Die Hilfsorganisation SOLWODI e.V. lebt die Option für die Armen zugunsten von Frauen in Not. Lena Höckerschmidt hat genauer hingeschaut.
Samira ist 18 Jahre alt, als sie ihre Familie verlassen muss. In ihrem kurzen Leben durfte sie noch nie eine eigene Entscheidung treffen, hatte kaum bis gar keine Privatsphäre. Als sie dann mit einem fremden Mann verheiratet werden soll, ist ihr klar, dass sie nicht bleiben kann. „Hätte ich mich geweigert, hätte mir meine Familie Gewalt angetan und mich eingesperrt, bis mein Wille gebrochen wäre.“[1] Sie wendet sich an eine Schulsozialarbeiterin und kann in einer geschützten Unterkunft untergebracht werden. Es wird eine Datensperre eingerichtet und sie wird umgemeldet, ohne dass ihre Eltern etwas davon erfahren.
Einsatz gegen geschlechtsspezifische Gewalt an Frauen
Weltweit werden jedes Jahr schätzungsweise 12 Millionen Mädchen vor ihrem 18. Geburtstag zwangsverheiratet.[2] Im Jahr 2023 wandten sich insgesamt 251 Mädchen und Frauen, denen eine Zwangsheirat angedroht wurde oder die bereits zwangsverheiratet worden waren, an den SOLWODI Deutschland e. V., kurz SOLWODI. Eine von ihnen war Samira (Name geändert). SOLWODI steht für Solidarity with women in distress: Solidarität mit Frauen in Not.[3] Mit Frauen sind alle Personen gemeint, die sich selbst als Frau definieren und bezeichnen. Besondere Aufmerksamkeit widmet der Verein Frauen und ihren Kindern, die im Kontext von Migration und Flucht in Not geraten und Gewalt erfahren. Gerade Frauen leiden auf der Flucht und im Aufnahmestaat in besonderem Maße unter geschlechtsspezifischer Gewalt sowie unter intersektionaler Diskriminierung, die sich durch rassistische und strukturell-institutionelle Gewalt verschärft.
Ich kümmere mich um Deine chancenlosen Töchter, lass mich nicht hängen.
Gegründet wurde SOLWODI zunächst 1985 in Kenia und anschließend 1987 in Deutschland durch Sr. Lea Ackermann (1937–2023). Die Hilfsorganisation ist ihr Lebenswerk, sie prägte die Werte und Ziele: „Lieber Gott, ich kümmere mich um Deine chancenlosen Töchter, lass Du mich jetzt nicht hängen.“[4] Das christliche Menschenbild, die Gottesebenbildlichkeit des Menschen sowie der unbedingte Wille Gottes, dass alle Menschen ein erfülltes Leben haben, bilden seit der Gründung das Fundament des Vereins. Außerdem bezieht sich SOLWODI auf das Leben Jesu. Es ermutige zu einem bewussten Umgang mit Leid und Ungerechtigkeit sowie dazu, „alles daran zu setzen, Leiden zu verringern und entschieden gegen Erniedrigung, ungerechte Strukturen und Ausbeutung vorzugehen“[5].
Eine entschiedene Option für die Armen
Diese theologische wie christologische Ausrichtung bildet gleichermaßen die Grundlage für die Option für die Armen. Sie richtet den Blick auf Menschen am Rande der Gesellschaft und prangert die prekären Bedingungen an, unter denen sie leben müssen. Zugleich öffnet sie den Blick dafür, diese Menschen als Subjekte ernst zu nehmen, ihre Not zu lindern und sie dabei zu unterstützen, selbstbestimmt zu leben und an der Gesellschaft teilzuhaben.
