Tom Jürgasch ist Banksy-Fan – und Professor für Alte Kirchengeschichte. Im anonymen Künstler mit der Spraydose erkennt er einen Mystiker der Gegenwart, und kann auch erklären, warum.
Banksy ist zweifellos eines der bekanntesten Phantome der Zeitgeschichte. Seine Werke tauchen über Nacht auf, werden aus Mauern herausgeschnitten, für Millionenbeträge versteigert – und manchmal schreddern sie sich sogar selbst, kaum dass der Hammer gefallen ist. Man feiert ihn als politischen Aktivisten, als genialen Vandalen oder als das Gewissen der Kunstwelt. Doch vielleicht greifen diese Kategorien allesamt zu kurz. Möglicherweise müssen wir eine ganz andere Brille aufsetzen, um die Wirkkraft dieses anonymen Künstlers wirklich zu verstehen, die der spätantiken Mystik. Vor diesem Hintergrund lässt sich Banksys Werk als eine für unsere Gegenwart zentrale Manifestation dieser Tradition betrachten, die in christlich-theologischen Praktiken der Spätantike wurzelt.
Banksy betreibt mit der Spraydose eine Spielart mystischer Praxis
Denn Banksy betreibt mit der Spraydose eine Spielart „mystischer Praxis“, die verblüffende Parallelen zum Wirken jenes geheimnisvollen Autors des 5. oder 6. Jahrhunderts aufweist, den wir als Dionysius Pseudo-Areopagita kennen. Auch dieser ist ein Phantom – allerdings der Theologiegeschichte; wissen wir doch – wie bei Banksy – bis heute nicht, wer sich tatsächlich hinter dem Pseudonym verbirgt. Doch die Parallelen reichen tiefer.
Der Molotowcocktail, der keiner ist
Betrachten wir eines von Banksys ikonischsten Werken: den Flower Thrower (2003). Wir sehen eine klassische Figur des Straßenkampfes: Ein vermummter Demonstrant, den Körper in der Spannung des Wurfs nach hinten geneigt, bereit, Zerstörung zu säen. Unser durch Nachrichtenbilder trainiertes Gehirn ergänzt automatisch das Wurfgeschoss: einen Molotowcocktail oder Pflasterstein. Doch Banksy enttäuscht diese Erwartung. In der Hand des Vermummten befindet sich ein bunter Blumenstrauß.
Dies ist mehr als ein pazifistischer Witz. Es ist eine visuelle Kollision. Zwei sich ausschließende Bedeutungsebenen – blinde Gewalt und zarte Friedfertigkeit – werden in eine unmögliche Einheit gezwungen. So ist das Bild weder eine reine Affirmation des Kampfes noch eine naive Darstellung des Friedens. Es ist beides zugleich und dadurch keines von beidem.
Ratten schlürfen Cocktails im Liegestuhl
Nach diesem Prinzip der Kombination sich widersprechender Ebenen funktionieren die meisten Werke Banksys. Seine berühmten Ratten etwa benehmen sich nicht gerade ‚nagertypisch‘, sondern ziemlich menschlich. Sie schlürfen Cocktails im Liegestuhl, tragen Protestplakate durch die Gegend und posieren als „Gangsta Rat“.
Was aber begegnen uns hier für Wesen? Ist das noch das Ungeziefer, für das wir normalerweise den Kammerjäger rufen? Oder sind das Zeitgenossen, die uns erschreckend ähnlich sind? Zeigt sich hier vielleicht etwas, das wir von uns ausschließen wollen, das aber Teil unserer selbst ist und immer da?
Ähnliches gilt für das Graffiti zweier Soldaten in voller Kampfmontur, die verstohlen ein Peace-Zeichen an die Wand pinseln (CND Soldiers, 2003). Sind sie Protagonisten des Krieges oder des Friedens? Sind sie vielleicht beides – und somit nichts von beidem? Wie beim Flower Thrower werden hier Elemente zusammengebracht, die für unsere Alltagslogik keinen Sinn ergeben und uns zwingen, innezuhalten und unsere Einordnungslogik zu unterbrechen. Doch was daran ist „mystisch“?
Der Weg der Mystik: Wenn das Denken ins Stottern gerät
Um die Tiefe dieses Weges zu verstehen, lohnt der Blick zurück zu Dionysius Areopagita. In seinem Werk „Über die mystische Theologie“ steht er vor dem Problem: Wie spricht man von einem Gott, der jede Vorstellungskraft übersteigt? Da Gott für Dionysius „überseiend“ (griech. hyperoúsios) ist, greifen gewöhnliche Kategorien nicht. Wir können Gott keine Attribute zusprechen (gut, gerecht, allmächtig), da dies ihn auf das Maß unserer begrenzten Begriffe herabziehen würde. Wir können Gott aber auch nicht einfach alle Attribute absprechen oder gar behaupten, man könne gar nichts über ihn aussagen; läge doch auch darin streng genommen wieder eine Zuschreibung – nämlich die, dass man Gott gerade nichts zusprechen könne.
