Anekdoten haben keinen guten Ruf. Auch in der Theologie gelten sie als kaum wissenschaftsfähig. Christian Bauer sieht das anders. Er plädiert für die große Kunst der kleinen Form.
Für Matthias Sellmann
Matthias Sellmann feiert heute seinen 60. Geburtstag. Zu einem solchen Anlass werden gerne Anekdoten ausgepackt. Im diesem Beitrag soll es jedoch um die Anekdote an sich gehen. Dazu gibt es selbst wiederum eine Anekdote, die von einer gewissen Charakteristik ist. Er verdankt sich nämlich einem nicht gehaltenen Vortrag, der von Matthias Sellmann 2016 im Kontext einer Klaus-Hemmerle-Tagung angefragt wurde und vom Autor in letzter Minute abgesagt werden musste. Zum heutigen Geburtstag wurden die im Laptop schlummernden Fragmente nun zu einer kleinen Theologie der Anekdote zusammengefügt.
Theologie der Anekdoten der Theologie
Anekdoten bringen Dinge exemplarisch auf den Punkt. Oder besser: auf die Pointe. Es handelt sich nämlich um pointierte ‚Ultrakurzgeschichten‘, die das Ganze einer bestimmten Sache im charakteristischen Fragment zeigen. Ihre narrative Vernunft wirkt in performativer Weise selbstbegründend. Denn aufgrund ihrer intuitiven Signifikanz ist diese Kurzerzählung unmittelbar evident – oder es ist keine wirkliche Anekdote.
Narrative Karikatur
Anekdoten stehen für die große Kunst der kleinen Form. Sprachlich betrachtet, handelt es sich um verdichtete, meist mündlich überlieferte Erzählminiaturen, deren Pointe in ihrem Bedeutungsgehalt über sie hinausweist. Als gewitzt zuspitzende ‚Novellen im Kleinen‘ könnten sie auch als ausführliche Aphorismen durchgehen. Oder als narrative Karikaturen, die es mit knappen Strichen vermögen, im „Bewusstsein der Abbreviatur des Sagbaren dennoch das Charakteristische zu treffen“ (FAZ-Nachruf auf Bernhard Waldenfels).
Allgemeines im Speziellen
In der theologischen Arbeit mit Anekdoten gilt es, im Speziellen das generalisierbare Allgemeine zu entdecken – und zwar einer fallbezogenen Erkenntnistheorie entsprechend, die Ottmar Fuchs von Walter Benjamin her entwickelt hat: Erst am Extremfall zeigt sich, was allgemein der Fall ist. Diese anekdotische ‚Kasuistik‘ ermöglicht theologischen Erkenntnisgewinn mindestens so sehr wie ein fußnotenschwangerer Fachaufsatz.
Anekdoten als loci theologici
Theologie der Anekdote – dieser Titel lässt sich in zwei Richtungen lesen: als genetivus obiectivus (= Anekdoten als Objekte, mit denen Theologie sich beschäftigt) und als genetivus subiectivus (= Anekdoten als Subjekte, die auch selbst Theologie hervorbringen). Beide Leserichtungen konvergieren in Anekdoten der Theologie, die dieser nicht nur ihr denkerisches Material geben, sondern auch selbst eine diskursive Autorität darstellen: loci theologici, welche die „Sache mit Gott“ (Heinz Zahrnt) prägnant zur Sprache bringen.
Theologische Anekdotologie
Obgleich manche Gralshüter:innen theologischer Wissenschaft mit epistemischer Herablassung auf sie herabblicken, sind Anekdoten doch auch in diesem Kontext von höchstem intellektuellem Reiz. Denn auch sie sind – christologisch gesprochen – ein universale concretum, dessen Partikularität von exemplarischer Bedeutung ist. Aufgrund dieser potenziellen Universalisierbarkeit des Exemplarischen sind sie sogar dem theandrischen Mysterium Christi nicht unähnlich (unter Wahrung der Analogielehre des IV. Laterankonzils).