Es brauchte einen Perspektivwechsel – den Blick von unten
Die Anfänge der Rede von der Option für die Armen in der modernen Theologie liegen in der Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils, wobei das Konzil selbst diese Option nicht geprägt hat. Die Konzilstexte, insbesondere Lumen Gentium, Ad Gentes sowie Gaudium et Spes, thematisieren zwar Armut und gehen an verschiedenen Stellen auf die Armen ein, beispielsweise auf die theologische Bedeutung einer Identifizierung mit den Armen (GS 1). Die Kirche ringt sich jedoch noch nicht dazu durch, sich selbst explizit auf die Option für die Armen und auf eine Identität als Kirche der Armen zu verpflichten. Es brauchte einen Perspektivwechsel, den drei Jahre nach Ende des Konzils die Zweite Generalversammlung der Bischöfe Lateinamerikas und der Karibik in Medellín (1968) brachte. Während das II. Vatikanum aus der Sicht der entwickelten Länder agierte, nahm Medellín die Perspektive der armen Länder ein und betrachtete die Probleme der damaligen Zeit aus eigener Erfahrung von unten. Der Begriff Option für die Armen taucht jedoch erst 1970 auf, im Schlussdokument des 3. Nationalen Treffens der peruanischen Priesterbewegung (ONIS). Seitdem lässt sich dieses Leitmotiv in vielen kirchlichen Dokumenten finden.[6]
Die theologische wie christologische Wurzel der Option für die Armen bildet Gottes Liebe für die Menschen, die in der biblischen Erzählung vom befreienden Handeln Gottes an seinem geknechteten Volk und in Jesu konsequenter Hinwendung zu den Armen und Marginalisierten konkret wird (vgl. Gen 1, 26–28; Mt 5, 45; Lk 4, 18–21). Handelt ein:e Christ:in im Sinne dieser Option, stellt er oder sie sich ganz in den Dienst der Nachfolge Jesu. Des Weiteren umfasst die Option für die Armen eine analytische Perspektive. Dieser bedarf es, um das Leid der Betroffenen, den Kontext und die Strukturen des Leides treffend erkennen und daran das Handeln im Sinne dieser Option ausrichten zu können. Ebenso konstitutiv ist ein öffentliches wie politisches Bewusstsein, um die Armut und das Leid der Betroffenen auf gesellschaftlicher Ebene angehen zu können. Zu guter Letzt prägt die Option für die Armen die Wahrnehmung der Armen als würdevolle Subjekte sowie die Erkenntnis, dass die eigene Beteiligung am gesellschaftlichen Leben für jeden Menschen essenziell ist.[7]
Solidarität üben – ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen
Das Handeln in diesem Sinne sollte sich dabei nicht auf die Armen beschränken, ihnen sollte lediglich zuerst Solidarität zuteilwerden.
Arm ist auch, wer das eigene Leben nicht frei gestalten kann.
Unzureichend ist es, Armut lediglich in einem materiellen Sinne als Mangel von Mitteln zu verstehen.[8] Arm ist auch der Mensch, der nicht die Möglichkeit hat, frei und den eigenen Zielen entsprechend das eigene Leben zu gestalten und an der Gesellschaft teilzuhaben. Demzufolge sind auch Frauen, die Gewalt und Misshandlungen in Beziehung oder Familie erleben müssen, die zwangsverheiratet werden oder die im Kontext von Asylsuche diskriminierende und gewaltvolle Erfahrungen machen, von Armut betroffen. Diese Frauen melden sich, sofern es ihnen möglich ist, bei SOLWODI. Die Mitarbeiterinnen in den Fachberatungsstellen unterstützen solche besonders vulnerablen Frauen je nach individuellem Bedarf, bringen sie in geschützten Unterkünften unter, begleiten sie bei dem Ausstieg aus der Zwangsprostitution oder beraten sie bei der Rückkehr ins Heimatland.
Nothilfe und Strukturveränderung
Neben der konkreten Hilfe und Begleitung der von Gewalt betroffenen Frauen arbeitet SOLWODI an einem Wandel angesichts der Armut schaffenden Mechanismen und Strukturen auf gesellschaftlicher Ebene.
Durch Öffentlichkeits-, Netzwerk- und Lobbyarbeit versucht der Verein das öffentliche Bewusstsein für Solidarität und Gerechtigkeit zu stärken und die Politik dahingehend mitzugestalten. Im Leitbild formuliert SOLWODI Standpunkte zu Themen wie Flucht und Asyl, Prostitution und Gewalt im Namen der sogenannten Ehre und setzt sich damit beispielsweise ein für legale Fluchtmöglichkeiten, für die Durchsetzung der Rechte Betroffener im Kontext von Migration und Menschenhandel sowie für die Einführung des Nordischen Modells, welches das Anbieten von sexuellen Dienstleistungen entkriminalisiert, die Inanspruchnahme von Prostitution durch ein Sexkaufverbot jedoch kriminalisiert.
