Der glühweingeschwängerte Gott. Eine kleine Theologie des Weihnachtsmarktes (Teil 1)

Auf einen weihnachtlichen Erkundungsgang entführt Christian Kern (Würzburg).

Am 27. November 2015 eröffnete das „Christkindle“ traditionsgemäß den Nürnberger Weihnachtsmarkt. Um 17.30h, nachdem es dunkel geworden war, betrat die 18-jährige Barbara Otto, die das Kind in diesem Jahr darstellte, den hell erleuchteten Balkon der Frauenkirche am Nürnberger Markt. Sie breitet die Arme vor den 20 000 versammelten Besuchern aus. Die flügelartigen Webtücher an ihren Armen wurden sichtbar. Zusammen mit der goldenen Krone spiegelten sie das hellwarme Licht der Scheinwerfer. Dann erhob die junge Frau ihre Stimme und erklärte mit den Worten des „Prologs“ den Nürnberger Weihnachtsmarkt 2015 für eröffnet:

„Ihr Herrn und Frau’n, die Ihr einst Kinder wart, Ihr Kleinen, am Beginn der Lebensfahrt, ein jeder, der sich heute freut und morgen wieder plagt: …Das Christkind lädt zu seinem Markte ein, und wer da kommt, der soll willkommen sein.“

Der Christkindlesmarkt in Nürnberg ist repräsentativ für eine immense Anzahl an Weihnachtsmärkten überall im deutschsprachigen europäischen Raum. Alle großen Städte in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Südtirols richten in den Wochen vor Weihnachten einen solchen Markt ein, ebenso eine Vielzahl von kleinen Kommunen und Dörfern. Die Wurzeln der Märkte reichen weit zurück in die europäische Geschichte der Neuzeit, bis in die Frührenaissance. Einer der ältesten Märkte steht jährlich in Dresden, der „Striezelmarkt“. Seine Wurzeln lassen sich bis ins Jahr 1434 zurückverfolgen. Der Nürnberger „Christkindlesmarkt“ wird in Briefen eines Ratsherren der Stadt von 1530 erstmals erwähnt. Die Märkte haben einen festen Platz in der vorweihnachtlichen europäischen Kultur und markieren eine besondere Stelle.

Sie sind ökonomisch bedeutsam. Eine Studie der IFT Freizeit- und Tourismusberatung, die im Auftrag des Deutschen Schaustellerbundes e.V. (DSB) durchgeführt wurde, zählte für das Jahr 2012 knapp 85 Millionen Besuche auf Weihnachtsmärkten in Deutschland . Sie sorgten für einen Gesamtumsatz von 2,5 Milliarden Euro. Eine Studie aus dem Jahr 2001 vom Institut zur Förderung des Mobilen Handels IMOHA, vom Bundesverbandes der Schausteller und Marktkaufleute (BSM) in Auftrag gegeben, zählte sogar 160 Millionen Besuche und einen Gesamtumsatz von 5 Milliarden Euro, wobei hier auch kleine Märkte eingerechnet wurden . Das Geschäft auf den Weihnachtsmärkten ist heiß und dampft. Sie sind ein ökonomischer Faktor erster Güte; für die Schausteller selbst wie auch für die Kommunen, die sie beherbergen.

Sind Weihnachtsmärkte auch ein spiritueller Faktor? Artikulieren und erschließen sie eine besondere Form von Spiritualität? Das lässt sich vermuten, denn ein Zauber geht von ihnen aus, in all den Farben und Formen, dem Spiel aus Licht und Schatten in der kalten Wärme eines Abends im Dezember. Wer sie betritt, findet sich in einer anderen Welt wieder, in einem „Städtlein in der Stadt“, wie das Nürnberger Christkindle im Eröffnungsprolog verlautbart. Diese Welt verheißt ein andersartiges Leben und die Entdeckung von überraschend Neuem auf den Wegen zwischen den Läden und im Getümmel der Menge. Die Weihnachtsmärkte öffnen Türen ins Jenseits des Üblichen und Normalen. Dass sie eine besondere Spiritualität kultivieren, legt sich nicht nur von ihrer Atmosphäre her nahe, sondern auch von den Waren, die sie anbieten, und von den Inhalten, die sie transportieren: über Waren des Kunsthandwerks und des Alltagsbedarfs hinaus liegt ein Schwerpunkt der Sortimente auf religiösen Gegenständen, Figuren, Zeichen, Utensilien des christlichen, fernöstlichen oder esoterischen Glaubens.

