Unheimliche Apokalyptiker

Apokalypse

Ein apokalyptischer Unterton begleitet aktuelle Protestbewegungen. Regina Polak (Wien) spürt dem Motiv der Apokalyptik in seinen biblischen und politischen Hintergründen nach.

Seit Monaten demonstrieren weltweit hunderttausende Menschen gegen die Pandemie-Maßnahmen ihrer Regierungen. Menschenmassen, Autocorsos, „Freedom-Truck-Convoys“ blockieren das Alltags- und Geschäftsleben. In manchen Städten kommt es zu Ausschreitungen. Rechtsextreme Bewegungen und Parteien kapern die Demonstrant*innen für ihre Interessen. Nicht wenige Teilnehmer*innen verharmlosen oder leugnen diese gewaltförmigen Begleiterscheinungen.

Emotionale Quelle ist ein massiver Vertrauensverlust in politische Eliten und in „das System“.

Eine politische Revolte

Die Demonstrationen verweisen auf tieferliegende politische Verwerfungen. So sieht es Eva Horn, die das Selbstverständnis jener Verschwörungstheoretiker*innen analysiert[1], die diese Demos ideologisch unterfüttern. Diese als paranoid oder gar dumm zu bezeichnen, verfehle die Situation. Aus Horns Sicht versuchen diese Protestierenden, sich in einer expertokratischen Gesellschaft ihre politische Agency zurückzuerkämpfen. Emotionale Quelle ist ein massiver Vertrauensverlust in politische Eliten und in „das System“, d.h. eine politische Ordnung, in der sie sich nicht mehr repräsentiert fühlen. „So stark und so wollen wir nicht mehr regiert werden“, paraphrasiert Horn dieses Selbstverständnis. Wird man sich der Auswirkungen der negativen Seiten der Globalisierung auf das Leben vieler Menschen bewusst[2]  – steigende Lebenshaltungskosten, Abbau von Sozial- und Wohlfahrtstaaten, Arbeitslosigkeit, Zwei-Klassen-Gesundheitssysteme etc. – sind Frust, Ohnmacht und Zorn durchaus nachvollziehbar.

Apokalyptischer Unterton

Gleichwohl sind diese Protestbewegungen gefährlich. Insbesondere die Verschwörungsmythen – oft akribisch durchdacht und mit pseudowissenschaftlichen „Beweisen“ belegt – bedrohen die Demokratie und den Rechtsstaat. Mit ihren Halbwahrheiten, „alternativen Fakten“ und in kritisch-aufgeklärtem Gestus lassen sie erkennen, dass der Boden für politisches Handeln verloren zu gehen droht. Nach Hannah Arendt ist dieses angewiesen auf das Vertrauen in eine gemeinsam geteilte Wirklichkeit und beruht auf der  Anerkennung von Vernunft- und v.a. Tatsachenwahrheiten.[3] Diese werden zu „Meinungen“ erklärt oder geleugnet (z.B. die Existenz oder Gefährlichkeit des Virus). Der Protest gegen das herrschende „System“ zielt auf die Zerstörung bestehender Machtstrukturen ohne alternative politische Vorstellung, was diese ersetzen soll, Angstlust inklusive. Die alte Ordnung soll schlichtweg gesäubert, beseitigt, wenn nötig, auch zerstört werden. Es handelt sich um richtungslose Revolten, die es nicht erst seit der Pandemie gibt.[4] Nicht wenige der Verschwörungsmythen in diesem Umfeld weisen daher auch einen apokalyptischen Charakter auf.[5]

Unter der gefährlichen Schicht irrationaler Mythen schwelt nicht selten die Sehnsucht nach Erneuerung des gesellschaftlichen und politischen Zusammenlebens.

Apokalyptische Stimmung ernstnehmen

Erschreckt mag man sich abwenden. Aber spitzen sich in diesen Bewegungen und Mythen nicht auch Gefühle zu, die ebenfalls jenen vertraut sind, die die Gefährlichkeit dieser Revolten erkennen: die Ohnmacht gegenüber der kulturellen Hegemonie eines neoliberalen Kapitalismus, der Vertrauensverlust in die Politik, oder eine prä-apokalyptische Zukunftsangst angesichts der Klimakatastrophe? Diese untergründig apokalyptische Stimmung sollte man ernstnehmen, wenn man den Protestbewegungen das Wasser abgraben will. Denn unter der gefährlichen Schicht irrationaler Mythen schwelt nicht selten die Sehnsucht nach Erneuerung des gesellschaftlichen und politischen Zusammenlebens und der Widerstand gegen jene Ideologien der Gegenwart, die  Menschen zu Dienern des grenzenlosen Wirtschaftswachstums, zum Objekt von Technik, Wissenschaft und Politik degradieren. Diese Stimmung aufzugreifen, sollte man nicht rechtsextremen Bewegungen oder geschäftstüchtigen Esoteriker*innen überlassen.

