Ausbildungsreform als Kirchenreform

Wie bildet man jetzt für einen Beruf aus, der sich in ständigem und anhaltenden Wandel befindet? Friederike Erichsen-Wendt über einen Neuansatz in der Vikariatsausbildung.

„Also, ich will nicht dazu da sein, die Kirche zu retten“, sagt eine Theologiestudentin und schaut mich erwartungsvoll an. Ein Infotag für Studierende soll klären helfen: Was bedeutet es heute, einen religiösen Beruf zu erlernen und auszuüben?

„Ich will nicht die Kirche retten!“

Die Kirche, die heute die Ausbildung pastoraler Berufe verantwortet, ist eine andere Institution als die sie einmal gewesen zu sein vorgibt: Sie entscheidet nicht allein, wer sie ist. Ihre Zukunft erzählt sich aus dem, was ihr entgegenkommt, nicht zuallerst aus ihrer Historie. Die Orte, an denen sich Bedeutungsvolles ereignet und die geradezu provozieren, dass an ihnen religiös geredet wird, sind nicht von sich aus da, sondern müssen erst gefunden werden. Wer gegenwärtig professionell mit Religion zu tun hat, dem hilft die Fähigkeit, Orte des Religiösen überhaupt erst zu finden. Zur gleichen Zeit werden Erwartungen kommuniziert, „was Kirche eben so macht“, wo „Kirche“ ist und wofür sie grundsätzlich stehe. Diese Erwartung schafft identity marker in einer Zeit, in der Vieles unübersichtlicher wird.

Pfarrer und Pfarrerinnen bearbeiten dieses Spannungsfeld von Findung und (vermeintlich) Schon-immer-Vorhandenem in ganz verschiedenen Praxisfeldern, in abgesteckten geographischen Zuständigkeiten, für verschiedene Zielgruppen, in Bildungseinrichtungen, in totalen Institutionen wie Kliniken und Gefängnissen, als Ansprechpartnerinnen und Seelsorger in vielfältigen Feldern des öffentlichen Lebens. Über die Grenzen der einzelnen Landeskirchen hinausgesehen, sind die Gemeinsamkeiten des Pfarrberufs allenfalls im Sinne von „Familienähnlichkeiten“ (Wittgenstein), im Sinne einer intuitiven Ähnlichkeit, „dass man doch eben erkenne, was eine Pfarrerin sei“, zu erkennen. Darin wird deutlich, dass die je konkrete Gestaltung der pastoralen Berufstätigkeit selbst zur Anforderung wird. Das macht die Professionsberuflichkeit pastoralen Dienstes aus: Es handelt sich um eine Tätigkeit, von der erwartet wird, dass sie selbsttätig Anpassungen an die gesellschaftlichen Gegebenheiten vollzieht und eigenständig Akzente setzt. Weitergedacht bedeutet dies, dass kirchliche Struktur zu einer Praxis wird, die notwendigerweise instabil und so Gegenstand von Verhandlung und Entscheidung ist.

Gemeinsamkeit des Pfarrberufs in vielerlei Gestalt nur als „Familienähnlichkeit“

Dass beides, konkrete Erwartungshaltungen und freie Formatierungsanforderungen, gleichzeitig mit guten Gründen „da“ ist, macht die Komplexitätsbedingungen aus, unter denen pfarrberufliches Handeln gegenwärtig Gestalt gewinnt: Paare wünschen sich Luftballons im Kirchraum, möchten ein Haustier zur Trauung mitnehmen, und bringen ihre eigene Religiosität ins Spiel: „Opa im Himmel feiert doch mit, oder?“ Personal will geführt, Ehrenamtliche gemanagt, Haushaltspläne verabschiedet werden. Religiosität äußert sich vielfältig und unbestimmt, diskret und plakativ. Junggesellenabschiede und Kindergeburtstage setzen ritualisierte Liturgien aus sich heraus und wirken auf das, was Menschen eben „kennen“. Religiosität liegt auf der Straße und wird zugleich gesamtgesellschaftlich fraglicher. Kirchenleute werden zunehmend nicht als Fachleute zu Rate gezogen, sondern müssen sich selbst in öffentlichen Diskursen zur Sprache bringen, die eine demokratische Gesellschaft darauf hinweisen, dass sie die Bedingungen ihrer Pluralität nicht selbst erhalten kann. Und dann entstehen Situationen, Katastrophen, Unerklärliches, in denen Geistliche zeitnah um Antworten gefragt werden. Hier kenntnisreich zu sein, setzt die Wahrnehmung langfristiger Prozesse voraus.

