Klopfzeichen. Simone Weil und Dietrich Bonhoeffer

Die eine hat heute ihren 112. Geburtstag, der andere morgen seinen 115. Begegnet sind sie sich nicht.  Elisabeth Pernkopf bringt sie ins Gespräch, Wand an Wand in einsamen Zeiten.

„Zwei Gefangene in angrenzenden Kerkerzellen, die durch Schläge gegen die Mauer miteinander kommunizieren. Die Mauer ist das, was sie trennt, aber auch, was ihnen erlaubt zu kommunizieren. Genauso wir und Gott. Jede Trennung ist ein Band.“[1] Im März 1942 zeichnet Simone Weil dieses Bild auf und beschreibt zwei getrennt Gefangene, die durch Klopfzeichen an ihre gemeinsame Mauer in Verbindung treten. Zudem zieht sie einen Vergleich. In der einen Gefängniszelle hält sich ein Mensch auf, in der anderen Gott. Damit wird die eine Gefängniszelle zum Diesseits, die andere transzendent. Die Philosophin, die das Gottesproblem lange als eine Frage angesehen hatte, die in intellektueller Redlichkeit unlösbar und deshalb nicht zu stellen sei, hatte die Möglichkeit nicht vorausgesehen, dass Gott und Mensch einander auf die Initiative Gottes hin berühren könnten.[2]

Jede Trennung ist ein Band.

Simone Weil selbst hat die Erfahrung von Haft nicht gemacht. Sie wurde wegen illegaler Tätigkeit für die Résistance in Marseille verhaftet und verhört, dann wieder auf freien Fuß gesetzt und von der Vichy-Polizei überwacht. Anders Dietrich Bonhoeffer, der sich am Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime beteiligte und zwei Jahre lang in Gefängniszellen in Berlin und zuletzt in Buchenwald und Flossenbürg eingesperrt war.

In Büchern über Heilige, Propheten oder Glaubenszeuginnen des 20. Jahrhunderts treten Simone Weil (3.2.1909 – 24.8.1943) und Dietrich Bonhoeffer (4.2.1906 – 9.4.1945) mitunter Seite an Seite auf. Einerseits die französische Philosophin jüdischer Herkunft, die sich als im christlichen Geist geboren verstand,[3] andererseits der deutsche evangelische Theologe und Pfarrer, der nicht heilig werden, sondern glauben lernen wollte.[4] Wache Zeitgenossenschaft kennzeichnet die Lebenswege beider, Städte wie Barcelona, New York und London waren bedeutsam in beiden Biographien, die eine durfte als Jüdin vor dem Gesetz nicht mehr unterrichten und den anderen belegten die Nationalsozialisten mit Lehr- und Schreibverbot.

Am Ende stand jeweils ihr früher Tod während des Weltkriegs, als Mitarbeiterin der Forces de la France Libre in London tuberkulosekrank und zu Tode erschöpft und als Beteiligter am Widerstand gegen Hitler vom nationalsozialistischen Regime auf Befehl Hitlers hingerichtet. Ihr jeweiliges Werk ist fragmentarisch geblieben. Die Rezeption im deutschsprachigen Raum wurde durch „Widerstand und Ergebung“, die Briefe und Aufzeichnungen Bonhoeffers aus der Haft 1951, und „Schwerkraft und Gnade“, eine Auswahl aus den Cahiers von Simone Weil 1952, eingeleitet und gelenkt.

Klopfzeichen – Wand an Wand

Im Folgenden stelle ich mir Simone Weil und Dietrich Bonhoeffer zu beiden Seiten einer Wand vor, die sie und ihre Welten trennt und verbindet. Welche Klopfzeichen könnten sie einander geben aus Simone Weils Aufzeichnungen 1942/43, als sie Frankreich verließ und, nachdem sie ihre Eltern in New York in Sicherheit gebracht hatte, nach Europa zurückkehrte, und Dietrich Bonhoeffers Briefen 1943/44, die er an der Gefängniszensur vorbei an seinen theologischen Freund Eberhard Bethge schmuggeln lassen konnte?

