Wie schon Ostern mit Pessach zusammenfielen, fällt Schawuot mit Pfingsten zusammen. Der Rabbiner Edward Van Voolen denkt aus diesem Anlass über das Thema des Friedens nach, vor allem angesichts des Nahost-Kriegs.
Der Terroranschlag der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und der aktuelle Krieg zwischen Israel, den Vereinigten Staaten und dem Iran sind ein Albtraum für die ganze Welt. Antisemitismus nimmt zu und die Shoah wird relativiert. Juden stehen als vermeintliche Anhänger Netanjahus und Muslime als vermeintliche Unterstützer von Terroristen unter Generalverdacht. Synagogen, Moscheen und Einrichtungen der Gemeinden werden bedroht.
Hunderttausende Menschen sind traumatisiert durch den Terror der Hamas, der Hisbollah und der Huthi, durch den Iran, durch den israelischen Vergeltungskrieg gegen Gaza und den Libanon sowie durch den amerikanisch-israelischen Krieg gegen das iranische Mullah-Regime, das Israel seit 1979 mit nuklearer Vernichtung bedroht.
In Europa ist kaum bekannt, dass es in Israel zahlreiche Friedensinitiativen gibt.
Kriegsrecht und Menschenrechte
Die Zivilbevölkerung wird gnadenlos bombardiert und in die Flucht getrieben. Die humanitäre Lage von Millionen Menschen ist katastrophal. Palästinenser sind in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt, werden ohne Gerichtsverfahren in Verwaltungshaft genommen und der Todesstrafe ausgesetzt; Flüchtlingslager im Westjordanland werden geräumt. Die Gewalt jüdischer Siedler gegen Palästinenser ist häufiger und tödlicher geworden. Innerhalb der grünen Grenze Israels gibt es Schutzräume, nicht jedoch in den besetzten Gebieten und den muslimischen Ländern. Humanitäres Kriegsrecht und Menschenrechte werden überall verletzt.
Es braucht dringend einen Masterplan, an dem Großmächte wie die Vereinigten Staaten, Russland, China und Europa, aber auch der Iran, der Libanon und ihre schiitischen Milizen sowie die sunnitischen Machthaber in Saudi-Arabien, Katar und den Emiraten mitwirken. All dies ist ohne eine Lösung des fast achtzigjährigen Konflikts zwischen Israel und den Palästinensern nicht möglich. Die Asymmetrie zwischen dem Rückkehrrecht für Juden aus der Diaspora nach Israel (einschließlich der besetzten Gebiete) und einer fehlenden Rückkehrmöglichkeit für schätzungsweise über sechs Millionen Palästinenser in Flüchtlingslagern und der Diaspora ist ein großes Hindernis.
In Europa ist kaum bekannt, dass es in Israel zahlreiche Initiativen gibt, die auf dem Osloer Abkommen (1993) aufbauen wollen, wie beispielsweise „Omdim beYachad“ (Standing Together), derzeit die größte Basisbewegung jüdischer und palästinensischer, religiöser und säkularer Einwohner in Israel, Gaza und dem Westjordanland. Neben Human Rights Watch setzen sich israelische NGOs wie Peace Now, B’Tselem (nach Gottes Ebenbild (ist der Mensch geschaffen, Gen 1, 26–27)), Women Wage Peace, Rabbis for Human Rights, und Yesh Gvul (es gibt eine Grenze) für gleiche Rechte für Palästinenser in Israel und einen Staat für die Palästinenser ein. Auch in Gaza und den arabischen Ländern gibt es Friedensinitiativen und -aktivist:innen.
Zerbrochener Traum
Der Traum von einem Israel als „Licht für die Völker“, wie es sich der Prophet Jesaja wünschte (42,6; 49,6; 60,3), ist zerbrochen. Netanjahus rechtes Militärregime gefährdet die Demokratie und nach Ansicht einiger die Existenz des Staates. Jüdische Werte von Recht und Gerechtigkeit für alle Menschen stehen unter Druck.
Viele Israelis und Juden haben lange in der Illusion gelebt, dass man ein anderes Volk unterdrücken und dennoch erwarten kann, in Frieden zu leben. Die Besetzung von Ostjerusalem, dem Westjordanland, den Golanhöhen und die teilweise Besetzung des Gazastreifens und des Südlibanon verstoßen gegen das Völkerrecht. Die internationale Gemeinschaft hielt lange am Mantra der Zwei-Staaten-Lösung fest, unternahm aber nichts. Die palästinensische Katastrophe (Nakba,1947/48) verschwand weitgehend von der Tagesordnung.
