An den ungesicherten Spielbeinen der verfassten Kirche verändert sich nicht nur das Tätigkeitsfeld, sondern auch die Gottesvermutung. Michael Schüßler über den theologischen Gehalt des scheinbar Flüchtigen.
„Ich habe vor allem erkannt, dass zwischen Gott und Menschen viel mehr passiert, als ich Gott und den Menschen zutraue. Sie sind nicht das Problem. Es liegt vielmehr an mir, meine lieb gewonnene binnenkirchliche Komfortzone zu verlassen.“[1] Solche Sätze wie hier von Simone Twents habe ich im vergangenen Jahr häufig gehört. Das liegt daran, dass ich als Referent meist an scheinbare Randbereich der verfassten Kirche(n) eingeladen werde. Drei Beispiele und was ich dabei gelernt habe.
Beim Treffen der Begleiter*innen von Straßenexerzitien (1) dachten wir über ereignishafte Erfahrungen im urbanen Raum nach. Was heißt es mit wacher Aufmerksamkeit einfach da zu sein, wo und wie lässt sich jenseits von Religion und Kirche mit Spuren des Göttlichen rechnen? Wie ändern sich dabei Sprache und Haltungen? Dorothee Steiof nennt das ähnlich wie in den Niederlanden Präsenzpastoral.
Citypastoral: Next Level
„Raus!“ Einfach und klar war der Titel eines Inspirationstages für mobile Formen von Kirche und Pastoral in Freiburg (2). Ein Schäferwagen bringt Kirche im Hochschwarzwald von Ort zu Ort, und damit vor allem Menschen zusammen. Ähnlich wie das Ansprechbarmobil in Böblingen oder Pop-up-Aktionen im Stadtteil. Ich lernte dort auch Carla Böhnstedt kennen, die etwa für einen Berliner Friedhof den Kiosk der Kostbarkeiten entwickelt hat. Aus einem leuchtenden Automaten kann man sich liebevoll gestaltete Trostboxen ziehen. Es sind arrangierte Gelegenheiten, um situativ und offen seelsorgliche Qualitäten anzubieten.
Böhnstedt arbeitet für die katholische Citypastoral. Als um die Jahrtausendwende immer mehr Citypastoralprojekte gestartet sind, waren das vor allem offene kirchliche Anlaufstellen in Innenstadtlage. Konzeptionell pendelte man zwischen Kirchenmarketing und „dem Vorschein einer zukünftigen Sozialform von Kirche“[2] jenseits von Gemeinschafts- und Glaubenszwängen. Es war deshalb ein Eye-Opener, als ich bei der Jahrestagung des ökumenischen Netzwerks Citykirchenprojekte eine nächste Generation kennenlernen durfte (3). Bernadette Wahl, Claudia Plociennik, Kerstin Leitschuh, Katharina Westphal und viele andere klammern die Erwartungen traditioneller Kirchlichkeit ein – und entdecken sich deswegen selbst in all denen, denen nichts fehlt, wenn ein kirchlicher Gott zu fehlen scheint.
Nein, es gibt kein Jahresprogramm!
