Dogmatik der individuellen und universalen Heilsgeschichte: Ein fast vergessenes Dokument aus dem Jahre 1939

Der Zenzenhof bei Innsbruck ist heute ein ÖAMTC-Fahrtechnikzentrum – und zugleich ist er ein theologiegeschichtlich bedeutsamer Ort: Karl Rahner und Hans Urs von Balthasar wagten dort vor genau achtzig Jahren einen Neuentwurf der Dogmatik. Roman Siebenrock erklärt ihn mit Blick auf heute.

Auch wenn die genauen Umstände der Entstehung wohl nie ganz geklärt werden können, stellt das Dokument „Über den Versuch eines Aufrisses einer Dogmatik“, das Karl Rahner SJ 1954 in eigener Verantwortung veröffentlichte, ein einzigartiges Dokument der Theologie des 20. Jahrhunderts dar. Im Sommer 1939 trafen sich Karl Rahner und Hans Urs von Balthasar auf dem Zenzenhof, der damaligen „Villa des Innsbrucker Jesuitenkollegs“ südlich von Innsbruck, um theologische Alternativen für die Zukunft zu erkunden.

Alternative zur Schuldogmatik

Dieser Entwurf einer systematischen Alternative zur verpflichtenden Schuldogmatik steht in einem größeren Kontext. Schon die sogenannte Verkündigungstheologie versuchte in Innsbruck mit J. A. Jungmann nach 1936 eine Alternative zu entwickeln.

Ähnlich ist der Versuch innerhalb des Jesuitenordens einzuschätzen, eine „Dogmatik der Exerzitien“ zu entwickeln. In denselben Kontext ist auch ein „Verlags-Vorvertrag“ zwischen dem Herder-Verlag und Karl Rahner aus dem Jahre 1941 zu stellen. Rahner sollte zusammen mit den Patres Delp SJ und Bolkovac SJ, unter ausdrücklich möglicher Hinzuziehung von Hans Urs von Balthasar, an einem größeren Handbuch der katholischen Dogmatik so arbeiten, dass in zwei Jahren an den Beginn einer Edition gedacht werden könne. Die Kriegsumstände vereitelten diesen Plan, Delp wurde 1945 hingerichtet und Hans Urs von Balthasar verließ die Gesellschaft Jesu. So geht der veröffentlichte Entwurf auf Rahner zurück. Warum ist es heute, 80 Jahre danach, sinnvoll daran zu erinnern?

Spannungsweite katholischer Theologie

Zunächst ist dieser Entwurf ein Zeugnis für tiefe Gemeinsamkeiten zwischen Rahner und von Balthasar, die später ja gerne als sich ausschließende Antipoden dargestellt wurden. „Cordula oder der Ernstfall“ (1966) aus der Feder von Balthasars nährte diese Perspektive.

Doch die späte Würdigung Rahners in Balthasars Begründung einer Hoffnung für alle rückte die tiefe Gemeinsamkeit neu ins Licht. Die Option für den universalen Heilswillen Gottes prägt ja Rahners Gnadentheologie seit 1937/38. Wie vergleichbar damals noch die Ansätze waren, lässt sich auch aus einem Buch von Balthasars aus dem Jahre 1956 nachweisen: „Die Gottesfrage des heutigen Menschen“ (Neuauflage 2008). Die Spannungsweite authentischer katholischer Theologie müsste uns hier aufgehen. Hüten wir uns vor wechselseitigen Exkommunikationen. Wir sollten eher ein Netz der Beziehungen knüpfen.

Mensch als Hörer des Wortes

Der Entwurf, im Gegensatz zur Schuldogmatik, beginnt nicht mit einer Apologetik und der Darstellung des metaphysischen Gottesgedankens, sondern grundsätzlich mit der Reflexion auf die Schrift. In einer „formalen und fundamentalen Theologie“ werden die allgemeine Kategorien und die Verhältnisbestimmung zwischen Gott und der Schöpfung bzw. dem Menschen in einer Analogie so entwickelt, dass sich daraus die Idee einer Offenbarung und der Bestimmung des Menschen als Hörer des Wortes ergibt. Wunder und Prophetie werden als Vermittlungs- und Symbolinstanzen in diesem Zusammenhang eingeordnet.

