Pfingsten steht für die Hoffnung auf Verständigung über Grenzen hinweg und die Vision eines friedlichen Miteinanders. Ein Beitrag von Kaja Wieczorek.
An diesem Pfingstwochenende 2026 wird der Karneval der Kulturen in Berlin 30 Jahre alt. Was 1996 als interkulturelles Straßenfest begann, bringt bis heute hunderttausende Menschen zusammen. Für einige Tage zeigt sich Berlin von seiner besonders bunten Seite: Gruppen unterschiedlichster Herkunft präsentieren mit farbenprächtigen Kostümen, mit Musik, Tanz, Performance, bildender Kunst und Akrobatik ihre Traditionen und ihre Lebensfreude. So steht der Karneval der Kulturen für Vielfalt, Toleranz und kulturellen Austausch – und setzt zugleich ein klares Zeichen gegen Rassismus und für ein friedliches Miteinander. Warum aber ausgerechnet an Pfingsten? Verdrängt hier ein säkulares Fest den christlichen Feiertag? Ich sage: Beides hat inhaltlich viel gemeinsam.
Das Pfingstgeschehen nach Apg 2,1–11
Pfingsten ist das Fest des Heiligen Geistes. Ursprünglich war es ein jüdisches Erntefest, auch Wochenfest (Schawuot) genannt, das 50 Tage nach dem Passahfest gefeiert wurde (Ex 23,16; 34,22; Num 28,26–31). Daher auch der Name „Pfingsten“: griechisch pentecoste hemera, fünfzigster Tag. Es war eines der drei großen jüdischen Wallfahrtsfeste, zu denen jüdische Menschen aus aller Welt nach Jerusalem pilgerten (Ex 34,22f; Dtn 16,16; Apg 20,16). Laut Apostelgeschichte wohnten „fromme Jüdinnen und Juden aus allen Völkern unter dem Himmel“ in Jerusalem: jüdische Ansässige aus der Diaspora, die aus verschiedenen Regionen des römischen Reiches und darüber hinaus stammten (Apg 2,5).
Da geschieht plötzlich etwas, das sie nicht selbst herbeiführen.
Die Jüngerinnen und Jünger sind in Jerusalem beieinander, versammelt in einem Haus. Da geschieht plötzlich etwas, das sie nicht selbst herbeiführen: Ein Brausen vom Himmel erfüllt das ganze Haus, wie von einem gewaltigen Wind. Dazu erscheinen Zungen wie von Feuer, die sich verteilen und sich auf jede und jeden von ihnen setzen. Wind und Feuer sind Zeichen für Gottes Gegenwart (Ex 19; 1Kön 19).
Das Pfingstereignis: öffentliches Sprachwunder.
Dann heißt es, alle werden von der heiligen Geistkraft erfüllt und fangen an, in anderen Sprachen zu predigen, wie die Geistkraft ihnen zu reden eingibt (Glossolalie). Das Pfingstwunder ist jedoch nicht einfach ein ekstatisches Durcheinanderreden in Zungen. Menschen aus unterschiedlichen Völkern hören die Jüngerinnen und Jünger plötzlich in ihrer jeweils eigenen Muttersprache von den großen Taten Gottes reden (Apg 2,6–11). Das Pfingstereignis ist also kein privates inneres Erlebnis, sondern ein öffentliches Sprachwunder: Gottes Geist schafft Verständigung über Grenzen hinweg.
Petrus deutet das Pfingstereignis: Geistausgießung als gegenwärtige Erfahrung
Die Glossolalie der Jüngerinnen und Jünger führt jedoch zu unterschiedlichen Reaktionen in der Bevölkerung. Manche sind erstaunt oder irritiert (Apg 2,12). Andere spotten und meinen, sie seien betrunken (Apg 2,13). Daraufhin tritt Petrus auf und erläutert, dass der erhöhte Christus die Geistkraft vom Vater empfangen und nun über die Gläubigen „ausgegossen“ hat (Apg 2,33). Er bezieht sich auf Joel 3,1–5 LXX, um das Pfingstwunder zu erklären (Apg 2,15ff). Demnach habe sich soeben ereignet, was der Prophet Joel einst geweissagt hatte. Gott wird in den letzten Tagen den Geist ausgießen auf alle Welt; Söhne und Töchter Israels werden weissagen, junge Menschen werden Visionen, und die Alten werden Traumgesichte haben (Apg 2,17).
Gott gießt den Geist aus auf alle Welt.
Was Joel – möglicherweise in Anlehnung an Jes 32,15 und Ez 36,26f – als Heilszusage für die Endzeit vorsah, wird in der lukanischen Rezeption der Apostelgeschichte auf die Glossolalie der Jüngerinnen und Jünger und das Pfingstwunder übertragen. Die Geistausgießung beschreibt damit kein bloß zukünftiges Ereignis mehr, sondern wird zu einem gegenwärtigen Erfahrungsgeschehen.
Die politische Dimension der Geistausgießung
Zwischen den Zeilen birgt diese Übertragung auf die Gegenwart auch politische Kritik. Die Geistausgießung wird in der lukanischen Rezeption als Anbruch der eschatologischen „Wiederherstellung“ (Apg 3,21) der Eintracht der Menschheit interpretiert, die die ganze Welt umfasst (vgl. Apg 2,17). Es ist kein Zufall, dass beide Summarien über die Jerusalemer Gütergemeinschaft (vgl. Apg 2,42–47; 4,32–35) jeweils im Anschluss an eine Geistausgießung platziert sind (Apg 2,41; 4,31). Die Jerusalemer Gütergemeinschaft illustriert narrativ die in der Geistkraft „wiederhergestellte“ ideale Eintracht der Menschheit.
