Was gewesen sein wird. Zur Konjunktur des Futur zwei

Welche Geschichten sollen einst erzählt werden? Wie soll es gewesen sein, damit es gut war? Immer häufiger wird die Zukunft als Gewesene gedacht, um von diesem Standpunkt aus zu fragen, wie wir leben sollten, damit das Imaginierte einmal das Realisierte sein wird. Stefan Voges über den Ausblick in Rückblicken.

Das Futur zwei hat Konjunktur. Zugegeben, diese Behauptung stützt sich nicht auf eine valide Erhebung, wie oft bestimmte Zeitformen in einer repräsentativen Auswahl gegenwärtiger Texte verwendet werden, sondern auf einer subjektiven Beobachtung. Und, zweite Klärung zu Beginn, diese Wahrnehmung bezieht sich nicht auf das konkrete Tempus Futur II, sondern auf das Futur zwei als eine besondere Perspektive auf die Zukunft, nämlich als einen Ausblick auf die vollendete Zukunft.

Wie wollen wir gelebt haben?

Diese spezielle Perspektive findet ihren Ausdruck in Rückblicken aus der Zukunft, in Gedankenspielen und Szenarien. Vier sehens- bzw. lesenswerte Beispiele: Im Februar 2021 veröffentlichen Theologiestudierende der Technischen Universität Dresden ein Video „Futur II“, in dem sie aus dem Jahr 2071 auf den Kurswechsel der Katholischen Kirche im Jahr 2021 zurückblicken. „Wie sähe eine vegane Welt aus?“, fragt im Januar 2021 Merlind Theile in einem Gedankenspiel in der Zeit, für das sie sich ins Jahr 2035 versetzt und darüber nachdenkt, wie die Abschaffung der Nutztiere vor mehr als zehn Jahren das Leben auf der Erde komplett verändert hat.[1] Unter dem Titel „Und wenn sich doch was bewegt?“ blicken Elisabeth Raether und Mark Schieritz aus dem Jahr 2040 zurück, „wie die Welt klimaneutral wurde“.[2] 2040 ist auch das Zieljahr des 2018 veröffentlichten Szenarios „Sicherheit neu denken“, in dem beschrieben wird, wie in zwanzig Jahren der Wandel von der militärischen zur zivilen Sicherheitspolitik gelungen ist. Und schon seit 2012 sammelt FUTURZWEI. Stiftung Zukunftsfähigkeit „Geschichten des Gelingens“ als Antworten auf die Frage „Wie wollen wir gelebt haben?“

durch den Rückblick aus der Zukunft das bloß Vermutete als das wirklich Geschehene erscheinen zu lassen

Was macht den Reiz dieser Perspektive aus? Und was sagt die Konjunktur des Futur zwei über das Präsens, über die Gegenwart aus? Die Sprachwissenschaft bezeichnet die Tempusform des Futur II auch als „Futurum exaktum“ oder als „vollendete Zukunft“. Und darin könnte ein erster Reiz dieser Zeiteinstellung liegen. Bezogen auf die Zukunft bringt sie nicht nur eine Absicht zum Ausdruck, sie kündigt ein Tun nicht nur an, sondern sie setzt schon seine Vollendung, sie geht wie selbstverständlich vom Ergebnis aus. Das Gewünschte und Erhoffte erscheint in dieser Perspektive als das wirklich Ausgeführte und Erreichte. Dabei dient das Futur zwei als Perspektive, anders als die Tempusform, gerade nicht zum „Ausdruck von Vermutungen, die sich rückschauend auf Vergangenes beziehen und deren Unsicherheit auf einem Mangel an verläßlichen Nachrichten beruht“, wie Harald Weinrich in seiner „Textgrammatik der deutschen Sprache“ schreibt.[3] Wenn gegenwärtig die Perspektive des Futur zwei verwendet wird, scheint es eher darum zu gehen, durch den Rückblick aus der Zukunft das bloß Vermutete als das wirklich Geschehene erscheinen zu lassen.

was geschehen muss, damit es einmal geschehen sein wird

Um aber über den Status von Vermutungen hinauszukommen, muss der von Weinrich angesprochene „Mangel an verläßlichen Nachrichten“ ausgeglichen werden. Darin liegt ein zweiter Reiz des Futur zwei: Es lädt zum Erzählen ein, zum genauen – exakten – Beschreiben dessen, was geschehen muss, damit es einmal geschehen sein wird. Dieses Erzählen, will es nicht ins Ungenaue und bloß Vermutete zurückfallen, geht dabei von der Gegenwart aus. Es setzt narrativ Schritte der Veränderung, die vom gegenwärtigen Standpunkt aus tatsächlich möglich sind, und schildert sie als verlässliche Nachrichten darüber, wie die Zukunft erreicht worden sein wird. Und dadurch, dass diese Schritte der Veränderung in den Zusammenhang einer plausiblen Erzählung gebracht werden, verlieren sie den Makel des Unwahrscheinlichen, der ihnen vielfach anhaftet – sie erscheinen vielmehr als naheliegende, beinah zwangsläufige Schritte in die Zukunft. Vom Standpunkt der erreichten Zukunft aus verschwindet manch erhoffte Veränderung aus dem Bereich des Unmöglichen und taucht im Raum des Möglichen und Machbaren wieder auf.

verlieren sie den Makel des Unwahrscheinlichen

Vor diesem Hintergrund erscheint die Konjunktur des Futur zwei zum einen als eine Reaktion auf das Ausbleiben notwendiger, dringend gewünschter Veränderungen. Zum anderen ist sie Ausdruck von Verunsicherung und Unsicherheit mit Blick auf die Zukunft. In den eingangs genannten Beispielen finden sich jeweils Anteile beider Lesarten: Sie vermitteln die realistische Möglichkeit von Veränderungen und geben in einer Krisensituation – die Stichworte Pandemie und Klimawandel mögen genügen – Orientierung für eine ungewisse Zukunft.