Theologisch ist das jedenfalls kein Defizit, sondern entfacht Fragen nach Gottes- und Kirchenbildern. Entfremdung von der Kirche und „spirituelle Obdachlosigkeit“[3] machen den Blick manchmal erst frei für eine andere theologische Aufmerksamkeit in den Lebenswelten vor Ort. Kerstin Leitschuh erzählt von einem Anruf, sie soll das Jahresprogramm der Erwachsenenbildung im Pfarrgemeinderat vorstellen. „‘Nein‘, sage ich. Es gibt kein Jahresprogramm. Ich möchte frei und bereit sein für Überraschendes, Neues, Ungewohntes. Verdutzt legt mein Gegenüber auf.“[4] Eine Tür geht zu, eine andere geht auf. Bei einer Gelegenheit fragt der örtliche Veranstalter des Weihnachtsmarktes, ob sie nicht nachmittags auf der Bühne 24-mal das Türchen eines riesigen Holzadventskalenders mit einer kleinen Zeremonie öffnen möchte. Was sie über den anschließenden Prozess erzählt, handelt von Kooperationen mit der Bahnhofsmission, dem Tierheim, der Tafel – und von vielen „Heilig-Geist-Momenten“: „Es gibt eine hohe Verbundenheit mit der Kirche ohne aktive Praxis. Wenn ich Menschen nur in den Gottesdienst einlade, werde ich von sinkender Kirchenbindung berichten. Gehe ich Kooperationen zwischen Kirche und weltlichen Organisationen ein, lerne ich mehr Verbundenheit kennen, als ich ahne.“[5]
In Theologie und Kirche ist es umstritten, wie solche Erfahrungen einzuordnen sind. Aus der Erwartungshaltung klassischer Sakramenten- und Gemeindepastoral gilt das meist als Spielbein in der Krise, als zusätzlicher Erprobungsraum. Das vermeintliche Zentrum von Gott, Kirche, Gottesdienst aber scheinen doch weit weg zu sein. Kommt es zu Verteilungskonkurrenzen um Geld und Gebäude, lässt sich die eher flüchtige Gelegenheitsstruktur geräuschlos beenden.[6]
Was für ein Gott ist das, der fehlen soll?
Wie schätzt das die neuere Literatur zur Kirchenentwicklung ein, etwa Jan Loffelds einflussreicher Bestseller[7]? Er beschreibt das Fehlen eines kirchlichen Gottes religionssoziologisch als zunehmende Indifferenz. Es werde klar, dass eben nicht jede Sinn- und Existenzfrage mit einer „zeitgemäßen“ Glaubensantwort wieder christlich „eingemeindet“ werden kann, im doppelten Wortsinn. Was theologisch als zu einfache Korrelation schon länger verabschiedet ist, wirkt für kirchliche Profis heute entlastend. Die Krise von Gemeindekirche, Katechese und Sonntagseucharistie sei eben Teil eines gesellschaftlichen Abschieds von Gott. Irgendwie brauche es deshalb Transformation.
Von Präsenzpastoral aber hält Loffeld nicht viel, denn das „als positiv erlebte Engagement steht […] in den meisten Fällen nicht in positiver Relation zum Glauben an Gott bzw. an ein Leben nach dem Tod“[8]. Der Gott, der nicht einmal mehr vermisst wird, bleibt im Buch ein recht konventionell-gemeindlicher Gott. Ähnlich wie die an dieser Stelle umstrittene KMU 6 sei die „aktive Zugehörigkeit zu einer Glaubensgemeinschaft mittel- bis langfristig die Voraussetzung dafür, dass zumindest einige wenige den Glauben als Lebensprogramm wählen“[9]. Es gebe zwar religiöse und spirituelle Suchbewegungen, die man wertschätzen solle. Aber der christliche Gott bleibt mit einer personalen Beziehung zum implizit männlichen Erlösergott verbunden, mit der großen konstantinischen Erzählung des Christentums. Okkasionelle Pastoral bei Gelegenheit wird erwähnt, aber sie führe „sehr selten zu einer wirklichen ‚Bekehrung‘ bzw. zur Änderung von religiösen Einstellungen und Praktiken“[10]. Der Anspruch, dass der kirchliche Inner Circle den wirklich erlösenden Glauben repräsentiert, bleibt von der religiösen Transformations- und Diversitätsrhetorik merkwürdig unberührt.
Wir bringen den Glauben nicht, Gott ist schon da.
