Über Nacht tagen

Christian Kern berichtet von der Tagung des „Nachwuchsnetzwerkes Dogmatik und Fundamentaltheologie“ in Stuttgart-Hohenheim.

Vom 9. bis 11. März 2016 fand in der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart in Hohenheim die jährliche Tagung des „Nachwuchsnetzwerks für Dogmatik und Fundamentaltheologie“ statt. Das Netzwerk existiert seit 2013 als offener Kontaktpunkt von jungen NachwuchswissenschaftlerInnen. Es bildet einen Kommunikations- und Vernetzungsraum und steht für alle Interessierten der beiden Fachbereiche im Doktorats- oder Habilitationsstudiengang offen sowie für Studenten, die mit Masterarbeiten befasst sind. Die Tagung bietet den TeilnehmerInnen die Möglichkeit, eigene Reflexionen zum Leitthema in Form von Vorträgen vorzustellen. Außerdem gibt es Raum, eigene Forschungsprojekte zu diskutieren.

Nachtseiten Gottes

Die Tagung 2016 stand unter dem Thema „Im Dunkel unserer Nacht… Theologie und die Nachtseiten Gottes“. Ihr Ziel war es, Facetten von „Nacht“ und „Dunkelheit“ in theologischer Rede zu erkunden. Wie wird theologisch über „Nacht“ und mit Nachtmetaphern gesprochen? Welche produktiven Beiträge erzeugt eine solche „dunkle“ und „nachtsensible“ Sprache für die Rede von Gott? „Nächtlich“ denken, „Nacht“ einleuchten lassen, ohne sie auszuleuchten… Die acht Vorträge der Tagung schlugen Zugänge zur Nachtthematik, die sich grob in drei Perspektiven ordnen lassen: Reflexionen zur „Dunkelheit des Selbst“, zur „Dunkelheit der Sprache“, zu „dunklen Figuren“ der neuzeitlichen Kultur.

Dunkles Selbst

Die „Dunkelheit des Selbst“ kann von Schellings Schrift Clara her als „dunkler Grund“ in der Natur der menschlichen Persönlichkeit gefasst werden, der in einem inspirierten Selbstbewusstwerdungsprozess erhellt, aber nicht völlig aufgeklärt wird. (Vortrag von Martina Bär, Zürich: „Der dunkle Persönlichkeitsgrund bei Schelling und die soteriologische Bedeutung des Hl. Geistes“). Der „tragische Optimismus“ Frankls konfrontiert mit der Endlichkeit menschlicher Selbstwerdung in Schuld, Leid und Tod, erschließt Transzendenz aber als Ressource für einen produktiven Umgang mit den dunklen Grenzen des Lebens. (Gloria Braunsteiner, Bratislava: „Frankls bereicherndes Erbe für das theologische Verständnis von Leid, Schuld, Tod“). Hölderlins Gedicht „Brod und Wein“ beschreibt – wie auch Psalm 88 – die Nacht als Passage, in der transformative Subjektivierungsprozesse verlaufen und die verinnerlichte Nacht selbst Verwandlung wird (Jakob Deibl, Wien: „Vertraute Nacht, heilige Nacht – Verwandlung der Nacht im Psalm 88 und in Hölderlins ‚Brod und Wein‘“). In diesen Perspektiven auf das „dunkle Selbst“ hilft die Rede von „Nacht“, die Unergründbarkeit menschlichen Lebens und menschliche Subjektivität zu erfassen. In dieser „Nacht“ leuchtet die Geheimnishaftigkeit menschlichen Lebens ein. Sie ist der Nicht-Ort im tiefen Innen, an dem sich die Erfahrung eines Anderen einstellt, der nicht beherrscht, sondern nur unvorhersehbar erwartet werden kann; wie der Dieb in der Nacht, der sich heimlich ins Haus hereinschleicht (1 Thess 5,2).

Dunkle Sprache

Die „Dunkelheit der Sprache“ kann von Kafka her beleuchtet werden. In immer neuen ironischen Wendungen distanziert sich der Autor stets von sich selbst. Die stete Relativierung der eigenen Sprache und Standpunkte sagt, dass das Eigentliche nicht ausgesagt wird. Es bleibt im Dunkeln und ist nur als Vermisstes zugänglich. (Florian Klug, Würzburg: „Die Theologie Kafkas und kafkaesque Theologie“). Blumenberg fasst diese „Dunkelheit der Sprache“ metaphorologisch produktiv. In Metaphern wird die Welt ausgesagt, aber sie wird nicht dingfest gemacht und fixiert, sondern reicht dank ihres Mehrwerts über sich hinaus. Aus der Dunkelheit der Metapher öffnet sich Zukunft (Peter Morgalla, Freiburg: „Licht und Finsternis in der Beschreibung des Menschen – Theologische Bemerkungen im Anschluss an Hans Blumenberg“). Odo Marquards pluralistische Hermeneutik hilft, Einseitigkeiten und Fixierungen in sprachlichen Deutungsprozessen (macht-)kritisch aufzubrechen. (Franca Spies, Freiburg: „Die Heilsgeschichte und die Unheilsgeschichten. Röm 9-11 auf dem Prüfstand“). Die Sprache behält dabei jeweils eine Distanz zur Welt. Sie lässt die Wirklichkeit in diesem Sinne im Dunklen. Sie stößt darin zugleich weiterführende Interpretationen an. Sprache entfaltet einen Prozess und schreibt darin Geschichte. Stete Distanznahmen, ironische Selbstrelativierungen, metaphorische Öffnungen sind ihre rhetorischen Mittel.

