Aufatmen in der Freiheit des Gartens Kirche: Eine kleine pastoraltheologische Vision

Anna Hennersperger ist Leiterin eines Seelsorgeamtes. Und sie hat eine – kontrafaktische – Vision: Kirche als paradiesischer, lebensfreundlicher Garten.

Alles begann in einem Garten. So jedenfalls erzählt es uns die Bibel im Buch Genesis. In einem Garten wurde uns der Traum von einem friedlichen und gedeihlichen Zusammenleben tief ins Herz gepflanzt: Das gute Miteinander zwischen Mann und Frau, zwischen Tieren und Menschen, und die Freude an der Vielfalt all dessen, was geworden ist und was immer neu dem Einfallsreichtum des Schöpfers entspringt.

Den Traum von gutem Leben in Frieden nennt die Bibel „Shalom“. Diesen Traum von paradiesischen Zuständen der Fülle, des bedingungslosen Angenommenseins, der Geborgenheit und des Glücks tragen wir als tiefe Sehnsucht in uns.

Keine Gegenwelt

Die Bibel erzählt auch, dass wir Menschen aus diesem Ur-Garten vertrieben wurden.

Damit wir aber die Erinnerung an das Paradies nicht verlieren, haben sich Menschen im Schweiße ihres Angesichts Gärten geschaffen oder schaffen lassen.

Der Garten ist keine Gegenwelt zur „rauen Wirklichkeit“. Ein Garten ist ein offener Raum zum Gestalten, er verbindet mit der Erde, er fordert Einsatz und Zurückhaltung, Demut und Planung. Und er lädt ein zum Staunen und zur Dankbarkeit über all das was ohne menschliches Zutun geschieht und wächst, weil es der Kraft der Natur innewohnt und entspringt.

Nutzgarten, Ziergarten oder Bauerngarten?

Kann man sich auch die Kirche als Garten denken? Und von welcher Art wäre dieser Garten dann? Naturnah oder feinsäuberlich geordnet, mehr ein Nutzgarten oder ein Ziergarten oder eine bunte Mischung aus beidem, wie es die einladenden Bauerngärten hier im Lande sind?

Nach altem Glauben ist ein Garten der Ort, „an dem die Gottheit wohnt, in dem Gott selber sich «erholt» und «spielt», in dem seine Weisheit liebend experimentiert. In diesem Sinne ist der «Garten» die große Welt der kleinen Wunderwerke, der Raum für Kostbarkeiten, die bunte Fülle aller Geheimnisse.“

Treuhänderinnen und Treuhänder Gottes

Gott selbst ist der Gärtner. Wir sind „nur“ seine Treuhänderinnen und Treuhänder. Er schenkt uns die Gaben die wir brauchen. Er lässt uns Freiheit, den Garten den er uns als Kirche anvertraut hat zu bearbeiten, ihn zu pflegen, zu gestalten und uns an ihm zu erfreuen. So dürfen wir es heute wieder sehen. So war es jedoch nicht zu allen Zeiten.

Im Laufe der Kirchengeschichte hatte sich nämlich mit den Treuhändern des Garten Gottes wiederholt, was die Bibel von den ersten Menschen erzählt: die Getauften wurden – bedingt durch gesellschaftliche und kirchliche Entwicklungen – aus dem gemeinsamen Garten ausquartiert. Der Einlass wurde dem Klerus vorbehalten und von ihm kontrolliert. Die Amtsträger schufen sich mit der Zeit ihre eigenen Bereiche, zu denen sonst niemand Zugang hatte, und zogen Mauern und Zäune um ihre Gebiete herum. Sie entschieden über die Brunnen und die Bewässerung und sie definierten die Nutzpflanzen und das Unkraut. Sie gaben vor, was angebaut, gepflegt und kultiviert und was ausgerissen werden sollte.

Dann kam Angelo Roncalli

Die Erinnerung an den Paradiesgarten verblasste. Er diente nur noch der anschaulichen Ermahnung der Ausquartierten, dass sie sich nicht anmaßen dürften, Gottes Gebote zu übertreten. So gingen viele Jahrhunderte ins Land.

Dann kam mit Angelo Guiseppe Roncalli ein neuer Papst. Er war der Sohn einer einfachen Bauernfamilie aus dem kleinen Bergdorf Sotto il Monte in der Lombardei. Angelo hatte in seiner Kindheit sicher erlebt, welche Mühe und wie viel Schweiß einem die Bearbeitung eines Stücks Land abverlangen kann und wie dankbar man sein darf, wenn die Ernte gut ausfällt.

Er hatte durch seine Aufenthalte als Nuntius in einer Reihe von Ländern der Erde eine Ahnung davon bekommen, dass außerhalb des gut von der Welt abgeschlossenen Kirchengartens zwischenzeitlich von anderen Treuhändern viele neue Samen gepflanzt und gehegt worden waren, die längst neue Früchte trugen.

Von ihm, der als Papst Johannes XXIII. in die Geschichte einging, ist folgendes Zitat überliefert: „Wir sind nicht auf Erden, um ein Museum zu hüten, sondern einen Garten zu pflegen, der von blühendem Leben strotzt und für eine schöne Zukunft bestimmt ist.“

Kirche als Volksgarten

Den Impulsen und Beschlüssen des Zweiten Vatikanischen Konzils, das durch Papst Johannes XXIII. begonnen wurde, ist zu verdanken, dass Kirche sich wieder als „Volksgarten“ verstehen darf.

