Tiere als Begegnungsort mit den Ganz-Anderen: Zum Projekt einer Theologie der Tiere

Entgegen der „Tiervergessenheit“ in der Theologie haben Simone Horstmann, Thomas Ruster und Gregor Taxacher ihr Buch „Alles, was atmet. Eine Theologie der Tiere“ verfasst (2018). Martin M. Lintner rezensiert das Buch entlang der drei Kapitel Tierwissen – Tierethik – Tiereschatologie.

Animalologie? Ein eigener Traktat über die Tiere in den Lehrbüchern der systematischen Theologie? Eine Fehl- und Problemanzeige zugleich, so Simone Horstmann, Thomas Ruster und Gregor Taxacher, AutorInnen des Bandes „Alles, was atmet. Eine Theologie der Tiere“ (Regensburg: Pustet 2018). Mit der Publikation schicken sie sich an, diese aufgezeigte Lücke wenigstens im Ansatz zu schließen und die lange Tradition der Tiervergessenheit in der Theologie zu durchbrechen. Die AutorInnen bewegen sich mit ihrem Ansinnen auf einem noch weitgehend weißen Fleck auf der (jedenfalls deutschsprachigen) theologischen Landkarte und versuchen, mögliche Denkwege aufzuzeigen und einzuschlagen, die sich nicht entlang der klassischen Traktatlehren bewegen.

Nach Karl Barth haben Tiere schöpfungstheologisch Geist und Seele.

Zumal im Bereich der systematischen Theologie betreten sie hierbei Neuland. Als Ausnahme wird Karl Barth genannt, bei dem die Schöpfungslehre – im Unterschied zu den übrigen theologischen Entwürfen – nicht fast deckungsgleich mit der Anthropologie ist. Dessen Dogmatik ist aufgrund des christozentrischen Ansatzes zwar auch eine anthropozentrische, er ist sich jedoch dieser perspektivischen Relativität seiner Theologie bewusst und übt deshalb eine „positive Zurückhaltung im theologischen Sprechen über die Tiere“ (37–38). Tiere, so Barth, haben aus schöpfungstheologischer Perspektive Geist und Seele. Wie der Mensch sind sie vom Geist Gottes beseelt, sind „Seele ihres Lebens“, auch wenn – und darin gründet Barths Zurückhaltung – wir nicht wissen können, wie sie ihre Geistbegabung vollziehen, da wir mit ihnen nicht darüber sprechen können (38).

Perspektiven unterschiedlicher Disziplinen

Die AutorInnen nähern sich dem Thema in immer neuen Anläufen und aus den Perspektiven unterschiedlicher Disziplinen wie der Natur-, Kultur-, Sprach- und Geisteswissenschaften, verwenden biographische, literarische und auch ein filmisches Beispiel, um über die Tier-Mensch-Beziehung sowie ihre Komplexität und Ambivalenz zunächst mehr narrativ denn reflexiv nachzudenken. Erschlossen werden nicht nur die biblischen Quellen und Texte, sondern auch andere – in der Theologie oft in Vergessenheit geratene – Traditionsstränge wie die Bedeutung von Tieren im Leben der Wüstenväter und anderer Heiligen oder etwa in der christlichen Kunst.

Von den Tieren kann nicht schweigen, wer von Gott sprechen will.

Gegliedert ist das Buch in drei Teile: Tierwissen – Tierethik – Tiereschatologie. Jeder Teil besteht aus einem einleitenden Kapitel aus der Feder jeweils einer bzw. eines der AutorInnen, worin die einzelnen Themen der je sechs folgenden Unterkapitel eingeführt und grob umrissen werden.

Dabei geht es ihnen nicht nur darum, den vermissten Traktat über die Tiere zu begründen. Vielmehr vertreten sie die These, dass „die Theologie der Tiere nicht in ein Randkapitel der Schöpfungslehre gehört, sondern ein Querschnittsthema der gesamten Theologie ist“ (15). Sie begründen dies zunächst inkarnatorisch und soteriologisch, da der Fleisch (!) gewordene Gott alle Dimensionen des Geschöpflichen in sich annimmt und damit in das Versöhnungs- und Erlösungsgeschehen aufnimmt. Noch gewichtiger jedoch ist die Überzeugung der AutorInnen, dass die Wahrnehmung und Anerkennung der tierlichen Andersartigkeit und Individualität den – im levinas’schen Sinn – totalitär-anthropozentrischen Zugriff des erkennenden Subjekts auf die Tiere sprengt und ebenso die Reduktion des Individuums darauf, ein Exemplar in der Kontinuität des Seins zu sein, verhindert (32–33).

