Zurück zum Anfang? – Nein, zu den Anfängen!

Der großen Sehnsucht nach Homogenität geht Christian Schramm mit dem Ansatz „Im Anfang waren Viele. Pluralität der Theologie im ersten Christentum“[i] von Ansgar Wucherpfennig SJ nach. Er findet eine anregende Lektüre – gerade auch angesichts der Pluralitätsherausforderungen der Kirche heute.

In (inner-)kirchlichen Diskussionen ist heute oft der Ruf nach Konzentration auf das Wesentliche zu vernehmen. Es gelte, so heißt es, sich auf das kirchliche „Kerngeschäft“ zu besinnen. Dies wird stets absichtsvoll gefordert: Mal soll das Thema Evangelisierung in den Vordergrund geschoben und die leidigen Struktur- und Machtdebatten zurückgedrängt werden. Mal wird die Forderung zur Abwehr vermeintlich „zeitgeistiger Abwege“ der kirchlichen Praxis ins Feld geführt. Mal gilt es, zusammengestrichene Stellenpläne mit Blick auf das pastorale Personal zu legitimieren.

Der Blick zurück – vergeblich

Mit dem Fokussierungsruf im kirchlichen Kontext ist meist ein – manchmal sehnsuchtsvoll-verklärender – Blick zurück verbunden. Wir müssen uns in der Kirche wieder auf den Anfang besinnen, den Ursprung – so das Plädoyer. In der Folge werden Jesus sowie die ersten (ur-)christlichen Gemeinden als Idealvorbilder in den Mittelpunkt gerückt.

Dumm nur, dass es nicht das gewünschte Resultat gibt.

Die damit gehegte Hoffnung: eindeutige Orientierung für die Kirche heute (Struktur, Organisation, Handeln, Prioritäten …) angesichts vielfältiger Pluralitätsherausforderungen, verlässliche Maßstäbe und Richtungsweisung.
Dumm nur, dass der Blick zurück auf den Anfang nicht das gewünschte eindeutige Resultat erbringt. Vielmehr kommt dabei sehr Unterschiedliches heraus – auch hinsichtlich von Ämtern, Zulassungsfragen, Beteiligung von Frauen („Maria 2.0“ vs. „Maria 1.0“).

Die Exegese als Schiedsinstanz – von wegen

In dieser Situation liegt es nahe, die exegetische Wissenschaft als klärende Instanz anzurufen. Gerade Neutestamentler_innen scheinen sich als die dringend benötigten Expert_innen anzubieten, um richtig und falsch zu unterscheiden.

Exegese als „Hilfe zu Selbsthilfe“

Doch weit gefehlt – leider oder zum Glück. Diese Rolle taugt für die exegetische Wissenschaft nicht – und zwar aus zweierlei Gründen. Erstens: „Wissenschaftliche Exegese ist gewissermaßen ‚Hilfe zur Selbsthilfe‘; sie soll dazu führen, dass Christen mit der Bibel selbst ihr Leben in seinen verschiedenen Bezügen zum Wort Gottes begreifen“ (S. 41).
Zweitens: Die biblischen Schriften, die uns etwas von der kirchlichen Gründungsvergangenheit erahnen lassen, sind selbst vielfältig. Den Anfang gibt es nicht – vielmehr stehen wir vor einer Pluralität von Anfängen. Oder um es mit A. Wucherpfennig zu sagen: „Im Anfang waren Viele“.

Das Buch eines streitbaren Exegeten

Womit wir bei der theologischen Studie angelangt wären, die ich Ihnen ein wenig vorstellen und als reizvoll-anregende Gesprächspartnerin gerade auch in der gegenwärtigen kirchlichen Diskussionslandschaft empfehlen möchte.

Ein streitbarer Jesuit und Neutestamentler

Zumal Wucherpfennig vermutlich einer breiteren Öffentlichkeit als streitbarer Neutestamentler bekannt sein dürfte: Der Jesuit lehrt seit 2002 an der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Georgen in Frankfurt am Main als Neutestamentler, seit 2008 als Professor (s. Link). Seit 2014 ist er Rektor der Hochschule, was 2018 trotz seiner Wiederwahl fast zu einem jähen Ende gekommen wäre: Die römische Bildungskongregation verweigerte ihm die Genehmigung („nihil obstat“) – zunächst. Der Vorgang wurde öffentlich und schlug hohe Wellen.