Christliche Apokalyptik spielt auch in der kirchlichen Pastoral kaum eine Rolle.

Apokalyptik als Krisenphänomen

Apokalyptik gehört zur Religions- und Christentumsgeschichte Europas. Sie ist ein Krisenphänomen. Aber mit der Moderne hat sie ihre Einbettung in die christliche Heilsgeschichte verloren.[6] Katastrophenszenarien werden nicht mehr von einem adventus her gedacht, d.h. von einer Zukunft, die Gott bringt und in der er Gericht hält, das Böse endgültig besiegt und eine gute und gerechte Ordnung herstellt. Geblieben ist die „nackte Apokalypse“[7], Weltenende ohne Neubeginn. Katastrophen werden von Apokalyptikern zwar immer noch als Wahrheits-Offenbarungen verstanden, aber die Zukunft muss in politischen Kämpfen hergestellt werden.

Auch die christliche Apokalyptik ist ein Krisenphänomen und artikuliert politische Kritik angesichts unmenschlicher und ungerechter Macht- und Herrschaftsverhältnisse.[8] Mehrheitsfähig wird sie als Zeitdeutung in einem säkularen und pluralen Europa wohl nicht mehr werden. Bemerkenswert ist allerdings, dass sie auch in der kirchlichen Pastoral kaum eine Rolle spielt. Könnte die Revitalisierung dieses etwas verschämt versteckten Erbes nicht einen kleinen Beitrag zur Kultivierung und Zähmung apokalyptischer Krisen-Stimmungen leisten und Zerstörungs- und Untergangsfantasien einen Riegel vorschieben?

Die Apokalyptik der Anhänger Jesu

Auch die Anhänger des Jesus von Nazareth waren Apokalyptiker – durchaus unheimlich und fremd in der Radikalität ihrer Hoffnungen. Dies lernt man zwar im Theologiestudium (Stichwort: Parusieverzögerung), aber eher als Sachinformation über den historischen Entstehungskontext, die kaum jemanden sonderlich aufregt. Mit der theologischen Formel vom eschatologischen Vorbehalt kann man diese verstörende Wirklichkeitswahrnehmung der Jesusbewegung halbwegs bändigen. Man hat sich damit abgefunden, dass der Anbruch des Reiches Gottes wohl noch länger auf sich warten lässt.

Dabei glaubten die Anhänger des Jesus von Nazareth mit unerschütterlicher Überzeugung, dass die Verheißungen Gottes an Israel unmittelbar vor ihrer Erfüllung stünden: die Geschichte wird erlöst, das Böse wird besiegt, die Toten werden auferweckt und eine universale Herrschaft von Frieden und Gerechtigkeit bricht an. Kronzeuge dieses leidenschaftlichen Glaubens war die Kernbotschaft Jesu: „Die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen. Kehrt um und vertraut auf das Evangelium!“ (Mk 1,15). Die Erfahrung der Auferstehung konnte nur bedeuteten, dass das Reich Gottes unmittelbar anbricht. Und dann: Die Zeitenwende bleibt aus, stattdessen Leiden, Krisen, Katastrophen.

Die jüdische Historikerin Paula Frederisken beschreibt in ihrer Analyse neutestamentlicher Texte[9], wie die Anhänger Jesu mit diesen Enttäuschungen umgingen. So verbergen sich z.B. im Hintergrund der in der Apostelgeschichte so harmonisch geglätteten Entstehungsgeschichte dessen, was wir heute „Kirche“ nennen, mindestens vier Krisen, in denen die Anhänger Jesu  „verstörende Enttäuschungen von mindestens vier vorausgesagten Endzeiten“ durchlitten.[10] Die erste war verknüpft mit dem Pessachfest Jesu in Jerusalem um 30 n. Chr., als die Jünger die Kreuzigung Jesu erlebten. Auch die Hoffnung, dass das Gottesreich nach der Auferstehung Jesu anbrechen würde, erfüllte sich nicht, die Erscheinungen des Auferweckten versiegten. Die dritte Katastrophe bahnte sich fast an, als Caligula um 39 – 40 n. Chr, sein Bildnis im Tempel aufrichten wollte. Und die vierte Enttäuschung folgte, als 70 n.C. der Tempel zerstört wurde.

