Unglaube, Klima und die Herausforderung, in einem Katastrophenfilm zu leben

Nach der Entstehung kognitiver Dissonanzen in der Covid-19-Pandemie fragt die Philosophin Ana Honnacker vom Forschungsinstitut für Philosophie Hannover. Die verweigerte Einsicht als Abwehrreaktion ist ein Massenphänomen, weil die Realität immer wieder unfassbar ist und aufgrund ihrer Komplexität überfordert. Es braucht Raum für den Glauben an die furchterregende Wirklichkeit.

„So ist das also, mitten in einer Pandemie zu leben.“ In den vergangenen Monaten gab es immer wieder diese Momente, in denen ich verwundert auf das Geschehen (und mich selbst darin) blickte. Geschieht das wirklich? Auch die frappierenden historischen Parallelen, wie etwa zur Spanischen Grippe oder der Pest, die geradezu wie eine Blaupause oder ein Drehbuch die Reaktionen der betroffenen Bevölkerung damals wie heute einfangen, verstärken den Eindruck des falschen Films eher, als dass sie ihn abmildern. Gewissermaßen habe ich mich von der Wirklichkeit entfremdet – ein besonders schwerer Fall von kognitiver Dissonanz.

Zwischen dem Wissen, was ist ist,
und dem, was ernst erscheint.

Da war (und ist) eine Kluft zwischen all den Informationen über das Virus und seine Gefährlichkeit, den Nachrichten über Infektionsraten und nationale Strategien, den Eindrücken, die mir entgegenschlagen, wenn ich den privaten Raum verlasse, kurz: zwischen dem eigentlichen Wissen über das, was ist, zu dem, was mir als wirklich erscheint. All das Wissen und die Erfahrungen reichen nicht, um das Gefühl zu überschreiben, es einfach nicht glauben zu können – oder auch nicht zu wollen.

Autorin: Ana Honnacker, Forschungsinstitut für Philosophie Hannover

Diese besondere Form des Unglaubens, eine Art umgekehrter „will to believe“, gehört als Begleitphänomen zu Krisensituationen jeder Art: Abwehren, Leugnen, Ignorieren sind Strategien zur Kontingenzbewältigung. Nicht umsonst wurden binnen kürzester Zeit Verschwörungserzählungen in Umlauf gebracht, die vor allem damit trösten, dass „nichts ist, wie es scheint“. Der Versuch der Ent-Realisierung der Pandemie besitzt, darauf wurde bereits früh hingewiesen, starke Ähnlichkeiten zum Umgang mit der Klimakrise.

Verdrängen und Leugnen ist
an der Tagesordnung

Auch hier gibt es analoge Bestrebungen bzw. Abwehrreaktionen, denn auch hier sind Menschen überfordert, überwältigt, verängstigt. Selbst die moderatesten Szenarien, die von einem eher konservativen Gremium wie dem Weltklimarat in Aussicht gestellt werden, gleichen tatsächlich einem apokalyptischen Katastrophenfilm. Angesichts des drohenden Endes der Welt, wie wir sie kennen, ist es kein Wunder, dass Verdrängung und Leugnung an der Tagesordnung sind. Ohne Zweifel ist es verlockend, auf die (in Deutschland) wenigen expliziten Klimawandelleugner*innen zu zeigen. Bei genauerem Hinsehen ist es allerdings die große Mehrheit, die Realitätsverweigerung betreibt. Im Grunde sind wir alle Klimanegationist*innen und damit wahn-sinnig: Wir hängen einer falschen Realität an (Latour 2017, 21-32). Wir können es einfach nicht fassen, inmitten einer beispiellosen globalen Krise zu leben. Es entzieht sich unserer Vorstellungskraft: „If this were in a novel, no one would believe it.” (Gosh 2016, 24)

Die Kunst des Kleinredens als lebensnotwendige Kompetenz

Unser Unglaube, unser Unvermögen, die bekannten Fakten als Fakten wirksam werden zu lassen, und damit die Unwirklichkeit der Krise, werden dabei sogar von zwei Seiten genährt. Einerseits von der Sache selbst, nämlich der tatsächlichen sinnlichen und auch konzeptionellen Entzogenheit des Phänomens (so handelt es sich z.B. bei der Erderwärmung um eine – für uns – schleichende Normalität, da menschliche Zeiterfahrung) inkommensurabel gegenüber geologischer Zeit ist, der Klimawandel ist zudem kein „Objekt“ im klassischen Sinne, sondern eine hyperkomplexe Konstellation mit hoher räumlicher und zeitlicher Fragmentierung). Anderseits von uns selbst als Subjekten, die in einem Kausalitätsverhältnis zum Geschehen stehen: als Verursachende, Verantwortliche und nicht zuletzt auch Betroffene. Damit aber gibt es mehr als ein Motiv, das Ausmaß und die Tragweite der Klimakrise kleinzureden und zu beschönigen. Die Stabilität unseres psychisch-emotionalen Haushalts verlangt es geradezu (Norgaard 2011).

