Synodalität mit Zeit- und Ortsindex

Synodalität

Der weltweite synodale Prozess ist herausgefordert, aus den Erfahrungen der Vergangenheit zu lernen und sich von einem ekklesiozentrischen Christsein zu distanzieren, schreibt Eva-Maria Faber.

Viel Emphase steckt in den Dokumenten, welche den von Papst Franziskus ausgerufenen synodalen Prozess begleiten. Die deutsche Übersetzung des Vademecum schreibt: «Die Kirche erkennt die Synodalität als einen wesentlichen Bestandteil ihres Wesens an» (Vademecum 1.3). In der englischen Version steht weniger tautologisch: «The Church recognizes that synodality is an integral part of her very nature».

Eine solche kirchenamtlich-ekklesiologische Aussage liest sich als Wesensbestimmung, die immer und überall Gültigkeit hat. Folgerichtig spricht das Vorbereitungsdokument im zweiten Abschnitt von einer konstitutiv synodalen Kirche. Doch wo war dieses konstitutiv synodale Wesen in der Vergangenheit? Wie kann es sein, dass es oft nur sehr partiell verwirklicht wurde?

Wo war das konstitutiv synodale Wesen der Kirche in der Vergangenheit?

Mit dieser kritischen Bemerkung taucht die Einsicht auf, dass Synodalität, so sehr sie ekklesiologisch grundlegend sein mag, in ihrer Verwirklichung einen Zeit- und Ortsindex hat. Das, was immer und überall gelten soll, ist hier und jetzt situiert, muss hier und jetzt reflektiert und verantwortet werden.

Dafür enthalten auch die amtlichen Synodendokumente Hinweise. Natürlich fehlt die oft zitierte Aussage von Papst Franziskus nicht: «Genau dieser Weg der Synodalität ist das, was Gott sich von der Kirche des dritten Jahrtausends erwartet»[1]. Zudem erinnern die Dokumente den «Hintergrund, vor dem diese Synode stattfindet» und zählen diverse Kontexte auf, von der Pandemie über politische Konflikte, Klimawandel und Migration bis zum Missbrauchsskandal in der Kirche selbst (vgl. Vademecum 1.1). Die lokale Situierung unterstreicht das Vademecum selbst, wenngleich es naturgemäss nicht ausführen kann, was dies an einzelnen Orten bedeutet.

Die folgenden Ausführungen benennen zeit- und ortsspezifische Rahmenbedingungen des synodalen Prozesses, um damit zugleich dessen Herausforderungen zu skizzieren.

Synodaler Prozess mit ekklesiologischen Lasten

Die Kirche ist nicht mehr so neugeboren unschuldig wie am Pfingsttag (falls sie es damals war). Sie – ich beziehe mich in diesem Artikel auf die römisch-katholische Kirche – muss sich bei der Entdeckung ihrer synodalen Verfasstheit der Vergangenheit und deren Auswirkungen stellen. Jahrhunderte der Vernachlässigung derjenigen Glieder des Volkes Gottes, deren Bezeichnung «Laien» kein Würdetitel mehr ist, zentralistische Strukturen, die den Ortskirchen wenig Freiräume lassen, institutionalistische Festlegungen im 19. Jahrhundert, die bis in die jüngere Vergangenheit stets neu befestigt werden, eine nur halbherzige Wende mit dem 2. Vatikanum – all das kann hier nur kurz erinnert werden, all das ist aber ein prägendes Vorzeichen für den gegenwärtigen synodalen Prozess[2].

strukturelle Lasten

Neben diesen strukturellen Lasten und damit verbunden sind Enttäuschungen zu erinnern, die viele Engagierte in der Nachkonzilszeit erfahren haben. Einen neuen synodalen Prozess auszurufen, ohne die blinden Flecken und Verweigerungen der Vergangenheit ebenso wie die Enttäuschungen und Verletzungen zu thematisieren, erscheint eher unsensibel hinsichtlich der Vergangenheit[3].