Im Zeitalter der Alternativlosigkeit präsentiert das Futur zwei – Alternativen. Rückblicke aus einer anderen als der absehbaren (und unerwünschten) Zukunft werden narrativ entfaltet, und dadurch werden Alternativen plausibilisiert. Gedankenspiele von einem zukünftigen Standpunkt aus erinnern erzählerisch einprägsam daran, dass die Zukunft gestaltbar ist. Und anders als in Helmut Schmidts Bonmot „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“ gilt: Wer ein Szenario entwickelt, muss konkret und realistisch vom Ziel her denken. Das Futurum exaktum entzieht die Zukunft ihrer Vagheit.

Die Rettung wird imaginiert.

Auch die geistliche Tradition kennt die besondere Perspektive des Futur zwei und macht auf zwei weitere Aspekte aufmerksam. Der erste Aspekt findet sich in der Bibel, paradigmatisch in den Psalmen. So heißt es in Psalm 42: „Was bist du bedrückt, meine Seele, was ächzt du in mir? Harre auf Gott; / denn ich werde ihm noch danken, der Rettung meines Angesichts und meinem Gott“ – will sagen: wenn er mich gerettet haben wird. Im Ausblick auf den Rückblick auf die Rettung fasst der Beter, die Beterin Mut. Die Rettung wird gewiss, der Glaube an den rettenden Gott begründet, indem nicht die Rettung selbst, sondern – einen Schritt weiter – der Dank für die geschehene Rettung imaginiert wird. Das Imaginieren ist psychologisch von zentraler Bedeutung, denn durch dieses Bild gewinnt der Beter, die Beterin Gewissheit, Zuversicht und im besten Fall auch Handlungsmacht zurück. Anders als in gegenwärtigen Szenarien einer vollendeten Zukunft geht es im Psalm nicht darum, die einzelnen Schritte der Rettung plausibel zu erzählen, sondern darum, die Ängste und das Leid vor Gott zu bringen und sich so in das Vertrauen auf Gott quasi hineinzubeten, der dann die Rettung bewirkt und vollendet (vgl. Ex 14,13f). Ähnlich wie in den Psalmen können gegenwärtige Futur-zwei-Erzählungen das Vertrauen stärken – in Gott und/oder die eigene Gestaltungsmacht.

Wie werde ich gelebt haben?

Einen zweiten Aspekt einer imaginierten Rück-Sicht der Dinge hat Ignatius von Loyola (1491–1556) in seinen „Geistlichen Übungen“ als Hilfe für eine gute Entscheidung operationalisiert. Die, der Übende solle sich gedanklich in Todesnähe versetzen und von dort aus „die Form und das Maß erwägen, die ich dann in der Weise der gegenwärtigen Wahl eingehalten haben wollte“.[4] Vom fast vollendeten auf das eigene Leben zurückzublicken – Wie werde ich gelebt haben? – hilft, so Ignatius, klarer zu sehen, wie ich mich jetzt entscheiden will. Die Perspektive des Rückblicks zwingt mich, mein Leben plausibel zu erzählen; sie hilft mir, meine gegenwärtigen Möglichkeiten und die Sehnsucht für die Zukunft in einer machbaren Entscheidung zu verbinden.

Beide Aspekte aus der geistlichen Tradition – Gott- und Selbstvertrauen sowie Hilfe zum Treffen einer guten Entscheidung – sind Potentiale des Futur zwei, die es gegenwärtig noch zu stärken gilt. Denn es sind echte Stärken dieser außergewöhnlichen Zeitform. Erzählungen aus der Perspektive des Futur zwei entziehen den Menschen der Resignation.

So bleibt am Ende die Frage, welche Geschichten wir erzählen. Diese Frage stellt sich in besonderer Schärfe der christlichen Tradition: Welche orientierende Futur-zwei-Erzählung hat die christliche Verkündigung beizutragen, nachdem ihr die Wiederkunft Christi als eigentümlicher Zeitpunkt eines zukünftigen Rückblicks durch die Jahrhunderte gleichsam zerronnen ist? Bei der Suche nach einer Antwort könnte folgende Frage helfen: Welche Erzählungen sollen einmal gehört worden sein?


Autor: Dr. Stefan Voges, Pastoralreferent im Bistum Aachen. Aktuelle Veröffentlichung: „Christlicher Schöpfungsglaube heute. Spirituelle Oase oder vergessene Verantwortung?“ (Ostfildern: Grünewald 2020, Hg.).

Beitragsbild: Bud Helisson, www.unsplash.com


[1] Die Zeit, Nr. 2, 7. Januar 2021, 51–53.

[2] Die Zeit, Nr. 50, 3. Dezember 2020, 2–3.

[3] Harald Weinrich, Textgrammatik der deutschen Sprache, Hildesheim 2005, 235.

[4] Ignatius von Loyola, Geistliche Übungen. Nach dem spanischen Urtext übersetzt von Peter Knauer, Würzburg 1998, 86 [Nr. 186].

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