Teil 1 – Tierwissen

Ein Tier in seiner individuellen Andersartigkeit wahrzunehmen, hat – so die Grundthese der AutorInnen – etwas zu tun mit der Wahrnehmung Gottes: „Eine Theologie der Tiere wird deren konkrete Transzendenz, ihr Anderssein, ihre Befremdlichkeit, die Entzogenheit ihres Inneren, achten und in ihr der Spur des Ganz-Anderen nachdenken“ (13). So sind nicht nur viele Erfahrungen zwischen Mensch und Tier und Mensch und Gott gleich – z. B. die erfahrene Zuwendung ohne Verdienst oder Leistung –, sondern die den Tieren zuerkannte eigene Unmittelbarkeit ihrer Gottesbeziehung hat zur Folge, dass von den Tieren nicht schweigen kann, wer von Gott sprechen will.

Eine Theologie der Tiere ist deshalb nicht nur im Sinne des Genitivus objectivus zu verstehen als eine, die über die Tiere reflektiert, sondern im Sinne des Genitivus subjectivus, sodass Tiere als „theologische Agenten“ anerkennt werden (21). Wenn auch mit einer gewissen Zurückhaltung, wagen die AutorInnen dennoch die Frage, ob Tiere „womöglich selbst zu theologisch fragenden, Theologie treibenden Subjekten werden“ (ebd.).

Teil 2: Tierethik

Die ethische Relevanz dieser Sicht auf die Tiere wird im mittleren Teil „Tierethik“ deutlich. Tiere – so ein Gedankenduktus – sind nicht als Objekte einer menschlichen Ethik anzusehen. Kritisch grenzen sich die AutorInnen gegen theologisch-tierethische Ansätze von Kurt Remele, Michael Rosenberger sowie Verf. ab[1] und bescheinigen – besonders den beiden zuletzt genannten – das Bemühen um Vernunft- und Verständigungsorientierung, wobei sie auf die „Sprache des Glaubens“ und damit letztlich auf einen genuin christlichen moralischen Standpunkt vergessen würden. Remele hingegen sei „am stärksten darauf bedacht, das theologische Element einer Tierethik zu betonen“ (144).

Nicht besser, aber anders wollen die AutorInnen tierethisch reflektieren: nicht in (umständlicher) argumentativer Begründung und Vermittlung von Konzepten und Ansätzen, sondern in narrativer Vergegenwärtigung und Fruchtbarmachung konkreter Erfahrungen mit Tieren in der christlichen Tradition – von der Bibel über die Wüstenväter und Heilige wie Franziskus bis zu zeitgenössischen Tierethikern wie Albert Schweitzer sowie in der Sensibilisierung für Tierleid.

Teil 3 – Tiereschatologie

Der dritte Teil „Tiereschatologie“ zeigt das Ungenügen der klassischen Eschatologie und Soteriologie auf, da in ihnen die Frage von Erlösung und Heil in der Regel philosophisch und hamartologisch abgehandelt werden. Da den Tieren weder eine unsterbliche Vernunftseele noch die Fähigkeit zu sündigen zuerkannt wird, fallen sie aus dem Rahmen. Die drängenden schöpfungstheologischen wie soteriologischen Fragen etwa nach Leid und Qual der Tiere bleiben dabei unbeantwortet.

Die AutorInnen setzen konsequent bei der Frage an, „inwiefern die Tiere in die biblischen Verheißungen und die christliche Orientierung an ihnen hinein gehören“ (268). Oft gestellte Fragen (nicht selten mit dem Impetus, die Frage nach einer Eschatologie für Tiere zu desavouieren) wie „Ist der Himmel groß genug für alle Tiere?“ oder „Kommen die Steckmücken auch in den Himmel?“ werden damit von vornherein obsolet. Eschatologie muss vielmehr über eine von allen Zwängen befreite Vollendung des Lebens reflektieren und damit auch über die von Naturzwängen befreiten Tiere, eine Befreiung, die etwa in der tierlichen Agency aufblitzt, d. h. in spielerischen Handlungen von Tieren, die deutlich machen, dass sie sich nicht lediglich instinktgesteuert verhalten.

Es geht um die Vollendung eines jeden Lebens.

Eschatologie darf also nicht auf einen „abstrakten Seelen-Himmel“ (270) zielen, sondern hat vielmehr die sowohl proto- wie eschatologischen biblischen Metaphern der Fülle und Vollendung des Lebens aufzugreifen, die die Tiere dezidiert einschließen – so die beiden Schöpfungsberichte in Gen 1–2 oder die Vision vom messianischen Tierfrieden (Jes 11, 6–8). Es geht nicht um die Frage nach einem wie auch immer gearteten Jenseits, sondern darum, dass „Gott jede Träne abwischen wird“ (Jes 25,8) und um die der Vollendung jedes Lebens, das im Diesseits ins Dasein tritt und mit dessen Leid, Qual und Tod sich eine biblisch begründete Hoffnung nicht zuletzt deshalb nicht abfindet, weil bereits in seinem endlichen, oft leidvollen Dasein etwas davon erfahrbar wird, wie es ursprünglich gemeint war. Biblische Hoffnung aber ist immer Hoffnung für die anderen, ist Hoffnung für die Opfer. Und „eine solche Theologie der Hoffnung ist deutlich näher bei den vermeintlich a-logischen Wesen als bisher angenommen: als Gebet, Schrei und Seufzen der Kreatur“ (271–272).