Wie lernt man das?

Die vielleicht wichtigste Erkenntnis im Rahmen der Entwicklung einer strukturreformierten Ausbildung zum Pfarrberuf in der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck ist: Es geht in erster Linie um die Aneignung desjenigen Know-How und – vielleicht noch wichtiger – Know-Why, mit dem man im Beruf beginnen kann. Wenn man per se nicht absehen kann, welche Herausforderungen sich stellen werden, und die Wirklichkeit grundsätzlich nicht eindeutig beschreibbar ist, geht es vor allem darum, an Beispielen elementare Schlüsselsituationen zu erarbeiten. Das bedeutet, dass Ausbildungsinhalte nicht mehr das repräsentieren, was der Beruf zukünftig mutmaßlich erfordert, sondern vielmehr Fähigkeiten und Fertigkeiten erprobt und geübt werden, die Menschen in Stand setzen, in unerwarteten und unbekannten Situationen religiös professionell zu agieren. Niemand wird – mehr oder minder vorwurfsvoll – in einer konkreten Anforderungssituation sagen können: „Aber das habe ich ja gar nicht gelernt“.

In unerwarteten und unbekannten Situationen religiös professionell agieren können

Zugleich bedeutet die Ausbildung pfarramtlicher Beruflichkeit auch, sich im Rahmen dessen, was in und von der Kirche erwartet wird, kenntnisreich und mit Gründen zu bewegen. Dies gilt auf mehreren Ebenen: Operativ stehen scheinbar glasklare Erwartungen neben der notwendigen Anforderung, Aufgaben zu priorisieren und zugleich Neues zu entwickeln, um situativ angemessen zu handeln. Bei aller handwerklichen Sicherheit und Qualität ist oft nicht von vorne herein „klar“, was getan werden muss.

Auf strategischer Ebene wird es mehr darum gehen, verschiedene Bilder und Konzepte von Kirche kommunikativ miteinander zu vermitteln. Das Ausbildungskonzept selbst hat sich in einem kommunikativen Prozess erschlossen und vermittelt: Bei allem vorgängigen bildungstheoretischen Wissen war nicht von vorne herein „klar“, was sich aus dem Zusammenspiel von Kirchenleitung, Studienseminar als Einrichtung, die die Ausbildung im ganzen verantwortet, und Kooperationspartnern im Blick auf die einzelnen Performanzfelder pastoralen Handelns, ergibt. Der hohe kommunikative Aufwand hat sich als Chance gezeigt, in der Kirche als selbstreflexives Netzwerk Gestalt gewinnt, um in eine offene Gesellschaft hinein sprach- und handlungsfähig zu sein. Klare Rahmenbedingungen helfen (in) der Ausbildung, um innerhalb dieser Vorgaben situativ Angemessenes zu entwickeln.

Kirche als selbstreflexives Netzwerk

Zugleich haben entscheidungspsychologische Studien gezeigt, dass Unsicherheit, die zunächst Verwirrung auslöst, insgesamt zu größeren Entscheidungsmöglichkeiten und zu mehr Kreativität führt: Fokussierung und Flexiblität treten hier nämlich gemeinsam auf, ebenso Realismus und Optimismus, pragmatisches Handeln und Vertrauen ins Ereignis.[1] All dies dient dazu, schnelle Veränderungen weder allein logisch-rational durch Beschleunigung von Prozessen zu gestalten, noch sich in eine kleine, nahezu privatreligiöse Nische zurückzuziehen, sondern Situationen geschickt zu erfassen und handlungsfähig zu sein, obwohl sie sich nicht vollumfänglich erschließen lassen.

Unsicherheit führt zu mehr Entscheidungsmöglichkeiten und mehr Kreativität

Unter diesen Bedingungen kann nun nicht mehr „alles“ gelernt werden. Und es soll es auch nicht! Vielmehr geht es um die Gestaltung grundlegender Formen religiösen Ausdrucks (bzw. analytisch: um Reflexionsperspektiven auf religiös Beobachtbares) – Gemeinschaftlich Feiern, Helfen zum Leben, Lehren und Lernen[2]–, die dafür erforderlichen Kompetenzen – Wahrnehmen, Deuten, Reflektieren – sowie schließlich die Fähigkeit, all dies in Beziehung zueinander zu setzen und in Bewegung zu halten. Letzteres beschreibt das charakteristische Leitungshandeln im Pfarrberuf.