Denk- und Handlungsblockade

Wie jedes andere wishful thinking aber erweist sich diese Strategie nur als kurzfristige Entlastung. Mehr noch: Sie wird extrem problematisch, weil sie verhindert, einen Umgang mit der Klimakrise zu finden (ganz zu schweigen davon, sie zu bewältigen). Das meint zum einen tatsächlich die Beratung über angemessene Mittel und Wege, noch ein möglichst wenig katastrophales Erwärmungsszenario anzusteuern. Die mangelhafte oder gar fehlende Übersetzung unseres theoretischen Wissens in Handlungen stellt ja nicht nur eine unbehagliche Dissonanz dar, sondern eben auch eine handfeste Denk- und Handlungsblockade, die Problemdiagnosen und Lösungsansätzen entgegensteht.

Die Notwendigkeit einer realitätsfesten Haltung

Zum anderen, und nicht weniger wichtig, wird dadurch jedoch auch unsere Fähigkeit, eine realistische und zugleich realitätsfeste Haltung zur Krise einzunehmen, beeinträchtigt. Eine solche Haltung wird aber zunehmend wichtig werden. Wie sich die Beschäftigung mit der Klimafrage auf das Gemüt auswirkt, lässt sich an der zunehmenden Zahl an Aktivist*innen und Forscher*innen beobachten, die von Phänomenen wie climate despair, melancholia und gar depression (Leertzman 2015) betroffen sind. Nach Jahrzehnten des eindringlichen Warnens und der Appelle zum Wandel macht sich Resignation breit, im Gefolge der Erkenntnis, dass die Krise nicht mehr abzuwenden ist. Der Umschlag von einer auf Transformation zielenden deep ecology in eine dark ecology (Morton 2018), die sich keine Illusionen mehr über den Stand der Dinge macht, zwischen denen in der Philosophiegeschichte gut 40 Jahre liegen, lässt sich im Zeitraffer eines Blockseminars simulieren oder genauer: nachempfinden. Nie habe ich Studierende so bedrückt erlebt. Die anfängliche Aufbruchsstimmung bekam mit der Lektüre und Diskussion von historischen Texten der Umweltphilosophie empfindliche Dämpfer und kippte, in der Gegenwart angekommen, schließlich ganz: Alles schon gesagt. Letzte und allerletzte Aufforderungen zur Umkehr scheinen allenfalls jede neue Generation an Leser*innen aufzuschrecken, nur um dann im „Weiter so“ ungehört zu verhallen. Wie sollten die, die nun zunehmend mit den Folgen konfrontiert sind und sich zwangsläufig damit auseinandersetzen müssen, nicht fassungslos-frustriert auf die Realitätsverweigerung vorangegangener Generationen blicken? Gerne hätte ein tröstliches Wort für meine Studierenden gehabt.

Kein Optimismus bitte!

Dennoch wäre nichts mehr fehl am Platz als Optimismus. Nicht nur, weil eine solche Haltung nicht selten eng an ein Fortschrittsdenken gebunden ist, das mit der Vorstellung des stetigen Besserwerdens die Idee unendlichen Wachstums verknüpft und damit maßgeblich für den Weg in die Krise ist. Sondern auch, weil sie die Katastrophe nicht in den Blick bekommen kann, sozusagen „apokalypseblind“ (Anders 1956, 235-308) macht. Gerade in seiner auf Technologie fixierten Variante suggeriert die optimistische Position, es werde „schon noch etwas erfunden“, das alle Probleme handhabbar macht und wie ein deus ex machina (und ohne große gesellschaftliche Transformationsleistungen) die globale Erwärmung aufhalten werde. Das Ernstnehmen der Situation erfordert jedoch, von ihrem Ernst nicht wegzusehen und einzugestehen, dass es keine „Lösung“ mehr geben wird. Es verlangt, sagen – und glauben – zu können „So ist das also, mitten in der Klimakatastrophe zu leben.“

