Zum vierten Mal seit 1990 erschien Ende 2025 ein umfangreicher Band mit Porträts von Schweizer Theologinnen und Theologen. Darin werden Werk und Wirken von Fachtheolog:innen aus allen Sprachregionen, anerkannten Kirchen und unterschiedlichsten Disziplinen vorgestellt. Im Gespräch mit Silvia Schroer, bis 2024 Professorin für Altes Testament an der Universität Bern und Mitherausgeberin des Bandes, fragt Daniel Kosch nach der Situation, den Charakteristiken und der Zukunft der Theologie in der Schweiz.
Silvia, Du bist seit kurzem emeritiert und gehörst selbst zur Generation der Theologinnen und Theologen, um die es in diesem Band geht. Was hast Du als Mitherausgeberin Neues über Deine theologische Generation und die Theologie in der Schweiz gelernt?
Es sind eigentlich gut zwei Generationen, die in diesem Band präsentiert werden. Der älteste Vertreter ist der Luzerner Neutestamentler Eugen Ruckstuhl mit Jahrgang 1914, die späten 50er Jahrgänge sind die Jüngsten. Manche, die sich in dieser aktuellen Sammlung finden, hätten zeitlich und vielleicht auch unter dem Titel des Vorgängerbandes „Aufbruch und Widerspruch“ ebenso gut eingeordnet werden können. Die meisten der 59 porträtierten TheologInnen verbindet aber, dass sie in der zweiten Hälfte des 20. Jh. Theologie studiert und ihre Forschung und Lehrtätigkeit aufgenommen haben.
Jedes gute Porträt ist ein Prisma von Leben und Wissenschaft in Kontexten.
Der biographische Zugang zur theologischen Forschung wurde gelegentlich als antiquiert bezeichnet, aber es ist ein ausgezeichneter und auch moderner Zugang. Fachgeschichtliche Entwicklungen von Disziplinen zu skizzieren, wie es in den jeweiligen Hinführungen in diesem Buch auch versucht wird, ist wichtig, aber jedes gute Porträt ist ein Prisma von Leben und Wissenschaft in Kontexten.
pluralistisch, heterogen, auch kontrovers
Die Arbeit an 59 Lebens- und Wirkungsgeschichten fand ich spannend. Diese Doppelgeneration hat die Theologie konsequent an die Wissenschaften aller Disziplinen angeschlossen. Die Frage, ob es ein Proprium der Schweizer Theologie gibt, hat uns und auch schon die Herausgebenden der früheren Bände begleitet. Eine Antwort darauf hatten wir nicht. Aber meine Bewunderung ist gewachsen, wie pluralistisch, heterogen, auch kontrovers die theologische Landschaft der Schweiz mit ihren neun Standorten ist, allein aufgrund der Mehrsprachigkeit, die wiederum mit Konfessionszugehörigkeiten verquickt ist. Das ist in dieser Façon gewiss einzigartig.
Was hat Dich überrascht? Gab es auch Enttäuschungen?
Das Potenzial der Mehrsprachigkeit und Multikonfessionalität ist gross – aber es scheint mir nicht voll ausgeschöpft. Ich wundere mich, wie disparat, ja hermetisch manche theologischen Netzwerke und Diskurse daherkommen. Man sieht das in den Einzelbiographien an Namen, Referenzen und Publikationen. Sie zeugen oft gar nicht von Kontakten über die Konfessions- oder Sprachgrenzen hinweg. Der theologisch-kirchliche Anspruch der Ökumene (Joh 17,21 ut omnes unum sint) hat sich im institutionellen Zusammenwirken der Fakultäten nicht markant niedergeschlagen, auch wenn es gute Kooperationen, gemeinsame Publikationen und Forschungsprojekte gibt.
Das Potenzial der Mehrsprachigkeit und Multikonfessionalität ist gross – aber es scheint mir nicht voll ausgeschöpft.
