Wer Kleriker sät, wird Klerikalismus ernten!

Judith Müller, Kleidung

Judith Müller beobachtet und reflektiert mit dogmatisch informiertem und organisationssoziologischem Blick pastorale diözesane Praxis und fragt: Wie spricht die Kirche in ihren (Amts-)Strukturen von Gott? Wie kommt Bewegung in ein erstarrtes System? Wie kann es mit dem Amt in der Kirche weitergehen?

 Kontrasterfahrungen im Jahr 2019:

  • 7. April 2019: „Die Vereine sind mit Fahnenabordnungen vertreten, der Kirchenchor hat eigene Stücke für den Festgottesdienst eingeübt, der Weihbischof ist da und die Geisenhausener Pfarrkirche ist voll. Es ist wie bei der Installation eines neuen Pfarrers. Und eigentlich stimmt das auch. Nur besteht der neue Pfarrer aus fünf Personen, drei davon sind ehrenamtlich und zwei davon hauptamtlich. Dieses Team tritt in alle Rechte und Pflichten ein, die sonst einem Pfarrer zukommen. Es kümmert sich darum, dass Urkunden rechtsverbindlich unterschrieben sind, entscheidet über die Zahl der Gottesdienste oder sorgt für die Krankenkommunion.“1 Das Leitungsmodell aus Haupt- und Ehrenamtlichen soll zwei Jahre lang im Pfarrverband Geisenhausen erprobt werden und wurde vom Erzbischof von München und Freising in Auftrag gegeben.
  •  Ein Neupriester, geweiht im Frühsommer 2019, präsentiert sich auf seinem Primizbild als „Priester Jesu Christi“ – und zwar ausschließlich. Die Rückseite des Bildes füllt ein Gebet der hl.  Therese von Lisieux (1873-1897). Ganz in der Denkwelt der neuscholastischen Priesterkonzeption des 19.  Jahrhunderts bittet es „Jesus, den ewigen Hohenpriester für Seine Priester“: „Bewahre unbefleckt ihre gesalbten Hände, die täglich Deinen heiligen Leib berühren. Bewahre rein die Lippen, die gerötet sind von Deinem kostbaren Blute. Bewahre rein und unirdisch ihre Herzen … schütze sie vor der Ansteckung der Welt. Gib ihnen mit der Wandlungskraft über Brot und Wein auch die Wandlungskraft über die Herzen.“

Kulturwandel nicht ohne Strukturwandel

Die MHG-Studie2 hat als wesentlichen Faktor für sexuellen Missbrauch und dessen Vertuschung den Klerikalismus benannt. Als Reflex auf die Problemanzeige Klerikalismus wurde von verschiedenen Seiten ein notwendiger Kulturwandel angemahnt. Die Organisationssoziologie unterscheidet drei Seiten einer Organisation: Struktur, Kultur und Fassade.3 Zu Struktur zählen vor allem Programme (Kriterien, nach denen entscheiden werden muss), Kommunikationswege (Entscheidungsbefugnisse, Hierarchien) und Personal (Personalentscheidungen, Personalauswahl). Der Begriff Kultur steht dagegen für das Informelle, für ungeschriebene Gesetze, eingespielte und bewährte Denkschemata, Deutungsmuster. Fassade benennt das Bemühen jeder Organisation um ein schlüssiges Außenbild, notfalls um den Preis des Ausblendens von Komplexität und ungelöster Konflikte.

Kirche ist nicht anders als andere Organisationen.

Die Kirche unterscheidet sich darin nicht von anderen Organisationen, dass im Fall der Krise zuerst zum Kulturwandel aufgerufen wird. Wirksame Veränderungen sind jedoch nur durch Strukturentscheidungen zu erreichen. „Der zentrale Hebel, über den die Informalität von Organisationen – oder wenn man will: die Organisationskultur – verändert wird, sind Entscheidungen über die Formalstruktur“ (Kühl, 129). Klerikalismus ist also nicht zuerst eine Kulturfrage, sondern ein Implement der Struktur. Wer Kleriker sät, wird Klerikalismus ernten. Was ansteht, ist – jetzt wieder theologisch gesprochen – der  endlich zu vollziehende „Abschied von der Ständekirche“ (Peter Neuner).4

Wozu braucht die Kirche ein Amt?

