen.

Den Begriff des „Heiligen“ verstehe ich hier als die anziehende und erschaudernde Erfahrung des Numinosen (R. Otto), die den Kern aller Religionen darstellt. Die tiefgehende Sphäre des Heiligen beinhaltet alle ambivalenten Kräfte, Affekte, bewussten oder unbewussten Gefühle, welche eine konstitutive subjektive Beziehung mit dem Göttlichen miteinschließen. Das Erste Testament und die jüdische Tradition berücksichtigen diese ambivalente Dramatik des Heiligen und zeigen, wie das Heilige „behandelt“ oder „humanisiert“ werden könnte: durch die Gabe des Gesetzes, durch die Rückfragen Hiobs, den Radikalismus der prophetischen Tradition, die Weisheit von Kohelet und die geistigen und auch dramatischen Landschaften der Psalmen.

Diese kritische Auseinandersetzung mit dem „archaischen“ Heiligen und mit seiner Zweideutigkeit entspricht einer neuen Gottesfrage und der Entwicklung eines neuen Gottesbildes, d.h. dem alttestamentlichen und dem neutestamentlichen Gottesbild, das Jesus verkündigt hat. Die biblische Narration kann auch als die Eröffnung und die Verarbeitung dieser Sphäre der Kräfte interpretiert werden, wie sie in Geschichten über Liebe und Hass, Eifersucht und Zorn, Verehrung und Blasphemie, Opferung und Widerstand, Annahme und Flucht, Tod und Auferstehung zum Ausdruck kommen.

Dem Nicht-Artikulierbaren eine Artikulation geben.

Angesichts der medial omnipräsenten Fundamentalismen und Radikalismen auch im Namen von Religion, aber auch angesichts der zunehmenden Ängste und Unsicherheiten der globalisierten BürgerInnen, erscheint das theologische Denken in besonderer Weise dazu aufgefordert, die Verletzungen, die Ängste, die zerstörerischen Tendenzen der Triebe, die sich besonders heute in Zeiten der Krise und des Traditionsverlustes verbreiten und das Zusammenleben prägen, in eine Narration – eine Geschichte des Sinnes – zu transformieren. Es geht darum, einer übermäßigen Kraft eine Form anzubieten, oder um den Versuch, dem Nicht-Artikulierbaren eine Artikulation zu geben. Dieser Versuch ist nicht ohne theologische, kulturelle und sozio-politische Bedeutung. Wenn die elementaren Affekte und Gefühle nicht verarbeitet und gestaltet werden, wiederholen sie sich triebhafter im gesellschaftlichen Kontext.

Die Alternative wäre, einerseits, eine emotive und unkontrollierbare Häresie des Unförmigen, d. h. eine bloße Entfesselung der Kräfte, des wilden Heiligen ohne Sublimation (die aber durch biopolitische Dispositive und populistische Mächte beherrscht und manipuliert wird). Andererseits gibt es eine Häresie der Form: Man könnte versuchen, eine Rationalisierung oder eine phobisch-obsessive Neutralisierung der Kräfte und Affekte durch die analytische Reduktion der Sprache und der Realität zu verwirklichen (oder auch durch die verschiedenen „Images“ einer orthopädischen religiösen Identität, ohne Mangel und Unsicherheiten). Beide Alternativen setzten die Spannung zwischen Form und Chaos, zwischen Sagbarem und Unsagbarem, zwischen Form und Formlosem außer Kraft. Diese Spannung oder Dialektik ist jedoch extrem wichtig, um die symbolische bzw. religiöse Sphäre zu eröffnen und lebendig zu halten, da sie einen Resonanzraum für das Heilige gewährleistet und seine Ambivalenzen in Frage stellt.

2. Narration. Oder: Die Vergessenen unserer Länder werden nicht mehr vergessen werden.

Gerade im Zeichen des Traditionsverlustes sollte sich die Theologie mit der Krise und den Brüchen Europas, mit dem Wegbrechen historischer und geistiger Kontinuitäten und symbolischer Ausdrucksformen ernsthaft konfrontieren. Die traditionellen Wahrheiten und Erzählungen, die uns früher wie eine „zweite Haut“ umgeben haben, sind ebenso wie die klassischen politischen und ästhetischen Ideale schwach und unglaubwürdig geworden. Durch den Verlust traditioneller Einbettungen und die Transformation von Lebensräumen werden auch die (post)modernen Identitäten zunehmend fragiler.