Ein Sammelband – Mehr als die Summe der Teile I

Im vorliegenden Sammelband ist die „apostolische Zahl“ von zwölf Aufsätzen vereint, die zwischen 2004 und 2019 erschienen sind; ein Beitrag ist bislang unveröffentlicht. Derartige Sammelbände haben einen unbestreitbaren praktischen Nutzen: Wenn ich eine geballte Ladung Einzelbeiträge einer_s bestimmten Exeget_in lesen möchte, dann habe ich sie hier kompakt zur Hand und muss sie mir nicht mühsam zusammensuchen.

Eine planvoll komponierte Reise durch den biblischen Kanon

Doch kommt daneben noch ein Mehrwert ins Spiel – ein wenig vergleichbar dem biblischen Kanon: Durch die Zusammenstellung werden einzelne Beiträge mit eigener Entstehungsgeschichte, Eigenwert und Eigenaussage in einen größeren Zusammenhang integriert; fortlaufend gelesen können sich zusätzliche Sinndimensionen ergeben.

So werde ich als Leser des vorliegenden Bandes auf eine planvoll komponierte Reise mitgenommen, wobei sich die zwölf Beiträge zu einer Route durch den neutestamentlichen Kanon zusammenfügen. Die Reise erfolgt in fünf Etappen, die ausdrücklich als Großkapitel markiert sind: I. Evangelienexegese; II. Matthäus; III. Johannes und Markus; IV. Von Johannes zur Gnosis; V. Apostelgeschichte und Paulus. Das erleichtert die Orientierung. Zudem wird meine Lesereise durch den Titel des Gesamtwerks unter ein leitwortartiges Motto gestellt: „Im Anfang waren Viele“. Dadurch wird mir für meine Lektüre gewissermaßen eine „Lese-Brille“ aufgesetzt.

Ein-Blicke ins Buch

Es liegt in der Natur der Sache, dass für die_den einzelne_n Leser_in unterschiedliche Etappen der Lesereise durch den Sammelband unterschiedlich spannend und reizvoll sein werden. Meine persönlichen Lese-Highlights:

  • „Welche Zukunft hat die historisch-kritische Exegese?“ (S. 17–43; Evangelienexegese): Ausgehend vom II. Vatikanischen Konzil (dogmatische Konstitution „Dei Verbum“) wird hier über ein mögliches Gepräge der Evangelien-Exegese nachgedacht – orientiert an grundlegenden Charakteristika der Evangelien (Evangelien als biblische Geschichtsschreibung, Biographien, Geschichte von unten, Mikrohistorie, perspektivische Geschichtsschreibung).
  • In „Jesus mehr als Salomo“ (S. 47–56) wird der matthäische Stammbaum Jesu (Mt 1,1–17) unter die Lupe genommen, nach möglichen Quellen und redaktionellen Bearbeitungen dieser Quellen befragt und eine mögliche Sinnspitze profiliert. In „Wie beginnt man ein Evangelium?“ (S. 57–79) arbeitet der Verfasser das parodierende Potenzial des Matthäusanfangs heraus – parodierend im Vergleich mit der Mose-Vita. Dabei ist zu beachten: „Eine Parodie will das parodierte Original nicht ersetzen, aber sie setzt ihre Leserinnen und Leser in eine kritische Distanz zur parodierten Vorlage“ (S. 76).
  • Im Teil Johannes und Markus wird vor allem erprobt, inwiefern das Johannesevangelium Leser_innen voraussetzt, die das Markusevangelium kennen (vgl. auch S. 11). Hier fand ich besonders die Erkenntnisse zur Hochzeit von Kana („Die Hochzeit zu Kana“, S. 83–105) sowie zu Joh 6 („Johannes 6 für Leser des Markus“, S. 106–128) unter dieser Perspektive erhellend. Ein Clou: „Während Matthäus und Lukas Markus möglicherweise tatsächlich ersetzen wollten, schreibt Johannes ein Evangelium, das das Markusevangelium für seine Leser komplementär ergänzt“ (S. 127).

Manchmal sind die Suchenden auch die Gesuchten.

  • Mit Johannesevangelium und Gnosis befassen sich die drei Beiträge in Kap. Von Johannes zur Gnosis. Mich persönlich hat hier der mittlere Beitrag „Das Johannesevangelium und die antike Tragödie“ (S. 216–239) am stärksten in seinen Bann gezogen. Durch den Vergleich wird das literarisch geschickte Spiel mit „sehen/blind sein“ (manchmal sind gerade die körperlich Sehenden blind in Bezug auf das Wesentliche) und „suchen/finden“ (manchmal sind die Suchenden die eigentlich Gesuchten; manchmal werden die Suchenden zu Findenden) sowohl im Johannesevangelium als auch in der antiken Tragödie deutlich.

