Versuche zu Maria (2)

Von Rainer Bucher

IV. Jungfrau – Liebhaberin des Geistes

Maria steht für Jesu Botschaft. Sie ist darin eine Liebhaberin des Heiligen Geistes. Genau das sagt der Jungfrauentitel für Maria. Dieser Titel ist umstritten und missverständlich. Er hat einen biologischen Sinn und eine theologische Bedeutung. Man darf beide nicht trennen, aber auch nicht identifizieren.

Der Jungfrauentitel hebt freilich in beiden Aspekten die Un­abhängig­keit der Frau von den Männern hervor, unterstreicht die Herkunft Jesu von einer Frau und ersetzt den Mann, nicht aber die Frau durch den Heiligen Geist. Er begründet nicht das Patriarchat, sondern markiert seine religiöse Verwerflichkeit.

Der Jungfrauentitel hat auch eine politische Konnotierung. Er war in der Antike bisweilen ein  Königsattribut. Gleichzeitig deutet er auf das Gegenteil: die Armut. Denn in patriarchalen Verhältnissen bedeutete Nichtverheiratung Ausgrenzung und Not. Für Maria bedeute sie: Sie ist als Frau die arme Königin des Volkes Gottes. Man braucht die biologische Konnotation des Jungfrauentitels nicht zu streichen oder zu ironisieren. Denn sie charakterisiert Maria als eigenständige Frau

Diese Lehre – wie alle Lehren über Maria – besitzt eine tiefe humane Bedeutung. Man muss, wie ich bei meinem Lehrer, dem Würzburger Fundamentaltheologen Elmar Klinger gelernt habe, die kirchlichen Lehren über Maria von der exemplarischen Stellung Mariens für das Menschsein überhaupt her verstehen.

Dann steht Maria für die Umwertung der Werte von stark und schwach, reich und arm im Magnifikat, für die ursprüngliche Reinheit aller Menschen vor aller Schuld im Dogma von der Unbefleckten Empfängnis und für die Vorwegnahme erfüllter Hoffnung von Mensch und Welt in der Sehnsucht nach einem Himmel.

In ihrer Jungfräulichkeit aber steht sie für eine Menschheit, die an Christus glauben kann, weil sie offen ist für Gott und seine Botschaft, wie Jesus sie verkündet hat und wie er sie ist. Aus einem kleinen jüdischen Mädchen wird in der Begegnung mit Gott eine starke Frau. So stark, dass die Bibel sagt: Maria blieb Jungfrau. Denn das heißt: autonom, nicht unterworfen dem Willen des Mannes. Die katholische Kirche der willensstarken Männer ist erst dabei zu begreifen, was Maria für sie bedeutet.

V. Josef

Der Mann, dem Maria nicht unterworfen war, hieß Josef. Er ist, wie viele große Liebende, eine etwas melancholische Figur. Wir wissen fast nichts über ihn, außer, dass er Zimmermann war. Er steht für das Alltägliche: die Berufsarbeit, die Sorge, das Biedere. Schon dafür ist er sympathisch.

Freilich: Eine grandiose Tat ist von Josef überliefert. Ich glaube, dass er um ihretwillen im Evangelium steht. Denn es ist eine Tat im Vorgriff auf das Reich Gottes. Josef musste zu ihr bekehrt werden. Die Gebote Israels waren patriarchalisch, Männer herrschten nach ihren Gesetzen über die Frauen. Das schrieb vor, die schwangere Maria zu verstoßen.

Josef aber ist gerecht, wie es heißt, daher sucht er einen Ausweg. Er will die Trennung in aller Heimlichkeit, denn er will Maria schützen. Das ist gut gemeint, aber nur eine halbe Bekehrung. Denn Josef verhindert zwar den Tod, nicht aber die Schande Mariens. Wer im Patriarchat verfangen, aber gerecht ist, wie es von Josef heißt, der wird paternalistisch.

Aber Josef bleibt nicht bei dieser Haltung. Denn er hat einen Traum. In der Sprache der Bibel heißt das: Gott eröffnet ihm neue Horizonte. In diesem Traum wird ihm klar, dass seine Haltung noch keine Haltung der Liebe ist. Wer den anderen immer nur vom eigenen Standpunkt aus erfasst und nicht von ihm selber her, wird ihm nämlich nicht gerecht.

Josef überwindet diesen Standpunkt. Ihm wird klar: wahre Gerechtigkeit überwindet jede noch so gut gemeinte Bevor­mundung. Josef geht den Weg vom Patriarchat der gnadenlosen Herrschaft über den Paternalismus der gönnerhaften Begnadigung zur Liebe der unbedingten Solidarität.

Und deswegen geht Josef mit Maria einen gemeinsamen Weg. Bis nach Ägypten, also in die Fremde. Es ist der Weg der Liebe: Josef nimmt Maria an, wie sie ist: schwanger und das nicht von ihm.

Sollte Jesus seine Mutter jemals gefragt haben, welche Rolle eigentlich Josef in ihrem Leben gespielt hat, dann, so stelle ich mir vor, könnte sie nur eines gesagt haben, das Schönste, was man von  einem Menschen sagen kann: Er hat mich wirklich geliebt.

VI. Mutter der Barmherzigkeit

Eine berührende Tradition der Marienverehrung sagt: Maria ist die Mutter der Schmerzen und die Mutter der Barmherzigkeit. Als Mutter der Schmerzen steht sie unter dem Kreuz. Kinder vor den Augen ihrer Mütter zu töten ist bis heute die ausgesuchteste Brutalität mörderischer Soldateska. Als Mutter der Schmerzen ist sie die Schwester aller Leidenden, verlässt sie niemanden, verehrt sie das Volk Gottes als eine der ihren. Maria steht, wie auch die vielen Frauen um Jesus, wie auch die Frauen des Alten Testaments für das Volk Gottes insgesamt, für das Volk Gottes in seinem mühsamen, aber gesegneten Weg zu Gott.

Als Mutter der Barmherzigkeit aber steht Maria für uns vor Gott. Man kann nämlich nicht nur Maria von Christus her verstehen, sondern auch Christus von Maria her. Das sagt der Titel „Gottesgebärerein“ für Maria. Maria, die Frau, der ex­emplarische Mensch hat von Anfang an als Jüdin und als vom Geist Beseelte ein eigenes Verhältnis zu Gott als Gott. Sie ist auch darin die Mutter Jesu Christi.

Maria ist die Mutter der Schmerzen und die Mutter der Barmherzigkeit. Mann kann nicht Maria lieben und die Welt mit Drohbotschaften überziehen. Man kann nicht Maria lieben und Frauen verachten. Man kann nicht Maria als Jungfrau verehren, und die Botschaft des Heiligen Geistes vom unbedingten Primat der Liebe übergehen.

Maria zu lieben, heißt die Menschen zu lieben. Maria taugt zur Liebe und Barmherzigkeit, zur Erinnerung an die kreative Wirkung der Demut und zur Erhöhung der Armen. Sie taugt nicht zur Ausgrenzung. Sie wäre – eigentlich – die ökumenische Figur schlechthin. Denn sie steht für die Menschheit in ihrer Armseligkeit, aber auch in ihrer Schönheit vor Gott.

Maria  ist der exemplarische Mensch. Sie ist es als Frau, als Jüdin, auch als Opfer einer immer wieder Frauen-, also menschenverachtenden Christentumsgeschichte. Aber sie ist der exemplarische Mensch – auch als Siegerin. Sie ist eine wirkliche Hoffnung.

(Zuerst veröffentlicht als ORF Gedanken für den Tag; Bild: angieconscious: pixelio)

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