Universale Bedeutung des Partikularen
Denn Partikulares ist nicht immer nur partikular. Manchmal weist es auch über sich hinaus. Dann kann es universale Bedeutung erlangen – so wie im Bereich der Christologie das universale concretum des jüdischen Wanderpredigers Jesus von Nazareth (von dem übrigens sehr einprägsame Anekdoten überliefert sind), den Christ:innen als den auferweckten, d.h. überall und jederzeit präsenten Christus bezeugen.
Anekdotensammlerin
Anekdoten sind ein Stück narrativer Theologie, das stärker begrifflich oder empirisch orientierten Theologien durchaus ebenbürtig ist. Eine theologische Anekdotologie müsste das große Diskursformat dieser kleinen Textform in seiner epistemischen Kraft rekonstruieren. Auch eine theoriefreudige Pastoraltheologie wäre dann genau das, was ihr theologische Gegner:innen im Modus epistemischer Abwertung zuschreiben: eine ‚Anekdotensammlerin‘ – nur eben in einem intellektuell wie existenziell höchst anspruchsvollen Sinn.
Theologische Erkenntniseffekte
Dabei könnten dann nicht nur Anekdoten des Gelingens, sondern auch solche des Misslingens theologische Erkenntniseffekte freisetzen:
Paul Zulehner erzählt die Geschichte einer sonntäglichen Kommunionspendung. Eine Frau geht in einer fremden Gemeinde zur Kommunion. Vorne angekommen, realisiert sie, dass hier offenbar alle die Mundkommunion praktizieren. Wie gewohnt, streckt sie jedoch zum Kommunionempfang die geöffneten Hände aus. Die Reaktion des Priesters: Niederknien, hier in St. NN ist Mundkommunion! Die Frau reagiert in entwaffnender Schlagfertigkeit: Also bei uns daheim sagt man ‚Der Leib Christi‘.
Mit der wunderbaren Leichtigkeit ihrer spielerischen Überzeugungskraft liefern exemplarisch verdichtende Anekdoten wie diese einen Zugang zum Ganzen im Fragment (hier die lokale Absurdität eines auch anderswo antreffbaren liturgischen Traditionalismus) – und zwar in einer auch theologisch-wissenschaftlich bestechenden Weise, die nicht nur intellektuell Sinn macht, sondern auch existenziell Bedeutung gewinnt.
Und wenn es nicht wahr ist…
Um diese existenzielle Bedeutung zu erlangen, muss eine gegebene Anekdote noch nicht einmal in einem objektivierenden, historisch überprüfbaren Sinn wahr sein – sie kann wie Michail Gorbatschows berühmte Aussage „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“ auch einfach nur gut erfunden sein: Se non è vero è bien trovato.
Chenu im Dreizehnten
Von der Theologie der Anekdote nun weiter zu den Anekdoten der Theologie. Eine meiner liebsten charakterisiert einen der wichtigsten Gottesdenker des 20. Jahrhunderts besser als viele Regalmeter gelehrter Fachliteratur:
M.-Dominique Chenu war einmal zu einem Vortrag über ‚das Dreizehnte’ eingeladen. Gemeint war eigentlich das XIII. Arrondissement, ein alter Pariser Arbeiterbezirk. Chenu aber kam mit einem Manuskript über das 13. Jahrhundert, seinen mediävistischen Forschungsschwerpunkt. Und er zog sich mit einem theologisch signifikanten Scherz aus der Affäre: „Im Grunde geht es um dieselbe Sache.“
Aggiornamento des Evangeliums
Hier kommt das Eigenprofil Chenus sehr plastisch zum Vorschein. Denn er lebte, so ein gängiges Bonmot, intensiv im Dreizehnten: im Diskursarchiv des 13. Jahrhunderts genauso wie auf dem Praxisfeld des XIII. Arrondissements. Beide stehen in kreativer Differenz für ein Aggiornamento des Evangeliums: Kirche in der Welt von heute.