Identität als Interesse am Fremden

  • Zu guter Letzt macht Apostelgeschichte und Paulus noch einen Schritt in den weiteren neutestamentlichen Kanon hinein. Beide Beiträge in dieser Sektion sprachen mich als Leser an: „Acta Spiritus Sancti?“ (S. 261–285) arbeitet die Rolle des (heiligen) Geistes als Erzählfigur in der Apg heraus. M. E. besonders inspirierend: „die Herabkunft des Geistes [ist; C. S.] jeweils mit einem Überschreiten der sozio-religiösen Grenzen zu einer neuen ethnischen Gruppe verbunden“ (S. 279). Entsprechend wird der Paulus der Apg als jemand profiliert, „der prototypisch die neue allozentrische Identität eines Christen verkörpert: eine Identität, die durch ein ernstes Interesse am Fremden gekennzeichnet ist“ (S. 281f.) (zum letzten Beitrag des Bandes s. u.).

Ein Sammelband – Mehr als die Summe der Teile II

Aber unabhängig von persönlichen thematischen Vorlieben oder exegetischen Interessen: A. Wucherpfennig lässt anhand konkreter exegetischer Überlegungen die theologische Pluralität im frühen Christentum ausgezeichnet erleb- und sichtbar werden. Von daher lohnt sich die „kanonisch-synchrone“ Gesamtlektüre des Buches und der Motto-Titel verspricht nicht zu viel. Am Ende kann ich als Leser – exegetisch fundiert anhand prägnanter Exempla des Autors – zustimmen: „Im Anfang waren Viele“.

Der Blick zurück – anregend

Damit leistet A. Wucherpfennig auch gewissermaßen „Hilfe zur Selbsthilfe“ (s. o.): Ich werde davor bewahrt, von der exegetischen Wissenschaft durch Rekurs auf die Gründungsschriften eindeutige Richtungsansagen zu erwarten. Der Blick zurück auf den Anfang eignet sich gerade nicht als Wundermittel gegen die Pluralitätsherausforderungen, vor der die Kirche in der heutigen Zeit steht, sondern der Blick zurück auf die Anfänge macht deutlich, dass Pluralität von allem Anfang an dazugehört: zur Bibel, zur Theologie, zur Kirche. Entscheidend: „Pluralität [ist; C. S.] für die neutestamentlichen Schriften und für das frühe Christentum nicht defizitär verstanden“ (S. 12).

Vielfalt – Erkenntnis für kirchliche Diskussionen

Hier entsteht eine wichtige Erkenntnis für heutige kirchliche Diskussionen: „Kirche braucht auch heute ein verantwortetes Verständnis von Vielheit, das sie aus dem Neuen Testament gewinnen kann“ (S. 12). „Wenn Exegese das Neue Testament […] nicht mit einem vereinheitlichenden Harmoniestreben liest, sondern in der Freude, seine Vielfalt wieder zu entdecken, kann sie der Kirche helfen“ (S. 12).

Geduld, Geduld

In seinem letzten Beitrag setzt sich A. Wucherpfennig mit dem paulinischen Bild vom Ölbaum (Röm 11,16b–24) auseinander (S. 286–303). Seine Überlegungen zu dieser konkreten exegetischen Thematik eignen sich gut als zusammenfassendes Schlusswort: „Gottes Erwählung hebt Verschiedenheit nicht auf, sondern vereint sie in Christus“ (S. 302). „Es braucht Geduld, damit das Evangelium jeden Menschen erreichen kann. Erst dann wird der farbige Reichtum der Erwählung Gottes offenbar. Denn Geduld erträgt Verschiedenheit und gibt Raum für ihre Einheit“ (S. 303).

Von daher: Zurück zu den Anfängen!

___

Autor: Dr. Christian Schramm arbeitet als biblischer Fortbildner im Bistum Hildesheim und lehrt als Privatdozent Neues Testament an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Bonn.

Foto: RhondaK Native Florida Folk Artist / unsplach.com

[i] Ansgar Wucherpfennig SJ, Im Anfang waren Viele. Pluralität der Theologie im ersten Christentum (Stuttgarter Biblische Aufsatzbände 68), Stuttgart 2019. Im Folgenden werden der Einfachheit halber nicht die einzelnen Beiträge innerhalb des Aufsatzbandes zitiert, sondern immer nur das Gesamtwerk – mit Seitenzahlen, die sich direkt im Text finden.

Print Friendly, PDF & Email