Was wird aus Religion? Was wird aus Theologie?

Eine junge Theologin liest das Buch eines verdienten Religionspädagogen und ist erschüttert: Wie angesichts so grundsätzlicher Anfragen noch Theologie treiben? Judith König antwortet Rudolf Englert.

„Was wird aus Religion?“, fragt Rudolf Englert in seinem 2019 in zweiter Auflage erschienenen Buch. Von dieser einen großen Frage aus erschließt die Lektüre viele weitere Fragen (und lohnt schon deshalb die Lektüre!). Mir als junger (Nachwuchs-)Theologin stellt sich angesichts des Gegenwartsbefundes, den Englert unter dem Stichwort der „Erosion des Dogmatischen“ scharf konstatiert, vor allem eine: Was wird aus Theologie? Aus der wissenschaftlichen, universitären noch dazu. Ist es unter den Bedingungen der (Post-)Moderne, die Englert beschreibt, überhaupt möglich und sinnvoll, an einer Universität theologisch zu forschen und zu lehren? Ich würde sagen: Ja, aber…

Erosion des Dogmatischen

Eines gleich vorweg: Ich bin hinsichtlich der Beantwortung dieser Frage nicht unbefangen: wenn ich der Frage, ob theologische Forschung und Lehre an der Universität sinnvoll ist oder nicht, neutral gegenüberstehen würde, würde ich nicht an einer Katholischen Fakultät forschen und Lehrveranstaltungen halten.

Was sind nun aber konkret die Bedingungen, unter denen wir gegenwärtig wissenschaftlich Theologie treiben? Englert widmet sich ausführlich den Themenkomplexen der „Erosion des Dogmatischen“[1] und den „Verschiebungen in Richtung des Praktischen“[2] und zeichnet Erosionsprozesse und plattentektonische Verschiebungen nach. Wenn man ihm bösen Willen unterstellen wollte, könnte man sagen, er legt die Axt an alles, was vielen lieb und teuer ist: Die Bibel, die Sicherheit, die die Wahrheit von Glaubenssätzen uns bietet, das Vertrauen in den lieben Gott, der alles schon richten wird, den größeren Sinnzusammenhang, der uns auch Durststrecken überstehen hilft und sogar die Sakramente! Schwere Kost.

Die Axt an allem, was vielen lieb und teuer ist?

Ehrlich eingestanden müssen wir allerdings feststellen, dass Englerts Beobachtungen zwar deutlich formuliert, uns aber im Grunde nicht neu sind. Das bewahrt nun freilich davor, ihm bösen Willen zu unterstellen, lässt aber an manchen Stellen dennoch schlucken, wenn er zum Beispiel formuliert: „Die Hoffnung auf einen Gott, der die Geschichte als ganze und die Geschichte jedes Einzelnen zum Guten zu wenden vermag, ist stark erschüttert, teilweise ganz ausgeglüht.“[3] Oder: „Menschen ohne Sündenbewusstsein und erst recht ohne die Erfahrung eines gescheiterten Ringens um Gottes Anerkennung haben keinerlei Bedürfnis nach einer solchen »Erlösung«. […] [D]ieses Konzept [bleibt] »stumm«; es wird irrelevant“[4].

Schlucken muss man mit Blick auf die zitierten Beobachtungen, wenn es hier um Glaubensinhalte geht, die zentrale Ecksteine des eigenen Glaubensfundamentes bilden. Wird beim Wegbrechen von Gewissheiten und Glaubenswissen nicht letztlich die Begegnung mit Gott unmöglich? Was wird aus der Möglichkeit von Menschen, in Kontakt mit dem zu kommen, den wir Gott nennen? Was wird aus der Möglichkeit von Menschen, ihre Erfahrungen auf Gott hin zu deuten?

Erlösungskonzepte bleiben stumm

Englert verweist hinsichtlich dieser Frage in seinem Buch auf Hans Joas und schreibt: „Es gibt eine Kategorie von Deutungsmustern, ohne Rückgriff auf die sich Erfahrungen der Selbsttranszendenz schwerlich als religiöse Erfahrungen artikulieren lassen.“[5] Anders formuliert: Die Bereitstellung einer bestimmten Kategorie von Deutungsmustern, ist Voraussetzung dafür, dass bestimmte Erfahrungen überhaupt als religiöse Erfahrungen gedeutet werden können.

Ist es also möglich, unter den gegenwärtigen Bedingungen, mit Gott in Kontakt zu kommen? Ihm zu begegnen? Zu glauben?

Ich meine ja. Und wenn wir Englerts Analysen über die Notwendigkeit von Deutungsmustern und Deutungskategorien ernst nehmen, finden wir spätestens hier eine Antwort auf die eingangs gestellte Frage nach Möglichkeit und Notwendigkeit der wissenschaftlichen Theologie:

Wenn wir nämlich als Theologinnen und Theologen trotz aller Schwierigkeiten nicht aufhören möchten, nicht nur über Religion und ihre Erscheinungsformen, Zusammenhänge und Funktionen, sondern auch von Gott zu sprechen, stellt die Theologie an der Universität einen wichtigen Baustein für den Aufbau von Deutungsmustern dar. Jener Deutungsmuster ohne die Erfahrung nicht auf Gott hin gedeutet werden kann.

Theologie: Deutungsmuster für Erfahrungen mit Gott

Deutungsmuster zu explizieren, anzubieten und dabei zu helfen, Denkstrukturen zu entwickeln, innerhalb derer diese Deutungsmuster auch produktiv dabei helfen, die eigenen Erfahrungen zu deuten, das wäre nun dezidiert eine Aufgabe der Theologie innerhalb der wissenschaftlichen, inner- wie außertheologischen Scientific Community, vor allem aber auch eine Aufgabe der (universitären) Lehre. Hier sind die Hochschullehrerinnen und -lehrer gefragt und gefordert!