Apokalyptik gehört zum Glauben, ist aber gefährlich und bedarf der Bändigung und Bildung. Sie birgt das Potential, realistische Hoffnung zu lernen.

Kreativität statt Empörung

Bemerkenswert ist nun, wie die Anhänger Jesu auf diese Erfahrungen reagieren. Statt das Ende des „Systems“ zu fordern (damals des römischen Imperiums) hinterfragen sie selbstkritisch ihre apokalyptischen Erwartungen. Selbstverständlich litten Jesu Anhänger an der kognitiven Dissonanz, die das Ausbleiben des Reiches Gottes erzeugte, hatten sie doch ihren heiligen Texten und Jesus vertraut. Aber sie fallen nicht in einen aggressiven Empörungsmodus. Der Protest wird in einen kreativen Lernprozess transformiert. Frederiksen, die die Evangelien als Genre jüdischer Schriftimprovisation versteht, zeigt dabei die unglaubliche Kreativität bei der Suche nach Antworten und praktischen Lösungen. So fragen die Anhänger Jesu, was sie möglicherweise in ihren Texten und Erwartungen übersehen oder nicht ausreichend verstanden haben und unterziehen diese einer Reinterpretation, um so den Sinn ihrer enttäuschenden Widerfahrnisse tiefer erkennen zu können. Statt zu Gewalt zu greifen, lassen sie sich auf einen Prozess der Erinnerung, des Lernens und der Selbsttransformation ein. Sie erkennen, dass sie selbst mitverantwortlich sind, dem Reich Gottes durch ihr Handeln Raum zu geben und nehmen dabei Maß am Leben und der Praxis Jesu, den sie als Messias und König anderer Art erkennen. Dabei geben sie ihre Hoffnungen und ihr Vertrauen auf Gott keineswegs auf.

Für Christ*innen erkenne ich in diesem Erbe die Aufforderung, sich an diesen apokalyptischen Glutkern zu erinnern und ihn im Kontext der Herausforderungen der Gegenwart zu reinterpretieren. Apokalyptik gehört zum Glauben, ist aber gefährlich und bedarf der Bändigung und Bildung. Sie birgt das Potential, realistische Hoffnung zu lernen. Realistisch, weil die Möglichkeit der Zerstörung der Welt ernstgenommen wird. Hoffnung, weil die Angst davor nicht das letzte Wort behält, sondern im Vertrauen auf eine gute Zukunft durch kreative Lernprozesse gezähmt werden kann. Übersetzt in die säkulare Rationalität der Moderne wird auch die Dringlichkeit politischer Antworten auf apokalyptische Stimmungen deutlich. Denn auch die Hoffnung der christlichen Apokalyptik ist konstitutiv politisch. Sie muss nicht passiv auf Katastrophen warten, sondern kann bei der Mitgestaltung der Welt selbst tätig werden. Das biblisch-apokalyptische Erbe trifft keine Zukunftsvorhersagen, sondern hat transformativen Charakter. Es stimuliert zur Selbstkritik, fordert zum vernünftigen Handeln auf und zielt auf friedliche Systemveränderung, nicht auf Systemzerstörung.

Autorin: Regina Polak ist Assoziierte Professorin und Leiterin des Instituts für Praktische Theologie der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien

Beitragsbild: Pixabay

[1] Vgl. Eva Horn: Die Besserwisser, Vortrag zu Verschwörungstheorien an der Humboldt-Universität zu Berlin, 29. April 2021, URL: [mosse lecture] – Eva Horn: Die Besserwisser – YouTube
[2] Detailliert dokumentiert z.B. bei Gert Maak: Große Erwartungen. Auf den Spuren des europäischen Traums. München 2020.
[3] Vgl. Hannah Arendt: Wahrheit und Lüge in der Politik. Zwei Essays. München, 6. Auflage, 2021 (1967), 44–92.
[4] Vgl. Nadav Eyal: Revolte. Der weltweite Aufstand gegen die Globalisierung, Berlin 2020.
[5] Auf deren antisemitischen Kern kann ich hier nicht eingehen, er muss aber erwähnt werden.
[6] Eva Horn: Zukunft als Katastrophe. Frankfurt am Main 2014, 26 ff.
[7] Günther Anders: Die Antiquiertheit des Menschen. Band Über die Zerstörung des Lebens im Zeitalter der dritten Industriellen Revolution. München 1980, 207.
[8] Markus Tiwald: Das Frühjudentum und die Anfänge des Christentums. Ein Studienbuch, Stuttgart 2016, 188–191.
[9] Paula Frederiksen: Als Christen Juden waren. Stuttgart 2021.
[10] Vgl. ibid., 158.

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