Heute ist Tag der sozialen Gerechtigkeit. Manfred Böhm mit einem engagierten Plädoyer, den Blick von unten nie zu vergessen.
„Gerechtigkeit“, so ließ der bayerische Ministerpräsident Markus Söder auf der Pressekonferenz anlässlich der CSU-Klausur am 7. Januar 2026 in Kloster Seeon verlauten, „Gerechtigkeit ist das, was am Ende auch Wettbewerbsfähigkeit schafft.“ Diese Definition passt zur gesellschaftlich und wirtschaftlich vorherrschenden neoliberalen Sichtweise auf die Welt. Und folgerichtig bekräftigte Söder: „Der Schwerpunkt ist die Wirtschaft. Dem muss sich alles unterordnen.“ Der Sozialstaat brauche eine Generalüberholung, wobei manches weh tun werde. Die Menschen müssten flexibler und vor allem länger arbeiten, das „Blaumachen“ von Arbeitnehmern müsse reduziert werden, die Rente mit 63 müsse schrittweise abgebaut werden. Da stellt sich natürlich schon die Frage: Ja, was ist denn Gerechtigkeit?
Ja, was ist denn Gerechtigkeit?
Gerechtigkeit ist im gesellschaftlichen Diskurs der letzten Jahre und Jahrzehnte zu einem sog. Containerbegriff geworden. Je nach weltanschaulicher Verortung kann in diesem Begriff alles Mögliche untergebracht werden, und natürlich eben auch, dass das gesamte gesellschaftliche Leben der Wirtschaft unterzuordnen sei. Dass das weh tun kann, bestreitet niemand, aber es tut selbstverständlich nicht allen weh. Weh tun wird es vor allem bei den gesellschaftlich unteren Gruppen, während man oben aller Voraussicht nach gar nichts merken wird von der Generalüberholung des Sozialstaats.
Am Tag der sozialen Gerechtigkeit lohnt es sich, diesen Blick von unten genauer unter die Lupe zu nehmen, den Blick also von jenen aus, die unter der Verwertungslogik des neoliberalen Kapitalismus besonders zu leiden haben, eben weil sie besonders effektiv wirtschaftlich verwertet werden sollen, also die große Zahl der lohnabhängig Beschäftigten. Und es ist der Blick von jenen aus, die an den Rand oder gänzlich ins Abseits gedrängt werden, weil ihre Arbeitskraft aus verschiedensten Gründen nicht mehr ökonomisch zu verwerten ist.
Jene, die unter dem neoliberalen Kapitalismus besonders zu leiden haben
1. Die lohnabhängig Beschäftigten stehen unter dem ständigen Druck eines zunehmend entsicherten Arbeitsmarktes. Prekäre Beschäftigung, befristete Arbeitsverhältnisse, unverhältnismäßige, untertarifliche Bezahlung, nicht selten schlechte Arbeitsbedingungen etc. erzeugen einen dauerhaften Existenzsicherungsstress, der die Menschen zunehmend mürbe und krank macht. Es macht sich Verunsicherung und eine lähmende Ohnmachtsstimmung breit. Darüber hinaus leiden ihre kreativen und sozialen Fähigkeiten. Wer nur auf sich zu schauen gezwungen ist, verliert den Blick über den Tellerrand auf die anderen.
2. Die Erwerbsarbeit hat sich in den letzten Jahren enorm verdichtet, die Taktung beschleunigt sich und sie neigt dazu, sich in das gesamte Leben hinein auszuweiten; sie erodiert und wird immer übergriffiger in jene Bereiche hinein, die bisher als Freizeit galten. Dank der Technik ist das ohne große Umstände möglich und so scheint es heute nachgerade unumgänglich nötig zu sein und in jedem Fall zunehmend selbstverständlich, die Erwerbsarbeit partiell in die Familienzeit oder gar den Urlaub hineinzutragen. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer fühlen sich dadurch – je älter, desto mehr – unter Dauerstress gesetzt, dem sie immer öfter nicht mehr standhalten können. Der Druck sucht sich Ventile und findet sie: Ob Sucht, innere Resignation, Burn Out oder Mobbing.
