Das Ende der Pandemie – und die Todesangst vor dem Virus

Mitten in der Coronakrise erinnert Andreas Heller an die Errungenschaften von Hospizbewegung und Palliative Care und plädiert dafür, Räume eines fundamentalen Angenommenseins zu schaffen.

Die Angst vor dem Virus macht blind. Eine elementare Blindheit in der Pandemie besteht darin, die Augen vor dem Tod zu verschließen. Schon länger wird deutlich: Wir leben nicht in der Krise. Für Krisen charakteristisch ist es, dass sie einen Anfang und ein Ende haben. Das Virus und seine Mutanten werden bleiben. Dann wird es kaum ein Ende der Pandemie geben.

Historisch betrachtet enden Pandemien medizinisch-virologisch, wenn die Zahl der Infektionen stark zurückgeht und der überwiegende Teil der Bevölkerung nicht mehr so anfällig für das Virus oder das Bakterium ist. Seitdem die Bakteriologie und Virologie im 19. Jahrhundert Impfstoffe zu erproben begann, wurden wirkungsvolle Seren gegen Seuchen entwickelt und konnten Pandemien so zum Stoppen gebracht werden.

Wann enden Pandemien?

Oder Pandemien enden sozial und politisch, durch bewusste kollektive Entscheidungen und einen Mentalitäts- und Bewusstseinswandel. Die Angst vor Infektionen wird weniger, die Menschen sind „coronamürbe“, nicht mehr bereit, mit Einschränkungen zu leben, beginnen zu demonstrieren, Proteste eskalieren, und es wächst bei den vielen von der Lockdown-Politik Betroffenen die Bereitschaft, mit der Gefährdung, der Krankheit und der Möglichkeit des Todes zu leben. In Abwandlung eines Diktums von Edgar Schein, der bekanntlich meinte, Veränderung gäbe es erst dann, wenn die Angst vor dem Untergang größer ist als die Angst vor der Veränderung, könnte man prognostizieren: Ein Ende der Pandemie ist dann in Sicht, wenn die Angst vor dem „noch härteren Lockdown“ größer ist als die Angst vor dem Tod.

Denn hinter allen Corona-induzierten „Regeln“ steckt die Angst vor dem Tod. Diese Angst vor dem „Infektionstod“ ist politikleitend. Das dominante politische Aktionsmuster ist nicht sonderlich originell, ein altbekanntes Kampfmuster aus Militär und Medizin: Wir werden den Feind und den potenziell innewohnenden Tod irgendwann besiegen, also Kampfansage und Kriegsführung. Das Virus reaktiviert alte, in Seuchenzeiten immer wieder praktizierte Muster im Umgang mit dem drohenden Tod: Kampf, Krieg, Ausrottung, Isolation, Ausgrenzung, Disziplinierung und Bestrafung. Um jeden Preis! Koste es, was es wolle! Dieses Muster soll Zuversicht verbreiten: Wir kriegen die „Dinge“ schon wieder in den Griff! Wir werden uns die Kontrolle über die Lage zurückerobern, „zurückimpfen“.  Schon die alten Märchen der Brüder Grimm wussten: Gegen den Tod ist kein Kraut gewachsen, auch kein Impfstoff!

Angst vor dem Tod

Diese Unterdrückung der Angst in der Reaktivierung einer kollektiven Mentalität, den Tod meinen besiegen zu können, zeigt sich vielfach. Die politischen Akteur*innen sprechen nicht über den Tod. Sie sind „tödlich verschwiegen“ und „todesstumm“. Wie wenn man den Tod verstecken wollte in Säulendiagrammen, hinter Verlaufskurven, anonymisiert in statistischen Zahlen, mathematisiert. Man sieht Särge mit Coronazetteln, und man sieht keine Toten mit Gesichtern, Schicksalen und Lebensgeschichten.

Diesen Nicht-Umgang mit dem Tod, dieses Umschweigen des Todes kann man aus der Perspektive von Palliative Care und Hospizarbeit durchaus als Absage begreifen. Ganz offensichtlich hat man sich buchstäblich getäuscht in der Annahme, wir wären in den letzten vier Jahrzehnten gesellschaftlich in der Thematisierung des Todes und im Umgang mit Todesängsten woanders angekommen. Denn die in den 1980er Jahren entstehende soziale Bürgerbewegung, die Hospizbewegung, das Aufkommen und Etablieren von Palliative Care und Palliativmedizin hatten eine andere Wahrnehmung von Sterben, Tod und Trauer ermöglicht.