Die drei wesentlichen Erfolgskriterien des Immobilienmarktes werden bekanntlich zusammengefasst mit drei „L“: Lage, Lage, Lage. Als Gemeindeberaterin nach zig begleiteten Entwicklungsprozessen vor Ort wage ich eine Einschätzung zu den drei „L“ gedeihlichen Gemeindelebens: Sie lauten Leitung, Leitung, Leitung. Gemeinden sind soziale Systeme. Soziale Systeme brauchen Leitung, und zwar eine Leitung, die im Regelfall funktioniert – strukturell und personell, d.h. in möglichst guter Entsprechung von Zuständigkeits- und Fähigkeitskompetenz.5 Die vielfach anzutreffende gegenteilige Realität fasste ein Gesprächspartner vor kurzem mit den Worten zusammen: „Auf dem Altar der Konsekrationsbefähigung wird das Leben von Gemeinden geopfert.“ So lange noch ein Priester gefunden werden kann, der rite et recte die Messe hält, gilt eine Pfarrei als „versorgt“. Gemeinden leben aber nicht vom eucharistischen Brot allein. Sie leben nicht nur von „Kommunion“, sondern gleichviel von „Kommunikation“.

Das Konzept des Priesteramtes – ein Hybrid in der Sackgasse

Die kirchliche Amtsstruktur war und ist immer im Werden, sie ist nie abgeschlossen. Beim Amt geht es um Funktionen in der Kirche. Seine Entwicklung korreliert mit den Erfordernissen der Kirche in der jeweiligen Zeit und im jeweiligen gesellschaftlichen Umfeld. Das heutige Priesteramt ist ein auf dem Kopf stehender Hybrid aus konkurrierenden und sich gegenseitig reibenden Grundkonzeptionen. Die altkirchliche bischöfliche Struktur, die die christliche Antike prägte und deren Fokus die vornehmlich durch Verkündigung und Lehre ausgeübte Leitungsfunktion (also im Kern die Sorge für die „Sozialität“ der Kirche) bildet, liegt auf dem im Mittelalter entstandenen und tridentinisch-nachtridentinisch verengten und zugespitzten Amtsmodell des übernatürlich befähigten Konsekrators auf.

Seit dem Vaticanum II. ist eine nun gut 50-jährige überbordende und in sich wiederholenden Schleifen auf der Stelle tretende Debatte um Priesterbild und Amtsverständnis zu beobachten.6 Welch immenser argumentativer Aufwand, welches „Gewese“ um das „Wesen“ des Priesteramtes, welche Bemühtheit, das „Spezifikums“ des Amtes im Unterschied zum „Laien“ – also zum/r Nicht-AmtsträgerIn zu formulieren. Gemeinden brauchen Leitung, die im Regelfall funktioniert – strukturell und personell. Bei Ordo / Ordinatio geht es nicht um die persönliche Vervollkommnung spirituell ambitionierter Individuen, sondern um die Bedürfnisse der Gemeinschaft der Glaubenden. Die Priesterweihe ist keine Prozedur zur Herstellung Außerirdischer. Der lateinische Originalbegriff für den Vorgang heißt – im Unterschied zu dem mit sakralen Bildern aufgeladenen deutschen Wort Priesterweihe – ordinatio, und nicht consecratio (Weihe).

Davon zu unterscheiden und nicht in Abrede zu stellen ist das existenzielle Engagement, das dieser Dienst impliziert. Dass Priester-, Seelsorger-, Pfarrersein als Lebensprojekt angelegt ist, dass es als Verwirklichung einer „Berufung“ erlebt werden kann, als Antwort auf ein inneres Muss, als religiös deutbare Erfahrung, als Berührung durch das Heilige, das alles  braucht nicht in Frage gestellt zu werden, muss aber auch nicht als exklusives Merkmal beansprucht werden. Erfahrungen existenzieller Unbedingtheit teilen auch Künstler, Ärztinnen, Lehrer, Rettungsschiffkapitäninnen, Klimastreikinitiatorinnen.