Zeitgenössische Lernchancen

Im 2. Vatikanischen Konzil anerkannte die Kirche, «wieviel sie selbst der Geschichte und Entwicklung der Menschheit verdankt» (GS 44). Die weltkirchlichen Synodendokumente bewerten parlamentarische Vorbilder als Versuchung statt als Lernchance (vgl. Vademecum Abschnitt 2.4; Vorbereitungsdokument Nr. 21). Jedenfalls für Menschen, die in funktionierenden demokratischen Systemen leben, ist diese Einschätzung unverständlich. Gross ist die Schar derer, die wie Hans Maier, Julia Knop und Thomas Sternberg angesichts fataler Machtkonzentrationen in kirchlichen Strukturen auf die Errungenschaften moderner politischer Systeme hingewiesen haben. Auch hier meldet sich für den synodalen Prozess ein Zeit- und Ortsindex. Zurückliegende Einflüsse durch absolutistische politische Systeme hatten fatale Auswirkungen auf die Kirche. Diese erfahrenen Prägungen sind im Kontext von synodalen Prozessen des 21. Jahrhunderts unter Beachtung der im politischen Verfassungsrecht entwickelten Standards zu bearbeiten.

Andere Kirchen haben in Sachen Synodalität einen Erfahrungsvorsprung.

Lernchancen würden auch der ehrliche Austausch mit anderen Kirchen über deren synodale Praxis bergen. Dem Vademecum zufolge bietet der synodale Prozess «Gelegenheit, den ökumenischen Dialog mit den anderen christlichen Konfessionen und den anderen Glaubenstraditionen zu intensivieren» (Vademecum 2.3). Bedauerlicherweise bringt es nicht würdigend zum Ausdruck, dass andere Kirchen in Sachen Synodalität einen Erfahrungsvorsprung haben. Die anfangs des Abschnitts 1.3 in der deutschen Übersetzung prominent erwähnten «ökumenischen Räte» gehen auf einen Übersetzungsfehler zurück. Gemeint sind hier die Ökumenischen Konzilien.

Zeit zurückgehender Mitgliederzahlen und heterogener Voraussetzungen

Die römisch-katholische Kirche steht in den deutschsprachigen Ländern unter dem Eindruck eines starken Rückgangs der Mitgliederzahlen. Viele Menschen haben die Kirche aus Enttäuschung, Empörung und/oder Desinteresse verlassen. Wenn dies hier Erwähnung findet, so nicht um den synodalen Prozess als Lockmittel zur Rückkehr zu deklarieren. Kirchliche Äusserungen sind ohnehin schon allzu oft von der Sorge um das eigene Ansehen und die Stärke der eigenen Institution gezeichnet, weniger durch echtes Interesse an Menschen. Es wäre aber engführend, ginge der synodale Prozess in unseren Breiten (nur) mit den «Verbliebenen» weiter. Einzubeziehen ist die Auseinandersetzung mit den Gründen, warum Menschen sich von der Kirche verabschiedet haben und aktuell dabei sind, dies zu tun.

Einzubeziehen ist: Warum sich Menschen von der Kirche verabschieden.

Doch wer sind diejenigen, die allenfalls synodal aufbrechen? Das Vademecum lässt erkennen, dass niemand auszuschliessen ist (Abschnitt 2.1). Wie zu bewerkstelligen ist, dass niemand von den grundsätzlich Interessierten sich dann doch von Rahmenbedingungen oder der Vorgehensweise abgestossen fühlt, ist damit nicht schon geklärt. Themenbereich 1 des Vademecum «Die Weggefährten» wirft weitere Fragen auf: Wo gehen Christen und Christinnen zusammen mit Weggefährten und Weggefährtinnen, ohne an Kirchengrenzen Halt zu machen; wo brauchen sie von ihren Glaubensüberzeugungen geprägte synodale Räume? Nicht überflüssig ist die Sorge um gemeinsame Grundlagen in einer Zeit zurückgehender christlicher Sozialisation. Andere Konstellationen entstehen mit der Frage, welche Erfahrungen Menschen gemacht haben oder machen müssen, um eine evangeliumsgemässe Beratungs- und Entscheidungskultur zu pflegen. Welche Not von Menschen muss zum Beispiel jemandem schon nahegekommen sein, um vordringliche Aufgaben der Kirche im eingangs genannten Kontext von Migrationsbewegungen und Klimawandel identifizieren zu können[4]?

