Versuche zu Maria (1)

Die Redakteurinnen und Redakteure von feinschwarz.net wünschen Ihnen Glück und Segen für das Neue Jahr!

Der 1. Januar: Jahresbeginn, Weltfriedenstag und „Hochfest der Gottesmutter Maria“. Zu ihr, dem exemplarischen Menschen, Überlegungen von Rainer Bucher.

I. Jesu Botschaft

An Jesus glauben heißt, an das glauben, was er verkündet hat und wofür er stand und starb. An Jesus glauben heißt, an seine Botschaft glauben. Diese Botschaft ist eigentlich ziemlich klar. Es ist eine Gottesbotschaft: eine Botschaft von Gott und über Gott. Von welchem Gott?

Offenkundig von einem Gott, der in einer merkwürdigen Dialektik der Nähe und Distanz zu uns Menschen bleibt. Der seine Nähe verspricht, aber nicht als Sicherheit der Entdeckung, sondern als Sicherheit der Entdeckbarkeit. Dieser Gott kommt den Menschen nahe und schenkt ihnen dennoch oder gerade darin Freiheit, selbst vor ihm selbst. Er entzieht sich seiner Bemächtigung, selbst durch Jesus.

Das zentrale Kriterium aber, um diesen Gott der Freiheit in den vielen Phänomenen und Zeichen der Welt zu entdecken, ist, glaubt man der Bibel, die Fähigkeit zu solidarischem Mitleiden. In Jesu Botschaft werden Gottes- und Nächstenliebe radikal identifiziert. In den Worten des 1. Johannesbriefs: „Wenn jemand sagt: Ich liebe Gott, aber seinen Bruder haßt, ist er ein Lügner“ (1 Joh 4,19). Vor dieser Botschaft wird alles zum Gericht. Vor dieser Botschaft, vor diesem Gott kann man nur bestehen, wenn Gott tatsächlich tut, was er von uns verlangt: bedingungslos lieben.

Religiöse Praxis, die Menschen knechtet, die sie unfrei, krank und abhängig macht, ist nicht Nachfolge Jesu, denn sie missachtet seine Botschaft von Gottes unermesslicher Liebe. Religiöse Praxis, die Gott zu besitzen meint, scheitert am Gott Jesu. Denn sie missachtet die Botschaft von Gottes unermesslichem Geheimnis. Religiöse Praxis, die meint, sie verwalte über Gottes Gnade und könne sie eigenmächtig gewähren oder entziehen, verfehlt den Gott Jesu. Denn sie missachtet die Botschaft von der Erlösungsbedüftigkeit aller und Gottes unermesslicher Barmherzigeit. Gott ist Liebe, Geheimnis und Gnade.

Es gibt außer Jesus nur einen Menschen in der Bibel, der für diese Botschaft ohne jeden Abstrich steht. Das ist Maria.

II. Die Umkehr der Verhältnisse

In der Botschaft Jesu von Gott stehen die Armen vor den Reichen, die Ohnmächtigen vor den Mächtigen, die Kleinen vor den Großen. In dieser Botschaft geht die Person vor der Institution, und gilt der Primat der Liebe im Verhältnis von Gott und Mensch und im Verhältnis der Menschen untereinander. Ein zentrale biblischer Text dafür ist das Magnificat, das Gebet der begeisterten Maria. Es ist  das Gebet einer Siegerin.

Meine Seele erhebt den Herrn,
und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilands.
Denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen.
Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder.

Denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist
und des Name heilig ist.
Und seine Barmherzigkeit währet immer für und für
bei denen, die ihn fürchten.

Er übet Gewalt mit seinem Arm
und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn.
Er stößt die Gewaltigen vom Stuhl
und erhebt die Niedrigen.

Die Hungrigen füllt er mit Gütern
und lässt die Reichen leer.
Er nimmt sich seines Knechtes Israel an
und denkt an sein Erbarmen,
das er unseren Vätern verheißen hat,
Abraham und seinen Nachkommen auf ewig.

An Maria kann man ablesen. was passiert, wenn sich ein Mensch auf Gott einlässt: Er wird stark. Aus einem kleinen jüdischen Mädchen wird die Mutter Gottes, aus einer ohnmächtigen Frau wird eine, die die gepriesen wird von allen.

Plötzlich kehren sich die Verhältnisse um. Sonst entscheiden Männer über Frauen und sind Menschheitsfragen immer Männerfragen. Hier entscheidet aber eine Frau über einen Mann: Maria entscheidet über die Ankunft Jesu. Und hier sind Menschheitsfragen, ja die Menschheitsfrage: ob Gott einen Ort in der Geschichte der Menschheit bekommt, Fragen an eine Frau. Maria ist die anti-patriachale Figur schlechthin.

III. Gegen das Patriarchat

Maria steht für eine Menschheit, die gegen Zustände und Handlungen kämpft, mit denen die Menschheit sich selber zerstört. Zu diesen selbstzerstörerischen Zuständen gehört auch das Patriarchat. Es ordnet die Frauen den Männern unter, beschränkt ihre Wirkungskreise und gibt allein Männern die Definitionsmacht über das Verhältnis von Mann und Frau. Das Patriarchat entsteht, wenn der Mann für sich zwei Positionen beansprucht, die des (überlegenen) Geschlechts und die des geschlechtsneutralen Menschen zugleich. Er ist dann zugleich Mitspieler im Spiel der Geschlechter und Schiedsrichter. Dass er sich dabei dann den Sieg zuschanzt, ist leider nur  menschlich.

Das Patriarchat hat bekanntlich in der Kirche von den späten Schriften des Neuen Testaments über Augustinus und Thomas v. Aquin bis zur Gegenwart eine lange und traurige Tradition. Natürliche Gleichheit aller Menschen und natürliche Ungleichheit zwischen den Geschlechtern bilden den paradoxe Kanon unserer Kultur bis weit in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein. Und die Marienverehrung spielte darin eine recht unrühmliche Rolle.

Die amerikanische Schriftstellerin Mary Gordon beschrieb das so: „In meiner Oberschulzeit war Maria ein Knüppel, den man intelligenten Mädchen über den Kopf haute. Ihr Beispiel wurde uns ständig vor Augen gehalten: ein Bespiel von Schweigen, Unterordnung und der Lust, den letzten Platz einzunehmen. Für Frauen wie mich war es notwendig, diese Bild Mariens abzulehnen, um an der zerbrechlichen Hoffnung auf intellektuelle Leistung, Unabhängigkeit, Identität und sexuelle Erfüllung festhalten zu können.“

Das Patriarchat verstößt gegen die Botschaft Jesu. Es verstößt gegen seine Botschaft vom Primat der Armen vor den Reichen, denn es steht auf Seiten der Mächtigen. Es verstößt gegen Jesu Botschaft vom Primat der Person vor der Institution, denn es schafft Institutionen, die ungerechtfertigte und unbegründete Macht über einzelne Personen ausüben. Und es verstößt gegen Jesus Primat der Nächstenliebe, denn es wertet Frauen ohne Grund ab, wird ihren Hoffnungen und Sehnsüchten nicht gerecht und nimmt sie nicht als das wahr, was sie sind.

Man darf Maria nicht mit der patriarchalen Tradition ihrer Verehrung identifizieren. Denn sie steht für Jesu Botschaft. Sie ist darin eine Liebhaberin des Heiligen Geistes.

(Zuerst veröffentlicht als ORF Gedanken für den Tag; Bild: angieconscious: pixelio)

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