Dunkle Gestalten

In der europäischen Kultur treiben „dunkle Figuren“ ihr Unwesen: Teufel und Vampir. Zwei Vorträge der Tagung gehen den Spuren dieser Unpersonen nach. (David Olszynski, Tübingen: „Die Nachtseite Gottes ist der Teufel“; Mattia Coser, Wien: „Der Mythos des Vampirs – die Schattenseite der Aufklärung“). Die Rede vom Vampir und vom Teufel, wie sie sich neuzeitlich entfaltet hat, ist keine Rede über die Nachtseiten Gottes. Sie ist vielmehr eine Rede über die Schattenseiten des Menschen, über seine Lebensangst und Todessehnsucht, über seinen möglichen Hang zum Bösen und seine irrationale Lust am Zerstören. Die Dämonologie extrapoliert diese anthropologischen Fragen und behandelt sie. Das Irrationale und Zwielichtige im Menschen, seinem individuellen Leben und seinen sozialen Strukturen, kommt in ihnen ans Licht. Es gewinnt darin eine Form, Fassung und Verfügbarkeit. Es wird in den Bann geschlagen. Die Rede vom Vampir und vom Teufel hat deshalb eine Art Reinigungsfunktion hinsichtlich des Gebrauchs von „Nacht“ in Anthropologie und Spiritualität. In ihr wird die Nacht neutralisiert. Die Nacht kann zwar ein Raum der Angst und der Heimsuchung sein. Aber sie selbst ist nicht die Angst oder die Heimsuchung. Es gibt die „Schrecken der Nacht“, aber die Nacht selbst ist nicht der Schrecken. Vampirologie und Dämonologie praktizieren deshalb eine indirekte Rede der Nacht. Sie räumen der Nacht ihre Unschuld ein, indem sie das Böse nicht in ihr, sondern in denen identifizieren, die sie benutzen, um anderen das Leben auszusaugen. Sie leiten so auch eine „Unterscheidung der Geister“ an, denen man des Nachts begegnen kann. Sie trennt die übergriffigen von den befreienden Nachtbegegnungen (1 Sam 3).

Oszillieren zwischen Innen und Außen

Ob man will oder nicht: mit den drei Zugängen zum „dunklen Selbst“, zur „dunklen Sprache“, zu den „dunklen Gestalten“ gerät man ins Zwielicht. Man versucht zu erhellen, was nur im Dunklen zu finden ist. Man lässt im Dunkeln, was erhellt wird. Die intellektuelle Suche nach den „Nachtseiten“ Gottes mutet diese Aporie zu. In ihr wird die Nacht nicht festgestellt und erhellt. Die Nacht wird nicht ausgeleuchtet. Aber in ihr wird intellektuell das erfahren, wofür „Nacht“ steht: innere Unruhe, Prekarität des Wissens, Oszillieren zwischen Innen und Außen. Zugänge zur Nacht bieten sich dabei nicht bloß im Innenraum subjektiver Erfahrung oder der Sprache. Die Nacht führt einen in den Außenraum des Eigenen, weil das Innen nicht genügt, um sich nachts zu orientieren. Der Fokus der Tagung lag auf dem subjektiven Innenraum der Nachterfahrung.

Außenraum der Nachterfahrungen

Mit ihren drei Zugängen hat die Tagung einen Fokus auf den Innenraum der Nachterfahrung gesetzt. Man kann ergänzend eine vierte Perspektive stark machen. Sie wurde bei der Tagung nicht explizit zum Thema, aber vor allem in den Diskussionen und Projektpräsentationen berührt. Mit ihr wendet man sich vom subjektiven Innenraum der Nachterfahrung in den Außenraum hinein und kommt in Kontakt mit gesellschaftlichen Lebenslagen des nachts. Ich möchte diesen vierten Zugang als „Dunkle Orte“ bezeichnen.

Es gibt Orte, für die Nacht konstitutiv ist. An ihnen spielt sich ein Leben ab, das die Nacht braucht, um sein zu können. Zu ihnen zählen beispielsweise Waldwege bei Nachtwanderungen, Nachtclubs in Rotlichtvierteln, Leuchtreklamen an Firmendächern, halbdunkle Diskotheken, Terror-oder Kriegsnächte. Welche andersartigen Orte das sind, kann eine „Topologie der Nacht“ erhellen. Sie beleuchtet Möglichkeiten einer Rede über die Nachtseiten Gottes von derartigen dunklen Orten der Kultur und Gesellschaft her. Sie fragt, wo die Nacht einleuchtet und begibt sich auf Spurensuche in den Lebenswelten von heute. Sie gibt Theologie von diesen Orten her Relevanz und Raum. Die Tagung hat erste tastende Schritte in diese dunklen, zwielichtigen, vitalen Kultur- und Lebensräume des nachts hinein angeregt. In ihnen haust Leben in prekären Formen. In ihnen kann ein Glaube entstehen, der dunkel ist, aber mit einem nächtlichen Gott vertraut macht.

Bildquelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Schwarze_Quadrat

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