Der Hass auf das Andere. Zur Persistenz des „autoritären Charakters“

Was ist neu an den aktuellen rechtsradikalen Tendenzen in der EU und Amerika? Nichts, am wenigsten jene Figur, die sie repräsentiert: der autoritäre Charakter.  Von René Buchholz.

Ohne eine subjektive Disposition liefe die rechte Propaganda ins Leere. Wohl ist der technische Stand inzwischen ein anderer, nicht jedoch die individuelle Disposition. Die Studien zum Autoritarismus, welche im Umfeld des Instituts für Sozialforschung seit den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts durchgeführt wurden, nannten ihn (und oft auch sie) den autoritären Charakter.

Die Präsenz der Gesellschaft im Individuum

Die Theorie des autoritären Charakters entspringt keineswegs der Psychologisierung sozialer Phänomene; eher analysiert sie die Präsenz von Gesellschaft im Individuum. Warum, so lautete die Frage, der sich Adorno, Horkheimer, Löwenthal und andere in den dreißiger und vierziger Jahren intensiv widmeten, gelangten ausgerechnet in jenen Gesellschaften, in denen Aufklärung als philosophisches, pädagogisches und nicht zuletzt politisches Programm formuliert und als verwirklicht prätendiert wurde, antisemitische und autoritäre Bewegungen zu erheblichem politischem Einfluss? Welcher Habitus entsprach diesem Erfolg in weiten Teilen der Bevölkerung und wodurch wurde er generiert? Existierte angesichts der faschistischen Régimes in Europa auch in den USA ein solches autoritäres Potential in der Bevölkerung?

Der autoritäre Charakter, heißt es in der Einleitung zur gleichnamigen Studie, „entwickelt sich unter dem Druck der Umweltverhältnisse und kann niemals vom gesellschaftlichen Ganzen isoliert werden, in dem er existiert.“ (Adorno 1950, 7) Er wird nicht aus der Gesellschaft „deduziert“, sondern ist ihr Ausdruck. Das bleibt aktuell auch in den 20er Jahren des 21. Jahrhunderts. Der Zwang zur Anpassung, der Verzicht auf die Wahrnehmung eigener Interessen und Bedürfnisse, die subtile oder offene Gewalt und schließlich die Erfahrung der eigenen Nichtigkeit sind Faktoren, die am Erwachsenen weiterarbeiten.

„Die Einrichtung unseres Lebens“, erläuterte Adorno, „und vor allem die Einrichtung unserer ökonomischen Verhältnisse, ist selbst in einem so weiten Maß autoritär, daß die Menschen … immerzu sich fügen müssen.“ (Adorno 1960, 244); eben dies wird auf der individuellen Ebene vom autoritären Charakter gerade nicht infrage gestellt, sondern reproduziert (vgl. ebd., 251). Im 21. Jahrhundert sind flachere Hierarchien möglich, weil der Zwang, zu funktionieren und sich anzupassen, so tief internalisiert wurde, dass es der Befehlsstruktur nur in den unteren Rängen des Berufslebens bedarf. Der Anpassungsdruck ist in den oberen Gehaltsstufen nicht geringer, nur wird hier die Form der eigenen Unterwerfung stets neu erfunden und dies zur Kreativität verklärt, ohne dass die Furcht, als untauglich ausgeschieden zu werden, verschwände.

Gegenmittel: Erziehung zur Selbständigkeit

Soweit frühere Erziehung zur Selbständigkeit es gestattet, diesen Prozess wenigstens in der Reflexion zu brechen und sich somit ein Stück weit von ihm zu distanzieren, ist es sehr viel unwahrscheinlicher, dass die Individuen einen autoritären Habitus ausbilden. Wo dies aber nicht möglich ist, tendieren sie dazu, „die Gewalt und den Zwang, der ihnen angetan wird … noch einmal sich selbst anzutun und dann, wenn möglich, auch noch anderen Menschen, vor allem solchen Menschen, die schwächer sind als sie selbst, und den Druck zunächst weiterzugeben“ (ebd., 242). Es werden die heteronomen Imperative verinnerlicht, die unterdrückten Triebe treten in den Dienst jener Instanz, von der diese Imperative ausgehen, ja die Autorität wird libidinös besetzt; Adorno spricht hier mit Anna Freud von einer „Identifikation mit dem Angreifer“ (ebd.), sie ist Geburtsstunde des ‚Wutbürgers‘, ein Begriff, den Adorno noch nicht kannte.