Zugleich gibt es nun Anzeichen, dass sich an außergemeindlichen Praxisorten gerade die christliche Gottesvermutung verändert: „Wir ‚bringen‘ den Glauben nicht, Gott ist schon da“.[11] Ähnliches liest man in grauen Konzeptionen zur Quartierspastoral, zur Sozialraumorientierung, in der Festivalseelsorge oder eben in Präsenz -und Citypastoral. Was empirisch zutrifft: Viele Menschen brauchen heute nicht den liturgischen Gott, keine Eucharistie, keine kirchlich betreute Glaubenskommunikation und wenige wollen Teil des gemeindlichen Clublebens sein. Aber fehlt damit tatsächlich Gott*?[12]
Bei kirchlichen Mitarbeitenden entwickelt sich jedenfalls teils ein anderes Gespür. Exemplarisch dafür schreibt Bernadette Wahl, „dass Gott sich nicht nur in religiös geprägten Kontexten aufhält, sondern überall zu finden ist. […] Ich habe gelernt, dass Gott nicht nur wirkt, wenn Weihrauch angezündet ist, Kerzen brennen und ein Pfarrer spricht, sondern eben auch auf Konzerten, auf dem Fußballfeld, beim Friseur, in der Physiopraxis oder im Kino. Und das hat mein Leben verändert“[13], es kreativ entspannt und geöffnet. Dass es anderen auch so geht, dass sich nicht nur kirchliche Orte, sondern auch die Gott*esvermutungen verändern, das scheint mir oft übersehen.
Nicht nur Kirche, auch die Gottesvermutungen ändern sich
Die skizzierte Praxis ist mit zwei vertrauten „Moves“ unzufrieden: Gott* hermeneutisch in alles und jeden hineinzuinterpretieren und damit Distanzen und Fremdheiten zu übergehen – und umgekehrt das letzte Geheimnis der Existenz auf die kirchlichen Bereiche und Sprachspiele zu begrenzen, für die man dann disruptiv bei den Desinteressierten wieder einen Boden bereiten müsse. Beide Haltungen sind erschöpft. Im Dazwischen aber fließt ein Flow des Kommenden …
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Bild: https://www.ebfr.de/aktuelle-meldungen/detail/nachricht/id/215851-raus/?cb-id=12325277.
[1] Simone Twents, in: Dies. u.a. (Hg.), Kirche kann viel mehr – wenn sie sich traut, Freiburg/Bras: Herder 2023, 38.
[2] Rainer Bucher, … wenn nichts bleibt, wie es war. Zur prekären Zukunft der katholischen Kirche, Würzburg: Echter 2012, 188.
[3] Bernadette Wahl, in: Twents u.a., Kirche kann viel mehr, 104.
[4] Kerstin Leitschuh, in: Twents u.a., Kirche kann viel mehr, 198f.
[5] Kerstin Leitschuh, in: Twents u.a., Kirche kann viel mehr, 194.
[6] Martina Fries notiert am Ende ihrer Doktorarbeit über das Citypastoral-Projekt welt:raum in Saarbrücken: „Zum Zeitpunkt der Fertigstellung dieses Buches gibt es den welt:raum am Sankt Johanner Markt in Saarbrücken nicht mehr“, Martina Fries, Braucht die Welt die Kirche? Von einer fraglich gewordenen Kirche und dem Wo und Wie ihrer glaubwürdigen Präsenz, Ostfildern: Grünewald 2026, 311.
[7] Loffeld, Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt. Das Christentum vor der religiösen Indifferenz, Freiburg/Brsg: Herder 2024.
[8] Loffeld, Wenn nichts fehlt, 61.
[9] Loffeld, Wenn nichts fehlt, 61.
[10] Loffeld, Wenn nichts fehlt, 156.
[11] Simone Twents, in: Twents u.a., Kirche kann viel mehr, 117.
[12] Christian Bauer: https://www.feinschwarz.net/gott-ist-mehr-als-religion-theologie-in-zunehmend-saekularen-zeiten/.
[13] Bernadette Wahl, in: Twents u.a., Kirche kann viel mehr, 164f.
Michael Schüßler ist Praktischer Theologe an der Katholisch-Theologischen Fakultät in Tübingen.


