Theologie: von der Wirklichkeit erhellt

Jon Sobrino an der Universidad Centroamericana “José Simeón Cañas” UCA), El Salvador

Ein Rückblick auf vatikanische Hetzjagden und eine Studie zum Gesamtwerk Jon Sobrinos. Von Odilo Noti.

In dem soeben publizierten Band «Theologien des Südens» widmet Juan José Tamayo auch der lateinamerikanischen Theologie der Befreiung einen ausführlichen Abschnitt.[1] Einleitend lässt er unter den Stichworten «ständige Hetzjagd», «Verdrehungen» und «fehlgeschlagene Versuche der Diskreditierung» die Invektiven des Vatikans und des Pentagons (!) Revue passieren. Schon seit ihrem Beginn vor rund fünfzig Jahren sei diese Theologie von höchster Stelle des kirchlichen Lehramtes immer wieder malträtiert worden.

Das Lehramt und die Theologie der Befreiung

Tamayo unterscheidet zwei Phasen der lehramtlichen bzw. kirchlichen Verfolgung. Die erste Phase wurde eingeleitet durch das 1976 publizierte Dokument «Menschliches Wohl und christliches Heil» der Internationalen Theologenkommission und erreichte ihren Höhepunkt mit der schärfsten Verurteilung der Theologie der Befreiung durch die Instruktion «Libertatis nuntius. Über einige Aspekte der Theologie der Befreiung», gezeichnet vom damaligen Präfekten der Glaubenskongregation, Kardinal Ratzinger. Der Theologie der Befreiung wurde vorgeworfen, sie würde sich der marxistischen Methode zur Gesellschaftsanalyse in unkritischer Weise bedienen und einem verkürzten, nämlich rein politischen Verständnis von Befreiung anhangen.

schärfste Verurteilung der Theologie der Befreiung durch die Instruktion «Libertatis nuntius»

In einer zweiten Phase ab den achtziger Jahren hat das Doppelgespann Wojtyla und Ratzinger seine Angriffe auf der innertheologisch-dogmatischen Ebene intensiviert und sich einzelne Exponenten der Theologie der Befreiung vorgeknöpft – beispielsweise Leonardo Boff, Gustavo Gutiérrez oder Ivone Gebara. Als es schien, der Vatikan würde sich bei seinen Massnahmen allmählich Zurückhaltung auferlegen, wurde 2006, unter dem Pontifikat von Benedikt XVI., eine sogenannte Notifikation der Glaubenskongregation gegen den baskisch-salvadorianischen Theologen Jon Sobrino SJ verhängt – nach dreissig langen Jahren übler Ermahnungen und Bezichtigungen, wie dieser in einem Brief an den Generaloberen des Jesuitenordens vom Dezember desselben Jahres bitter bemerkt: «Man hat meine Theologie verunglimpft, vielfach ohne es überhaupt für notwendig gehalten zu haben, meine Schriften zu lesen.»[2]

«Man hat meine Theologie verunglimpft.»

In der Folge stellten sich namhafte Theologinnen und Theologen, Ordensleute und lateinamerikanische Bischöfe hinter Sobrino und unterzogen die Notifikation einer grundsätzlichen Kritik. Die gegen die beiden Werke «Christologie der Befreiung» und «Der Glaube an Jesus Christus» gerichteten Auslassungen würden den Kontext und die Erfahrungen der christologischen Fragestellungen Sobrinos ignorieren und sich zugleich keinerlei Rechenschaft über ihre eigenen Voraussetzungen geben. Sie würden damit – im Gegensatz zum inkriminierten Autor – den geltenden Standards eines zeitgenössischen theologischen Diskurses nicht genügen.

vom Anathema der früheren Pontifikate zum Dialog, vom verhängten Schweigen zum Zuhören

Mittlerweile hat der Wind im Vatikan gedreht. Mit dem Amtsantritt von Franziskus am 13. März 2013 ist, so Tamayo, im Verhältnis zur Theologie der Befreiung ein Paradigmenwechsel zu beobachten: vom Anathema der früheren Pontifikate zum Dialog, vom verhängten Schweigen zum Zuhören, vom Verbergen zur Sichtbarkeit und von der Distanzierung zur Nähe. So etwa empfing der Papst Gutiérrez in Privataudienz, hob die Suspendierung des Priesters und früheren nicaraguanischen Aussenministers Miguel d’Escoto auf und rehabilitierte Sobrino anlässlich eines Gesprächs im Vatikan mit den Worten: «Schreib weiter!». Eine klare Ansage zugunsten seines Mitbruders – immerhin hatte zuvor die Glaubenskongregation bzw. der Vorgänger von Franziskus dem Jesuiten vorgeworfen, er weiche an einigen Stellen erheblich vom Glauben der Kirche ab.