Kritische Überlegungen

Abschließend einige kritische Überlegungen: Das Ansinnen des Buches ist ein dringliches theologisches Desiderat und deshalb zu begrüßen. Die Lektüre ist spannend und abwechslungsreich. Spannend, weil die AutorInnen den Mut haben, neue, auch ungewohnte Perspektiven aufzuzeigen und ihr Projekt einer Theologie der Tiere außerhalb gewohnter Denkmuster zu entwickeln. Ein vorsichtiges, auch experimentierendes und auslotendes Denken ist dabei durchaus erlaubt. Abwechslungsreich, weil die Thematiken von vielen Seiten her beleuchtet, viele Aspekte angesprochen und verschiedenste Zugänge – wissenschaftliche, literarische, narrative – verwendet werden.

Gerade dies erweckt jedoch auch den Eindruck, dass die vielfältigen aufgegriffenen Themen zum Teil unvermittelt, in an manchen Stellen willkürlich anmutender Abfolge neben- bzw. nacheinander stehen bleiben.

„Über ein Selbstverständnis des Tieres können wir nichts sagen.“

Zum Leitmotiv, dass die Erfahrungen des Menschen mit Tieren gleich sind wie jene mit Gott und dass deshalb von den Tieren nicht schweigen kann, wer von Gott reden will, stellt sich die Frage, ob mögliche Analogien zwischen Gottes- und Tiererfahrungen – zumal auf der phänomenologischen Ebene – letztlich nicht doch überstrapaziert werden. Gott geht bei aller Entzogenheit und Andersartigkeit mit dem Menschen eine dialogisch-personale Beziehung ein, während wir in der Beziehung zu Tieren hier doch an wesentliche Grenzen stoßen.

Eine Theologie der Tiere, so die AutorInnen, „sieht, was die Tiere von Gott her sind und was sie von dort her für uns sein können“ (14) – ja, aber man hätte den AutorInnen gewünscht, dass sie sich konsequent(er) vor Augen gehalten hätten, was sie auch selbst formulieren: dass jede derlei perspektivische Aussage über die Tiere „eben eine mit objektivem, auf die Schöpfung selbst gerichtetem Anspruch ausgesprochene menschliche Glaubensperspektive“ (35) ist. Über ein – falls und wie auch immer mögliches – Selbstverständnis des Tieres können wir nichts sagen. Die diesbezügliche Zurückhaltung Barths ist begründet.

„Auch eine religiös motivierte Ethik bedarf der vernünftigen Begründung.“

Einige kritische Anfragen sind auch an die tierethischen Überlegungen zu stellen, etwa jene, wie eine Tierethik ohne normativen Anspruch (145) entfaltet werden soll. Ob der gewählte narrative Ansatz mit einem gewissen normativ-appellativen Impetus letztlich überzeugender ist als vernunft- und verständigungsorientierte Ansätze, sei dahingestellt, jedenfalls unterbleibt bedauerlicherweise eine fundierte Auseinandersetzung mit den Argumentationen der erwähnten Autoren (Rosenberger, Remele, Verf.), denen – zu Unrecht – unterstellt wird, die „Problematik des Tötens von Tieren sei stets ein roter Faden“ (143) und sie würden die Glaubensperspektive vernachlässigen (143–144). Auch eine religiös motivierte Ethik bedarf letztlich der vernünftigen Begründung. Ein motivationsorientierter, narrativer Ansatz dürfte sehr bald an Grenzen stoßen, wo es um die konkrete Auseinandersetzung im Bereich der angewandten Ethik geht. Etwa in Bezug auf die Frage des Tötens von Tieren (kein roter Faden, wohl aber eine tierethische „Gretchenfrage“), wenn argumentiert wird, dass es diesbezüglich wohl (tragische) Ausnahmen geben mag, es aber nicht zur Normalität werden darf (211–212) – wobei den angeführten Argumenten gegen den Fleischkonsum weitgehend zuzustimmen ist.

Den aufgeworfenen eschatologischen Perspektiven, die durchaus an einigen Grundthesen herkömmlicher Eschatologie und im Besonderen der Soteriologie rütteln, ist weitgehend zuzustimmen. Besonders die Fragen nach Leid und Qual der Kreatur und nach der Vollendung jeglichen Lebens sind theologisch zu reflektieren.

Abschließend: Das besprochene Buch „ist aus Liebe zu den Tieren entstanden und will die Liebe zu den Tieren wecken“ (17) – ein Anliegen, das die AutorInnen mit den von ihnen zitierten (und kritisierten) Tierethikern zutiefst teilen.

[1] Eine kurze Vorstellung und kritische Diskussion der Ansätze dieser Autoren bietet Martin M. Lintner: Einfach zum Fressen gern. Tiere in der theologischen Ethik, in: HerKorr 72 (2018), 28–31.

Autor: Dr. Martin M. Lintner ist Professor für Moraltheologie an der PTH Brixen.

Beitragsbild: Buchcover

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