„Ohne Weihnachtsoratorium ist Weihnachten nur die halbe Wahrheit.“

Johann Sebastian Bachs berühmtes Oratorium im Krisenjahr 2020. Von Meinrad Walter.

„Jauchzet, frohlocket!“ Bachs Klänge gehören zu Weihnachten wie „Stille Nacht, heilige Nacht“. In etlichen kulturellen Milieus gilt das Weihnachtsoratorium als die konzertante Musik zum Christfest. Die beiden Leipziger Autoren des ursprünglich gottesdienstlichen Werkes – nämlich der Textdichter Christian Friedrich Henrici alias Picander (1700–1764) und der Musikdirektor und Thomaskantor Johann Sebastian Bach (1685–1750) – hätten sich diesen Welterfolg wohl kaum träumen lassen. Zu ihren Lebzeiten erschien allein Picanders Libretto im Druck. Für die sechsteilige Musik lässt sich nur die „Uraufführung“ zur Jahreswende 1734/35 nachweisen. Spätestens mit Bachs Tod versinkt das Werk in eine Art Dornröschenschlaf, aus dem es erst nach etwa hundert Jahren wieder erwacht.

Die Popularität im 20. Jahrhundert verdankt sich nicht zuletzt der Dominanz des Weihnachtsthemas in der kollektiven und individuellen Feierkultur, beginnend oftmals mit dem ersten Advent. Ebenso wichtig aber ist beim „Erfolgsrezept“ die Qualität der Bach’schen Musik. Das gilt vom ersten Takt an. Das Oratorium auf „die heilige Weyhnacht“ beginnt nicht, es hebt vielmehr effektvoll an: mit fünf markanten Paukenschlägen, gefolgt vom Auftreten weiterer Instrumente. Dann meldet sich der Chor mit affektvollen Imperativen zu Wort. Er stimmt die Hörerschaft mit „preiset die Tage!“ auf den gesamten Aufführungszeitraum vom 25. Dezember bis zum 6. Januar ein, um sich dann im Duktus des liturgischen „Hodie Christus natus est“ mit der Botschaft „Rühmet, was heute der Höchste getan!“ dem ersten Weihnachtstag zuzuwenden.

Musik „für Kenner und Liebhaber“

„Denen Liebhabern und besonders denen Kennern von dergleichen Arbeit zur Gemüts-Ergötzung verfertiget“, so überschrieb Bach ein großes Orgelwerk. Geradezu komplementär könnte man etwa auf CDs mit dem Weihnachtsoratorium schreiben: „Den Kennern und insonderheit den Liebhabern zur weihnachtlichen Gemüts-Ergötzung …“ Die Liebhaber erfreut die Musik. Auch ritualisierter Genuss ist nicht ausgeschlossen nach dem Motto: Das muss einfach sein, Jahr für Jahr! Oder mit den Worten des Hamburger Ensemble Resonanz, das eine verjazzte und betörend eindringliche Fassung des Oratoriums mit E-Gitarre, Vintage-Keyboards, Gesang u. a. auf CD vorgelegt hat: „Ohne WO ist Weihnachten nur die halbe Wahrheit.“

Und die Kenner? Sie wissen natürlich, dass Bach sich bei der Komposition dieses Werkes ausgiebig des „Parodieverfahrens“ bedient hat, indem er weltliche Stücke durch seinen Librettisten Picander umtextieren ließ. Das geht wohl nur auf der Basis eines poetisch-kompositorischen Teamworks, über dessen Planungsgespräche – vielleicht im Zimmermannschen Caffeehaus? – man gern mehr wüsste. Leider schweigen hierzu die Quellen und wir sehen nicht hinter die Kulissen dieses Oratoriums.