„Zunächst: es gibt nichts, was uns die Abwesenheit eines uns lieben Menschen ersetzen kann und man soll das auch garnicht versuchen; man muß es einfach aushalten und durchhalten; das klingt zunächst sehr hart, aber es ist doch zugleich ein großer Trost; denn indem die Lücke wirklich unausgefüllt bleibt, bleibt man durch sie miteinander verbunden.“[5] Bonhoeffer benennt die unausgefüllte Lücke als bleibendes Verbundensein. Ob Simone Weil das „Trost“ genannt hätte, wenn sie knapp feststellt: „Die Liebe ist nicht Trost, sie ist Licht“[6]? Bonhoeffer setzt fort: „Es ist verkehrt, wenn man sagt, Gott füllt die Lücke aus; er füllt sie garnicht aus, sondern er hält sie vielmehr gerade unausgefüllt und hilft uns dadurch, unsere echte Gemeinschaft – wenn auch unter Schmerzen – zu bewahren.“ Gott selbst hält demnach die Lücke offen, der Gemeinschaft wegen. Simone Weil fordert, dass sogar „der Gedanke an Gott […] sich nicht zwischen uns und die Geschöpfe stellen [darf]. Er darf die Berührung nicht weniger unmittelbar machen.“

Wenn der Gedanke an Gott von ihm trennt.

Es gibt Augenblicke, in denen der Gedanke an Gott von ihm abkehrt und trennt, bei Simone Weil in Situationen, in denen es um Gerechtigkeit geht. Fast bekenntnishaft bemerkt sie: „Der Gegenstand meiner Suche ist nicht das Übernatürliche, sondern diese Welt.“ Dem könnte Bonhoeffer entgegnen: „Man soll Gott in dem finden und lieben, was er uns gerade gibt.“ Und später ergänzen: „Ich habe in den letzten Jahren mehr und mehr die tiefe Diesseitigkeit des Christentums kennen und verstehen gelernt; nicht ein homo religiosus, sondern ein Mensch schlechthin ist der Christ […] ich erfahre es bis zur Stunde, daß man erst in der vollen Diesseitigkeit des Lebens glauben lernt.“

Damit ist die Frage des Verhältnisses zwischen Glauben und Religion angedeutet. Simone Weil schreibt: „Die Religion als Quelle des Trostes ist ein Hindernis für den wahren Glauben, und in diesem Sinn ist der Atheismus eine Reinigung. […] Da wir uns nun einmal in einem Zeitalter der Ungläubigkeit befinden, warum sollten wir also den reinigenden Gebrauch der Ungläubigkeit außer acht lassen?“ Sie fügt hinzu, dass sie diesen Gebrauch aus eigener Erfahrung kenne. Bonhoeffer sieht es auch als eine Erkenntnis der Redlichkeit, „daß wir in der Welt leben müssen – ‚etsi deus non daretur‘. Und eben dies erkennen wir – vor Gott! Gott selbst zwingt uns zu dieser Erkenntnis.“ Für Simone Weil ist „[d]ie augenscheinliche Abwesenheit Gottes in dieser Welt […] die Wirklichkeit Gottes“.

Vor und mit Gott leben wir ohne Gott.

Bonhoeffer setzt diese und seine Überlegung fort: „Der Gott, der mit uns ist, ist der Gott, der uns verläßt (Markus 15,34)! […] Vor und mit Gott leben wir ohne Gott. Gott läßt sich aus der Welt herausdrängen ans Kreuz, Gott ist ohnmächtig und schwach in der Welt.“ Der Gott, der sich bei Bonhoeffer aus der Welt drängen lässt, ist bei Simone Weil der, der sich von Anfang an zurückgenommen hat. Auch in der Menschwerdung und in der Kreuzigung Jesu zeigt sich die Selbstrücknahme Gottes in der Schöpfung: „Das Verlassensein im äußersten Augenblick der Kreuzigung; welch Abgrund der Liebe auf beiden Seiten.“

