Aus der Erinnerung an den Holocaust erwächst die Frage, wie religiöse Traditionen Verantwortung übernehmen, damit das „Nie wieder“ mehr ist als eine Formel. Ludger Hiepel reflektiert die bleibende Aufgabe von Christ:innen und Muslim:innen, den ihren religiösen Traditionen eingeschriebenen Antijudaismus aufzuarbeiten und zu überwinden.
„Was hat das Christentum gemacht? Was hat die katholische Kirche gemacht, um den Antijudaismus zu überwinden? Können wir davon lernen?“ – diese Frage hat mir der islamische Theologe Mouhanad Khorchide kürzlich auf einem Podium in Düsseldorf gestellt. Eigentlich war ich der Moderator einer Kooperationsveranstaltung unter dem Titel „Antisemitismus als gesamtgesellschaftliche Gefahr – Beiträge zum jüdisch-muslimischen Verhältnis“[1]. Khorchide hatte im ersten Teil der Veranstaltung sein aktuelles Buch „Ohne Judentum kein Islam – Die verleugnete Quelle“[2] vorgestellt, in dem er zeigt, wie stark der Islam von jüdischen Überlieferungen geprägt ist und wie sehr das Judentum dem Propheten Mohammed als Grundlage und Legitimation seiner Verkündigung diente. Der Kampf gegen Antijudaismus und Antisemitismus müsste demnach ein zentrales Anliegen für Muslim:innen aus ihrem eigenen Glauben und ihrer Tradition heraus sein.
Ohne Judentum kein Islam, ohne Mose keine Berufung Mohammeds
Zugleich macht Khorchide deutlich, dass antijüdische oder antisemitische Einstellungen unter Muslim:innen meist nicht auf theologischem Wissen beruhen, sondern auf verinnerlichten, religiös überformten Großerzählungen, die sich über Jahrzehnte und Jahrhunderte gebildet haben. Viele können ihre Vorurteile weder religiös begründen noch auf konkrete Koranstellen verweisen – und sind doch tief geprägt von solchen Erzählungen, die die kollektive Identität vieler Muslim:innen unausgesprochen mitbestimmen.
Anstatt diese Traditionen schlicht zu negieren oder zu verdrängen, setzt Khorchide ihnen eine andere Erzählung entgegen: Ohne Judentum kein Islam. Ohne Mose keine Berufung Mohammeds, ohne jüdische Überlieferung kein dauerhaft etablierter Islam. Wer der Botschaft des Propheten gerecht werden will, so Khorchides Konsequenz, muss jüdisches Leben schützen und wertschätzen – als Bedingung der eigenen religiösen Existenz. Nicht aus politischen Gründen, sondern als theologische Verpflichtung.
Was hat die katholische Kirche gemacht, um den Antijudaismus zu überwinden?
Khorchides Rückfrage an mich zielte dabei nicht auf historische Detailkenntnisse, sondern auf etwas Grundsätzlicheres: Hat das Christentum gelernt, seine eigenen antijüdischen Großerzählungen zu durchbrechen – und wenn ja, wie tief reicht dieses Lernen tatsächlich? Die naheliegende Antwort lautet aus katholischer Perspektive: Ja, mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil hat die Kirche vor 60 Jahren einen entscheidenden Schritt getan. Die Erklärung Nostra aetate markiert eine theologische Zäsur. Sie widerspricht der alten Vorstellung einer kollektiven jüdischen Schuld am Tod Jesu, betont die bleibende Erwählung Israels und verurteilt Hass und Verfolgung von Juden unmissverständlich.
Aber auch: Der Text, der heute als selbstverständlicher Meilenstein gilt, war im Konzil lange gefährdet und bei seiner Entstehung heftig umstritten. Teile der Bischofsversammlung wollten ihn ganz verhindern, andere jede deutliche Aussage zum Judentum abschwächen, nicht zuletzt aus Rücksicht auf politische Konstellationen im Nahen Osten[3]. Dass Nostra aetate schließlich verabschiedet und am 28. Oktober 1965 von Papst Paul VI. promulgiert wurde, war weniger Ausdruck eines einhelligen kirchlichen Konsenses als Ergebnis eines mühsam errungenen Kompromisses: theologisch wegweisend, sprachlich vorsichtig, pastoral zunächst weitgehend folgenlos – abgesehen von jüdisch-christlichen Dialoginitiativen.
Nostra aetate lädt zu kirchlicher Selbstkritik ein.
Doch diese historische Leistung lädt zugleich zur Selbstkritik ein. Denn eine konziliare Erklärung ist noch keine verwandelte Praxis. Nostra aetate hat den antijudaistischen Deutungsrahmen theologisch aufgebrochen – aber er ist kirchlich keineswegs verschwunden. In Predigten, in Schulbüchern, in liturgischen Sprachmustern wirken alte Gegensatzlogiken fort: hier Kirche, dort „die Juden“; hier Erfüllung, dort Überholung. Theologisch ist diese Sichtweise widerlegt, kulturell und mental jedoch vielerorts (noch) eingeübt. Die Kirche hat den Antijudaismus nicht souverän hinter sich gelassen – sie ringt bis heute mit ihm.
