An den Übergängen sind wir durchlässiger – zur Poesie von Wilhelm Bruners

Die Samstagsrezension von Helga Kohler-Spiegel.

„am rande des tages – zeit des übergangs. nachschmelze. es herrscht belagerunsgzustand. bilder drängen herein. wortwolken, phantasievolle gebilde, die durch den noch nicht ganz wachen kopf ziehen, verändern ständig ihre gestalt, treiben weiter, verdunsten. ihnen folgen erste überlegungen, konkrete planungen, reißen wieder ab…“ (9)

An den Übergängen sind wir durchlässiger, am Morgen und am Abend, die Wahrnehmungen und Empfindungen, Gedanken und Fragen sind freier, ungeformter, offener, noch nicht getaktet vom Tag. Seit über 50 Jahren ist Wilhelm Bruners bekannt für seine lyrischen Texte in knapper, genauer spiritueller Sprache. Wilhelm Bruners ist Bibelwissenschaftler und geistlicher Begleiter, Gastreferent und Poet, er ist ein genauer Beobachter des Alltags und der Menschen. In seinen Gedichten werden kurze Szenen, Wahrnehmungen und Empfindungen, Gedanken und Fragen lebendig. Er nimmt die Menschen und die Natur, gesellschaftliche und kirchliche Themen in den Blick, und sich selbst, er zeigt, wie geht es, Tag für Tag den Blick zu schärfen für die leisen Töne, für eine neue Perspektive, für einen biblischen Blick. Seine Bilder sind anregt von seinem Leben mit der Bibel, beim Lesen seiner Texte entsteht bei mir immer wieder der Eindruck, dass es die Bibel ist, die Herz und Denken öffnet.

„erinnerungen

die einen melden sich nie wieder
die anderen kommen jeden tag

die einen zeigen finster ihr gesicht
die anderen schweigen ohne frage

die einen schlafen tief und fest
die anderen finden keine ruhe

schatten der erinnerung
gebetene und ungebetene

kommen zum nachtessen
später wenn du dich erhebst

wischen auch sie sich
über den satten mund

und begleiten dich
in die nacht“ (91)

Zu seinem 80. Geburtstag am 4. Juni legt Wilhelm Bruners einen neuen Gedichtband vor, „lichtbrechung“, „kreuz und quer“, „lebenszeichen“ – so die Überschriften. Genießen Sie die Texte, sie erlauben Momente des Innehaltens, des Nachdenkens, des Schmunzelns, des Atmens.

 

„Blickwechsel

Solange die Welt
noch mit den Augen
einer Mutter
und eines Kindes
angeschaut wird

hat das Leben
eine Chance
und der Friede
einen Anwalt“ (37)

Wilhelm Bruners: Am Rande des Tages. Gedichte, Tyrolia Verlag Innsbruck 2020.

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Autorin: Helga Kohler-Spiegel ist Professorin an der Pädagogischen Hochschule Vorarlberg im Fachbereich Human- und Bildungswissenschaften; Psychotherapeutin, Psychoanalytikerin, (Lehr-)Supervisorin; Mitglied der Redaktion von feinschwarz.net.

Bild: Dawid Zawiła / unsplash.com

Bild 2: Buchcover 

 

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