Die Fakultäten in der Deutschschweiz sind in der Überzahl, was der Wahrnehmung französischsprachiger Theologie nicht zuträglich ist. Diese ist in unserem Band beispielsweise jetzt besser repräsentiert als in den Vorgängerbänden, immerhin mit einem Drittel der Beiträge. Aber ausgewogen ist diese Darstellung immer noch nicht. In diesem Band haben wir zudem die Religionswissenschaft und die Judaistik zur Seite legen müssen, obwohl sie im Theologiestudium eine wichtige Rolle innehaben und auch institutionell in den Fakultäten (verschieden) verankert sind.
Fast unvermeidlich ist in diesem Zusammenhang die «Frauenfrage»? Von 59 Porträtierten sind 10 Frauen. Soll man sagen «nur», oder «immerhin»?
Der Band bildet nicht die heutige Situation der Frauenvertretung in den Fakultätsgremien ab – die würde etwas besser ausfallen -, sondern eine frühere.
in der Ethik über Jahrzehnte hier keine einzige Professorin
Daran kann man nichts retuschieren. Im Vergleich zu den Vorgängerbänden geht die Kurve leicht nach oben – aber ich würde trotzdem dezidiert sagen: „nur“. Denn wenn tatsächlich in der Ethik über Jahrzehnte hier keine einzige Professorin im Porträt erscheint und andere Fächer auch nur mit einer einzigen – dann fällt es mir schwer zu sagen „immerhin“, denn es ging oder geht offenbar auf dieser Etage von Professuren viel zu langsam vorwärts und das liegt nicht an den Frauen.
Inwiefern haben die Zunahme des Frauenanteils und die seit über 40 Jahren im universitären Kontext betriebene feministisch-theologische Forschung die gesamte theologische Landschaft verändert?
Es gibt insgesamt ein grösseres Bewusstsein als vor 40 Jahren dafür, dass Frauen und auch Geschlecht als Kategorie theologisch nicht übergangen werden können.
Die Theologie hat über die Kirchen einen Basisbezug, wie ihn andere akademische Fächer nicht haben.
Dieses Bewusstsein ist allerdings mehr oder weniger ausgeprägt, nach Fächern, Standorten und Personen. Im Vergleich beispielsweise mit der Philosophie hatte die Theologie in dieser Hinsicht eigentlich einen riesigen Vorsprung seit den 80er und 90er Jahren. Dieser Vorsprung erwuchs daraus, dass die Theologie über die Kirchen einen Basisbezug hat, wie ihn andere akademische Fächer nicht haben. Die feministische Theologie war eine theologische Frauenbewegung, eng verbunden einerseits mit der zweiten Frauenbewegung und andererseits mit der kirchlichen Basis. Frauen liefen Sturm, weil innerhalb der Kirchen und innerhalb der Theologie Frauen keine Stimme hatten („nennt uns nicht Brüder“, „wir Frauen sind Kirche“). Der Aufstand gegen diese Ungerechtigkeit und der Befreiungsaufbruch kamen von unten, nicht aus der akademischen Theologie selbst.
Viele feministische Anliegen flossen in die breiter akzeptierte theologische Genderforschung ein, ob zu ihrem Vorteil oder Nachteil, ist strittig.
Als „Bewegung“ hat die feministische Theologie inzwischen viel Energie verloren, aber hinter die Fragen, die sie gestellt hat, z.B. in der Monotheismusforschung, und die Standards, die sie gesetzt hat, z.B. im Umgang mit jüdischen Quellen und Auslegungen, gibt es kein Zurück. Viele feministische Anliegen flossen zudem in die breiter akzeptierte theologische Genderforschung ein, ob zu ihrem Vorteil oder Nachteil, ist strittig.
Du warst lange Jahre als katholische Theologin Professorin an einer evangelisch-reformierten Fakultät in Bern, wo auch christkatholische Theologie gelehrt wird, kennst also alle drei «konfessionellen Welten», die im Buch vertreten sind. Stellst Du aufgrund Deiner Erfahrung noch so etwas wie «konfessionelle Eigenheiten» fest?
Ja. Eine augenfällige Ebene ist die überkommene Struktur der Ausbildung, sind Schwerpunktsetzungen (z.B. Reformationsgeschichte), die unterschiedlichen Gewichtungen der theologischen Disziplinen im Fächerkanon. Aber auch innerhalb eines Faches, wie der Bibelwissenschaft, liegen die konfessionellen Eigenheiten keineswegs hinter uns. Wie geht man an die Texte heran, welche Prämissen werden gemacht?