Theologie in den gegenwärtigen Transformationsprozessen

Theologie ist Rede von Gott. Bereits vor 50 Jahren hat Peter Hünermann darauf aufmerksam gemacht, dass die Sprache zu Amt und Vollmacht in der Kirche in einer theistischen Sprachepoche geprägt wurde, in der Gott de facto weithin der Gebrauchte war. Die Aussagen über das Amt sind magisch, d.h im Sinne eines grundsätzlichen Gebrauchens Gottes misszuverstehen.7 Der Missbrauch von Menschen wurde ermöglicht, gefördert und verbrämt durch das Gebrauchen Gottes. (Amts-)Theologie macht sich mitverantwortlich, wenn sie nichts anderes ist als die Bereitstellung von Sprachspielen zur Legitimation kirchlicher Machtverhältnisse.  Die Theologie vom kirchlichen Amt hat in den gegenwärtigen Transformationsprozessen der Kirche anderes – besseres – beizutragen.

Theologie (als Kirchen- und Dogmengeschichte) hat zuerst die Breite und Vielfalt der Tradition bereitzuhalten. Die Geschichte des kirchlichen Amtes ist voller Lösungen. Die Theologie ist vorhanden, die Modelle gibt es. Es gibt die Charismenordnung des Paulus, es gibt Berufung und Wahl durch die Gemeinde und die Praxis relativer Ordinationen in der Kirche der ersten Jahrhunderte. Theologie zum kirchlichen Amt hat dann die Aufgabe, das, was in den gegenwärtigen Suchprozessen praktisch geschieht, ekklesiologisch zu deuten. Welche ekklesiologische Bedeutung haben die Leitungsmodelle, die gegenwärtig erprobt werden? Konkret: Ist die Kirche von Geisenhausen Sakrament, Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der Menschen?

Ist die Kirche von Geisenhausen Sakrament?

Amt gibt es nur in Relation zur Kirche und in ihr. Die sakramentale Struktur der Kirche (wichtigste Referenzstelle Lumen Gentium 8) wird nicht durch das Amt geschaffen, sondern liegt der Sakramentalität von Ämtern voraus und begründet sie. Der Begriff Sakramentalität sagt etwas über die theologische Bedeutung der in der Kirche notwendigen und ausgeübten Dienste. Und schließlich: Wenn Amtstheologie wirklich Theologie ist, dann lautet ihr Kernthema: Von welchem, von was für einem Gott spricht die Kirche in ihrem amtlichen Handeln und spricht die kirchliche Amtsstruktur? Und wie spricht sie von ihm? Der Vorstellungsweg von einem im Amtshandeln verfügbaren zu einem brauchbaren und missbrauchbaren Gott ist kurz. Theologie muss der Verwechslung von darstellendem mit herstellendem, performativem mit produktivem Handeln wehren. Sie hat in Erinnerung zu rufen, dass die Epiklese nicht nur ein liturgisches Gestaltungselement ist, sondern dass – lex orandi / lex credendi – die Grundform aller Vollzüge einer Kirche, die sich selbst als Sakrament versteht, immer epikletisch zu denken ist.8

Die frühen Ordinationsformulare haben trotz ihrer Befangenheit in einem „theistischen“ Vorstellungskontext das Bewusstsein um die Unbrauchbarkeit Gottes bewahrt.9 Aus ihnen geht hervor, dass für die legitime Betrauung mit dem Bischofsamt die Wahl durch die Gemeinde und die Handauflegung durch einen der anwesenden Bischöfe konstitutiv sind. Im Ordinationsgebet der traditio apostolica Hippolyts (3. Jh.) ist davon die Rede, dass der von der Gemeinde ausgewählte Kandidat von Gott selbst zum Episkopat erwählt wurde. Dieser Wechsel des Subjektes (Gott selbst hat gewählt – die Gemeinde hat gewählt) bezeugt den Glauben, dass sich gerade im freien und verantwortlichen einmütigen Tun der Gemeinde das Wirken Gottes ereignet, nicht danach oder daneben. Schon die Wahl ist ein Akt des Glaubens. Im Glauben vertraut die Gemeinde darauf, dass sie auf die Nähe Gottes zählen darf, wo sie jemanden auswählt, den sie für geeignet erachtet. Die Gemeinde handelt unter dem Antrieb des Geistes. Nicht sie braucht Gott, um ihrem Tun eine göttliche Legitimität zu verleihen, sondern Gott gebraucht sie. Damit ist die Weihehandlung keine Weitergabe okkulter Kräfte und magischer Vollmachten. Der ordinierende Bischof gibt keine ihm zum Gebrauch überlassene, göttliche Bevollmächtigung als Verfügender weiter. Er gebraucht Gott nicht.