In einer Zeit zunehmenden Gedächtnisverlustes und einer Virtualisierung der Geschichte(n) ist die Kirche in besonderer Weise dazu aufgefordert, einen narrativen Raum zu schaffen, in dem Menschen unserer Zeit – sowohl als Individuen als auch als Teil von Gemeinschaften und Kulturen – ihre Fragen, Erfahrungen und auch Katastrophen zu Wort bringen können. Jede kirchliche Kommunität sollte vor die Herausforderung gestellt werden, die eigene Geschichte im Hinblick auf die Offenheit für den Anderen in Wahrhaftigkeit erzählen und problematisieren zu lernen.

Sensibel für die Verletzbarkeit des Seins.

Zu den fragilen Identitäten heute trägt auch die Migration bei. MigrantInnen stehen nicht nur vor massiven wirtschaftlichen und sozialen Problemen, sondern auch vor dem Problem des Identitätsverlustes. Eine entscheidende Herausforderung wird darin bestehen, die Geschichten, die die MigrantInnen in ihre neuen Welten einbringen, entsprechend anzuerkennen und zum Bestandteil eines neuen Narrativs zu machen. Die Frage ist zunehmend, wo Anerkennungsräume geschaffen werden, in denen es zu wirklicher Begegnung kommen kann. Hier sind die Kirchen und Religionen in besonderer Weise gefragt.

Einen besonderen Kairos stellt in dieser Situation das neue Pontifikat dar, welches eine tiefe Sensibilität für verfehlte Lebenserfahrungen und Verletzungen ausdrückt und sie als Ausgangspunkt für eine neue Evangelisierung und kirchliche Praxis versteht. Gerade die Bibel ist ein Buch, welches in besonderer Weise sensibel für die Verletzbarkeit des Seins ist. Hier ergibt sich die Chance von neuen Narrativen, die nicht einfach künstliche Identitäten vermehren, sondern eine radikale Situationsempfindlichkeit (J.-B. Metz) aus der Perspektive der Verletzten zum Ausdruck bringen, um neue geschichtliche Visionen zu eröffnen. In diesem Sinn entwickelt sich ein sozial-waches und gesellschaftskritisches Christentum, das sich als Erinnerungs- und Erzählgemeinschaft in der Nachfolge Jesu versteht.

Die Theologien selbst sind vor die Herausforderung gestellt, Ort einer Archäologie der Verletzungen, d.h. intellektueller Empfindungsraum für kulturelle, soziale und religiöse Verletzungen zu sein, der den damit verbundenen Fragen einen entsprechenden Ausdruck verschafft.

3. Zärtlichkeit. Oder: Eine neue Hierarchie der christlichen Wahrheiten

Die neue symbolische Ordnung, die Papst Franziskus generiert hat, ist von einer bestimmten Ästhetik oder Poetik der Beziehungen charakterisiert, bei der die zärtliche Anerkennung des Anderen nicht zuerst als eine moralische Pflicht, sondern vielmehr als ein elementarer Modus des Fühlens verstanden werden soll. Es geht um eine Wahrnehmung des Anderen, die sich anhand von Anerkennungsprozessen und Politiken der Nachbarschaft und vor dem Hintergrund vom Drama identitätsloser, heimatloser, zukunftsloser, staatenloser und gemeinschaftsloser Lebensgeschichten entwickelt. In diesem Sinn lädt uns diese Wahrnehmung ständig zu einer „Revolution der Zärtlichkeit“ ein.

Zärtlichkeit für jemanden oder für etwas zu empfinden, ist eine Frage der Wahrnehmung, der Ausstrahlung oder des Empfangs von Zeichen, der Sensibilität für eine besondere Art von Zeichen, die auf das Subjekt einen Druck und eine Gewalt ausüben, welche es zu denken zwingt. Die Zärtlichkeit entspricht nicht einfach einem vagen Gefühl der Empathie oder der Nähe, sondern vielmehr einer elementaren Wahrnehmung der Endlichkeit, nämlich der Verletzlichkeit und Vergänglichkeit aller Dinge. Es geht um die Wahrnehmung des Endlichen als Bewusstsein seiner Verletzlichkeit und seines immer möglichen Entschwindens.