Die Arbeit an pastoraltheologischen Fragen im Anschluss an jede dieser Perspektiven soll ermöglichen, diese Fähigkeit habituell so anzubahnen, dass Vikar_innen sich zu den Erwartungen in und an die Kirche reflektiert verhalten können und mit den ambidextren Logiken der gegenwärtigen Kirche für sich und andere gut umgehen lernen.

Dem Eindruck entziehen, „es fehlt etwas“.

In einer Übergangssituation der Kirchen, wie wir sie derzeit erleben, erfordert eine solche Ausbildung von allen Beteiligten viel Mut, weil sich kaum jemand dem Eindruck entziehen kann, „es fehle etwas“. Kirche auf diese Weise elementar&flexibel neu zu denken, ist nicht nur eine Einsicht, sondern auch ein Lernprozess.

Insofern zeigt sich die Erarbeitung dieses Konzepts von Ausbildung so, wie diese selbst dann auch sein soll: Sie erhält ihre Impulse vor allem Schritt für Schritt und erst in zweiter Linie durch planvolle Organisation. Ableitungen aus vermuteten Bildern der zukünftigen Kirche schließlich dienen eher als Prüfkriterium. Sie nimmt wahr, deutet und reflektiert, was ihr gegenübertritt und zeigt sich damit selbst als lernende Organisation. Sie nimmt viele mit, die mitdenken und mittun. Sie ist offen für die Ausbildung anderer Berufsgruppen und auf die interprofessionelle Zusammenarbeit mit anderen ausgelegt. Sie lässt sich von engen Rahmenbedingungen nicht lähmen und organisiert ihre Entscheidungen unter Ungewissheit. Das erfordert Fehlerfreundlichkeit, vergrößert aber auch die Spielräume, Felder zu entwickeln, in denen gelernt werden kann, einen religiösen Beruf auszuüben, der in eine offene Gesellschaft hinein wirksam und relevant ist.

Dafür will die eingangs zitierte Theologiestudentin da sein. Bald beginnt sie ihr Vikariat.

Lernende Organisation

Ausbildung zum Pfarrberuf in der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck

Das Ausbildungsmodell stellt sich dem Wandel von Kirche, Religion und Pfarrberuf in postsäkularer Zeit. Es dient dazu, dass Pfarrer_innen gut in den Beruf starten können und setzt berufslebenslanges Lernen voraus. Im religiösen Pluralismus sieht es eine zentrale Herausforderung für den Pfarrberuf. Das Modell denkt die zweite Ausbildungsphase nach dem Hochschulstudium so, dass auf Komplexitätsanforderungen mit Elementarität und Flexibilität geantwortet wird. Es konzentriert sich auf das Wechselspiel von Grundkompetenzen (Wahrnehmen, Deuten und Reflektieren) und Grundperformanzen (Gestalten, Experimentieren und Üben) und das darin zum Ausdruck kommende pastorale Leitungshandeln. Methoden empirischer Theologie spielen eine zentrale Rolle im Praxis-Theorie-Praxis-Zusammenhang. Mit stabilen und flexiblen Elementen werden Anforderungen an die Leitungs- und Organisationsfähigkeit gestellt, die gegenwärtigen Berufstheorien entsprechen und für die Zukunft des Pfarrberufs von grundlegender Bedeutung sind.

„Elementar&flexibel“ geht auf eine Initiative des Evangelischen Studienseminars Hofgeismar zurück, das derzeit mit der Organisation der Umsetzung beauftragt ist. Zum 1. September 2020 beginnt der erste Ausbildungsgang nach diesem Modell. Er wird insgesamt 21 Monate dauern.

Ein öffentlicher Infotag für interessierte Fachpersonen findet statt am 9. März 2020, 14-17h in Kassel. Nähere Infos bei der Autorin.

Pfrin. Dr. Friederike Erichsen-Wendt ist Studienleiterin am Evangelischen Studienseminar Hofgeismar und dort u.a. für die Entwicklung und Umsetzung des strukturreformierten Vikariats zuständig.

Bild: Friederike Erichsen-Wendt


[1] Gelatt, H.B./ Gelatt, Carol, Creative Decision making. Using Positive Uncertainty, Axzo Press 2003.

[2] Grethlein, Christian: Praktische Theologie, Berlin/New York: de Gruyter 2012.

 

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