Anders!? Ein Frauenmonat

Ein Monat geht zu Ende, in dem auf www.feinschwarz.net fast ausschließlich Frauen zu Wort kamen. Das Redaktionsteam des Monats Mai – Franziska Loretan-Saladin, Birgit Hoyer, Julia Enxing und Helga Kohler-Spiegel – fragt: war der Mai deshalb anders als andere Monate?

Wir haben es geschafft – ein Monat ausschließlich mit Beiträgen von Frauen, koordiniert von vier Frauen. War feinschwarz.net im Mai anders? Schreiben Frauen anders? Jede Frau auf jeden Fall. Ist es Ihnen aufgefallen – als Leserin, als Leser? Mehr Frauengesichter auf den Titelbildern. Die zeigen nicht nur mehr Frauen, sie zeigen mehr Mensch hinter den Beiträgen. Die Beiträge waren zum großen Teil persönlicher, starteten mit einer persönlichen Erfahrung, ließen die persönliche Geschichte durchscheinen, mussten deshalb teilweise auch anonym erscheinen. Anonymität war explizit im Frauenmonat ein Thema für die feinschwarz.net-Redaktion. Nicht nur kirchlich, sondern auch gesellschaftlich und beruflich ist es nicht unbedingt von Vorteil, mit der eigenen Geschichte identifizierbar zu sein. Es kann das eigene Leben, die berufliche Karriere, das eigene Projekt, den Schutz der Frauen aufs Spiel setzen, erkennbar zu sein. Im günstigsten Fall ist Frauenleben individuell, im ungünstigsten Fall gefährdet. Es ist anders. Nicht weil es so sein muss, genetisch bedingt, angeboren, natürlich, sondern weil es so ist in den patriarchalen, männerdominierten Systemen in allen Himmelsrichtungen, weil Männer und Frauen „mentale Aufgeschlossenheit bei gleichzeitiger Verhaltensstarre“ 1 kennzeichnen, weil der Herr-Gott in säkularen und sakralen Kontexten dominiert, in Universitäten wie Unternehmen. Uns hat es gefallen, Frauen für feinschwarz.net zu gewinnen, die Vielfalt der Frauen, der Theologien, der Leben zu lesen. Und es hat uns Mut gemacht, persönlich zu werden – auch in der Theologie.

Im günstigsten Fall ist Frauenleben individuell, im ungünstigsten Fall gefährdet.

Und doch muss frau aufpassen, hier nicht selbst in einen strategischen Essentialismus zu verfallen, so nach dem Motto: Wir wollen was Persönliche(re)s lesen und mehr Gesichter zu den Texten sehen und deshalb fragen wir mal Frauen an. Oder: Wir haben Frauen angefragt und was sehen wir da? Nicht etwa interessante Themen, politische Theologie, etc., sondern: Emotionen. Nach dem Motto: Männer schreiben halt so intellektuell und distanziert und Frauen emotional und intim. Stopp!
Wir haben Frauen verstärkt nach persönlichen Statements gefragt, wir wollten von ihnen wissen, wie es für SIE selbst ist, Frau in Kirche zu sein, Feministin zu sein. Viele von ihnen haben wir um eine Auseinandersetzung mit dem Zitat von Doris Strahm – „nötig wäre eine Politik der Gemeinsamkeiten zwischen säkularen und religiösen Feministinnen“ – gebeten. Insofern haben wir bereits in der Anfrage ein Interesse an persönlichen Meinungen deutlich gemacht und zwar zu einem Gebiet („Feminismus und Co.“), das sie in ihrer Situation als nicht gleichberechtigte Menschen anspricht. Damit haben wir an Diskriminierungserfahrungen aufgrund ihres Nicht-Mann-Seins/Nicht-Hetero-Seins usw. erinnert. Somit wurde das eigene Leben der Autor*innen, vielleicht sogar das Erleben ihrer eigenen geschlechtlichen Identität zum Gegenstand der Diskussion gemacht. Einen Rückschluss darauf, dass man im „Frauenmonat Mai“ doch sähe, dass Frauen emotionaler schreiben, wäre daher kein Rückschluss, sondern ein Fehlschluss. Noch dazu einer, der – wie Berenike Jochim-Buhl es formuliert hat – ein Schubladendenken bedient.
Wie wäre es gewesen, wenn wir einen Monat lang schwule Männer oder LGBTQs nach ihrer Meinung zu einem Politisch-Werden von Kirche gefragt hätten? Wären die Ergebnisse nicht auch persönlich, emotional, intim und vielleicht auch schlüpfrig gewesen?