Riskieren wir einen Blick in den großen Garten der Kirche, der aus der Grünkraft des Geistes Gottes in vielen Regionen der Welt wächst und gedeiht, aber im deutschsprachigen Raum seit einiger Zeit wahrnehmbare Trockengebiete aufweist.

Alle Zukunftsbilder speisen sich aus der Hoffnung auf die unverbrüchliche Treue Gottes, wie sie beim Propheten Hosea (Hos 14,6) zu lesen ist: „Ich werde für Israel da sein wie der Tau, damit es aufblüht wie eine Lilie und Wurzeln schlägt wie der Libanon“. Der (Garten)Grund, der gelegt ist, ist Jesus Christus und seine erlösende Botschaft von Gottes Liebe.

Fantasie und Visionen

Es braucht Mut und Zuversicht und gar nicht so viele materielle Ressourcen. Die Verwandlung eines karg gewordenen Bodens in einen üppigen Garten hat nichts mit Geld und Größe zu tun, sondern vor allem mit Fantasie und Visionen.

Ein Garten ist immer eine Synthese von Natur und Kultur. Er hat eine Mitte. Ein Rondell, das ein Wegkreuz bildet und die vielen Wege in Verbindung zueinander bringt. Die ausgetretenen Pfade allein genügen jedoch nicht mehr.

Es braucht neue Wege und innovative „Pfadfinder“ und „Pfadfinderinnen“, um dorthin zu gelangen, wo Menschen auf der Suche nach Sinn, Halt, Ruhe, temporärer Gemeinschaft und Begleitung sind.

Gut täte es, wenn sich wieder „Mistbeete“ anlegen ließen, wo gute Erde und angemessener Dünger ermöglichen, dass reichlich was wächst. Das wird nicht mehr auf den früheren Parzellen möglich sein. Auch hier ist mit Geduld und Ausdauer Neuland zu kultivieren.

Bewässerungsdienst

Der Garten braucht auch eine gute Bewässerung, die allen zugänglich ist und von der niemand abgeschnitten werden darf: Wort und Sakrament zur Nahrung und Stärkung. Dass der amtliche „Bewässerungsdienst“ den Männern vorbehalten sei: darüber mag man streiten, dazu mag man sich taub stellen, das mag man den Frauen verbieten. Es wird sich auf Dauer nicht so halten lassen.

Der fruchtbare Wind des Wandels weht auch im Volksgarten und in dieser Hinsicht wäre ein Klimawandel hin zu mehr Offenheit mehr als angebracht. Regen und Tau dazu spendet der Himmel ja ohnehin in Fülle. Ein paar Biotope und Schwimmteiche könnten überdies verhelfen, dass sich neue Bewohner und Bewohnerinnen im Garten ansiedeln und den Zaungästen einladende Orte zum Erfrischen ermöglicht werden.

Der große Kirchengarten hat Ruheplätze, an denen man Zeit hat, zu sich zu kommen, die absichtslos einladen und Raum zum Verweilen geben. Er verfügt über Nistplätze für die vielen bunten Vögel die unsere Welt mit ihrem Gesang erfreuen, oder die als Zugvögel kommen und gehen.

Und es sind wohl auch ein paar Glashäuser nötig für die zarten Saaten, damit sie geschützt heranwachsen können, bis sie im Freiland Sonne, Regen, Sturm und Kälte ertragen.

Unerschöpfliche Vielfalt

In keinem Garten ist alles im gleichen Wachstums- und Reifezustand. Auch der Kirchengarten lebt aus unerschöpflicher Vielfalt: Jungsaaten gedeihen im Schutz langjähriger Sträucher, in manchen Beeten blüht es, in anderen sind gute, nahrhafte Früchte zu ernten, und manch durch die Zeit erschöpftes Erdreich darf auch umgegraben werden oder Brachland sein, um die nötige Zeit zur Regeneration zu erhalten.

Im Kirchengarten gibt es alte Baumbestände mit rauen und rissigen Rinden, die manchen Stürmen standgehalten haben. Sie sind tief in der Erde verwurzelt. Und wenn sie manchmal von früheren Zeiten träumen, dann darf man ihnen das nicht übel nehmen. Wichtig ist, dass in ihren Zweigen die Jungtiere Platz finden, die dort übermütig sein und Krach machen dürfen. Und auch die vielen Nützlinge, die jeder Garten für das biologische Gleichgewicht braucht, haben dort Zuflucht und Nahrung.

Niemand außer Gott hat das Recht zu entscheiden, was wachsen darf

Im Garten dürfen alle mitarbeiten, nach ihren Kräften, Fähigkeiten und Möglichkeiten. Jeder Handgriff zählt. Die Aufgaben sind gut verteilt, man schätzt einander mit den unterschiedlichen Erfahrungen und Kompetenzen und macht sich keine Plätze streitig. Niemand – außer dem großen Gärtner Gott – hat das Recht darüber zu befinden, was in diesem Garten alles wachsen darf und was nicht.

So kann sich auf dem guten Boden eine große Vielfalt entwickeln, über welche alle staunen, die von diesem Garten hören. Man wird ihn als einladend und anziehend empfinden, weil man dort auf gutem Grund ist und die blühenden Landschaften das Herz erfreuen, weil die Früchte nähren und man von ihnen leben kann, weil die Buntheit und der Reichtum staunenswert sind.

Ob so ein Garten die tiefe Sehnsucht nach dem Paradies ein wenig befrieden könnte?


Dr. Anna Hennersperger ist Leiterin des Seelsorgeamtes der Diözese Gurk-Klagenfurt.

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