Die Geschichte des frühesten Christentums mit allen verfügbaren Quellen zu rekonstruieren, ist ein Verdienst der reformierten Theologie der Romandie.
Welche Traditionen haben reformierte und katholische ExegetInnen sozusagen im Rücken? Auf welche theologischen oder kirchlichen Interessen richten sie sich aus? Gut ersichtlich ist beispielsweise eine neue Dynamik, ja Kehrtwende hin zu den sogenannt apokryphen oder nicht-kanonischen Schriften. Tangiert davon sind die biblischen Fächer und die ältere Kirchengeschichte oder Patristik. Die Geschichte des frühesten Christentums mit allen verfügbaren und nicht nur den kanonisierten Quellen zu rekonstruieren, ist ein Verdienst der reformierten Theologie in der Romandie (und übrigens auch der feministischen Theologie), und im Band sind gleich mehrere Repräsentanten mit diesem Schwerpunkt zu finden.
Unter den Porträtierten sind etliche Schweizer:innen, die im Ausland gewirkt haben, sowie Theolog:innen aus anderen Ländern und Kontinenten, die in der Schweiz gelehrt haben. Hinzu kommt die Mehrsprachigkeit. Wie schlägt sich die damit verbundene Chance des interkulturellen Austausches über Sprach- und Landesgrenzen hinweg Deines Erachtens in der Praxis nieder?
Wir waren bei der Arbeit an diesem Band 4 glücklich über die beiden Vertreter einer „afrikanischen Theologie“ (John Mbiti in Bern und Bénézet Bujo in Fribourg), das ist neu. Ein interkultureller Austausch kann bei Studierenden (Austausch, Erasmus-Programme), Dozierenden (Lehraufträge, Berufungen) und in Forschungsprojekten stattfinden. Die Universitäten belohnen internationale Kooperationen. So vernetzt wie sie international heute ist, war die Schweizer Theologie wahrscheinlich noch nie.
Du warst an der Uni Bern nicht nur Professorin, sondern 2017-2023 auch Vizerektorin für Qualität, Gleichstellung und nachhaltige Entwicklung. Wie nimmst Du die Entwicklung der Theologie in der Schweiz unter diesen Gesichtspunkten wahr?
Die Universitäten haben manches zur Qualität, Gleichstellung und nachhaltigen Entwicklung in der Ausbildung und Selbstorganisation auch der theologischen Fakultäten beigetragen. Dass es unterdessen an manchen Fakultäten deutlich mehr Professorinnen der Theologie gibt und viele Frauen Doktorate oder Habilitationen abschliessen, ist auch dem Druck durch universitäre Gleichstellungsmassnahmen zu verdanken. Gleichzeitig ist es für die Theologie wie für (andere) Geisteswissenschaften schwer, sich der auch an Universitäten herrschenden Wachstumsideologie – bitte mehr Studierende, mehr Projekte, mehr Preise, mehr Publikationen, mehr Drittmittel – zu entziehen.
Die Mitgliederzahlen der Kirchen sinken und sie müssen ihre gesellschaftliche Relevanz zunehmend begründen, die Theologiestudierenden werden weniger, die Universitäten stehen finanziell unter Druck. Inwiefern beeinflusst all dies die wissenschaftliche Theologie?
Die Fakultäten in der Schweiz haben wohl ausnahmslos schon mehrere Runden von Umstrukturierungen, Einsparungen, Suche nach Optimierungen, Kooperationen und Lancierung von neuen Studiengängen hinter sich. Wenn man aber zwecks Einsparungen ihre verschiedenen Fächer auseinanderreisst, z.B. auf verschiedene Standorte verteilt, dann gefährdet man sie im Kern. Standort-Fusionen wurden teilweise durchgesetzt (Romandie) und stehen immer wieder im Raum. Der Druck auf die Fakultäten hat Bewegung in manche etwas allzu behäbige Strukturen gebracht, Anschlussfähigkeiten gestärkt und Innovationen angestossen. Aber es gibt eine grosse Spannung zwischen einer Art Selbstsäkularisierung zwecks Dialogfähigkeit und einer Weiterentwicklung von theologischem Profil und Proprium, das sich nicht in Nischen verzieht.