Handlungsspielräume entdecken

Die Aufgabe besteht also darin, nicht in Verzweiflung oder – nur auf den ersten Blick probater – Zynismus zu verfallen. Eingeübt werden muss ein großes „Dennoch“, das sich der Paralyse entgegenstemmt. Denn obwohl weder der Status quo erhalten noch das ausgegebene Ziel der Beschränkung auf 1,5°C erreicht werden kann, obwohl die Staatengemeinschaft sich nicht so bewegt, wie sie sich bewegen müsste und jede*r Einzelne sich in Zusammenhänge des Wirtschaftens und Konsumierens eingebunden sieht, aus denen er*sie sich nicht herauslösen kann, so gibt es dennoch Erhaltenswertes und nicht zuletzt viel zu verlieren. Wie können wir unter schwieriger werdenden Umständen leben – und nicht nur überleben? Wie können wir Handlungsspielräume (und das heißt auch: Freiheiten) erhalten? Wie werden wir zu Resilienzgemeinschaften (Leggewie / Welzer 2010, 201) statt zu Insass*innen von hochgerüsteten Rettungsbooten?

Mit ganzer Kraft
für den noch bestmöglichen Ausgang

Aktivierend könnte eine Haltung der „heiteren Hoffnungsloskeit“ (Fuller 1993) wirken. Diese Form des Loslassens und Abschiednehmens vom Bestehenden erlaubt es, den Kampf um das, was (noch) möglich ist, aufzunehmen. Nicht umsonst lauter der Wahlspruch der Extinction Rebellion-Bewegung „Hope Dies, Action Begins“. Damit ist auch eine Haltung beschrieben, die angesichts der Katastrophe auf moralisches Handeln beharrt, ein Meliorismus, der sich mit ganzer Kraft für den bestmöglichen Ausgang des gemeinsamen Unterfangens einsetzt, wohl wissend, dass nichts gesichert ist.

Mit Blick auf die Klimakrise heißt das weiterhin, dass wir als Einzelne mit in der Verantwortung stehen, Veränderungen auf den Weg zu bringen. Dazu gehört die Prüfung des eigenen Lebensstils genauso wie politisches Engagement. Voraussetzung dafür ist, dem Glauben an die furchterregende Wirklichkeit Raum zu geben. Es mag ein schlechter Film sein – aber es ist der einzige, der läuft.

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Autorin: Ana Honnacker, Dr. phil., ist wissenschaftliche Assistentin des Direktors am Forschungsinstitut für Philosophie Hannover. Sie forscht u.a. zur im Bereich der Religionsphilosophie (Religion und Moderne, Religionskritik, Humanismus), der politischen Philosophie (Demokratie als Lebensform) und der Umweltphilosophie (Klimawandel und gesellschaftliche Transformation), ihr Schwerpunkt liegt dabei auf dem Pragmatismus. Sie ist Mitherausgeberin von weiter denken. Journal für Philosophie und Gründungsmitglied des German Pragmatism Network. Zuletzt erschien u.a. Pragmatic Humanism Revisited. An Essay on Making the World a Home (Palgrave Macmillian 2018).

Photo: Werner du Plessis / unsplash.com

Literaturhinweise:

Anders, Günther: Die Antiquiertheit des Menschen. Band I: Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution, München: Beck 1956.

Fuller, Gregory: Das Ende. Von der heiteren Hoffnungslosigkeit im Angesicht der ökologischen Katastrophe, Leipzig: Amman 1993.

Gosh, Amitav: The Great Derangement. Climate Change and the Unthinkable, Chicago – London: University of Chicago Press 2016.

Latour, Bruno: Kampf um Gaia. Acht Vorträge über das Neue Klimaregime, Berlin: Suhrkamp 2017.

Leertzman, Renee: Environmental Melancholia: Psychoanalytic Dimensions of Engagement, London – New York: Routledge 2015.

Leggewie, Claus, Welzer, Harald: Das Ende der Welt, wie wir sie kannten. Klima, Zukunft und die Chancen der Demokratie, Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung 2010.

Morton, Timothy: Dark ecology: For a Logic of Future Coexistence, New York: Columbia University Press 2018.

Norgaard, Kari Marie: Living in Denial. Climate Change, Emotions, and Everyday Life, Cambridge – London: MIT Press 2011.

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