In diesem Sinn stehen Christentum und Islam näher beieinander, als eine christliche Selbstgewissheit oft wahrhaben will. Auch im Christentum ist die Überwindung des Antijudaismus weniger ein abgeschlossener Akt als ein andauernder und langwieriger Lernprozess, der immer neu eingeübt werden muss. Khorchides Ansatz legt deshalb den Finger in die Wunde und markiert eine unbequeme Parallele: So wie der Islam heute lernen muss, das Jüdische in seiner eigenen Tradition wiederzuentdecken, muss das Christentum sich fragen lassen, wie ernst es die Einsicht nimmt, dass es ohne das Judentum weder historisch noch theologisch existieren könnte. Diese Überlegungen richten sich ausdrücklich nicht gegen jene, die sich seit Jahren im jüdisch-christlichen Dialog engagieren. Ihre Arbeit ist unverzichtbar und heute wichtiger denn je.
Ohne das Judentum kann das Christentum weder historisch noch theologisch existieren.
Die eigentliche Frage lautet also nicht, ob die Kirche weiter ist als der Islam, sondern wie konsequent sie bereit ist, ihre eigene Tradition weiterhin zu korrigieren – nicht aus politischer Rücksichtnahme, sondern aus theologischer Redlichkeit.
Dass dieser Text am 27. Januar erscheint, ist kein Zufall. Der internationale Holocaust-Gedenktag gilt zunächst und unverfügbar dem Gedenken an die ermordeten Jüdinnen und Juden Europas. Jede religiöse, politische oder gesellschaftliche Deutung dieses Tages hat sich diesem Vorrang zu unterstellen. Gerade aus dieser Erinnerung – und nicht an ihrer Stelle – erwächst die Frage, wie religiöse Traditionen mit ihrer eigenen Geschichte umgehen, Verantwortung übernehmen, damit das „Nie wieder“ mehr ist als eine Formel.
Interreligiöser Dialog ist ein Ort für das Lernen side by side.
Aus dieser Verantwortung ergibt sich die Frage nach der Praxis. Wo wird dieses Lernen eingeübt – jenseits von Erklärungen und Bekenntnissen? Ein möglicher Ort dafür ist der interreligiöse Dialog, verstanden nicht als höfliches face to face, bei dem Positionen nebeneinander präsentiert werden, sondern als gemeinsames Lernen side by side, in dem sich die Dialogpartner:innen gemeinsam ihrer eigenen Tradition stellen und voneinander lernen. Das Studienbuch „Schulter an Schulter“[4] von Christian Frevel und René Dausner bringt diese Haltung programmatisch auf den Punkt.
„Schulter an Schulter“ meint dabei mehr als Solidarität. Es greift die Vision des Propheten Zefanja auf, dass die Völker Gott „Schulter und Schulter“ dienen, also gemeinsam vor Gott stehen (Zef 3,9). Es beschreibt eine Lernbewegung, in der Christ:innen das Judentum nicht nur als Dialogpartner, sondern als bleibenden Bezugspunkt des eigenen Glaubens ernst nehmen.
Gemeinsam vor Gott stehen
Gerade hier lässt sich der Gedanke weiterführen. Khorchides Ansatz legt nahe, „Schulter an Schulter“ nicht nur jüdisch-christlich, sondern dreiseitig zu denken. Wenn Christ:innen und Muslim:innen gemeinsam lernen, das Jüdische in ihren eigenen Traditionen neu zu entdecken, verändert sich auch der interreligiöse Dialog. Er wird weniger zu einem Austausch von Standpunkten als zu einer gemeinsamen Selbstbefragung – Seite an Seite, nicht gegenüber.
Der Anfang einer neuen, religionsverbindenden Großerzählung?
In dieser Perspektive ist der 27. Januar kein Anlass für religiöse Selbstinszenierung, sondern ein gemeinsamer Ort der Verantwortung. Christ:innen und Muslim:innen treten an diesem Tag nicht als paternalistische Schutzmacht oder moralische Instanz auf, die über andere spricht, sondern als Glaubensgemeinschaften, die öffentlich bekennen, wie sehr sie für die Glaubwürdigkeit ihres eigenen Glaubens auf jüdisches Leben Bezug nehmen und sich dazu positionieren müssen – gerade angesichts des grassierenden Antisemitismus in allen Gesellschaftsbereichen. Vielleicht liegt hier der Anfang einer neuen Großerzählung, die Jüd:innen, Christ:innen und Muslim:innen gemeinsam erzählen: einer Erzählung, in der sie sich „Schulter an Schulter“ als unterschiedliche, aber miteinander verbundene Wege Gottes verstehen.
Ludger Hiepel ist akademischer Rat auf Zeit am Institut für Biblische Exegese und Theologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster. Seit 2023 ist er Beauftragter der Universität gegen Antisemitismus.
Das Beitragsbild zeigt einen Blick aus der Synagoge in Sarajewo. (c) Ludger Hiepel
[1] https://www.sabra-jgd.de/aktuelles/antisemitismus-als-gesamtgesellschaftliche-gefahr-beitraege-zum-juedisch-muslimischen-verhaeltnis/
[2] Vgl. Mouhanad Khorchide, Ohne Judentum kein Islam. Die verleugnete Quelle, Freiburg i.Br. 2025.
[3] Vgl. dazu die Darstellung von Michael Pfister https://www.forum-magazin.ch/magazin/20251028-60-jahre-nostra-aetate/
[4] Vgl. Christian Frevel/René W. Dausner (Hg.), Schulter an Schulter. Ein Studienbuch zur Rolle des Judentums in christlicher Theologie, Stuttgart 2024.