Wer nach persönlichen Themen fragt, bekommt persönliche Antworten.

Und auch hier gilt es, nicht in einen „Themenengpass“ zu kommen. Frauen haben sich auf feinschwarz.net in diesem Monat nicht ausschließlich mit „Feminismus und Co.“ auseinandergesetzt. Da hatten die Reflexionen einer Jesidin über das Leben im demokratischen und die Grundrechte hochhaltenden Deutschland, eine Filmbesprechung – und dazu noch von einem Papstfilm – ebenso Platz, wie je ein Beitrag zu Maria und Pfingsten und die Diskussionen um die Rückkehr der Kreuze in bayrische Amtsstuben bzw. um den Kommunionempfang für nichtkatholische PartnerInnen. Ob Frauen über diese Themen anders geschrieben haben, als es Männer getan hätten?

Viele Frauen haben uns eine Absage gegeben. Nicht nur im Mai.

Wichtiger ist die Tatsache, dass Frauen die Mai-Beiträge geschrieben haben, mit wenigen Ausnahmen – meist zusätzliche Beiträge aus aktuellem Anlass.
Etwas sollte aber gerade in diesem Zusammenhang nicht verschwiegen werden: Viele Frauen haben uns eine Absage gegeben. Und das ist nicht nur in diesem Monat der Fall, wie zu beobachten ist. Hier könnte danach gefragt werden, ob die Realität von Frauen noch immer von Mehrfachbelastungen geprägt ist, sodass wenig Freiraum für Zusätzliches bleibt? Oder überlegen Frauen sorgfältiger, ob sie eine Anfrage annehmen können und wollen? Oder setzen sie sich einen höheren Qualitätsstandard, der mehr Zeit erfordert? Oder setzen sie sich – wenn nicht von Berufs wegen damit vertraut – weniger gern mit ihrem Denken und Schreiben öffentlich aus? Dass in diesem Monat gerade von jungen Frauen mutige Texte erscheinen konnten, macht uns Mut im Blick auf Veränderungen!

Julia Enxing, Dr. theol. habil., ist systematische Theologin. Sie ist Referentin für Theologie und Kirche an der katholischen Akademie St. Jakobushaus in Goslar.

Birgit Hoyer ist Honorarprofessorin für Pastoraltheologie an der Hochschule der Jesuiten in Frankfurt a.M.; Geschäftsführerin des Zentrums für Lehrerinnen- und Lehrerbildung der Universität Erlangen-Nürnberg.

Helga Kohler-Spiegel ist Professorin an der Pädagogischen Hochschule Vorarlberg im Fachbereich Human- und Bildungswissenschaften; Psychotherapeutin, Psychoanalytikerin, (Lehr-)Supervisorin.

Franziska Loretan-Saladin, Dr. theol., arbeitet u.a. als Lehrbeauftragte für Homiletik an der Theologischen Fakultät der Universität Luzern.

Alle vier Frauen sind im Redaktionsteam von feinschwarz.net.
Bild: feinschwarz.net

  1. Ulrich Beck zitiert nach Vera Schroeder, Sie wollen ja nicht!, in: Süddeutsche Zeitung. Gesellschaft v. 28.4.2018
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