Geldknappheit berührt massiv die Frage nach soziokultureller Teilhabe
3. Geldknappheit bzw. Geldnot sind in den unteren Gruppen der lohnabhängig Beschäftigten die ständigen Begleiter bei der Bewältigung des Alltags. Damit ist massiv die Frage der Beteiligung am sozialen und kulturellen Leben berührt. Über Geld werden Lebenschancen verteilt. Und wo es knapp ist, wird die häufig beschworene Freiheit mit ihren vielfältigen schönen Möglichkeiten zu einer nur noch formalen Option. Wer befristet oder zu Niedriglohnkonditionen beschäftigt ist, hat es zudem schwer bei der Bank einen Kredit zu bekommen. Die Investitions- und Anschubmöglichkeiten fürs eigene Leben, etwa zur Gründung eines Hausstandes, einer Familie oder auch nur für ein Auto, um zur Arbeitsstelle zu kommen, sind stark eingeschränkt.
4. Daraus erwächst das Gefühl struktureller Unterlegenheit und Ohnmacht. Es gibt im Grunde zwei Gesellschaften: Die eine oben, widergespiegelt in den Hochglanzseiten der Werbung, ist die Welt der Mächtigen und Erfolgreichen. Diese bestimmen, so der Eindruck unten, wie der Hase läuft. Sie entscheiden letztlich über die Verteilung der gesellschaftlichen Güter (auch wenn formal die Politik zuständig ist) und sie regeln diese Angelegenheit so, dass sie quasi automatisch immer reicher werden. Und die andere Gesellschaft ist die unten, die mit denen oben so gut wie keine Berührungspunkte hat. Hinter dieser spürbaren Entsolidarisierung in unserer Gesellschaft steckt aber weniger das Problem der generellen gesellschaftlichen Individualisierung als das einer strukturellen Demütigung ganzer Schichten.
Strukturellen Demütigung ganzer Schichten
5. Dabei gibt es einen „Mehrwert an Energie von unten“ (Jörg Rieger), wie das Beispiel von Beschäftigten im Gesundheitsbereich zeigt. Ihre Leistung wird wahrlich oben kaum richtig eingeschätzt und gewürdigt. Der Mangel an Pflegekräften in den Kliniken, wie an Fachkräften im gesamten Gesundheitsbereich (und sogar darüber hinaus im sozialen Sektor überhaupt) ist seit Jahren hinlänglich bekannt und wird von Jahr zu Jahr schärfer. Dass das gesamte Gesundheitssystem dennoch nicht zusammenbricht, hat vor allem damit zu tun, dass die vorhandenen Krankenpfleger*innen den Betrieb trotz der bestehenden strukturellen Defizite aufrechterhalten. Mit Corona und im Gefolge davon hat sich die Lage natürlich noch einmal dramatisch zugespitzt. Das Ergebnis dieser weit verbreiteten Selbstausbeutung: Die völlige Verausgabung der vorhandenen Pflegekräfte: lange Krankheitszeiten, tiefe Erschöpfung, Abwandern in andere Berufsfelder, innere Kündigung … 75% der Krankenpfleger*innen gehen davon aus, den Beruf unter den derzeitigen Bedingungen nicht bis zur Rente ausüben zu können. Ohne diesen Mehrwert an Leistung aber, den das Pflegepersonal seit Jahren einbringt, stünde unser Gesundheitssystem jedenfalls noch näher am Abgrund.
Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen?
6. Eines der Probleme dabei ist der sogenannte meritokratische Diskurs (von lateinisch „meritus“ = wohlverdient, gerecht) zu rechnen. Er besagt, dass die Systemgewinner, also die gesellschaftlichen Geld- und Machteliten nur aufgrund ihrer Verdienste und ihrer Leistungsbereitschaft so reich und damit so mächtig geworden seien. Die Verdienstlichkeit also rechtfertigt die eigene hohe soziale Stellung. „Der meritokratische Diskurs zielt im Grundsatz darauf ab, die Gewinner in den Himmel zu heben und die Verlierer des ökonomischen Systems zu stigmatisieren, weil es ihnen angeblich an Verdienst, Fleiß und sonstigen Tugenden fehlt.“ Die starke moralische Aufladung ist natürlich deutlich zu spüren und soll von vorneherein irgendwelchen Zweifeln daran den Wind aus den Segeln nehmen. Das hohe Lied von der Leistungsfähigkeit und -bereitschaft wird gerade von denen gesungen, die selbst durch Geburt und Erbschaft in ihre gesellschaftliche Stellung gehievt worden sind. Und sie wenden das Lied von der Leistung auf die lohnabhängig Beschäftigten wie auch auf die Erwerbsarbeitslosen als einen eisernen Besen an: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen!
