Betrachtung zu Ostern: JHWH-Corona

Kolumne für die kommenden Tage 26

«Oh Gott Du hast in dieser Nacht so väterlich für mich gewacht, ich lob und preise Dich dafür und dank für alles Gute Dir», so habe ich zu beten gelernt. Ich habe geübt, an den Gott zu glauben, der alles Gute gibt, den Lieben Gott: «Im Bett dueni bätte und schlafe denn y, de Liebgott im Himmel wird ou bimer sy».

Nicht nur anziehend und lieblich
sei das Heilige.

Erst während des Studiums vernahm ich allmählich die Kunde eines schrecklichen Gottes. Nicht nur anziehend und lieblich sei das Heilige als mysterium fascinosum, sondern zugleich auch erschreckend und gefährlich als mysterium tremendum. In Hunger, Krieg und — eben auch Seuchen, könne sich Gottes Majestät erweisen.

Mit Staunen las und lese ich bis heute die Majestätsschilderung JHWHs im Büchlein von Habakuk (Kap. 3): «Seine Hoheit bedeckt den Himmel, und sein Ruhm erfüllt die Erde. Und da wird ein Glänzen sein wie das Licht, ein doppelter Strahl geht aus von seiner Hand, und dort ist seine Kraft verborgen. Vor ihm her zieht die Pest, und auf dem Fuß folgt ihm die Seuche.» Was die Zürcher Bibel mit «Pest» und «Seuche» übersetzt, sind zwei kanaanäische Götternamen: Deber und Reschef.

Kalksteinstele aus Athribis (Nordägypten) des 13.-12. Jh. v. Chr., heute im Oriental Institute von Chicago (OIC 10569). Der Seuchengott Reschef, ausgestattet mit Streitaxt, Speer, Schild und Laute. Der Bart, die langen Schleifen an der Krone und die Zotteln am Schurz (vgl. die Zizit der Israeliten) weisen ihn als kanaanäische Gottheit aus. Die Beischrift beginnt mit den Worten: «Reschef, wenn er vermehrt, der große Gott. Möge er dir täglich Leben und volle Gesundheit geben…» Quelle: I. Cornelius, The Iconography of the Canaanite Gods Reshef and Ba’al, Fribourg & Göttingen 1994, Pl. 5, RR7.

Reschef war auch den Ägyptern vertraut. Auf Stelen erscheint er als einherschreitender, energischer Held, ausgestattet mit Axt, Speer, Schild und Laute. Während die Waffen seine aggressive, tötende Macht symbolisieren, verweisen der große Schild auf seine schützende und die Laute auf seine musiktherapeutische, heilende Funktion.

Reschef ist keine Gottheit, an die man glauben muss. Zu offensichtlich, zu überwältigend ist ihre Majestät. Niemand muss an Corona glauben. Es ist eine Macht, die sich zeigt und gewaltige Auswirkungen hat, die erstaunen, erschrecken und uns demütig werden lässt. Wir wissen nicht, wie es weitergehen wird, wir hoffen auf Heilung und Schutz. Was aber muss das für eine Gewalt sein, für die solche Seuchenmächte nur gerade Begleiter, Ministranten sind? Habakuk erscheint sie strahlend, lichthaft, mit verborgener Kraft, vor der Völker erzittern, über alles gebietend, wütend einherschreitend und gleichzeitig gerecht, rettend für sein Volk.

Aufklärung als österliches Licht

Zu Beginn seines Psalms bittet Habakuk Gott um Erbarmen im Zorn. Unsere Wissenschaften sind dabei , diesen Zorn zu ergründen, sind emsig daran, zu begreifen, was das Corona-Virus in Bewegung versetzt haben mag, um zu verstehen, was es bremsen kann. Es wird nicht das Wissen eines Einzelnen sein, das Corona bezwingen kann, es wird auch nicht nur die Wissenschaft sein, die dazu beitragen wird. Nein, die Domestizierung von Corona zum göttlichen Diener wird das Resultat weltweiter Aufklärung sein, eines globalen Lichtes, das allmählich daherkommt, wie der glänzende Gott aus Teman, wie die Ostersonne über dem leeren Grab, im Zorn des Erbarmens gedenkend.

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Autor: Thomas Staubli, *1962, ist kirchlich bezahlter Asylseelsorger im Bundesasylzentrum von Giffers und Dozent für Altes Testament an der Universität Fribourg.

Foto: Almos Bechtold / unsplash.com

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