Beim nächsten Ton des Zeitzeichens ist es… Predigt als Zeitansage

Eine gute Predigt kann nie keine Zeitansage sein; ohne aktuellem Bezug zu ihrem Umfeld fehlt ihr Essentielles. Prediger*innen müssen für Manfred Becker-Huberti neben der Theologie die Kommunikationsregeln kennen und außerdem wissen, dass sie mit ihrer Person für die Glaubwürdigkeit ihrer Worte stehen.

Mitten im Dreißigjährigen Krieg gab der Franziskanerpater Zacharias Kirchgesser[1] 1635 in Münster ein Buch mit Predigten zu den aktuellen Zeitverhältnissen heraus. Anlass bot ihm die „jetzige verkehrte arge Welt“ (4) und die „grausamen Veränderungen in Deutschland“ (4f.). Weil ihm „das Herz voll sei, laufe ihm der Mund über“ (5) begründet er die Veröffentlichung seiner Predigten in Buchform, zu der er von gutherzigen Freunden angehalten worden sei (13).

Ein Franziskaner des 17. Jahrhunderts reagiert auf Gesellschaftsfragen

Den Zustand des „lieben deutschen Vaterlandes“ definiert er als „jämmerlich“ (11), er spricht von einem „Gräuel der Verwüstung“ (12). Und weil es um die „zeitliche und ewige Wohlfahrt aller gehe“ (16) erläutert er den früheren Zustand des Landes, das gegenwärtige Elend, die Gründe dafür und stellt dann die Mittel zusammen, „unserem Vaterland aufzuhelfen“. P. Kirchgesser begründet seine Meinungsäußerung als Erfordernis seines Amtes als Prediger (161f.). Er hofft darauf, dass alle Prediger die Christinnen und Christen zur Erkenntnis seiner Anregungen erwecken. Denn die Prediger seien das einzige Werkzeug, das Gott und seine Kirche zu diesem Zweck nutze.

Predigten, die sich an
alle Zeitgenoss*innen richten

Als seine Zielgruppe definiert der Ordensmann alle „redlichen Deutschen“ (166). Als sein Ziel stellt er klar dar,daß wir in gröster Einigkeit nichts anderst suchen / dann allein einen Stall / und einen Hirten Jesum Christum: Und zu dem intent so lang arbeiten / bis wir / durch Gottes Gnad / unser liebes Teutsches Vatterlandt in vorigen Wolstandt / wie auch alle Teutsche dahin bringen“. Der Franziskaner will die Restauration der alten Verhältnisse: eine Kirche, ein Reich, ein Glaube. Soll das gelingen, dann muss „der Anfang … am Tempel oder Gotteshauß gemacht seyn“ (166f.).

Autor Manfred Becker-Huberti

Die im Land tobenden kriegerischen Auseinandersetzungen benutzen die Religion nur als Vorwand. Diese Feinde darf und muss man nach seiner Meinung mit dem Schwert bekämpfen. „Ketzer“ muss man aber vom alten und richtigen Glauben überzeugen und darf nicht den Fehler machen, sie zu früh wieder in die Gemeinden zu integrieren. Kirchgesser ist jedoch so realistisch, dass er erkennt, dass sich möglicherweise die alte Einheit im Glauben nicht wiederherstellen lässt. Für diesen Fall zeigt er eine alternative Lösung an: Konfessionell geschlossene Länder, die aber gemeinsam dem deutschen Kaiserreich angehören. Eine klare Trennung zwischen Ketzern und Katholiken ist für ihn jedoch zwingend. Ökumene und Religionsfreiheit sind zu dieser Zeit einfach unvorstellbar.

Eine Kommunikation der Zeitansage

Nach seiner Diagnose folgt der Therapievorschlag mit dem Ziel einer Heilung. Kommunikativ kann man das Werk Kirchgessers als Zeitansage definieren, als eine Bewertung der aktuellen Zeitereignisse aus der Sicht eines Theologen. Zeitansage? Was hat das mit Theologie und Verkündigung zu tun?

1.

Zeitansage ist für die Allgemeinheit die Ansage der physikalischen Zeit, die genutzt werden kann, um die eigene Zeitmesser zu koordinieren. Es geht um die Abstimmung von Zeitmessern. Erst die Vereinheitlichung der Zeit(-messer) erlaubt ein geordnetes Miteinander der menschlichen Akteure.

Technische Zeitansagen als Inbegriff des Fortschritts

Die erste Einrichtung, die Anrufer über das Telefonnetz die genaue Zeit vermittelte, wurde am 1. August 1909 auf der Sternwarte Hamburg in Betrieb genommen. Quelle der Zeitansage war eine astronomische Pendeluhr, die mit der Hauptuhr der Sternwarte verbunden war. Der weltweit erste Regelbetrieb einer sprechenden Zeitansage wurde am 14. April 1933 in Frankreich vom Pariser Observatorium in Betrieb gestellt. Das sprechende „Fräulein vom Amt“ wurde später durch eine mechanische Zeitansagemaschine abgelöst. Deutschland folgte: Am 16. September 1935 nahm ein Zeitansage-Automat den Dienst auf.

