Zwischen den Zeilen erzählen – Von den Anfängen des Christentums

Zwischen den Zeilen erzählen

Die Bibel offenbart und die Bibel verschweigt. Zum Beispiel, wer die drei Frauen Priska, Lydia und Phoebe waren. Erwähnt sind sie, aber was bewegte sie als Anhängerinnen von Jeshuah? Moni Egger, Marie-Theres Rogger und Katja Wißmiller lesen zwischen den Zeilen und erzählen, was mitgelesen werden kann.

„Der Gesalbte lebt. Er rettet und macht frei! Die Macht des Todes ist überwunden!“ Ganz schön brisant, diese Botschaft, die sich vor knapp zweitausend Jahren rund ums Mittelmeer verbreitete. Die Bibel nennt Frauen und Männer, die an dieser Mission beteiligt waren. Priska, Lydia und Phoebe sind drei von ihnen. Aber was die Frauen dazu antrieb, die Botschaft eines Auferstandenen unter die Leute zu bringen, davon erzählt die Bibel erstaunlich wenig.

Was die Frauen dazu antrieb, die Botschaft unter die Leute zu bringen.

Für die diesjährige biblische Rauhnacht[1] haben wir uns vorgenommen, ihre Geschichten zu erzählen. Ein ziemlich gewagtes Unterfangen, aus den wenigen überlieferten Bruchstücken Erzählungen zu gestalten. Doch das Umfeld von Apostelgeschichte und Paulusbriefen lässt sich aus Sozialgeschichte, Archäologie und biblischen Quellen erschliessen. Dieses Umfeld bietet genügend Stoff, um zu erzählen, wie es Phoebe und den anderen damals ergangen sein mag. Die so entstandenen Geschichten sind zwar nicht biblisch im eigentlichen Sinn, aber doch mehr als bloss biblisch inspiriert. Sie vergegenwärtigen, was damals den Lesenden selbstverständlich war und was bis heute zwischen den überlieferten Zeilen mitgelesen werden kann.

 

Priska – Apg 18,2f.24-28; 1Kor 16,19; Röm 16,3-5 (Moni Egger)

„… an jenem Tag spüren auch die Knechte und die Sklavinnen, wie die Gotteskraft zu ihnen kommt!“ Dieser Spruch von Joël hat Priska schon immer gefallen. Aber jetzt, mitten in all diesen Leuten, hier in Jerusalem, hier in diesem Rauschen und Brausen … Jetzt ist ihr, als spüre sie sie, diese Kraft, den Atemhauch Gottes. Und ohne dass sie es merkt, rinnen ihr Tränen über die Wangen.

Eigentlich hatte ich mir Priska als Lehrerin vorgestellt. Klug, gefasst, ein bisschen kühl, die eigenen Zweifel gut verbergend. Aber während des Schreibens wurde ich von ihr überrascht und eines besseren belehrt. Nun ist „meine“ Priska vor allem begeistert und leidenschaftlich. Wohl lehrt sie Apollos das rechte Christusverständnis, aber sie tut es nicht wie eine Gelehrte, sondern wie eine, die durchdrungen ist vom Glauben.

Sie lehrt wie eine, die durchdrungen ist vom Glauben.

Woher kommt diese Glaubenskraft? In Apg 2 wird beim Pfingstereignis unter vielen anderen Herkunftsorten der Anwesenden auch Pontus genannt, die Heimat von Priskas Mann Aquila. Schon springt meine Phantasie an. Ich sehe die beiden vom Schwarzen Meer her aufbrechen. Ihr Ziel ist Rom. Aber da sie sowieso schon unterwegs sind, packen sie die Gelegenheit beim Schopf und begeben sich auf die Pessach-Wallfahrt nach Jersualem. Sie bleiben bis Schawuot in der heiligen Stadt. Ich stelle mir vor, wie sie etwas wehmütig vom nahenden Abschied durch die Gassen schlendern, mitten hineingeraten in den pfingstlichen Geiststurm und sich zusammen mit 3000 anderen taufen lassen. Dieses Erlebnis lässt Priska nicht mehr los. Es ist ein Aufbruch zu etwas Neuem. Noch oft wird sie aufbrechen, zusammen mit Aquila. Und wo sie auch hinkommt – Rom, Korinth oder Ephesos – überall erzählt sie davon, schart Leute um sich, teilt ihre Begeisterung. Sie betet und feiert, sie lehrt, sie segnet Brot und Wein, sie sucht unablässig nach Gerechtigkeit.