Eine Studie zum theologischen Ansatz Sobrinos

Trotz dieser kirchenamtlich veränderten Rahmenbedingungen ist es überaus verdienstvoll, dass von der deutsch-salvadorianischen Theologin Theresa Denger eine umfangreiche Studie, «Die Liebe ist stärker als der Tod», zum Werk von Sobrino vorliegt.[3] Zumal die Hauptwerke des in Lateinamerika einflussreichen und angesehenen Theologen in deutscher Sprache vergriffen sind. Denger bietet dem Leser, der Leserin eine kenntnisreiche, sorgfältige und gelegentlich ausgesprochen akkurate Einführung zu Sobrinos theologischer Methode sowie zur Genese und Systematik zentraler Theologumena wie «Martyrium», «gekreuzigtes Volk», «der Gott des Lebens und die Götzen des Todes», «Zivilisation der Armut», «extra pauperes nulla salus» usw. Zwei ausführliche Gespräche mit Jon Sobrino, die sich entlang der thematischen Achse von Dengers Studie bewegen, schliessen den Band ab. Sie sind aufgrund ihrer direkten und dialogischen Tonalität eine wertvolle, bereichernde Ergänzung.

akkurate Einführung zu Sobrinos theologischer Methode sowie zur Genese und Systematik zentraler Theologumena

Von Belang ist zusätzlich, dass Denger mit den Verhältnissen in Zentralamerika und insbesondere in El Salvador bestens vertraut ist – durch das Studium, das sie unter anderem an der Zentralamerikanischen Universität der Jesuiten (UCA) absolviert hat, und ihr Engagement in der dortigen zivilgesellschaftlichen Menschenrechtsarbeit. So formuliert sie im Vorwort zu ihrer Studie: «Meine Analyse der Theologie Sobrinos entstand nicht im luftleeren Raum, sondern an konkreten Orten und gleichzeitig zwischen ihnen: zwischen El Salvador und Deutschland. Am Anfang stand das Eintauchen in die von Sobrino so genannte ‘Welt der Armen’ – in der das alltägliche Überleben keine Selbstverständlichkeit ist –, und das Kennenlernen der lebendigen Märtyrerverehrung in salvadorianischen Basisgemeinden. Die Annäherung an das theologische Werk Sobrinos kam danach und konnte nur existenziell erfolgen.» So etwa wird Dengers Verankerung im salvadorianischen Kontext immer wieder deutlich aufgrund der historischen und politischen Analysen der Gewaltsituation in El Salvador, die sie als Ausgangsbedingung der theologischen Reflexionsarbeit Sobrinos sichtbar macht (vgl. S. 158ff; 176ff; 223ff). Gleichzeitig ist es ihr ein Anliegen, dessen Theologie als anschlussfähig auch für säkulare (z.B. europäische) Kontexte zu erweisen (vgl. S. 411ff).

historische und politische Analysen der Gewaltsituation in El Salvador

Ihre Arbeit gliedert Denger in sechs unterschiedlich umfangreiche Teile: Einem Einstiegskapitel zur theologischen Biografie Sobrinos, das die Verzahnung von Realitätserfahrung und Reflexion herausarbeitet, folgt eine Darstellung von Sobrinos theologischer Methode. Diese setzt bei der Wirklichkeit oder, genauer, bei der gesellschaftlichen und historischen Realität an – nicht deduktiv. Diese Wirklichkeit ist die Welt der Armen und der Verfolgten. Gelingende Auseinandersetzung mit ihr ist auf drei Dimensionen angewiesen: Erforderlich ist eine ethische Beurteilung der Wirklichkeit bzw. die Antwort darauf, was lebensförderlich und was todbringend ist. Verlangt ist sodann eine soziale Veränderungspraxis. Und drittens braucht es den Glauben an die Heiligkeit des Lebens bzw. die Verbürgung der Sinnhaftigkeit der Befreiungspraxis durch den (zukunftsmächtigen) Gott des Lebens.[4]

Diese Wirklichkeit ist die Welt der Armen und der Verfolgten.

Zentral für die Theologie Sobrinos sind drei biografische Momente: Zum einen hatte er in seiner Funktion als Berater von Erzbischof Romero von diesem den Auftrag erhalten, die Erfahrung des Martyriums und der Verfolgung in El Salvador theologisch aufzuarbeiten. Die daraus sich entwickelnde Theologie des Martyriums stellt Denger im ersten der beiden Hauptteile samt Genese und Bedeutungsverschiebungen dar (Kap. 3). Das zweite prägende Moment war die Zusammenarbeit mit seinem Freund und Ordensbruder Ignacio Ellacuría, Rektor der UCA. Aus diesem gemeinsamen Reflexionsprozess ist das Theologumenon «Das gekreuzigte Volk» entstanden, das sowohl die Christusnähe als auch das Heilspotenzial der Armen kennzeichnet. Die darauf aufbauende Soteriologie ist Gegenstand des zweiten Hauptteils (Kap. 4). Denger rekonstruiert, wie sehr die Theologie des Martyriums und der soteriologische Ansatz einer «Erlösung von unten», von der Wirklichkeit der Armen her, auch die theologische Rede von Gott verändert: Der Gott des Lebens und der Befreiung nimmt bei Sobrino zusehends die Gestalt eines «gekreuzigten Gottes», eines «Deus minor» an (Kap. 5). Ein drittes zentrales Moment bildet zweifellos das Attentat auf die Jesuitenkommunität der UCA. Den Schüssen eines rechtsextremen Militärkommandos fielen am 16. November 1989 sechs Mitbrüder, unter ihnen auch Ellacuría, sowie die Köchin und deren fünfzehnjährige Tochter zum Opfer. Sobrino blieb nur am Leben, weil er sich zu diesem Zeitpunkt im Ausland aufhielt. Die Ermordung der acht interpretierte er als Martyrium in der Nachfolge Jesu, als jesuanisches Martyrium, das zugleich auf das Schicksal der 75’000 namenlosen Märtyrer und Märtyrerinnen El Salvadors verweist.