Die Thematisierungsleistung der Hospizbewegung

Damals hieß Sterben: Sterben in Badezimmern, in Abstellräumen. Sterben war eine Niederlage des Systems, ein „Betriebsunfall im Krankenhaus“ (Herbert Kappauf), ein peinliches Total-Versagen der an maximaler Lebensverlängerung orientierten Medizin. Man bekämpfte den Tod mit „Todesverachtung“ und war von der menschheitsalten Sehnsucht beseelt, den Tod besiegen zu können, bestätigt durch grandiose und mit viel Geld erkaufte Erfolge etwa der Transplantationsmedizin, deren Erfolgsgeschichte in den 1970er Jahren Fahrt aufnahm. Onkologen sahen die Fortschritte in der Krebsforschung und prognostizierten, im Jahr 2000 werde niemand mehr an Krebs sterben!

Die Realität, die solche Siegerposen zu vernebeln wissen: Allein in Deutschland starben 2019 etwa 240 000 Menschen an Krebs – eine Zahl, die weder den Glauben an die Krebsforschung und die aus ihr hervorgehenden therapeutischen Ansätze erschüttert, noch dringen die seit Jahrzehnten jährlich von Bevölkerungsstatistikern gezählten Krebsopfer in das gesellschaftliche Bewusstsein. Denn Politik und Medien lassen diese Zahlen kalt, obwohl bekannt ist, dass sie auch auf der ökonomisierten Vergiftung von Mensch, Tier, Pflanzen und Wasser etwa durch Feinstaub, Pestizide, radioaktive Verseuchungen, Plastifizierung der Meere etc. beruhen und menschengemacht sind.

Hospizarbeit und Palliative Care haben eine gesellschaftliche Thematisierungsleistung erbracht. Sterben, Tod und Trauer wurden auf die Agenda der gesellschaftlichen Auseinandersetzung gesetzt. Man sprach und handelte anders im Umgang mit dem Sterben. In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg konnte bekanntlich kaum oder gar nicht über Sterben und Tod gesprochen werden.[1] Erst die Anerkennung und die gefühlsmäßige  Konfrontation mit dem Tod, dem eigenen Sterben ermöglichten eine neue Humanität mit den Sterbenden und das Zulassen der Einsicht in die Fragmentarität und Relativität des (eigenen) Lebens.

Der Hintergrund des Nationalsozialismus

Das Sprechen über das Sterben und den Tod war nur über die Wahrnehmung der eigenen mächtigen Gefühle von Schuld und Scham, von Angst und Entsetzen, Erschrecken und Mitleid möglich. Es brauchte eine empathische, existenzielle und politische Auseinandersetzung, Erinnerung und Vergegenwärtigung mit der jüngeren traumatisierenden individuellen und kollektiven Geschichte der Kriegsgeneration.

Der deutsch-österreichische Nationalsozialismus, Millionen von Toten und Ermordeten an den Fronten, in der Zivilbevölkerung, die rassistisch motivierte fabrikmäßige Ermordung der jüdischen Bevölkerung in Deutschland, Österreich, in Europa hatten tiefe Spuren im kollektiven Bewusstsein hinterlassen. Auch die medizinische Hinrichtung von Patienten und Patientinnen, der über 200.000 Menschen, die anders waren, zum Opfer fielen und die in der verächtlichen Doktrin des Faschismus als „Ballastexistenzen“ und „lebensunwertes Leben“ ermordet wurden, hat sich immer noch nicht tief genug ins Bewusstsein eingefräst.

Zwischen 1939 und 1945 wurden Menschen ermordet, weil sie beeinträchtigt, körperlich oder geistig behindert waren, als „Erbkranke“ den „Volkskörper“ vermeintlich bedrohten oder einfach als „verrückt“ galten. Scham- und Schuldgefühle belasten Eltern und Familienangehörige, die sich vielleicht von einer Last befreit fühlten und dieses Kapitel der Familiengeschichte einfach zuzuschlagen versuchten. Individuell wie kollektiv wurden „entlastende“ Legitimationen bemüht, die bis heute eine bedrängende Aktualität haben: Erlösungstod, Gnadentod, Lebensunterbrechung, Sterbehilfe, Euthanasie.[2]

Wir sind verwoben mit dem Sterben.