Es ist diese individuelle Disposition, ohne die sich der Erfolg und die Persistenz des Faschismus kaum erklären lassen, denn er stützte sich keineswegs nur auf Terror, sondern benötigt als politische Bewegung eine Massenbasis. Es ist das bis in die tieferen Schichten der Person reichende Einverständnis mit der Gesellschaft, das eine reflektierte Distanzierung und mit ihr jede Frage nach möglichen Alternativen ausschließt. Soziale Asymmetrien sind diesem Denken zufolge das Ergebnis mangelnder Anpassungs- und Arbeitsbereitschaft; Armut mithin selbstverschuldet, eine Zuweisung, die auch vor der eigenen Person nicht Halt macht.

Ist das Konkurrenzprinzip als Überlebensregel verinnerlicht, so dass die Besseren stets Erfolg haben und die Erfolgreichen die Besseren sind, bleiben andere Charaktereigenschaften unterentwickelt. Im Weltbild des autoritären Charakters ist die gesellschaftliche Schichtung grundgelegt in der menschlichen Natur. Nicht die kontingente gesellschaftliche Struktur generiert die Konflikte, sondern die Differenz der Rassen und Mentalitäten, der Wertvollen und Wertlosen; ein ewiger Kampf, dem man nicht entrinnen kann. Es kommt darauf an, den eigenen Platz erfolgreich zu behaupten.

Naturalisierung und Personalisierung gesellschaftlicher Prozesse

Neben das Schema der Naturalisierung tritt dasjenige der Personalisierung politischer und gesellschaftlicher Prozesse. Wie negative Entwicklungen von einzelnen Personen abhängen, so auch umgekehrt die Rettung aus der Gefahr vom starken Mann. Die Hervorhebung von Stärke, Mut und Jugend verrät schon etwas über die Fixierung auf sekundäre Eigenschaften, gleichgültig, zu welchem Zweck sie genutzt werden. Die Anbetung jener Macht und Stärke, die sich herablässt zum/zur kleinen Angestellten und ihm/ihr das Gefühl gibt, Anteil zu haben, ist ein wichtiges Merkmal des autoritären Charakters, der nur dort aufmuckt, wo er Schwäche vermutet.

Autoritäre Propaganda knüpft an diese Disposition an und verlängert sie zugleich. Die Individuen ordnen sich bereitwillig unter, indem jede(r) sich mit der autoritären Ordnung und der Führergestalt identifiziert. Aber auch hier regiert eine Ökonomie, denn kein Opfer wird ohne erwartete Gegenleistung dargebracht: Die Unterordnung verbindet sich mit einer scheinbaren Aufwertung; die tatsächlich erfahrene Nichtigkeit und Austauschbarkeit des und der Einzelnen im Kapitalismus wird nicht etwa aufgehoben, sondern schwach kompensiert, indem das Gefühl vermittelt wird, nun einer Elite anzugehören.

Dieser Elite steht eine gesellschaftliche Gruppe gegenüber, die als minderwertig, auf den eigenen Vorteil bedacht und parasitär klassifiziert wird: Juden, Einwanderer als Inkarnation des Fremden, herbeigerufen von verschworenen Politiker*innen, und Arbeitslose. Die Schuld an der Wertlosigkeit der eigenen Existenz und der Demütigung, die eigene Arbeitskraft notfalls à tout prix verkaufen zu müssen, wird projiziert auf die als „fremd“ eingestufte Gruppe. Der oder das Fremde steht für die Ursache der Ängste ebenso wie für die geheimen Sehnsüchte, den unterdrückten Widerstand und das mögliche andere, bessere Leben.