Wir suchen mit den Frauen neue Wege der Stärkung, Befähigung und Heilung.
SOLWODI erkennt, dass die eigene Beteiligung am gesellschaftlichen Leben für den Menschen essenziell ist. Die Würde, die Freiheit und die Selbstbestimmung der Frauen sind fundamental für die gesamte Arbeit des Vereins. „Wir suchen mit den Frauen neue Wege der Stärkung, Befähigung und Heilung. Wir begleiten sie auf Augenhöhe auf ihren individuellen Wegen.“[9]
Seit vierzig Jahren trägt SOLWODI zu einer gerechteren und solidarischeren Welt bei, hilft betroffenen Frauen mit konkreten Angeboten und befähigt sie damit – ganz im Sinne der Option für die Armen – ein Stück weit, selbstbestimmt leben und an der Gesellschaft teilhaben zu können. Damit diese Welt zu einem Ort wird, an dem alle Menschen ein Leben in Fülle leben können (vgl. Joh 10,10), braucht es allerdings weitere gesellschaftliche und politische Veränderungen.
Sich des eigenen Standorts vergewissern und den eigenen Anteil an Gewalt begünstigen Verhältnissen reflektieren.
Die aktuellen Gesetze und Strukturen, auch das erst Anfang 2025 verabschiedete Gewalthilfegesetz, diskriminieren weiterhin Menschen auf verschiedenste Weise. Nach wie vor gibt es Zugangsbarrieren zu Frauenhäusern, geschlechtsspezifische Gewalt wird im Kontext von Flucht und Migration nahezu nie erfasst und verfolgt.[10] Die Ausrichtung an der Option für die Armen, der Perspektivwechsel, durch den Probleme im Sinne der Erfahrung der Ärmsten betrachtet werden, kann richtungsweisend sein für die Politik und die Gesellschaft. Jede*r Christ*in sollte sich des eigenen gesellschaftlichen Standortes vergewissern und sich des eigenen Anteils an Armut und Gewalt begünstigenden gesellschaftlichen Verhältnissen bewusstwerden.
[1] SOLWODI Deutschland e. V.: Wir schauen hin. Jahresbericht 2023. Koblenz: SOLWODI Deutschland e. V., 2024.
[2] Vgl. World Vision Deutschland e. V. 2024, online unter: https://www.worldvision.de/informieren/themen/kinderschutz/zwangsheirat.
[3] Vgl. u. a. Leitbild SOLWODI Deutschland e. V. 2023, 1, online unter: https://daten2.verwaltungsportal.de/dateien/seitengenerator/0832ea4e327556b1629db18c84df6f0f186819/solwodi_leitbild.pdf.
[4] Leitbild SOLWODI Deutschland e. V. 2023, 3.
[5] Leitbild SOLWODI Deutschland e. V. 2023, 4.
[6] Vgl. Collet, Giancarlo: „Den Bedürftigsten solidarisch verpflichtet“ Implikationen einer authentischen Rede von der Option für die Armen. In: Jahrbuch für Christliche Sozialwissenschaften 33, 67-84.
[7] Vgl. ebd.
[8] Vgl. Sen, Amartya: Ökonomie für den Menschen. Wege zu Gerechtigkeit und Solidarität in der Marktwirtschaft. München/Wien: Carl Hanser Verlag, 2000.
[9] Leitbild SOLWODI Deutschland e. V. 2023, 4.
[10] Vgl. Braun, Rebekka; Çelebi, Dilken; Conrad, Catharina: Keine Frage der Herkunft: Zum Gewaltschutz im Kontext von Flucht und Migration. Verfassungsblog, 07.03.2025, online unter: https://verfassungsblog.de/gewalthilfe-istanbulkonvention-asylrecht/. DOI: 10.59704/7651c76078acb86f.
—
Lena Höckerschmidt erwarb im Sommer 2025 den Master-Abschluss im Studiengang „Christentum in Kultur und Gesellschaft“ an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster. Seitdem arbeitet sie in der Vorbereitung auf den Dienst als Pastoralreferentin als pastorale Mitarbeiterin in der Jugendkirche Münster. Der Beitrag basiert auf einer Arbeit, die sie in ihrem Studium als Prüfungsleistung einreichte.