Die Wirklichkeit für die Erhellung theologischer Inhalte nutzen

Denger hat den Anspruch, Sobrinos Theologie systematisch zu untersuchen – und kreativ fortzuschreiben (vgl. Kap. 6). Dies sei dem Konzept Sobrinos inhärent, da er sich am jeweiligen historischen Kontext abarbeite, zu neuen Akzentuierungen gelange, aber auch Widerspruch hervorrufe. Denger formuliert ihren kritischen Einwurf in der Tradition lateinamerikanischer feministischer Theologien, indem sie im Armutsbegriff Sobrinos eine ökonomische Engführung am Werk sieht und auf zusätzliche strukturelle Komponenten wie Ethnie, Geschlecht und Körper verweist.

zusätzliche strukturelle Komponenten wie Ethnie, Geschlecht und Körper

Unabhängig von einer solchen Lektüreweise sei das bleibende Verdienst des theologischen Ansatzes von Jon Sobrinos mit seiner Erinnerung an Erzbischof Romero zusammengefasst: «Jeder Theologe weiss, dass er für die theologische Arbeit die Schrift, die Tradition und das Lehramt usw. benötigt. Aber ich begann darüber nachzudenken, dass für das Erhellen theologischer Inhalte auch die Wirklichkeit benutzt werden muss: Was ist Hoffnung? Was ist Martyrium? Was ist ein Bischof? Was ist Prophetie? … Diese und viele andere Dinge wurden mir von ihm aus und von anderen aus, d.h. von der Wirklichkeit aus erhellt.»[5]

Odilo Noti, Dr. theol., hat bei der Edition Exodus die deutschsprachige Version des zweibändigen «Mysterium Liberationis» (hrsg. von Jon Sobrino und Ignacio Ellacuría) verantwortet sowie das Buch Jon Sobrinos «Sterben muss, wer an Göttern rührt. Das Zeugnis der ermordeten Jesuiten» betreut.

Beitragsbild: Archbishop Romero Trust – Johan Bergström-Allen / wikimedia commons
Bild im Text: Buchcover Grünewald Verlag


[1] Vgl. Theologien des Südens. Dekolonisierung als neues Paradigma, Freiburg i. Br. 2020, 242–319.

[2] Der Brief ist abgedruckt in: Knut Wenzel (Hg.), Die Freiheit der Theologie. Die Debatte um die Notifikation gegen Jon Sobrino, Ostfildern 2008, 26–35. Die Publikation enthält auch theologische Stellungnahmen u.a. von Martin Meier, Andreas Batlogg, Peter Hünermann, Nikolaus Klein, Bernard Sesboüé und Marta Zechmeister.

[3] Theresa Denger, «Die Liebe ist stärker als der Tod.» Jon Sobrinos Theologie des Martyriums und ihre Konsequenzen für die Soteriologie, Ostfildern 2019, 499 Seiten, ursprünglich eingereicht als Dissertation an der Theologischen Fakultät der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.

[4] In Sobrinos theologischer Methode ist eine unverkennbare Nähe zu Ignacio Ellacurías Wirklichkeitsverständnis mit den Dimensionen Erkenntnis, Ethik und Praxis gegeben. Vgl. dazu Nikolaus Klein, Der Tod des Philosophen. Zum 25. Jahrestag des Massakers an der UCA (San Salvador), auf: http://www.theoriekritik.ch/?p=1258. Vgl. ausserdem von Nikolaus Klein, Die Option für die «gekreuzigten Völker». Die Jesuitenprovinz Mittelamerika im 20. Jahrhundert. In: ders. u.a., Transfer, Begegnung, Skandalon? Neue Perspektiven auf die Jesuitenmissionen in Spanisch-Amerika (Studien zur christlichen Religions- und Kulturgeschichte), Basel/Stuttgart 2019, 409–425.

[5] Zit. nach Martin Maier, Zur theologischen Biografie von Jon Sobrino, in: Wenzel (Hg.), Die Freiheit der Theologie, a.a.O., 41.

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