Freiheit ist keine Selbstverständlichkeit.
Pessach: Aufruf zur Solidarität
Am 1. April haben Juden das Pessach-Fest mit einem Seder-Mahl in gesicherten Synagogen oder zu Hause eingeläutet. Seder bedeutet Ordnung, doch das Leben draußen ist alles andere als in Ordnung. In der Diaspora und in Israel erzählen wir jedes Jahr die jahrtausendealte Geschichte der Befreiung von Verfolgung – vom biblischen Ägypten bis heute – vor dem Hintergrund der aktuellen Ereignisse. Freiheit ist keine Selbstverständlichkeit. Zwischen der Einladung „Wer Hunger hat, darf mitessen, wer nichts hat, darf mitfeiern“ zu Beginn und „Nächstes Jahr in Jerusalem!“ am Ende des Abends steht der Aufruf zur Solidarität, zu einem für alle zugänglichen Jerusalem mit einem Gotteshaus für alle Völker (56,7). Seit Jahrtausenden betrachten Juden, Christen und Muslime Jeruschalajim (Stadt des Friedens, Gen 14,18), Hierosolyma (hieros bedeutet heilig) oder Urschalim al-Quds (Jerusalem, die Heilige) als eine Stadt, deren Name schon ihre Besonderheit für die monotheistischen Traditionen unterstreicht. Am Seder-Abend essen wir bittere Kräuter und hastig gebackene Matzen, die an die Flucht erinnern. Das ist die eine Geschichte.
Freiheit von Unterdrückung ist nicht dasselbe wie eine auf Gerechtigkeit und Recht basierte Freiheit.
Die andere Geschichte erinnert an den Auftrag, dass Freiheit von Unterdrückung nicht dasselbe ist wie eine auf Gerechtigkeit und Recht basierte Freiheit. Wenn wenige Menschen die Macht haben und viele Millionen von Vertreibung, Hunger und Krieg bedroht sind, ist man nicht frei. „Frei sein von“ heißt im Hebräischen Cherut, „frei sein für“ ist Charut.
Schawuot und Verantwortung
Charut bezieht sich auf eine Freiheit, in der Regeln und Gesetze, wie in den zehn Geboten festgeschrieben sind (Ex 32,16). Das ist das Thema von Schawuot (Wochenfest), das am Abend des 21. Mai beginnt. Die Offenbarung auf dem Berg Sinai (Ex 20,1-17) ist zentral. Ihre ethischen und gesetzlichen Anweisungen sind seitdem „nicht im Himmel und jenseits des Meeres, so dass du sagen könntest, wer holt sie für uns? Sie liegen in deinem Mund und in deinem Herzen“ – wir sind jetzt also selbst verantwortlich (Deut 30, 10-14).
Der Übergang zwischen Sklaverei und Freiheit braucht Zeit, im Feiertagskalender sind das sieben symbolisch bedeutsame Wochen, die man ab dem zweiten Abend des Pessachfestes zählt (Lev 23,19-21). Der Bibel zufolge brauchen ehemals versklavte Menschen vierzig Jahre, anderthalb Generationen, um die bitteren Erinnerungen an Unterdrückung, Erniedrigung und drohende Auslöschung zu verarbeiten. Sie klagen, sind aufrührerisch und sehnen sich nach den Fleischtöpfen Ägyptens zurück. Schließlich empfangen sie „all diese Worte“, die der Ewige Moses diktiert hat (Ex 20,1-17). Warum nicht einfach „diese Worte“? Nach jüdischer Schriftauslegung schließt „all“ auch die späteren Regeln und Vorschriften ein (babylonischer Talmud, Makkot 23b-24a, 7. Jh). Situationen und Ansichten ändern sich, und für neue und unterschiedliche Interpretationen ist im Judentum immer Raum. Warum fand die Offenbarung in der Wüste Sinai statt, lange ein Niemandsland? Damit sie für alle zugänglich ist. „Das ganze Volk nimmt Stimmen wahr“ (Ex 20,15): der Plural „Stimmen“ bedeutet, dass Gott in 70 Sprachen spricht, damit jedes Volk die Offenbarung versteht (bTalmud, Schabbat 88b, Ex Rabba 5,9).