Zärtlichkeit, die einer elementaren Wahrnehmung der Endlichkeit entspringt.

Die Zärtlichkeit entspricht einer möglichen alternativen post-säkularen Kategorie, welche die prekäre Dimension der Wirklichkeit nicht verdrängt, ohne notwendigerweise jedes Seiende der Bedeutungslosigkeit eines universellen In-das-Nichts-Gehen zu überlassen, welches das Gewebe der Relationen durch die Melancholie einer „Grabespsychologie“ (Evangelii gaudium 83) aufreibt. Die Wahrnehmung des menschlichen Elends radikalisiert nicht die Zerstreuung und die Entfremdung, sondern intensiviert im Gegenteil die Sorge und die Bewahrung.

Die spezielle Konzentration und Beharrlichkeit seiner (des Papstes Franziskus) Verkündigung auf einige Schlüsselthemen – Barmherzigkeit, Nachbarschaft, Zuhören, Mission, Grenzen, Armut, Offenheit, Nähe – haben die gesamte symbolische Landschaft des christlichen Diskurses transformiert, obwohl diese Themen in den traditionellen Reden von Anfang an präsent gewesen sind. Die subversive Kraft des neuen symbolischen Diskurses, der durch seine Wesentlichkeit die vorherige religiöse Landschaft erschüttert, manifestiert sich vor allem in einer neuen „‚Hierarchie‘ der Wahrheiten innerhalb der katholischen Lehre“ (Evangelii gaudium 36).

Um „wirklich alle ohne Ausnahmen und Ausschließung“ zu erreichen, „konzentriert sich die Verkündigung auf das Wesentliche, auf das, was schöner, größer, anziehender und zugleich notwendiger ist“ (Evangelii gaudium 35). Dieser Gestus von Franziskus, der seine menschliche und pastorale Vision bezeichnet, entspricht zuallererst einer neuen „Rangordnung“ der Grundlagen des Christentums, die sich auf das (thomistische) Kriterium der Wesentlichkeit der evangelischen Wahrheit und ihrer „erschreckenden Aktualität“ (Evangelii gaudium 43) zurückführen lässt.

Eine fröhliche Revolution gegen den kompakten Monolith der Macht.

Es geht um ein „selbstgemaches Werk“, das von der Zärtlichkeit geprägt wird, das nicht zuletzt etwas ist, das die größte Freude hervorbringt, d. h. das Gefühl, die Produktivität, die alles involviert, zu leben, in einem ständigen Austauschprozess. Wenn es wahr ist, dass Freude und Trauer den Grad von Aktivität und Passivität, von Öffnung oder Geschlossenheit eines menschlichen Subjekts, also die Intensitätsebene einer Existenz kennzeichnen, können nur die unendlichen Bindebewegungen zwischen den Menschen, von Kontakt zu Kontakt, eine fröhliche Erfahrung generieren. Wenn die Suche nach dem Stillstand, nach der Geschlossenheit und nach Sicherheit die Macht und die Unterwerfungsdispositive charakterisieren, destabilisiert und löst die fröhliche Revolution der Zärtlichkeit den kompakten Monolith der Macht auf, wo die Subjekte in einer passiven Trauer dahinsiechen, um die angliedernde Potenz der Begegnungen und der Berührungen zwischen den Körpern zirkulieren zu lassen.

Wenn die Affekte die Abdrücke sind, welche die Menschen sich gegenseitig hinterlassen, ist die Zärtlichkeit Franziskus zufolge die grundlegende Signatur, die der Wahrheit unserer Epoche zu entsprechen vermag, die geteilte Endlichkeit und die Kontingenz anerkennend und wahrnehmend. Solch eine Revolution ist auch eine Rekapitulation, die danach strebt, „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art“ (Gaudium et Spes 1) und aller Generationen anzudenken, im Namen einer einzigen Menschheit im Aufbau.

 

Isabella Guanzini ist Professorin für Fundamentaltheologie in Graz.

Photo: Rainer Bucher

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