Es ist ein Aufbruch zu etwas Neuem.

Priska ist jetzt schon eine ganze Weile in Ephesos. Aber immer noch verschlägt es ihr jedesmal fast den Atem, wenn sie ein Schattensegel in einer der Villen abgeben muss. „Die Welt ist so abgrundtief ungerecht, das ist zum Heulen!“ seufzt sie dann, denkt an die armen Schlucker in den Hinterhöfen und hält sich an dem, was sie seit bald zwanzig Jahren allen erzählt: „Jeshua kommt bald wieder. Dann baut er die neue Welt auf, die Welt, in der Gott allein Kaiser ist und Jeshua der einzige Herr.“

 

Lydia – Apg 16,13-15 (Marie-Theres Rogger)

Gebannt und mit wild klopfendem Herzen starrt Lydia auf die seidenfein gesponnenen Wollfäden. Sie sind durchdrungen vom Drüsensekret der Färberschnecken, das jetzt im Sonnenlicht die Farbe verändert. „Labate nün, eutüss! Wegnehmen, sofort“, schreit sie plötzlich. Zwei Färberinnen reissen die Wolle von der Sonne in den Schatten. Eine Weile ist es still, die Zeit scheint den Atem anzuhalten. Aber jetzt huscht ein zufriedenes Lächeln über Lydias Gesicht. Die Wolle hat präzis den Farbton, den sie sich vorgestellt hat.

Wer selbst schon gefärbt hat, kennt die wechselnden Gefühle in einem solchen Moment: Die Angst es zu vermasseln, den rechten Zeitpunkt nicht zu erwischen und gleichzeitig eine freudige Spannung zu empfinden auf den Farbton, der es dann sein wird.

So und ähnlich fühlte ich mich oft beim Ent-Wickeln meiner Erzählung. In wenigen, knappen Sätzen taucht sie in der Bibel auf, Lydia, die Purpurhändlerin, um sich dann wieder im Wirrwarr der Welt-Geschichte zu verlieren. Leuchtend, schillernd kamen mir die Worte zu Beginn entgegen, uneindeutig wie die Farbe Purpur – Rot mit Blau und Blau mit Rot, hell und dunkel, zart und kräftig. So eine kostbare Bibel-Miniatur will behutsam behandelt werden, will Geduld, Musse, Hingabe, Konzentration.

Leuchtend, schillernd kamen mir die Worte zu Beginn entgegen.

Und wie beim Färben, waren sie auch beim Schreiben da, die Ängste: Was ist, wenn sich aus diesen wenigen kargen Sätzen keine Geschichte machen lässt, wenn sich Lydia mir partout nicht zeigen will? Auf der anderen Seite trieben mich Neugier und Freude am Forschen an: Wer war sie, diese Frau mit dem exotischen Beruf? Wie kommt sie zu diesem kurzen und doch so prominenten Auftritt in der Bibel? Wie lebten die Menschen in Philippi zu jener Zeit? Welche Ängste, Nöte, Freuden trieben sie um? Fragen über Fragen. Da ich über das textile Handwerk eine Verbindung zu Lydia fühle, vertiefte ich mich als erstes in die Kunst des Färbens mit den Färberschnecken, tastete mich langsam einem purpurnen Erzählfaden entlang. Und siehe, da kam sie hinter den Stoffballen hervor, die Lydia, eine bodenständige, pragmatische und erfolgreiche Geschäfts-Frau, die jedoch bei den Webkanten nicht Halt macht, sondern den Mut hat, an den Rändern zu suchen, an den Rändern der Religionen, an den Rändern der Gesellschaft, an den Rändern des Bewusstseins.