Aber das Ergebnis kennen und erleben wir. Aus „Tönet, ihr Pauken! Erschallet, Trompeten! Klingende Saiten, erfüllet die Luft!“ wird das weihnachtliche „Jauchzet, frohlocket! Auf, preiset die Tage! Rühmet, was heute der Höchste getan!“ Aber es geht in der Bearbeitung noch extremer, weil die Bearbeitung sich weit vom Original entfernen kann. Ein Beispiel: Bis heute fasziniert, wie das ursprüngliche „Ich will dich nicht hören, ich will dich nicht wissen, verworfene Wollust, ich kenne dich nicht“, das „Herkules auf dem Scheidewege“, so der Titel dieses Bach’schen „Dramma per musica“, der Wollust entgegenschleudert, ohne große Änderung der Noten zum weihnachtlich-marianischen Gesang der Erwartung wird:

„Bereite dich, Zion, mit zärtlichen Trieben,
den Schönsten, den Liebsten, bald bei dir zu sehn.“

Selbst erfahrene Musiktheoretiker haben eine harte Nuss zu knacken, wenn sie erklären müssen, wie die Musik sowohl auf die ursprünglichen wie auf die sekundär-adventlichen Worte „funktioniert“. Hier kommt es nicht zuletzt auf den Gestus des Singens und Spielens an. Überdies bringt der Philosoph Byung-Chul Han sogar den Zusammenhang zwischen „Erlösung und Ergötzung“ in Anschlag sowie – anhand der ähnlichen Arienworte „Labe die Brust, empfinde die Lust“ – das poetisch-musikalische Oszillieren „zwischen Gott, Gaumen und Geschlecht“.

Corona-bedingtes „Oratoriumsfasten“

Als die Schriftstellerin Carola Mosbach 2015 über ein „Oratoriumsfasten“ schrieb und damit den zeitweisen Verzicht auf die berühmteste vokal-instrumentale Weihnachtsmusik zugunsten eines neuen Hörens meinte, konnte sie nicht ahnen, wie uns Corona 2020 um die beliebten Konzerte bringt. Ein unermesslicher Verlust ist das für Hörerinnen und Hörer, aber auch für Kantoreien, Vokalensembles, Solisten und Dirigenten. Doch für die verhinderte wie für die mögliche Aufführung gilt womöglich eine Kurzformel des schwäbischen Dichterpfarrers Albrecht Goes über das erste Hören dieses Meisterwerkes: „Das vergisst sich nicht.“

Bei der bereits erwähnten Wiederentdeckung um die Mitte des 19. Jahrhunderts sind als „Begleitmusik“ auch kritische Töne zu hören: Friedrich Nietzsche will mit seinem eigenen Weihnachtsoratorium, das Fragment geblieben ist, Bach verbessern, und Albert Schweitzer schlägt die Streichung fast aller Arien vor. Anderen gilt die Übernahme weltlicher Stücke aus früheren Huldigungskantaten mittels weihnachtlicher Umtextierung als Verstoß gegen gleich zwei ästhetische Maximen: Diese Musik Bachs ist weder original noch einheitlich!

Der Bach-Biograf Philipp Spitta schließlich bemängelt, dass die „Echo-Arie“ im vierten Teil nicht konsequent genug durchgeführt ist, weil sich das Echo zwei Mal „unaufgefordert meldet“. Aber ist nicht gerade das der spirituelle Clou? Wenn die tröstlich-göttliche Echo-Stimme nur zu wiederholen hat, was man ihr vorsingt, wäre Glauben ein einziger untauglicher Versuch der Selbstbestätigung und die Religionskritik Ludwig Feuerbachs im vollen Recht. Bachs Weihnachtsoratorium zeigt seine Größe auch darin, dass es zu geradezu polyphonen Diskursen immer neu anregt.

„Das Hören höret nimmer auf“

„Das Hören höret nimmer auf.“ Dieses berühmte Diktum des Philosophen Hans Blumenberg über Bachs Matthäus-Passion gilt auch für das Weihnachtsoratorium. Seit der Wiederentdeckung kommt es zu immer neuen Begegnungen und Variationen der Aneignung dieser Musik. Doch was hören Christen und Agnostiker, spirituell und kulturell Interessierte, wenn sie Bach hören? Darauf gibt es viele Antworten.