Den Horizont für die Deutung konkreter Erfahrungen auf Gott hin können wir aber auch auf andere Weise erschließen und ich vermute, dass wir dies häufiger tun, als uns eigentlich bewusst ist. Man mag darüber streiten, ob auf gesellschaftlicher Makro- und Meso-Ebene Theologinnen und Theologen als Experten noch wahr- und ernstgenommen werden. Auf Mikro-Ebene, in der persönlichen Begegnung, könnten Theologinnen und Theologen diesen Status noch einnehmen. Das liegt auch daran, dass gerade die Nachwuchsgeneration mit ihrer Berufswahl im sozialen Umfeld meistens allein auf weiter Flur steht. Hier wird aber der Fluch auch zum Segen – bedeutet die abnehmende Zahl religiös-christlich geprägter Menschen, die auch beruflich mit eben dieser Religion zu tun haben, doch eine bessere Sichtbarkeit. Theologin oder Theologe zu sein, erregt zumindest eine gewisse Aufmerksamkeit.

Nachwuchstheolog*innen allein auf weiter Flur

Mein eigener Eindruck ist zumindest der, dass allein meine Berufswahl im sozialen Umfeld einige Diskussionen entstehen lässt, die andernfalls nicht möglich wären. Zwar beginnen diese zugegebenermaßen häufig mit kirchenpolitischen Themen, aber der Übersprung auf die grundsätzlichere theologische Ebene vollzieht sich häufig mühelos. Von „so kann es nicht weitergehen“ ist es nur ein kleiner Schritt zu „eigentlich sollte und könnte es doch so sein, dass…“ Diese Form von Aufmerksamkeit muss nun freilich nicht auf die „berufsmäßigen“ Theologinnen und Theologen beschränkt sein – über Glauben und den, den wir Gott nennen, zu sprechen, erregt zweifelsohne in den meisten Kreisen Aufmerksamkeit. Unabghängig vom eigenen Beruf.

Wir haben dann noch ein bisschen weitergeredet …

Wissenschaftliche Theologin zu sein im Speziellen bringt aber – sogar gegenüber der Berufswahl im übrigen religiösen Feld – noch einen weiteren Vorteil mit sich. Als ich einen guten Freund, der nicht getauft ist (die Frage nach Gott aber bejaht), vor einigen Tagen gefragt habe, ob er denn nachvollziehen könne, dass Religionslehrer/-innen, Theologen/-innen und Priester als Experten für die Frage nach Religion gelten, meinte er: Ja, er denke schon, dass er mich fragen würde. Wir haben dann noch ein bisschen weitergeredet und er sagte, es sei auch wahrscheinlicher, dass er mit einer Theologin als mit einem Priester über Religion reden würde. Theologen seien nun mal nicht ganz so nah dran an der Institution Kirche.

Kritische Distanz als Türöffner

Dies mag ein singuläres Beispiel zu sein, über das man erfreut sein kann oder schockiert – in jedem Fall macht es deutlich, dass nicht nur Begeisterung und Feuer-und-Flamme-Sein wichtig sind – um als Experten wahrgenommen zu werden, hilft auch die kritische Distanz, die uns als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern offensichtlich auch zumindest manchmal noch zugetraut wird.

Gleichzeitig dürfen wir aber die Erfahrungen, die zunächst gemacht werden müssen, nicht vergessen. Damit die wissenschaftliche Theologie der Rolle und Aufgabe, am Aufbau von Deutungsmustern für religiöse Erfahrung mitzuwirken, gerecht werden kann, braucht sie vor allem eines: ein Gegenüber. Wer von Gott sprechen will, braucht jemanden, zu dem gesprochen wird. Wissenschaftliche Theologie muss mit ihren Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartnern auf Augenhöhe im Dialog verbunden bleiben. Sie muss sich der Erfahrung von Menschen stellen, auch in der Konfrontation mit ihr noch relevant bleiben.

Realitätscheck für hybride Wesen

Wir brauchen also als wissenschaftliche Theologinnen und Theologen einen „Realitäts-Check“ und haben gleichzeitig eine noch nicht ganz entschwundene Chance, religiöse Deutungsmuster von Erfahrungen mit anzuregen.

Ein letzter Gedanke: Theologinnen und Theologen sollten sich selbst als sozusagen hybride Wesen nicht vergessen. Sicherlich – und das merkt man auch am Beginn einer wissenschaftlichen Laufbahn bereits – ist jeder Theologe und jede Theologin Teil bestimmter sprachlicher und gedanklicher Strukturen. Fachsprache und ein bestimmter, oft detaillierter und kleinteiliger Blick haben uns fest im Griff. Anderseits denke ich nicht, dass uns die „einfachen“ religiösen Fragen jemals ganz loslassen. Wenn wir an die großen Fragen stoßen, die existentielle Auseinandersetzung fordern, mögen unsere Bewältigungsstrategien vielleicht das Berufsfeld des Wissenschaftlers/-in erkennen lassen – die Fragen aber bleiben die selben: Was geschieht nach dem Tod? Woher kommt das Leben? Wie können wir es gelingend gestalten?

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Judith König ist wissenschaftliche Mitabeiterin am Lehrstuhl für Exegese und Hermeneutik des Neuen Testaments an der Universität Regensburg.

Bild: Grünewaldverlag

[1] R. Englert, Was wird aus Religion, 43.

[2] R. Englert, Was wird aus Religion, 135.

[3] R. Englert, Was wird aus Religion, 64.

[4] R. Englert, Was wird aus Religion, 69.

[5] R. Englert, Was wird aus Religion, 264.

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