Das Leid der anderen
Die Wahrnehmung des Leids der anderen ist die Voraussetzung für veränderndes Handeln. Wer fremdes Leid nicht (mehr) wahrnimmt, braucht von Gott nicht (mehr) zu reden. „Christen dürfen den Namen Gottes nur dort gebrauchen, wo er hingehört: in die Solidarität mit den Opfern unseres Wirtschaftssystems.“ Dieser Satz von Edward Schillebeeckx bringt es auf den Punkt. Im biblischen Verständnis können über Gott keine abstrakten Aussagen gemacht werden, die prinzipiell vom eigenen Handeln absehen und unabhängig davon wahr sind. Die biblische Rede von Gott ist nur soweit wahr, als jene, die sich ihrer bedienen, mit ihrer Praxis im Dienst am biblischen Reich Gottes stehen. Es gibt also keine neutrale oder akademische Rede von Gott und insofern auch keine unschuldige Theologie. Oder wie es der große Karl Barth so treffend zuspitzt: „Eine anständige Theologie ist immer einseitig.“ Das derzeitige Hauptproblem der Theologie ist ja nicht etwa der Atheismus, demgegenüber sie Gott im Spiel halten müsste, sondern der Götzendienst, demgegenüber religionskritisches Denken gefordert ist.
Der Blick von unten ist für die Kirche unerlässlich
Der Blick von unten also ist für die Kirche, will sie in der Nachfolge Jesu Christi handeln, eine unerlässliche Perspektive. Er entspricht dem Handeln Gottes selbst, der seinerseits Mensch geworden ist. Die Veränderung der Wirklichkeit geschieht nicht durch einen Eingriff von außen, nicht durch einen deus ex machina, sondern durch das situative menschliche Handeln in konkreten Kontexten in der Nachfolge des inkarnierten Gottes. Diese Perspektive von unten kommt nicht als eine unter mehreren irgendwie auch noch dazu und reichert die Handlungsmöglichkeiten an, sondern ist die für kirchliche Pastoral grundlegende und handlungsleitende Sichtweise der Wirklichkeit. Dabei ist klar: Die Leiderfahrungen unten sind der Ernstfall der Pastoral.
Sich einmischen und Partei ergreifen
Leidempfindlichkeit führt zu einer leidsensiblen Praxis. Der Blick von unten definiert dabei das pastorale Feld. Es geht darum, analog zu einer einseitigen Theologie, wie sie weiter oben von Karl Barth so benannt worden ist, zu einer einseitigen pastoralen Praxis zu kommen. Eben weil die gesellschaftlichen Ausgangsvoraussetzungen der Menschen unterschiedlich sind und – wie der Blick von unten gezeigt hat – die Drucksituationen unten vielfältig und vehement sind, wird ein an der biblischen Botschaft sich orientierendes Handeln asymmetrisch die schwächere Seite zur Entfaltung ihrer Würde zu stärken versuchen. Der vorfindlichen strukturellen Ungleichheit zugunsten der Starken ist ein Gerechtigkeitsausgleich entgegenzusetzen, so schwach und partiell er auch – angesichts der real existierenden Machtverhältnisse – nur ausfallen kann.
Leidempfindlichkeit führt zu einer leidsensiblen Praxis
Für die Kirche ist dabei die Begleitung der arbeitenden Menschen am betrieblichen Ort ihrer Arbeit eine unersetzliche Quelle unmittelbarer Lebenserfahrungen und damit Erfüllung ihres Auftrags nahe bei den Menschen zu sein. Ohne diesen arbeitsweltlichen, betriebsorientierten Ansatz verzichtete die Kirche fahrlässig auf ein Stück wesentlicher Lebenswelt und bliebe damit sozusagen nach unten hin blind; blind für die sozialen Nöte, die ökonomischen Zwänge und strukturellen Zwangslagen der Menschen. Diese zu übersehen beeinträchtigt die kirchliche Handlungskompetenz. Ihre pastoralen Anstrengungen blieben dementsprechend ein Stochern im Nebel der Bedürfnislage des (post)modernen Menschen.
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Bild: jannonivergall auf pixabay.