 

Phoebe – Röm 16,1 (Katja Wißmiller)

In seinem Schlusskapitel des berühmten Briefes an die Gemeinde in Rom schreibt Paulus:

„Ich empfehle euch unsere Schwester Phöbe, die auch Dienerin der Gemeinde von Kenchreä ist. Nehmt sie im Namen des Herrn auf, wie es Heilige tun sollen, und steht ihr in jeder Sache bei, in der sie euch braucht; denn für viele war sie ein Beistand, auch für mich selbst.“ (Röm 16,1f |EÜ)

Diese spärlichen Informationen genügen kaum für die Basis einer eigenen Erzählung. Interessant ist ihr Name in der Grussliste trotzdem. Denn das dienstliche Umsorgen, auf das Paulus hier Bezug nimmt, beinhaltet ein Amt: das Amt der „Dienerin von Kenchreä“. Phoebe regelt als Leiterin der Gemeinde vermutlich die Güterverteilung, bietet Hilfe für Bedürftige, vermittelt Kollekten und steht für Paulus im Verkündigungsdienst, wenn man seine Formulierung mit anderen Zeugnissen vergleicht (vgl. 1Kor 3,5; 2Kor 6,1-13; Röm 12,7; Röm 15,25). Doch ihre führende Rolle dürfte in den brenzligen Zeiten rund um das Jahr 50 sehr herausfordernd gewesen sein.

Ihre führende Rolle dürfte sehr herausfordernd gewesen sein.

Wie genau Phoebe damals den Brief nach Rom überbrachte, übers Meer und übers Land – das wäre schon eine Erzählung wert. Doch um den Graben zu überbrücken, der heute zwischen uns und Paulus resp. seinen Ideen liegt, bietet sich diese unbekannte Frau geradezu als zeitlose Gegen- und Mitspielerin an. Inspirierte Paulus die Art, mit der Phoebe mit den multikulturellen Gegebenheiten in Kenchreä umzugehen wusste? Vielleicht war es Phoebe ein Anliegen, mit ihrer Gabe nach Rom ins Zentrum der Macht zu gehen, um dort mitzuwirken an der Idee einer anderen Welt.

Und da wäre noch ihr Name: Phoebe, die Leuchtende, eine Tochter der Titanen in der griechischen Mythologie. Heute ist dem Namen Phoebe eine ganze Pflanzengattung an immergrünen Bäumen gewidmet. Ja, so könnte die Phoebe gewesen sein: Eine Frau, die immer frisch und grossgewachsen Neues schaffen will, neugierig und kraftvoll – ideal, für diese Zeit des neuen Aufbrechens.

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Autorinnen: Moni Egger, Marie-Theres Rogger, Katja Wißmiller

Beitragsbild: Die drei Erzählerinnen – Foto: Violet Vogt, VVPhotography

Der Verein BibelErz gräbt nach kostbaren Erzen in uraltem Boden und fördert so die biblische Erzählkunst. www.bibelerz.ch

[1]  Immer am 29. Dezember lädt der Verein BibelErz zur biblischen Rauhnacht ein. An diesem Abend zwischen den Jahren entführen die Erzählerinnen des Vereins in biblische Welten. Ihre Geschichten haben sie nach biblischer Vorlage selbst erarbeitet und erzählen sie frei in der eigenen MundArt. Mehr zum Bibelerzählen hier auf feinschwarz.net und mehr zur biblischen Rauhnacht 2020 hier: www.bibelerz.ch/geschichten.
Nachtrag am 13.12.2020: Die biblische Rauhnacht vom 29. Dezember 2020 ist abgesagt aufgrund der neuen Covid-19-Bestimmungen des Bundesrates.

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