Weitere Jahrhundertheologen
Ein anderes schönes Beispiel aus der jüngeren Theologiegeschichte portraitiert gleich zwei weitere Jahrhundertheologen:
Karl Rahner hörte einen einen Vortrag Hans Urs von Balthasars. Dieser erging sich in allen möglichen innertrinitarischen Spekulationen. Woraufhin Rahner sich fragend an seinem Sitznachbarn wandte: Woher weiß er das?
Witz als naher Verwandter
Ganz ähnlich funktioniert auch die folgende Anekdote über Hans Küng – hier jedoch in der nahverwandten Form des Witzes. Auch dieser reduziert eine komplexe theologische Wirklichkeit auf die Pointe eines signifikanten Details:
Hans Küng steht an der Pforte des Himmels. Petrus möchte ihn jedoch noch nicht einlassen, sondern stattdessen lieber für eine zweite Chance zurück auf die Erde schicken. Er könne ihn, falls er das wolle, dann auch gerne zum Papst machen. Küng lehnt dankend ab: „Dann wäre ich ja gar nicht mehr unfehlbar!“
Anekdote zweiter Ordnung
Einen großer Meister des philosophischen Anekdote war Hans Blumenberg, der – kleine biografische Anekdote am Rande – am selben Tag geboren ist wie der Autor dieser Zeilen. Folgender von Platon (und anderen) überlieferter Anekdote widmete er sogar ein ganzes theoriebrillantes Buch („Das Lachen der Thrakerin“):
In Gedanken vertieft, blickte der Philosoph Thales von Milet einst – geistesvergessen lustwandelnd – zu den nächtlichen Sternen hinauf. Dabei übersah er jedoch einen vor ihm liegenden Brunnen – und stürzte prompt hinein. Eine thrakische Magd beobachtete die Szene und kommentierte lachend, der berühmte Philosoph könne zwar die Sterne betrachten, übersehe aber den Weg vor seinen Füßen.
Urgeschichte der Theorie
Dieser Sturz des Philosophen zeigt anekdotisch, was prinzipiell der Fall ist: Sterne und Brunnen, Fernstes und Nächstes, Theorie und Lebenswelt gehören untrennbar zusammen. Der „Brunnensturz des Himmelsbetrachters“ (57) ist eine Anekdote zweiter Ordnung: eine Anekdote über Anekdoten, die als exemplarische Anekdote2 über deren Wesen aufklärt. Für Blumenberg ist diese ‚Anekdoten-Anekdote‘ eine „Urgeschichte der Theorie“ (Untertitel) – und die Magd die eigentliche Philosophin: „Philosophie ist, wenn gelacht wird.“ (149).
Gott in Anekdoten erdwärts ziehen
Diese steht wie die Theologie immer in der Gefahr, sich in wolkigen Ideen der Theorie zu verlieren und darüber ihre irdische Bodenhaftung im Anekdotischen zu vergessen. Die sich daraus ergebende Doppelaufgabe einer bodennahen Theologie der Anekdote pointiert der Titel von Jörg Zinks Autobiografie: Sieh nach den Sternen – gib acht auf die Gassen. Pedro Casaldáliga bringt die Konsequenzen einer entsprechenden Anekdoto-Theologie, die den Gott hehrer Ideen „aus den Wolken erdwärts zieht“ (27), in die Form eines Gedichts:
Inkarnation
Ein theologischer Landweg, der „Himmelskenntnis und Erdentüchtigkeit“ (23) auf eine ‚geerdete‘ Weise verbindet, ist der Weg der Anekdote.