Klare Unterscheidungen gezielt sabotieren, wie Dionysius Areopagit
Dionysius wählt daher den Weg der ‚Hyperphasis‘, einer „Über-Rede“, die methodisch darauf abzielt, unser diskursives Denken in klaren Unterscheidungen gezielt zu sabotieren. Wenn er die Mysterien Gottes etwa als im „überlichten Dunkel“ verborgen beschreibt und von einem „Nicht-Erkennen“ spricht, das die höchste Form der Gotteserkenntnis darstelle, dann führen solche paradoxalen sprachlichen Wendungen unseren auf „Entweder-oder“ programmierten Alltagsverstand in Selbstwidersprüche, die dieser nicht verarbeiten kann. Und genau das ist das Ziel dieser „(Nicht-)Theologie“. Denn in diesem intellektuellen Scheitern öffnet sich laut Dionysius der Spalt für eine andere Art der „Erkenntnis“; ermöglicht doch gerade das Verstummen des diskursiven Denken eine höhere Einsicht jenseits von Affirmation und Negation. Eine solche Form von Einsicht ereignet sich im Schließen sowohl des geistigen als auch des physischen Auges. Und in diesem Sinn lässt sich diese Erkenntnis auch als „mystisch“ beschreiben. Denn schon seit der Antike wird die „Mystik“ – etymologisch zwar nicht ganz korrekt – auf das griech. Verb myein zurückgeführt, was u.a. das Schließen der Augen oder des Mundes bedeutet.
Banksy als Hyperphatiker der Street Art
Vergleicht man dies mit Banksy, fällt auf: Auch er nutzt die coincidentia oppositorum, den „Zusammenfall der Gegensätze“, um unser Verständnis ins Stottern zu bringen. Der Flower Thrower, seine Ratten, die Soldaten, sie alle sind visuelle Oxymora, bildgewordene Hyperphaseis.
Bei Dionysius dient diese Strategie der Anagogie, der Hinführung der Seele zum Göttlichen. Die widersprüchlichen Bilder sollen den Geist davon abhalten, beim bloß Sinnlichen und beim Alltagsverstand stehenzubleiben. Ähnliches leistet Banksy. Seine Kunst führt uns über unseren Alltagsverstand hinaus, stellt unsere Realitätserfahrung in Frage und lässt das scheinbar Klare zur Frage werden. So operiert auch Banksy im Modus des „Hyper“ bzw. des „Übersprechenden“. Denn auch seine Werke weisen auf eine Realität hin, die jenseits simpler Dichotomien wie Gut und Böse, Ordnung und Chaos, Krieg und Frieden etc. liegt, indem sie diese Gegensätze visuell kurzschließen und unsere Bewertungsstrategien ins Stottern bringen.
Schweigen und Ruhe inmitten des Lärms der Stadt
Ein zentrales Motiv der dionysischen „Mystischen Theologie“ ist das Schweigen (sigē). Allerdings handelt es sich dabei nicht um eine bloße Stummheit, sondern eine aktive, höchste Form der Artikulation. Wie das „blinzelnde“ Erkennen ein Sehen durch Nicht-Sehen ist, ist das Schweigen für ihn der höchste Lobpreis Gottes. Dionysius’ biblisches Vorbild ist Moses, der am Berg Sinai in die „Dunkelheit des Nichtwissens“ eintritt und alle intellektuellen Konzepte hinter sich lässt.
Banksys Kunst operiert in der lautesten Umgebung, die wir kennen: der modernen Großstadt. Doch die Wirkung seiner Graffitis erzeugt einen Moment der Stille. Wer vor einem Banksy steht, erlebt einen Bruch im Reiz-Reaktions-Schema des Alltags und bleibt mit offenem, aber schweigendem Mund stehen.
Ein neuer ‚Areopagit des Asphalts‘
Dionysius spricht von einer „Einung“ (hénosis) mit dem Göttlichen jenseits des Verstandes. Banksy bietet uns zwar keine theologische Einung mit dem Absoluten, aber vielleicht eine säkulare Variante: einen Moment der Ruhe im Lärm, eine Erfahrung der Stille in unserer überinformierten und übermedialisierten Welt.
So verstanden ist Banksys Werk eine Form mystischer Praxis. Sie ist hyperphatisch, da sie durch das Zusammenwerfen von Gegensätzen die Grenzen unseres Verstandes sprengt. Sie führt uns in ein „überlichtes Dunkel“ mitten in der Neonbeleuchtung der Stadt. Dabei zeigt uns Banksy als ein neuer ‚Areopagit des Asphalts‘, dass die Wahrheit oft nicht in der eindeutigen Definition liegt, sondern in der Spannung des Widerspruchs. Wer wirklich sehen will, scheinen seine Graffiti zu sagen, muss bereit sein, die Augen des Alltagsverstandes zu schließen.
Das Bild, das sich im Moment des Verkaufs zerstört
Das gilt auch für unsere Sicht auf das, was Banksy selbst ist, der ja als solcher nur in seinem Werk hervortritt. Sinnbildlich hierfür steht die Schredderaktion von Girl with Balloon bei Sotheby’s (2018). Indem Banksy das Bild genau im Moment des Verkaufs zerstörte, schredderte er auch eine fixierte Vorstellung seiner selbst – und erzeugte in diesem Akt der Destruktion etwas ganz Neues.
Mystik at its best!
_________
Foto von Nicolas J Leclercq auf Unsplash
Thomas Jürgasch ist Professor für Alte Kirchengeschichte und Patrologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät in Tübingen.


