Die Samstagsrezension von Helga Kohler-Spiegel.
„am rande des tages – zeit des übergangs. nachschmelze. es herrscht belagerunsgzustand. bilder drängen herein. wortwolken, phantasievolle gebilde, die durch den noch nicht ganz wachen kopf ziehen, verändern ständig ihre gestalt, treiben weiter, verdunsten. ihnen folgen erste überlegungen, konkrete planungen, reißen wieder ab…“ (9)

„erinnerungen
die einen melden sich nie wieder
die anderen kommen jeden tag
die einen zeigen finster ihr gesicht
die anderen schweigen ohne frage
die einen schlafen tief und fest
die anderen finden keine ruhe
schatten der erinnerung
gebetene und ungebetene
kommen zum nachtessen
später wenn du dich erhebst
wischen auch sie sich
über den satten mund
und begleiten dich
in die nacht“ (91)
Zu seinem 80. Geburtstag am 4. Juni legt Wilhelm Bruners einen neuen Gedichtband vor, „lichtbrechung“, „kreuz und quer“, „lebenszeichen“ – so die Überschriften. Genießen Sie die Texte, sie erlauben Momente des Innehaltens, des Nachdenkens, des Schmunzelns, des Atmens.
„Blickwechsel
Solange die Welt
noch mit den Augen
einer Mutter
und eines Kindes
angeschaut wird
hat das Leben
eine Chance
und der Friede
einen Anwalt“ (37)
Wilhelm Bruners: Am Rande des Tages. Gedichte, Tyrolia Verlag Innsbruck 2020.
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Autorin: Helga Kohler-Spiegel ist Professorin an der Pädagogischen Hochschule Vorarlberg im Fachbereich Human- und Bildungswissenschaften; Psychotherapeutin, Psychoanalytikerin, (Lehr-)Supervisorin; Mitglied der Redaktion von feinschwarz.net.
Bild: Dawid Zawiła / unsplash.com
Bild 2: Buchcover