Pathologische Verhärtung und Selbstverabsolutierung

Die Identifikation mit dem Angreifer hindert den autoritären Charakter daran, die Welt anders zu denken als sie ist, mit kulturellen und religiösen Differenzen leben zu können und sie fruchtbar zu machen. Souverän bedienen sich die Agitatoren der Vorurteile ihrer Anhänger, die sie bestätigen und verfestigen. Vorurteile sind keine vorschnellen Urteile, die durch Argument und Erfahrung korrigiert werden können, sondern in der Disposition ihrer Träger begründete Schemata, die aller Erfahrung und jedem Argument strukturierend und zensierend vorausgehen. Sie sind Ausdruck einer pathologischen Verhärtung oder Selbstverabsolutierung, welche jede lebendige Beziehung zu den Objekten verloren hat (vgl. Adorno 1960, 249f).

Vorurteile sind, entgegen einem verbreiteten Missverständnis, nicht Teil einer Ideologie. Während diese noch ihr Wahrheitsmoment hat in der Lüge, das Ideal sei hier und jetzt realisiert, negiert der Wahn die gesamte Sphäre von Vernunft und ist darum auch nicht kritisierbar. Darum ist es auch gleichgültig, ob die Propaganda einleuchtet oder nicht. Ihre Irrationalität, welche der je eigenen entspricht, zählt wenig, wenn sie nur das Bedürfnis bedient, die eigene Aggression zu entladen.

Eben dies hat sich an den ‚Wutbürger‘ vererbt, der sich nicht nur aus den Reihen der so genannten Modernisierungsverlierer rekrutiert, sondern überall dort auftaucht, wo das entfesselte Konkurrenzprinzip durchaus begründete Ängste produziert. Die völlige Nichtigkeit des Individuums erfährt keine Kritik, stattdessen wird Demokratie als ganze zur Disposition gestellt, denn die Aufwertung des gekränkten Ich durch die Zugehörigkeit zu den Herrenmenschen wiegt mehr, und die aggressive Abwehr des Differierenden vollzieht an den Anderen das Opfer, das man selbst brachte. Mit einem solchen Bewusstsein wird gewiss keine Bastille gestürmt, eher schon das Kapitol in Washington.

Einübung von Mündigkeit und Erfahrung von Differenz

Welche Chance hat hier Erziehung? Sie müsste viel früher ansetzen und in einer Schule fortgeführt werden, die ihre wichtigste Aufgabe nicht darin sieht, der Wirtschaft das gewünschte Menschenmaterial zuzuführen; sie liefert ohnehin immer zu spät. Mündigkeit ebenso wie die Erfahrung und Reflexion der Differenz bedürfen, um dieses etwas altbackene Wort zu verwenden, der Einübung. Die Bedrohung, die vom autoritären Charakter für die Demokratie ausgeht, ist real; alle pädagogischen Maßnahmen aber bleiben letzten Endes ohnmächtig, wenn die Versprechen der bürgerlichen Demokratie – Freiheit und Gleichheit – nicht im Lebensprozess der Individuen und der Gesellschaft eingelöst und jederzeit erfahrbar werden.

_____

Dr. René Buchholz ist Mitarbeiter in der kirchlichen Erwachsenenbildung der Erzdiözese Köln und Apl. Professor für Fundamentaltheologie an der Katholisch-theologischen Fakultät der Universität Bonn.

Von ihm u.a. auf feinschwarz.net erschienen:

Politik für die Infantilgesellschaft. Zur neopaganen Faszination des Autoritären

Literatur:
Theodor W. Adorno, Die autoritäre Persönlichkeit (1960), in: ders., Nachgelassene Schriften, Band V/1, hrsg. von Michael Schwarz, Berlin 2019, 239-264.
Ders., Aspekte des neuen Rechtsradikalismus (1967), in: ebd., 440-467.
Ders. u.a., Studien zum autoritären Charakter (1950), Frankfurt/M. 12. Aufl. 1995.
Anna Freud, Das Ich und die Abwehrmechanismen, London 2. Aufl.1952, 125-139.

Print Friendly, PDF & Email