From #hateSpeech to #hopeSpeech. Interdisziplinäre Zukunftswerkstatt des Projekts NetzTeufel

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Das Projekt NetzTeufel unter Leitung von Timo Versemann geht der Frage nach: Wie kann man der HateSpeech und AngstSpeech in den sozialen Medien begegnen? Sie entwickeln einen Ansatz, der auf positive Rede, auf HopeSpeech setzt. In einer Zukunftswerkstatt in der Evangelischen Akademie zu Berlin wurden mögliche Ansätze vorgestellt und diskutiert.

Toxische Narrative

Seit knapp zwei Jahren befassen wir uns im Projekt „Der Teufel auch im Netz“ (kurz: NetzTeufel) mit der Frage nach dem christlichen Anteil an diskriminierenden Kommentaren auf Social Media, derzeit unter dem Begriff hateSpeech diskutiert. Unsere Social-Media-Analyse zu Toxischen Narrativen hat gezeigt mit welchen Erzählfragmenten die Kommunikation auch im Namen des christlichen Glaubens vergiftet wird. Das verbindende Element dabei ist die Konstruktion von Bedrohungsszenarien vor vermeintlich übergroßen Feinden, die eine Ohnmacht heraufbeschwören.

Der Angst-Speech wird die Hope-Speech entgegengestellt

Dieser Form von „AngstSpeech“ versuchen wir Ansätze entgegen zu stellen, die auf der Gestaltbarkeit des Zusammenlebens unter Gottes großen Zuspruch des „Fürchtet euch nicht!“ basiert. Dieser Ansatz verbirgt sich hinter dem Kunstwort #hopeSpeech. So haben wir z.B. einen offline Workshop zu dem Thema unter freien Lizenzen entwickelt und zur Verfügung gestellt, der in Gemeindestunden oder auf Zeltlagern leicht durchgeführt werden kann -> https://www.netzteufel.eaberlin.de/hopespeech-workshop/

Egalität und Ebenbildlichkeit

Zum Höhepunkt unserer kurzen Projektlaufzeit haben wir eine interdisziplinäre Zukunftswerkstatt organisiert, die aus dem Blickwinkel von Theologie, (Religions)pädagogik, Digitaler Zivilgesellschaft und Demokratieförderung neue Ansätze für die hoffnungsvolle Gestaltung des Netzes entwickelt hat. Das Inputfeuerwerk am Vormittag eröffnete Christian Staffa unter dem Titel „Mehr Theologie wagen“.

Mehr Theologie wagen – Egalität und Ebenbildlichkeit

Mit dem Blick auf unsere eigene strukturelle Verstricktheit in privilegierte und diskriminierende Zusammenhänge als weiße europäische Christinnen und Christen verwies er auf unsere Verantwortung, das biblisch-theologische Potential, die verändernde Energie, neu zur Sprache zu bringen. Die radikale Botschaft von Egalität und Ebenbildlichkeit und unserer kollektiven Identität als Nachfolgende (Halacha) lehrt uns Migration nicht als „Mutter aller Probleme“, sondern als Mutter aller produktiven Entwicklungen zu sehen.

Reflexion von Spannungsverhältnissen
statt Vermittlung gesellschaftlich erwünschter Einstellung

Paula Nowak vom AKD Berlin betonte, dass eine Wertesozialisation mit der Mediensozialisation gekoppelt sein muss, die einer kontinuierlichen medienpädagogischen und religionspädagogischen Arbeit bedarf. Um bei Jugendlichen mehr Handlungsoptionen als das verbreitete „ignorieren und weiterscrollen“[1] zu aktivieren, kann gerade auch die Religionspädagogik einen Beitrag leisten, wenn sie es schafft, religiöse Deutungskompetenz und digitale Sprachfähigkeit zu fördern.

Es geht um die Reflexion von Spannungsverhältnissen

Pierre Asisi vom Projekt bildmachen.net des politischen Bildungsträger ufuq.de hat ergänzt, dass es bei den entsprechenden Angeboten eher um die Reflexion von Spannungsverhältnissen, als um die Vermittlung „gesellschaftlich erwünschter Einstellung“ gehen muss. HateSpeech darf dabei nicht als isoliertes Internetphänomen verstanden werden, sondern als ein Ausdruck von „realen“ Diskriminierungsverhältnissen, die nicht aus den Augen gelassen werden dürfen.