Theologie kann ihren Beitrag leisten, dass den kirchlichen AkteurInnen inmitten der laufenden Transformationprozesse die breiten Ressourcen aus dem Erfahrungsschatz der Kirche bekannt sind und zur Verfügung stehen. Bei leidlicher theologischer Informiertheit gilt hinsichtlich der Gestaltungsmöglichkeiten kirchlicher Strukturen weit seltener „non possumus“ als „possumus“. Die Kirche kann und darf – und sie muss deshalb auch – die Strukturen entwickeln, die der Verkündigung des Evangeliums in der Welt von heute dienlich sind. Wer nur nachdenkt, kommt immer zu spät. Es ist Zeit zum „Vormachen“.10

Text: Dr. theol. Judith Müller, Leiterin kirchliche Organisations- und Gemeindeberatung Erzbistum München und Freising

Bild: Judith Müller (mit freundlicher Genehmigung durch Textildesign www.ilonawittmann.de)

__________________________________________

Weitere Beiträge von Judith Müller:

Leserinnenbrief zu „Strukturelle Facetten des Klerikalismus“

Nach dem Vorbild und der Weisung Christi: Frauen zur Verkündigung ordinieren!

„Nichts ist zu tun – ohne in Tatenlosigkeit zu versinken.“

  1. vgl. https://mk-online.de/meldung/das-team-ist-der-chef.html.
  2. Das Forschungsprojekt „Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz“ ist ein Konsortium aus verschiedenen wissenschaftlichen Einrichtungen. Dazu gehören das Zentralinstitut für seelische Gesundheit (Mannheim), das Institut für Kriminologie der Universität Heidelberg, das Institut für Gerontologie der Universität Heidelberg und die Professur für Kriminologie, Jugendstrafrecht und Strafvollzug an der Universität Gießen. Aus den drei Ortsnamen Mannheim – Heidelberg – Gießen ist die Abkürzung MHG zusammengesetzt.
  3. Stefan Kühl, Organisationen. Eine sehr kurze Einführung, 2011, 89 – 157.
  4. Peter Neuner, Abschied von der Ständekirche. Plädoyer für eine Theologie des Gottesvolkes, Freiburg i.B. 2015.
  5. vgl. Hermann Stenger, Kompetenz und Identität. Ein pastoralanthropologischer Entwurf, in: Ders. (Hg.), Eignung für die Berufe der Kirche. Klärung – Beratung – Begleitung, Freiburg i.B. 1988, 21-133, bes. 32-34.
  6. vgl. z.B. Judith Müller, In der Kirche Priester sein. Das Priesterbild in der deutschsprachigen katholischen Dogmatik des 20. Jahrhundert, Würzburg 2001, 181-331.
  7. Peter Hünermann, Die  Rede von Gott und das kirchliche Amt, in: W. Pesch, P. Hünermann, F. Klostermann, Priestertum – kirchliches Amt zwischen gestern und morgen, Aschaffenburg 1971, 36-70.
  8. vgl.  Michael Böhnke, Kirche in der Glaubenskrise. Eine pneumatologische Ekklesiologie, Freiburg i.B. 2013.
  9. vgl. Hünermann a.a.O (1971) und Hervé Legrand, Das Amt in der Ortskirche, in: P. Eicher, Neue Summe Theologie Bd. 3, Freiburg 1989, 116-181 (orig frz: Les ministères de l’Église locale à la pratique de la théologie. Bd III, Paris 1983, 181-273).
  10. P. Altus Jebada: „Wir denken in der Kirche oft zu viel nach und nicht voraus, wenn es um Veränderungen geht.“ https://mk-online.de/meldung/das-team-ist-der-chef.html.
Print Friendly, PDF & Email