So heißt es, die Jerusalemer Gemeinde war „ein Herz und eine Seele“ (Apg 4,32). Alle Gläubigen verkauften Hab und Gut und teilten den Erlös je nach Bedarf unter sich auf (Apg 2,45; 4,35). Unter ihnen gab es weder Privatbesitz (Apg 4,32) noch Notleidende (Apg 4,34): „Auch nicht einer sagte, dass etwas von seiner Habe sein eigen sei, sondern es war ihnen alles gemeinsam“ (Apg 4,32).
… es war ihnen alles gemeinsam …
Mit dieser Darstellung spielt die Apostelgeschichte auf das in der hellenistisch-römischen Literatur gezeichnete Bild eines idealen Urzustands der Menschheit an. Im Goldenen Zeitalter, so die Vorstellung, hätten die Menschen die Gunst der Götter und Harmonie miteinander genossen. Trogus beschreibt diesen Zustand so: Niemand habe Privateigentum besessen, sondern alle Dinge seien allen gemeinsam und ungeteilt gewesen, gleichsam wie ein einziges Vermögen für alle zusammen (Ep. 43,1,3). Deshalb seien die Menschen frei von Krieg, Streit und selbstsüchtiger Gier gewesen. Ähnlich formulieren es beispielsweise auch die antike Tragödie Octavia (Oct. 403) und Seneca (Ep. 90,40).[1]
In der frühen Kaiserzeit hatten römische Schriftsteller wie Vergil oder Calpurnius Siculus römischen Kaisern die Wiederkehr des Goldenen Zeitalters zugeschrieben. Die Propaganda von der Wiederkehr des Goldenen Zeitalters wurde seit Kaiser Augustus zum Machtinstrument und zur Stütze des Prinzipats. Dass die Verhältnisse im 1. Jh. nur spärlich auf ein Goldenes Zeitalters hindeuten, bringt z.B. Ovid sarkastisch zum Ausdruck: Die jetzigen Zeiten seien wahrhaft golden, denn mit Gold verschaffe man sich Liebe und höchste Ämter (Ars 2,277–278).
subtile Kritik am Kaiserkult
Indem die Apostelgeschichte die Jerusalemer Gemeinde im Gewand des Goldenen Zeitalters zeichnet, wird auch hier subtile Kritik am Kaiserkult erkennbar: Der erhöhte Christus – und nicht der Kaiser – ist es, der in der Kraft des Geistes die Harmonie zwischen Gott und der Menschheit und unter den Menschen wahrhaft herbeiführen wird. Gottes Geist verheißt damit Entgrenzung zugunsten von Gemeinschaft und Frieden – und zugleich die Begrenzung politischer wie religiös-institutioneller Hybris.
Hermeneutische Konsequenzen
Wir leben in einer Zeit, in der die Unterscheidung zwischen Fakt und Fiktion zunehmend umkämpft ist, in der rassistische Deutungen wieder lauter werden und nationale Abschottungsphantasien neue politische Kraft gewinnen. Auch die große europäische Vision steht unter Druck: die Vision eines Europas, das die Beschränkungen nationalstaatlicher Interessen überwindet, um den großen Herausforderungen der Gegenwart gemeinsam zu begegnen – in der Einsicht, dass wir alle nur diesen einen Erdball bewohnen. Zugleich ist die alte sicherheitspolitische Gewissheit erschüttert, Europa könne sich dauerhaft unter dem Schutzschirm der USA und der NATO einrichten. Der Krieg Russlands gegen die Ukraine, die wachsende Unberechenbarkeit der USA und die Eskalationen im Nahen Osten zeigen, wie brüchig politische Friedensversprechen geworden sind. Rohstoffe, Technologie und künstliche Intelligenz sind längst zu Instrumenten globaler Vorherrschaft geworden. Wo sich Machtpolitik als Friedensordnung ausgibt und sich politische Führungsfiguren als Friedensbringer inszenieren, während neue Kriege das Gegenteil zeigen, sind wir von einem Goldenen Zeitalter weit entfernt.
den großen Herausforderungen der Gegenwart gemeinsam zu begegnen
Gerade deshalb braucht es die pfingstliche Gegenvision: nicht die Verklärung politischer und menschlicher Macht, sondern den göttlichen Geist, der Menschen über Grenzen hinweg verständigungsfähig macht. Nicht die Rückkehr in nationale Selbstbehauptung, sondern die Hoffnung auf eine Gemeinschaft, in der Verschiedenheit nicht zur Bedrohung wird. In diesen Zeiten brauchen wir die heilige Geistkraft mehr denn je.
Es braucht die pfingstliche Gegenvision.
Wenn Petrus und die Jerusalemer Gemeinde die Geistkraft in ihrem eigenen Kontext als gegenwärtige Erfahrung deuten, dann dürfen auch wir fragen: Wo bewegt Gottes Geist heute Menschen und lässt sie Visionen einer neuen Gemeinschaft träumen – über Generationen, kulturelle, soziale und nationale Grenzen hinweg, transkonfessionell, ökumenisch und interreligiös?
Der Karneval der Kulturen ist kein christliches Fest. Aber er berührt etwas, das im Zentrum von Pfingsten steht: die Hoffnung auf Verständigung über Grenzen hinweg und die Vision eines friedlichen Miteinanders. Darum könnte das Berliner Fest Kirchen inspirieren, die christliche Pfingstbotschaft neu zur Sprache zu bringen.
[1] Zu dieser These vgl. Joshua Noble: Common Property, the Golden Age, and Empire in Acts 2:42–47 and 4:32–35 (LNTS/JSNTS 636), London 2021.
Beitragsbild: unsplash.com, Karla Vidal