Das Versprechen Sozialer Netzwerke und die ökonomische, technische und soziale Realität

Markus Beckedahl, Chefredakteur von netzpolitik.org, betonte die Notwendigkeit, die privaten Netzöffentlichkeiten der großen Unternehmen zu demokratisieren. Zentrales Problem ist, dass die Plattformen vorgeben, zum Zweck des Austauschs und der Verbesserung der Welt zu existieren. Im Grunde seien es aber Werbeportale, die auf die Ausspielung von targeted ads (individualisierter Werbung) zielen. Die radikale Öffentlichkeit von Plattformen wie facebook begünstigt dabei, dass vor allem emotionalisierende Inhalte starke Verbreitung finden.

Beispiel: Facebook-Gruppe #ichbinhier

Große Institutionen wie der Staat oder die Kirchen können diesen Prozess neben politischem Druck auch mit der langfristigen Förderung von kleinen Projekte unterstützen, die Alternativen auf technischer und sozialer Ebene entwickeln und erproben. Susanne Tannert von ichbinhier e.V. dem Verein zur 45.000 Mitglieder starken, 2016 gegründeten Facebookgruppe, sprach über die Möglichkeiten einer digitalen Zivilgesellschaft. Als größte Counterspeech Initiative im deutschsprachigen Raum ist sie ein gelingendes Beispiel für die Möglichkeit, Zivilcourage und Gemeinschaft online aufzubauen und aufrechtzuerhalten.

Bots, Bilder & Bürgerbeteiligung

In den Werkstattgruppen am Nachmittag wurden Leerstellen identifiziert, Utopien gesponnen und konkrete Projekte entwickelt. Manche Projekte sind mit einem Augenzwinkern versehen, wie der Wut-Manager, der an den Social Bot Conrad erinnert, den Lisa Simpson zur Folgeabschätzung vor einem Post auf Social Media entwickelt hat. Andere Projekte, wie „Neue Bildsprache“, haben konkrete Ansätze und Maßnahmen für ein Projekt entwickelt, das die radikale Gegenwärtigkeit der Bildsprache, von der u.a. die Kirchenmalereien zeugen, in aktuelle digitale Formate überführt. Die Gruppe „Per Messenger-Nachricht Bürgeranhörung“ hat mit radikaler Einfachheit ersonnen, wie Parlamente mit Messenger-Diensten Bürgerbeteiligung etablieren können. Menschen tragen sich in thematische Listen ein und werden zu anstehenden Reformen befragt. Dabei geht es weniger um eine Vorabstimmung, sondern um gegenseitige Transparenz und alltägliche Maßnahmen, um das Vertrauen in und die Auseinandersetzung mit Politik zu fördern.

Bedeutung der Orte „kohlenstofflicher Vernetzung“

Und nun?!

Neben den konkreten Projektideen sind auch Querschnittsthemen deutlich geworden, wie die Frage nach einem echten intergenerationellen Arbeiten in Bezug auf digitale Lebenswelten und Diskriminierung, das nicht in eine falsche Dualität verfällt (alt vs. jung; online vs. offline. etc.).

Wir werden die Ideen und Anregungen in unsere weitere Arbeit mitnehmen. Unabhängig von der Realisierbarkeit der Projekte hat die Zukunftswerkstatt gezeigt, wie wichtig solche Orte der kohlenstofflichen Vernetzung zum gemeinsamen Kritisieren, Träumen und Arbeiten sind.

Autor: Timo Versemann ist Evangelischer Theologe und leitet das Projekt NetzTeufel. Der Projektname ist Sinnbild für die produktive aber auch gefährliche Tradition von christlicher Verbildlichung und zugleich Mahnung vor Dämonisierung. Das Projekt wird vom BMFSFJ im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ mit Unterstützung der Evangelischen Kirche in Deutschland gefördert.

[1] Jim Jugendstudie 2018 https://www.mpfs.de/studien/jim-studie/2018/

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