Subversion offener Kunstwerke
Derart inkarnierte Anekdoten sind „offene Kunstwerke“ (Umberto Eco). Sie pädagogisieren nicht und bieten keine ‚Moral von der Geschicht’. Ganz im Gegenteil: Eine Anekdote, die man erklären muss, ist keine gute Anekdote. Anekdotisch arbeitende Theologie vertraut daher auf die intuitive Intelligenz von Menschen. Denn gute Anekdoten schreiben nichts fest, sie setzen frei. Und sie ermächtigen zu unkontrollierbarem Weitererzählen.
Ermächtigung zur Gegenwehr
Die anekdotische Verdichtung von Wahrnehmungen einer explorativen Theologie kann zu subversiver Gegenwehr ermutigen. Dazu eine wunderbare Anekdote, die Kristian Fechtner kürzlich im Rahmen seiner Abschiedsvorlesung erzählte:
Ein Anthropologie-Seminar während seines Studiums. Es ging es um das Spezifikum des Menschen, aufrecht und frei in der Welt zu stehen. Und dann die großartige Frage einer Studentin, welche die theologische ‚Gravitas‘ dieser Anthropozentrik entwaffnend dekonstruierte: „Und was ist mit den Pinguinen?“
… und die Pastoraltheologie?
Zum Schluss anlassgemäß noch eine letzte Anekdote, die in exemplarischer Pointierung etwas fachbezogen Charakteristisches erzählt:
Wir sitzen bei einem Bier am Fluss. Sommerabend im Ruhrgebiet. Das Ganze beginnt als ein freundschaftliches Gespräch unter Kollegen. Deep talk. Conversation in the spirit. Irgendwann reicht das meinem Gesprächspartner jedoch offenbar nicht. Er geht in eine seiner liebsten Rollen: die des kritischen Herausforderers – was bei ihm nie etwas Aggresives, sondern immer etwas Sportliches hat. Wie ich denn darauf komme, Theologie immer wieder mit (auto)biografischen Anekdoten zu kombinieren, die in wissenschaftlichen Beiträgen doch eigentlich nichts zu suchen hätten. Aus meiner improvisierten Antwort wird wenig später ein… anekdotisch-theologischer Blogeintrag.
Theologische Grunddifferenz
Diese Kontroverse über den theologischen Stellenwert von selbst erlebten Anekdoten lässt sich in ihrer anekdotischen Performanz epistemisch rekonstruieren. Denn an diesem Sommerabend ist am Fluss etwas durchaus Exemplarisches geschehen – im persönlichen Gespräch zweier Fachkollegen war hier nämlich eine theologische Grunddifferenz aufgetaucht, die über das Anekdotische hinaus in größere Zusammenhänge weist:
- hier ein naturwissenschaftliches Wissenschaftsideal („scientia“), das auf transsubjektiv nachvollziehbare Reliabilität von empirischer Forschung setzt (vgl. komplementär dazu der objektivierende Ansatz der Analytischen Theologie),
- dort ein kulturwissenschaftliches Wissenschaftsideal („ars“), das auf intersubjektiv verbürgte Kontextualität von anekdotischen Erzählungen setzt.
Nicht nur anders, sondern gleichwertig
Es ergibt sich eine Diskurskonstellation theologisch produktiver Arbeitsteilung. Dabei müssen nicht alle alles können, sondern jede:r etwas: die einen soziologisch erarbeitete Empirie, die anderen explorativ gewonnene Anekdoten – beides immer theologisch reflektiert. Dann ist es gut, wenn die einen zählen und messen (was sie vor allem, aber nicht nur tun) und die anderen erkunden und sammeln (was sie vor allem, aber nicht nur tun). Voraussetzung dafür ist eine Anerkennung des Anderen nicht nur als anders, sondern auch als gleichwertig. Im empirischen Bestfall kann man sich dann sogar auf ein Bier zum Streiten treffen…
Christian Bauer ist Professor für Pastoraltheologie und Homiletik an der Universität Münster, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für Pastoraltheologie, Theo-Blogger und Mitglied der Redaktion von Feinschwarz.net.
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