Zu denken geben die Ergebnisse einer empirischen Studie zum ästhetischen Erleben dieser Musik an Weihnachten 2015/16, zugänglich im Internet: schott-campus.com/das-weihnachtsoratorium-von-johann-sebastian-bach. Besonders überrascht, dass fast die Hälfte der Teilnehmer*innen angab, „gar nicht“ oder nur „wenig“ religiös zu sein. Verbirgt sich dahinter eine noch kaum erforschte „musikalische Religiosität“, die sich zum einen gern von Institutionen distanziert, zum anderen aber manche musikalischen Brücken dorthin doch noch für begehbar hält?

Bachs Werk ermöglicht eine „Rezeption in konzentrischen Kreisen“. Was meint das? Jeder Teil des Oratoriums widmet sich einer menschlichen Polarität, um sie biblisch-christlich zu deuten, in Wort und Klang. Nehmen wir den zweiten Teil, der ohne Chor mit der berühmten „Sinfonia“ beginnt. Irdisch und himmlisch, so heißt die Spannung, der sich kaum jemand entziehen kann, der Hoffnung auf mehr als Irdisches zumindest noch für möglich hält. In diesem äußeren Kreis kann man verweilen. Oder man kann sich der Vertiefung hingeben, in theologischen wie in musikalischen „Tonarten“: Musikalisch werden die Streicher als Engelsinstrumente identifizierbar und die Holzbläser als Hirtenmusik; theologisch geht es darum, dass die himmlische Botschaft zur Welt kommt und Antworten evoziert. Ganz am Ende des Teils springt dann der Funke auf alle über: „Auf denn, wir stimmen mit euch ein!“ Ein großes „Wir“ aus Engeln und Hirten, vokalen und instrumentalen Kräften. Die Gegenwart von Weihnachten.

Einladung zu polyphoner Rezeption

Das schließt auch die heutigen Hörer*innen mit ein. Bachs Weihnachtsoratorium eröffnet einen Ort der Begegnung für viele: für all jene, die in der biblischen Botschaft und ihrer Auslegung in lutherischen Chorälen ihre eigene „musikalische Muttersprache“ erkennen; aber auch für alle, die an Weihnachten gern zur Ruhe kommen und in Erinnerungen schwelgen wollen. Sogar für diejenigen, die in barocken Werken musikalisch „zu Hause“ und spirituell vielleicht „zu Gast in fremden Zelten“ (Fulbert Steffensky) sind.

Beim Singen, Spielen und Hören des Weihnachtsoratoriums treffen sich die von der Musik Faszinierten mit jenen, denen Bach als „tiefsinniger Exeget des göttlichen Wortes“ gilt, wie es 1857 in Wien der anonyme Kritiker einer von Johannes Brahms geleiteten Aufführung formuliert hat. Wer Bachs Musik sucht, findet auch die biblische Botschaft, und wer sich auf Weihnachten einstimmen will, wird mit ebenso eingängiger wie komplexer Musik konfrontiert. Im Jahr 2020 könnte es sinnvoll sein, über beides noch mehr ins Gespräch zu kommen: über Bachs Musik, die wir analog zum kontrapunktischen Spätwerk seine „Kunst des Oratoriums“ nennen könnten, und über das in Klänge „übersetzte“ Thema der Menschwerdung Gottes.

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Meinrad Walter, Dr. theol., Musikwissenschaftler, ist stellv. Leiter des Amtes für Kirchenmusik der Erzdiözese Freiburg und Honorarprofessor an der Musikhochschule Freiburg.

Buchhinweis: Henning Bey und Meinrad Walter: Johann Sebastian Bach. Weihnachtsoratorium. Reihe „Wort//Werk//Wirkung“. Carus-Verlag und Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 2020. 184 S. mit CD-Einspielung (Gaechinger Cantorey, Leitung: Hans-Christoph Rademann).

Bild: Holger Schneider (das Bild zeigt den Autor)

 

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