Lebensereignisse werden von
Zeitansagen markiert.

Zeitansagen sind jedoch viel älter. Zeitansagen sind zum Beispiel die wechselnden Jahreszeiten. Der Schatten der Sonne, mit Ziffern bei der Sonnenuhr genutzt, zeigt den Fluss der Zeit an. Die Sonnenuhr zeigt bekanntlich „die schönen Stunden nur“, weil für ihre Zeitansage die Sonne die Voraussetzung ist. Die Glocke kann – unabhängig vom Sonnenstand – als Zeitzeichen zu sakralen und profanen Zwecken angeschlagen werden. Sie kann den Tag rhythmisieren durch ihr Anschlagen für das Morgen-, das Mittags- und das Abendgebet. Glocken können bei Feuer oder einem feindlichen Angriff Sturm läuten oder mit einem Trauergeläut Verstorbene zum Friedhof begleiten.

Die Predigt als eine der ältesten Zeitansagen

Optisch oder akustisch, programmiert oder auf Bedarf – die Form der Zeitansagen sind vielfältig, ihr Einsatzbereich kaum überschaubar. Die älteste Zeitansage dürfte aber das gesprochene Wort sein, das zu bestimmten Anlässen von bestimmten Personen ergriffen werden konnte, um Zeitverhältnisse auszudeuten. Eine sehr alte Form der gesprochenen Zeitansage ist vermutlich die Predigt, die Ansprache meist innerhalb eines sakralen Rituals.

2.

Die christliche Predigt als Zeitansage ist kein Paradigmenwechsel weg von der Heiligen Schrift zur Politik. Es ist auch keine Absage an eine qualitätsvolle Exegese, sondern die Konsequenz aus dieser: Wenn die Beschäftigung mit der Bibel als Heiliger Schrift nicht museal und bloß rückwärtsgewandt sein soll, dann muss sie in die Gegenwart eingepflanzt werden. Was bedeutet eine Schriftaussage heute und für uns, jetzt und hier? Was muss sich ändern, wenn es besser werden soll? In die Gegenwart einpflanzen meint, dass ihr aktueller Sitz im Leben definiert werden muss.

Zeitansagen beginnen mit unbequemen Fragen

Predigt als Zeitansage hinterfragt die Gegenwart durch das Aktualisieren tradierter christlicher Werte und Grundhaltungen. Was bedeutet „Liebe deinen Nächsten“ angesichts zunehmender Verrohung in unserer Gesellschaft? Wenn ich meine Feinde lieben soll, gilt das auch für die, die andere aus religiösen Gründen in die Hölle bomben wollen? Gilt das Gebot der Feindesliebe für die, die die Not der im Mittelmeer ertrinkenden Flüchtlinge ignorieren?

Verortung des christlichen Glaubens
in der Gegenwart.

Zeitansage ist Verortung in der Gegenwart. Wer fragt: „Wo stehen wir?“ kann seinen Standort nur dann nachhaltig bestimmen, wenn er auch fragt, „woher kommen wir?“ und „wo wollen wir hin“? Was muss ich deshalb jetzt tun?
Ein grundsätzliches Problem jeder Predigt ist, die – in der Regel – fehlende Homogenität ihrer Zuhörerschaft; unterschiedlich sind Interessen, Verstandeshorizonte und Problembewusstsein. Keine Predigt kann alle Zuhörerinnen und Zuhörer erreichen; der Prediger*innen müssen eine Zielgruppe auswählen und ansprechen – und dürfen anderen Zielgruppen nicht links liegen lassen. Wer aber alle gleichzeitig anzusprechen sucht, erreicht niemanden.
Predigt als Zeitansage ist in einem allgemeinen Sinn politisch, weil sie sich auf ein Ziel richtet und dieses nicht nur in den Blick nimmt, sondern auch umsetzen will. Eine Predigt hat Konsequenzen, wenn sie das Denken und Handeln der Zuhörerschaft beeinflusst.

3.

Die Grundregel für diese Art des Predigens kannte bereits das Mittelalter. Meister Eckhart (um 1260 bis 1328) übermittelt uns in einer ihm zugeschriebenen Sentenz:

„Die wichtigste Stunde ist immer die Gegenwart.

Der bedeutendste Mensch ist immer der, der dir gerade gegenübersteht.

Das notwendigste Werk ist stets die Liebe“.

Wider die „einlullende“ Predigt

Etwas näher zu unserer Zeit und herzhaft ironisch dazu formuliert Heinrich Heine in einem Gedicht vom kleinen Harfenmädchen:

Sie sang das alte Entsagungslied,
Das Eiapopeia vom Himmel,
Womit man einlullt, wenn es greint,
Das Volk, den großen Lümmel.

Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,
Ich kenn auch die Herren Verfasser;
Ich weiß, sie tranken heimlich Wein
Und predigten öffentlich Wasser.[2]

Die Hörer*innen einer Predigt leben in ihrer Gegenwart. Soll die Predigt für sie eine Bedeutung erlangen, muss sie sich mit ihren Problemen in ihrer Gegenwart beschäftigen und dazu einen Nutzwert bieten.

Die Predigt entsteht in ihren Hörer*innen

Wenn eine Predigt nicht auf die präsente Zielgruppe abgestimmt ist, verfehlt sie ihre Absicht, etwas zu bewirken. Nicht die Prediger*innen, sondern die Rezipienten*innen geben Sprache, Sprachbilder usw. bei der Kommunikation vor, sollen diese nicht effektlos an ihnen vorbeirauschen.

Es geht um ernsthafte Liebe zur Zielgruppe

Jede Predigt soll ein Werk der Liebe sein, aber nicht der Eigenliebe des Predigers oder der Predigerin, der oder die sich in der Sonne ihres umfassenden Wissens und ihrer begnadeten Intellektualität sonnen, sondern ein Werk der Liebe zur Zielgruppe, der verstehbar Erkenntnisse vermittelt werden, die sie zu einem auf Zukunft gerichteten Handeln im Sinne der Botschaft Christi motiviert und befähigt. Die Glaubwürdigkeit der Vermittlung wird durch die Person des Zeitansagers garantiert. Fehlt ihm oder ihr diese Glaubwürdigkeit, dann auch der zu vermittelnden Botschaft.

Überfälliger Ruf nach Kommentarfunktionen

Im digitalen Zeitalter bietet sich die Möglichkeit, mediales cross over zu betreiben: als Video oder Text in den sozialen Medien. Man kann Kommentare zulassen und die Möglichkeit anbieten, zusätzliche Fragen zu stellen. – Diese Idee ist uralt: Bereits die Predigten von Augustinus und Johannes Chrysostomos wurden mitgeschrieben und vervielfältigt.
Übrigens: Für solch missionarisches Tun gilt kein klerikales Monopol.

4.

Noch ein kleiner Seitenhieb zum Thema: Es ist schwer vermittelbar, dass einige theologische Fakultäten mit einer auf Kommunikation hin angelegten Wissenschaft noch immer kein oder eher dünnes Wissen zu Kommunikation, Medien und Publizistik anbieten. Zu meiner Studienzeit (60er und 70er Jahre des 20. Jhs.) wurde bloß Sprecherziehung als ein Additiv universitärer theologischer Ausbildung in Bonn angeboten[3]. Ein späterer Versuch, Kommunikationswissenschaft und Medienlehre ergänzend einzubringen, wurde von der Fakultät erfolgreich abgeblockt.

Überfällige Weitungen

Und noch ein Tipp: Auch wenn kirchenrechtlich gilt, dass die Predigt innerhalb eines Gottesdienstes einem Kleriker vorbehalten sein soll, scheinen mir auch – zumindest in Ausnahmefällen und vor allem bei speziellen Themen – Predigten von sachkundigen Frauen und Männern angebracht zu sein.
Notwendigkeiten, Gelegenheiten und Medien für kluge Zeitansagen gibt es viele. Geeignete Theolog*innen sind leider ungleich seltener. Sie bedürfen gezielter Förderung.

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Autor: Manfred Becker-Huberti, Dr. theol., Theologe und Publizist, Honorarprofessor an der PTH Vallendar

Bild: Marc-Olivier Jodoin / unsplash.com

Die Zahlen in den Klammern hinter den Zitaten aus Kirchgessers Buch geben die Seiten in seinem Buch an. Es ist faksimiliert Bestandteil von Manfred Becker-Huberti: Das grewliche Unthier der Ketzerey. Vier Münsteraner Franziskanerpredigten aus dem Dreißigjährigen Krieg und eine fiktive Fürstenpredigt für Kaiser Karl V. (= Westfalia Sacra, 19). Münster 2020.

[1] (Geburt? und) Taufe in Klingenberg am Main am 20.08.1605. Ordenseintritt 1619. Vor 1629 Vikar und Konventsprediger im Kloster Frauenberg zu Fulda, in gleicher Funktion 1630 bis 1632 in Halberstadt, zugleich Konventsprediger in Warendorf und Münster. 1638 bis 1642 Provinzdefinitor, 1640 Guardian in Rheine; + 18.08.1645 in Münster nach 26-jähriger Ordenszugehörigkeit.

[2] Heinrich Heine: Deutschland. Ein Wintermährchen. Caput I., Verse 25-32. In: Neue Gedicht, Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 1844.

[3] Zu dieser Sprecherziehung gehörte eine Demonstration des Lehrenden, wie man sich durch Selbstsuggestion in einen Schlafzustand versetzen konnte. Böse Zungen deuteten das als Programm für das theologische Sprechen. Gott sei Dank, haben das damals nicht alle Studenten so verstanden.

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