Lebendig leben

Ton Veerkamp

Katholik, Jesuit, Marxist, Protestant, Friedensaktivist – alles in einem einzigen Leben: Der Theologe Ton Veerkamp hat ungewöhnliche Erinnerungen verfasst. Norbert Reck berichtet von seinen Leseeindrücken.

Das Geburtsjahr, die Priesterweihe, der Übertritt in die evangelische Kirche, die Feierlichkeiten bei der eigenen Hochzeit – all das würde in den Autobiografien anderer wahrscheinlich ausführlich geschildert. Ton Veerkamp verliert darüber kein Wort. Danach gefragt, würde er all das vermutlich als unbedeutend abtun. Viel interessanter sind für ihn die Entwicklungen, die ihn auf neue Wege führten, die gesellschaftlichen Umstände, die prägenden Bücher, Konflikte, Begegnungen und Parteinahmen.

Politische Erinnerungen

Eine „Autobiografie“ zu schreiben würde ihm kaum einfallen. Was er verfasst hat, sind „politische Erinnerungen“, mit stets wachem Blick für die konkreten gesellschaftlichen Zusammenhänge und Hintergründe, die ihn herausgefordert haben und an die er seine eigenen Herausforderungen richtet. Und so findet sich Veerkamp unversehens mittendrin in den Auseinandersetzungen seiner Zeit. Keine Lebenslage erscheint ihm dabei je so aussichtslos, dass er sie nur passiv erleiden könnte. Immer gibt es für ihn etwas zu tun, immer etwas zu lernen.

So schildert Veerkamp, 1933 in eine Amsterdamer Arbeiterfamilie geboren, die Mutter katholisch, der Vater sozialistisch, hinreißend detailgenau seine Kindheit, die Jahre der deutschen Besatzung, die Judendeportationen und den alltäglichen Terror, den Hunger, seine instinktive Ablehnung des Kriegs – ohne jemals ganz Pazifist sein zu können, da ja das Überleben in den Niederlanden stark vom Erfolg der Alliierten abhing. „Erinnerungslücken“, wie sie in Deutschland gerne vorgeschoben werden, kennt er nicht; Romantisierungen oder Idealisierungen erlaubt er sich nie. Auch seinen Eintritt in den Jesuitenorden – übrigens zur gleichen Zeit wie sein Freund, der Dichter Huub Oosterhuis – schildert er nicht als hehre religiöse Entscheidung, sondern als sich bietenden Ausweg aus einer geisttötenden Bankkaufmannslehre.

Jesuit und Ökumeniker

Ein Großteil seiner Ordensausbildung – am Canisianum in Maastricht – fällt in die Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils. Auch für die niederländische Jesuitenprovinz bedeuten diese Jahre einen tiefen Umbruch. Schon 1961 erschüttert viele Ordensmitglieder die Nachricht, dass Jesuiten in den Nachkriegsjahren auf Geheiß des Papstes die Flucht vieler hochrangiger Nazis und SS-Mitglieder nach Spanien und Lateinamerika organisiert hatten; 1962 kritisiert der Studentenpfarrer Jan van Kilsdonk SJ öffentlich die Sexualmoral der Kirche und spricht vom „geistigen Terror des Vatikans“; es kommt vermehrt zu Studentenstreiks, und 1964 bricht der Vorlesungsbetrieb schließlich ganz zusammen. Der Kollaps der niederländischen Jesuitenprovinz kündigt sich an: „Diese Provinz hatte bis 1965 an die neunhundert Mitglieder. Bis 1975 verließ mehr als die Hälfte von ihnen den Orden.“

1965 wird Veerkamp zum Priester geweiht und erhält bald darauf die Erlaubnis des Ordens, bei dem protestantischen Ökumeniker Hans Hoekendijk zu promovieren, der ihn mehr als andere fasziniert. Da Hoekendijk im Begriff ist, als Professor ans New Yorker Union Theological Seminary zu wechseln, entscheidet der Rektor des Canisianums: „Dann fährst du eben nach New York.“

USA: Vietnamkrieg und Bürgerrechtsbewegung

In den USA gerät Veerkamp mitten hinein in die Auseinandersetzungen um den Vietnamkrieg und die schwarze Bürgerrechtsbewegung. Er begegnet einem politischeren Christentum, lernt Katholiken kennen, die lieber ins Gefängnis gehen, als sich für den Krieg rekrutieren zu lassen, hört Vorträge von Rabbi Abraham Heschel und Martin Luther King, beteiligt sich an Demonstrationen und Protesten. Doch als ihm ein schwarzer Sozialarbeiter in East Harlem die blauäugigen Vorstellungen von Integration zerpflückt, bewegt ihn das mehr als jede Lektüre:

„Er hörte sich unser Integrationsgerede an und meinte: ‚Wir sind für euch nichts, nur Dreck. Wir sind nur ein Problem. Die Weißen würden uns am liebsten vergasen, wenn sich das machen ließe. Nein, wir müssen es selbst tun und wir müssen es ohne euch tun.‘ Ich habe die Nacht in Harlem und den Sozialarbeiter nie vergessen, ich sehe ihn noch vor mir. Meinen Glauben an Sozialethik hat er ein für alle Mal zertrümmert. Ich begann zu begreifen, worüber Martin Luther King in der Riverside Church geredet hatte. Theologie ist politischer Kampf oder sie ist gar nichts.“

Familienvater und evangelischer Pfarrer

Eine weitere Lebenswende kündigt sich an, als er mit Freunden eine Reise in die DDR unternimmt: Er lernt dort seine große Liebe kennen, die Ostberliner Buchhändlerin Marianne Reichhoff. Er entschließt sich – nicht ohne Dankbarkeit für die großzügige Förderung durch die Jesuiten –, den Orden zu verlassen. Auf Vermittlung von Helmut Gollwitzer findet er Arbeit und Wohnung in Westberlin, heiratet und erreicht schließlich die „Familienzusammenführung“ mit Marianne im Westteil der Stadt. Er wird Familienvater und – evangelischer Pfarrer für die ausländischen Studierenden in Berlin. Religionsübergreifend kümmert er sich um die sozialen Belange der Studierenden aus aller Welt, wird bald ein bekannter Akteur in der Westberliner Friedensbewegung, geschätzt für sein Moderations- und Vermittlungsgeschick, seinen undogmatischen, aber verbindlichen Weg in der linken Szene der Stadt: „Ich war und bin parteilos, um wirklich parteilich sein zu können.“

Theologischer Autor

Parallel dazu geht er weiter seinen theologischen Interessen nach, studiert die Zusammenhänge von ökonomisch-sozialer Situation und biblischen Texten, gründet mit Freunden die exegetische Zeitschrift „Texte & Kontexte“ und entwirft in mehreren Büchern eine Theologie, in der es nicht darum geht, ob man glaubt, sondern darum, woran man glaubt: „Die Frage ist nicht: ‚Gibt es einen Gott?‘ Die Frage ist: ‚Wer oder was ist Gott, was funktioniert in einer gegebenen Gesellschaft als Gott?‘ ‚Gott‘ gibt es immer, die Frage ist, was für einen ‚Gott‘“.

Die Entscheidung dreht sich in seinen Augen biblisch also keineswegs darum, ob man „religiös“ sei, sondern um die Werteordnung, an die man sich hält: an die Herrschaft der Großgrundbesitzer oder an die Grundordnung der Tora. Die Orientierung an Christus tritt für ihn dabei zugunsten der jüdischen Grundlagen der Bibel immer mehr zurück – die Frage der Gerechtigkeit wird umso brennender.

Kritisch bleibt Veerkamps Theologie immer: gegenüber den Kirchen, die die biblischen Werte den bürgerlichen unterordnen, aber auch gegenüber „den vielen messianischen Illusionen, die die Linken der Jahre sechzig bis achtzig des vorigen Jahrhunderts auf Irrwege schickten“. Weiter geht es also um das Auskundschaften neuer Wege. Wichtig ist für ihn dabei das Wissen um die eigene Herkunft; Ankunft aber bleibt ihm „für immer ein fremdes Wort“.

In einer Zeit, in der viele darüber klagen, wie eng die Lebensräume sind, die die Kirchen ihren Mitgliedern – und vor allem den kirchlichen Mitarbeiter:innen – zugestehen, kann es inspirierend und ermutigend sein, von einem zu lesen, der sich nie einengen ließ, sondern unerschrocken dem Weg folgte, der der seine war.

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Ton Veerkamp, Abschied von einem messianischen Jahrhundert. Politische Erinnerungen. Hamburg: Ariadne · Argument 2020, 317 Seiten, € 24,00.

Foto: privat

Dr. Norbert Reck ist Publizist und Übersetzer. Er lebt in München.

 

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