Unterschiedliches Partizipationsverhalten

Vor dem Hintergrund der bereits genannten Punkte ist es weder theologisch adäquat noch realistisch, mit einer «participatio actuosa» von allen zu rechnen, die gleichwohl etwas zu sagen hätten. Glieder des Volkes Gottes können, ohne selbst Partizipationsmöglichkeiten wahrnehmen zu wollen, legitimerweise die Erwartung hegen, dass die Kirche sich gemäss dem Evangelium und hinsichtlich ethischer und rechtlicher Standards reformieren sollte. Viele Menschen sind anderweitig engagiert und haben lediglich den Wunsch, einer Kirche anzugehören, die weniger peinlich und empörend ist. Das Ideal der «participatio actuosa» ist nicht nur liturgietheologisch[5], sondern auch ekklesiologisch zu differenzieren. Es gilt, das «andere Volk Gottes»[6] nicht auszublenden, das im eigenen Christsein andere Akzente setzt und manchmal ganz einfach keine Zeit hat, sich kirchlich zu aktivieren.

Viele Menschen haben den Wunsch, einer Kirche anzugehören, die weniger peinlich und empörend ist.

Umso dringlicher ist es, eine strukturierte Partizipation zu kultivieren. Wenn der gegenwärtige synodale Prozess betont «alle» ansprechen möchte, so ist dies zwar zu würdigen; doch bedarf es einer Verstetigung des Anliegens in weniger aufwändigen, repräsentativ arbeitenden Strukturen.

Ekklesiale Notwendigkeiten und ekklesiozentrische Gefährdungen

Mir geht es nicht nur darum, die nicht formell synodal Engagierten über anstrengenden synodalen Prozessen nicht aus dem Blick zu verlieren, sondern auch darum, auf Gefährdungen hinzuweisen. Im Verlauf der Jahrhunderte, mit einem nochmaligen Schub in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, ist Christsein bzw. ist der Glaube immer mehr ekklesiozentrisch geworden oder jedenfalls in den Sog ekklesiozentrischer Vorstellungen geraten. Damit tut sich gegenwärtig ein Zwiespalt auf: Es ist eine ekklesiale Notwendigkeit, synodale Stile und Kirchenstrukturen zu entwickeln, doch verstärken die gegenwärtigen Appelle zugunsten des synodalen Prozesses ekklesiozentrische Gefährdungen. Einmal mehr entsteht bei Menschen das Gefühl, die Kirche wolle vor allem, dass sie sich für die Kirche interessieren sollten. Dabei betreffen Sehnsüchte bei vielen Menschen mehr die persönlichen Lebenssituationen; ihre Bereitschaft zu Engagement richtet sich auf globale oder lokale Krisen.

Der synodale Prozess müsste dazu beitragen, den dominanten Stellenwert von Kirche für das Christsein zu reduzieren zugunsten der Dimension der Gottesbeziehung, der Alltagsspiritualität, des Einsatzes für Solidarität, Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Ein neues Verhältnis zwischen persönlichem Christsein und Kirche ist vonnöten.

Den dominanten Stellenwert von Kirche für das Christsein reduzieren.

Gerade deswegen sind andererseits ekklesiologische Fixierungen zu bearbeiten. Insbesondere ist es nach meinem Dafürhalten dringlich, institutionalistische Vorgaben und Einstellungen zurückzubuchstabieren[7]. Ohne eine solche Korrektur haben andere Vorstösse, Initiativen oder auch ekklesiale Metaphern wie das «Feldlazarett», keine Chance, effektiv andere Gestaltungsformen von Kirche und andere Akzentsetzungen im Christsein hervorzubringen. Zudem wäre es in einer Zeit, in der offenbar wird, wie sehr Kirchenstrukturen sich als bestürzend unheilvoll erweisen, unzulässig, ekklesiologische Fragen hintanstellen zu wollen.