In einem tiefen Sinne stehen ja Hospizarbeit („Hospeace“) und Palliative Care (pallium = der Mantel in seiner Doppelfunktion, die schon ein altes Marienlied besingt: „Maria breit’ den Mantel aus, mach’ Schutz und Schild (!) für uns daraus!“), als schützende, lindernde und eben widerständige Sorge, dafür, Frieden mit dem Tod zu schließen, zu pazifizieren (lat. pax: Frieden, facere: machen, tun), indem Gefühle denkbar, sagbar werden und Gedanken fühlbar und die Angst vor dem Tod beruhigt werden kann.

Die Ahnung, die hospizlich aufkommt, ist eine emotional berührende, menschheitsalte Einsicht: „Wir sind immerzu in dieser inneren Verwobenheit mit dem Sterben. Deshalb können wir dem Tod wie einem Freund entgegengehen, nicht wie einem Feind. Es präsentiert sich dir immer mal wieder jemand in deinem Leben, der keine Angst vor dem Tod hat, der den Tod als Freund erkennt, als einen guten Freund, einen wichtigen Begleiter. Ich denke, wir lernen in unserer Gesellschaft, den Tod als Feind zu sehen, vor dem wir Angst haben. Um den Tod als Freund zu sehen, müssen wir die Natur unseres Geistes erkennen, die Wahrheit der Unbeständigkeit, den Wert der Meditation.“[3]

Gast-Freundschaft als Raum des Vertrautwerdens mit dem Fremden

Menschen verändern sich auch in Coronazeiten tiefgreifend nur durch ihre Gefühle. Es braucht die Möglichkeit, sich selbst in den eigenen Ängsten zu offenbaren, im Raum eines wärmend-verstehenden Zuhörens und Sprechens, eines fundamentalen Angenommenseins, das letztlich auch über die empirische Erfahrung solcher raumgebender Gast-Freundschaftlichkeit hinausverweist. Die US-Amerikanerin und Umweltaktivistin Mary Duncan hat einmal gesagt, wir brauchen für alle Krisen dieser Welt Hospizlichkeit (hospitalitas), als Gast-Freundschaft, als einen Raum der Begegnung, des Vertrautwerdens mit dem Fremden.

Gast-Freundschaft entsteht durch die offene Haltung des Zuhörens, die es dem Gast überhaupt erst ermöglicht, da zu sein und zu sprechen, sich selbst in den eigenen tiefen Gefühlen, in der Ambivalenz des Lebens, in den Schattierungen und Lichtwürfen zur Sprache zu bringen. Wenn das Ende einer Pandemie sozial entschieden werden kann, dann hat es mit der Bewegung in eine andere Gesellschaft zu tun, einer Gesellschaft der Convivialität aus dem Wissen und Fühlen, dass wir aufeinander angewiesen und verwiesen sind und dass die Angst vor dem Tod eine neue Sozialität und Spiritualität des Umsorgtseins und der Mitsorge braucht.

_____

Dr. Andreas Heller ist Professor für Palliative Care und Organisationsethik am Institut für Pastoraltheologie und Pastoralpsychologie der Karl-Franzens-Universität Graz und u.a. Herausgeber der internationalen Zeitschrift Praxis Palliative Care.

Neuerscheinung: Reimer Gronemeyer, Andreas Heller, Assistierter Suizid. In welcher Gesellschaft wollen wir leben?, Ostfildern 2021.

[1] Vgl. Andreas Heller et al., Die Geschichte der Hospizbewegung in Deutschland, Esslingen, 2. Aufl. 2015.

[2]  Vgl. Götz Aly, Die Belasteten. „Euthanasie“ 1939-1945. Eine Gesellschaftsgeschichte, Frankfurt 2013.

[3] Joan Halifax, in: Thomas Lüchinger (Hrsg.), DASEIN. Gespräche über die fürsorgliche Begleitung von Menschen in der letzten Lebensphase, Zürich 2020, 83-110, 90.

Photo: Rainer Bucher

Print Friendly, PDF & Email