Die Theologie ist im Ganzen eher „braver“ geworden.

Ich würde nicht sagen, dass die theologische Arbeit unverbindlicher geworden ist, sie ist nach wie vor in verschiedener Weise passioniert. Trotzdem ist mein Eindruck, dass sie im Ganzen eher „braver“ geworden ist, sie wird nicht mehr von kirchlichen und anderen „Bewegungen“ angeschoben, sie wagt es nur ganz selten, sich laut als dezidierte Opposition in kirchliche oder gesellschaftliche Diskussionen einzumischen, vermeidet Ärger, organisiert sich nicht sichtbar im Kollektiv. Die Energien werden aufgefressen von institutionellen Überlebensfragen und Administrativem. Das führt zu Rückzug und einer defensiven Haltung.
Mehr Mut auch zum Nein
Zum Schluss ein Blick in die Zukunft. Wenn in etwa 10 Jahren ein nächster Band mit Porträts Schweizer Theologinnen und Theologen erscheint: Was für Entwicklungen sollten darin zum Ausdruck kommen?
Dass die Frauen in allen Fakultätsgremien gleich stark vertreten sind wie die Männer, dass ganz überraschende Entwicklungen in der überkonfessionellen Zusammenarbeit zu verzeichnen sind. Vor allem aber, dass ein neues Selbstbewusstsein gewachsen ist und mehr Mut auch zum Nein. Als Fach und Fächerkanon, als Wissenschaft unter Wissenschaften, hat die Theologie keinen Grund, sich Asche auf’s Haupt zu streuen oder in die Ecke drängen zu lassen. TheologInnen dürfen stolz sein auf hervorragende Kompetenzen in Erinnerungskultur, Selbstreflexion, Umgang mit Normativitätsdiskursen, Hermeneutik und Dolmetschen. Die Theologie hat den Vertreter:innen anderer Fächer und dieser Gesellschaft nicht nur kulturelle Bildung anzubieten, sondern Wichtiges zu sagen, z.B. dass das Anhäufen von Wissen, das nur gewusste Wissen, genauso gefährlich ist wie ein „nur geglaubter Glaube“ (J. B. Metz).
Als Hort der Vernunft und der Weisheit gehört die Theologie an die Universitäten, sonst ist sie verloren.
Wissen und Wissenschaft müssen in die Transformation zum Handeln führen. Erst dann dient die Scientia der Sapientia. Was ich in 10 Jahren gern lesen möchte, ist, dass die Theologie vehement und erfolgreich ihren Platz in den Universitäten behauptet hat. Als Hort der Vernunft und der Weisheit gehört die Theologie an die Universitäten, sonst ist sie verloren.
Adrian Holderegger, Stephan Leimgruber, Silvia Schroer (Hg.), Theologisches Schaffen in pluraler Gesellschaft. Schweizer Theologinnen und Theologen an der Schwelle des 21. Jahrhunderts, Theologischer Verlag Zürich, 2025, 886 Seiten.
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Silvia Schroer, *1958, katholische Theologin, 1997-2024 Professorin für Altes Testament an der Theologischen Fakultät in Bern, bis Juli 2023 Vizerektorin Qualität der Universität Bern; zahlreiche Publikationen zu Weisheits- und Schöpfungstheologie, Biblischer Anthropologie, Religionsgeschichte und Ikonographie Palästinas/Israels; Gründerin und Mitherausgeberin der elektronischen Zeitschrift für feministische Exegese lectio difficilior.
Daniel Kosch, Dr. theol., leitete von 1992-2001 die Bibelpastorale Arbeitsstelle SKB und war von 2001-2022 Generalsekretär der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz der Schweiz (RKZ) . Seit 2023 ist er Präsident des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks.
Jüngste Publikation: «Synodal und demokratisch. Katholische Kirchenreform in schweizerischen Kirchenstrukturen» (Edition Exodus, Luzern 2023).
Foto: Christoph Knoch