Die biblische Vision ist eine Gesellschaft, in der das gleiche Recht für alle gilt.
Nächstenliebe im Judentum, Christentum und Islam
So wie die Juden einst als hungernde Flüchtlinge in Ägypten gastfreundlich aufgenommen wurden, haben Menschen den Auftrag: „Den Fremden zu lieben, denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen“ (Deut 10,19). Die Nächstenliebe steht genau in der Mitte der Tora (Lev 19,18) und ist auch der Kern des Christentums und des Islam. Darum dreht sich alles, und das muss man immer wieder neu lernen (bTalmud (Schabbat 31a). Die Bibel fordert Solidarität mit den Armen und Verfolgten, Witwen und Waisen, Unterdrückten und Machtlosen (u.a. Lev 19,32-3, Sach 9-10, Ruth). Die biblische Vision ist die Gegengeschichte zu Ägypten: eine Gesellschaft, in der „das gleiche Recht für den Fremden und den Einheimischen gelten soll“ (Lev 24,22), also für alle.
Was uns vereint
In diesem Jahr fallen Pessach und Ostern sowie 50 Tage später Schawuot und Pfingsten fast auf denselben Tag. Themen und Symbolik sind vergleichbar. Ostern steht die Hoffnung auf Erlösung im Mittelpunkt – die jüdischen Anhänger des jüdischen Jesus feierten beim Abendmahl auch einen Seder, mit denselben Zutaten, aber einer anderen Bedeutung. Christen warten auf eine Fortsetzung des messianischen Versprechens, Juden warten noch auf eine messianische Zeit. Muslime feiern am 26./27. Mai Eid-e-Kurban im Gedenken an Ibrahim, der bereit war, Allah seinen Sohn Ismaïl zu opfern.
Juden, Christen und Muslime können einander stärken und Verbundenheit, Hoffnung und Inspiration beieinander finden.
Die abrahamitischen Religionen teilen drei Kernbegriffe: Frieden, pax, shalom, salām, aber auch Taten der Gerechtigkeit, justitia, tzedaka, ṣadaka, und barmherzige Liebe, misericordia, rachamim, raḥmah. Diese Grundprinzipien finden sich teils in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen und in Israels Unabhängigkeitserklärung (beide 1948) wieder: „Der Staat Israel wird auf den Grundsätzen der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens gemäß den Propheten Israels beruhen; er wird allen seinen Bürgern, unabhängig von Geschlecht, Rasse oder Hautfarbe, volle soziale und politische Gleichberechtigung gewähren; wird die Freiheit der Religion, des Gewissens, der Erziehung und der Kultur garantieren; wird die heiligen Stätten aller Religionen schützen und die Grundsätze der Charta der Vereinten Nationen gewissenhaft beachten.“
Juden haben die längste Erfahrung als Minderheit in einer christlichen oder islamischen Welt, Muslime in Europa erst seit drei oder vier Generationen. Christen müssen sich daran gewöhnen, dass sie in Europa keine Majorität mehr sind. Juden, Christen und Muslime können einander stärken und Verbundenheit, Hoffnung und Inspiration beieinander finden. Wir müssen unsere Freiheit und demokratischen Werte dringend schützen und stärken.
„Bittet um Frieden für Jerusalem, dass es denen, die dich lieben, gut gehe. (…) Um meiner Verwandten und Freunde willen sage ich: ‚Friede sei mit dir‘“ (Psalm 122,6–8).
Rabbiner Drs. Edward van Voolen studierte Kunstgeschichte und Geschichte in Amsterdam und wurde am Leo Baeck College in London als Rabbiner ausgebildet. Seitdem ist er als Rabbiner in den Niederlanden und Deutschland tätig. Seit 2026 ist er Ko-Vorsitzender des Gesprächskreises Juden und Christen im Zentralkommitee deutscher Katholiken.
Von 1978 bis 2013 war er Kurator des Jüdischen Museums, Amsterdam, und von 2002 bis 2023 unterrichtete er Homiletik am Abraham Geiger Kolleg, Potsdam.
© Tobias Barniske
Beitragsbild: Shutterstock (2669518381-e1779113475407)
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