Wenn man als Mensch darauf verzichtet, selbst etwas zu sein, „dann wirft man sich“ – so Bonhoeffer – „Gott ganz in die Arme, dann nimmt man nicht mehr die eigenen Leiden, sondern das Leiden in der Welt ernst […] ich denke, das ist Glaube […] und so wird man ein Mensch, ein Christ.“ Das Leiden in der Welt ernst zu nehmen, das Mit-Leiden mit den Unglücklichen zum Tun werden zu lassen, gilt Simone Weil als Lob Gottes: „Lob für Gott und Mitleid für die Geschöpfe. Darin liegt kein Gegensatz, da Gott, indem er geschaffen hat, abgedankt hat. Man muß der schöpferischen Abdankung Gottes zustimmen […] ‚Ich hatte Hunger, und ihr habt mir zu essen gegeben.‘ Gott kann Brot für die Unglücklichen erbitten, aber geben kann er es ihnen nicht.“

„Wie sprechen wir von Gott – ohne Religion […]?“ Der Frage nach der religionslos-weltlichen Interpretation religiöser Begriffe, die Bonhoeffer 1944 in seinen Briefen an seinen Freund entwarf und nicht mehr ausarbeiten konnte, hätte Simone Weil vielleicht erwidert: „Nicht durch die Art, wie ein Mensch von Gott spricht, sondern durch die Art, wie er von irdischen Dingen spricht, kann man am besten erkennen, ob seine Seele im Feuer der Liebe zu Gott gewesen ist.“

Denkzettel

2020 haben wir nicht nur den Begriff „Lockdown“ kennengelernt und finden uns fortgesetzt in einer Situation von Getrenntsein, Sorge und Unabsehbarkeit bis zu Lebensgefahr. Eine Schülerin sagte mir im Religionsunterricht, Gott habe der Welt mit Corona einen Denkzettel verpasst. Bei aller vorsichtigen Zurückweisung ihrer Deutung gestehe ich ein, dass ich zu „Denkzetteln“ gegriffen habe, die in Zeiten geschrieben wurden, die auch von Getrenntsein, Sorge und Unabsehbarkeit bis zu Lebensgefahr bestimmt waren. Das mag kein Trost sein, aber vielleicht ist es Licht – zu sehen, in welcher Liebe oder Freundschaft wir mit wem getrennt nah verbunden sind.

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Elisabeth Pernkopf, Dr. theol., unterrichtet Angewandte Mathematik und Religion (kath.) an der HLW Sozialmanagement der Caritas der Diözese Graz-Seckau und ist Lehrbeauftragte an der Katholisch-Pädagogischen Hochschule Graz.

Photo: Ashkan Forouzani (Unsplash)

Von ihr auf feinschwarz.net bereits erschienen und thematisch aktuell:

Warten können

[1] Simone Weil: Cahiers. Aufzeichnungen. 4 Bände. Herausgegeben und übersetzt von Elisabeth Edl und Wolfgang Matz, München: Hanser 1991–1998. Hier: C3 184.

[2] Vgl. ihr Brief an P. Perrin Mitte Mai 1942. – Simone Weil: Zeugnis für das Gute. Aus dem Französischen übersetzt und herausgegeben von Friedhelm Kemp, Zürich: Benziger 1998, 105, 111.

[3] Ebd., 105.

[4] Vgl. sein Brief an E. Bethge vom 21. Juli 1944. – Dietrich Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, Gütersloh: Christian Kaiser Verlag 1998 (= Dietrich Bonhoeffer Werke 8), 541f.

[5] Alle Zitate von Dietrich Bonhoeffer im Folgenden aus DBW 8, in der Reihenfolge der Zitation: 255, 255, 244, 541f., 533, 534, 542, 405.

[6] Alle Zitate von Simone Weil im Folgenden aus den Cahiers, in der Reihenfolge der Zitation: C2 181, C2 316, C2 49, C2 151.153, C3 88, C4 164, C4 137.

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