Vor diesem Hintergrund fordert der synodale Prozess auch die bestehenden synodalen Gremien heraus. Sie sind nicht davor gefeit, ekklesiozentrisch zu agieren und in den Sog der Selbsterhaltungsdynamik von Institutionen und ihrer Funktionsweisen zu geraten. Möglicherweise wäre es einer der wichtigsten Erträge des laufenden synodalen Prozesses, kirchliche Beratungs- und Entscheidungsprozesse konsequent aus binnenkirchlichen Verkrümmungen für das Aussen von Lebenswelten, gesellschaftlichen Zeichen der Zeit und globalen Krisensituationen zu öffnen.

Der synodale Prozess bewegt sich in einer schwierigen Konstellation. Trotz der dadurch naheliegenden Skepsis wäre es fahrlässig, in den jetzigen Zeitpunkt nicht all das einzuspeisen, was in den vergangenen Jahrzehnten und schon davor als Vision einer synodale(re)n Kirche entwickelt wurde.

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Eva-Maria Faber ist Professorin für Dogmatik und Fundamentaltheologe an der Theologischen Hochschule Chur.

Beitragbild: Pixabay.com


[1] Papst Franziskus: Ansprache anlässlich der 50-Jahr-Feier der Errichtung der Bischofssynode, 17. Oktober 2015: https://www.vatican.va/content/francesco/de/speeches/2015/october/documents/papa-francesco_20151017_50-anniversario-sinodo.html, zitiert im Vademecum 1.2).

[2] Vgl. Georg Essen: The «Invention of Tradition». Führung und Macht jenseits der Theologie des 19. Jahrhunderts. In: Gregor Maria Hoff (Hrsg.); Julia Knop (Hrsg.); Benedikt Kranemann (Hrsg.): Amt – Macht – Liturgie. Theologische Zwischenrufe für eine Kirche auf dem Synodalen Weg. Freiburg i.Br.: Herder, 2020 (QD 308), 159–174.

[3] Vgl. meinen Beitrag im Rückblick auf die Schweizer Synode 72: Aus Erfahrungen lernen. In: SKZ 190 (2022) 4f.

[4] Siehe dazu Elisa Kröger: Eine Kirche, die aus sich herausgeht. Bildung im Fokus von Subjektsein und grenzüberschreitender Solidarität. In: dies. (Hrsg.): Wie lernt Kirche Partizipation? Theologische Reflexion und praktische Erfahrungen. Würzburg: Echter, 2016 (Angewandte Pastoralforschung 2), 227–248.

[5] Vgl. Winfried Haunerland: Participatio – Relecture einer liturgietheologischen Leitidee. In: Stefan Kopp (Hrsg.); Benedikt Kranemann (Hrsg.): Gottesdienst und Kirchenbilder. Theologische Neuakzentuierungen. Freiburg i.Br.: Herder, 2021 (QD 313), 108–127.

[6] Jan Loffeld: Das andere Volk Gottes. Eine Pluralitätsherausforderung für die Pastoral. Würzburg: Echter, 2011 (Erfurter Theologische Studien 99).

[7] Eva-Maria Faber: Andiamo avanti. Über die Notwendigkeit, Handbremsen zu lösen. In: Paul M. Zulehner (Hrsg.); Tomáš Halík (Hrsg.): Pro Pope Francis. Wir teilen diesen Traum. «Kirche als Mutter und Hirtin» (Papst Franziskus). Ostfildern: Patmos, 2018, 643–656.2138–2143.

Von der Autorin erschien kürzlich ebenfalls zum Thema Synodalität (zusammen mit Daniel Kosch):

Synodalität, synodaler Stil und synodale Strukturen

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