Zu dieser formalen und fundamentalen Bestimmung gehört auch die Rede vom „Zorn Gottes“, die aber mit der Lehre von der Gnade und der „Kenosis“ als „Gehorsam“ entfaltet wird. Auch die spezielle Dogmatik beginnt mit der Anthropologie. Damit wird deutlich, wie stark der Ansatz geschichtsorientiert ist und daher neuere philosophische Entwicklungen wie die Phänomenologie und die Existenzphilosophie zu integrieren vermag.

Werdende Differenz

In einer Beobachtung könnte sich vielleicht doch die werdende Differenz zwischen Rahner und von Balthasar anmelden. Karl Rahner entwirft in seiner Fassung die Trinitätslehre aus einer Theologie der Begnadigung des Menschen und gibt uns dabei zu bedenken, „daß die innergöttliche Dreifaltigkeit uns geoffenbart ist, weil und insofern uns unsere Erlösung und Begnadigung geoffenbart wurde“ (SW 4, 435).

Diese Orientierung wäre nicht nur für das Verständnis des Werkes Rahners hilfreich, sondern heute eine Inspiration für eine Theologie angesichts des Judentums und des Islams. Später wird Rahner diese Perspektive als „konkreten Monotheismus“ bezeichnen. Die Differenz zu Balthasars Theodramatik wird vor allem durch die Bedeutung der Visionen von Adrienne von Speyr markiert. Ihre gemeinsame Überzeugung von der Universalität der Gnade und der damit verbundenen Hoffnung für alle wird dadurch nicht in Frage gestellt.

Dogma und Pastoral

An mindestens zwei Optionen aus Rahners Einleitung muss aber heute erinnert werden. Zum einen an seine Forderung einer Einheit von wissenschaftlicher und kerygmatischer Theologie, in der mit der eigenen Existenz im Hören auf das Wort Gottes in je meinem Leben Theologie zu treiben wäre. In solcher Sachgemäßheit müsste man sich deshalb nicht mehr künstlicher der Zeit anpassen, weil das Wort Gottes mit den Ohren und dem Herzen des heute vernommen wäre. Was Johannes XXIII. „aggiornamento“ nannte und das Konzil in der Einheit von Dogma und Pastoral anzielte, ist hier nicht nur vorgedacht.

Zum anderen erinnert er uns heute daran, dass der Abschluss einer Glaubensentwicklung im Dogma nicht nur Ende, sondern vor allem Anfang, eine Öffnung bedeutet. Zwar gehe der Kirche das wirklich Erkämpfte nicht verloren, doch dies zu bewahren kann nur gelingen, in der Weiterarbeit und dadurch, dass diese Erkämpfte sich in einer neuen Zeit bewährt. Wir können nur bewahren, wenn wir uns ins Neue riskieren.

Am realen Leben ausrichten

Ganz umsonst war dieser Entwurf aber nicht. Die Autoren der großangelegten heilsgeschichtlichen Dogmatik („Mysterium Salutis“. Bd. 1-5, mit zwei Teilbänden. Einsiedeln 1970-1976) von Johannes Feiner und Magnus Löhrer waren von diesem Entwurf inspiriert. Vielleicht auch weil dieses Werk zu umfangreich wurde, ist davon heute kaum noch die Rede. Vielleicht wäre es wieder an der Zeit, nicht nur die Systematische Theologie am realen Lebensvollzug der Menschen konstitutiv auszurichten. Papst Franziskus hat mit seiner Einleitung in „Veritatis gaudium“ dazu eine Steilvorlage gegeben.


Roman Siebenrock ist Professor für Systematische Theologie an der Theologischen Fakultät Innsbruck.

Bild: Christian Bauer

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