Auch Kirchen gehören zum festen Bild der Weihnachtsmärkte, zu ihrem Arrangement. Sie stehen meist an deren Rand oder in der unmittelbaren Nähe. In Nürnberg ist es beispielsweise die Frauenkirche, in Dresden die Kreuzkirche, in Salzburg der Dom der Heiligen Rupertus und Virgil, in Würzburg die Marienkapelle. Im festlichen Lichtglanz tragen sie ihren Teil zur Atmosphäre und Optik der Märkte bei.
Doch gehören sie lediglich zur Kulisse der Weihnachtsmärkte? Sind die Kirchenfassaden bloß Staffage für ein ganz und gar säkulares Fest? Besteht deshalb letztlich eine Parallelität zwischen Markt des Lebens und Kirchenraum des Glaubens? Oder ist es möglich, eine eigenartige Wechselwirkung zwischen dem Kirchenraum und dem Markttreiben zu entdecken, von dem her sich Theologie und Spiritualität rund um Weihnachten anders betreiben ließen? Die folgenden Überlegungen versuchen, eine solche praktische Theologie des Weihnachtsmarktes zu skizzieren.

Die Eigenartigkeit der Weihnachtsmärkte

Weihnachtsmärkte haben eine eigene Struktur, eine eigene Ordnung der Dinge. Das Leben tickt und verläuft hier anders. Das zeigt sich an ihrer Lage und ihrer räumlichen Struktur. Die Märkte befinden sich meist auf den zentralen Plätzen der Städte, auf den alten Marktplätzen. Dort werden sie alljährlich eingerichtet. Dann reiht sich Bude an Bude, Laden an Laden. Zwischen den Markständen bilden sich breitere Gassen, meist ein Geflecht von verschiedenen Wegen, ein Netz von Pfaden, die sich kreuzen, überschneiden, voneinander weg und wieder zueinander hin führen, und erschließen so eine Vielfalt von Parcours. Auf einigen Märkten sind die Buden mit ihren Ladenöffnungen nach innen hin ausgerichtet. Ihre geschlossenen Rückwände sind nach außen gekehrt, so dass sie eine Art Grenzwand bilden zwischen dem Inneren des Marktes und seinem Außen. Im Inneren besteht das Netz der Wege, eine Art „Kreislaufsystem“ im Herzen der Stadt. Hier pulsiert das vorweihnachtliche Leben , es kann hin- und her- und hindurchströmen und sich ausbreiten.

Das räumliche Arrangement der Weihnachtsmärkte erzeugt spezifische räumliche Praktiken. Zwischen den Buden kann man flanieren, man kann seinen ganz eigenen „Diskurs“ ablaufen, hin und her zwischen den einzelnen Ständen, hindurch zwischen den Leuten die herumstehen, aufeinander zu und aneinander vorbei. Die Struktur des Marktes öffnet einen Spielraum, in dem ein Gehen von hier nach da im eigenen Rhythmus möglich wird und der eigenen Lust überlassen ist. Der Platz des Weihnachtsmarktes wird so zu einem Spielplatz des Gehens und „Äußerns“ (Certeau) der eigenen Neugier an den Dingen, die sich hier zeigen.
Die Anordnung des Marktes gibt einem dabei Orientierungspunkte vor. Sie sind anders als anderswo. Der Markt orientiert weniger über Linien (wie beispielsweise Linien im Straßenverkehr) als über Punkte. Es gibt optische Punkte wie z.B. die beleuchteten Anschriften der Läden, aber auch olfaktorische, z.B. die Gerüche der gebrannten Mandeln, und akustische: die leise Musik aus den Lautsprechern des Ladens gegenüber, die klackenden Geräusche der Tassen und das Lachen der Anstoßenden hinten. Wenn der Weihnachtsmarkt voller Menschen ist und sie sich durch die Gässchen bewegen, wird es enger. Dann muss man mitunter im Zickzack gehen und den Leuten ausweichen, die einem entgegenkommen und den Weg schneiden. Im Trubel des Treibens geht man so geführt, gelenkt, reagierend seinen Weg. Das Gemenge kann einen auch verschlucken. Eine große, anonyme Menschenmasse bewegt sich einem bisweilen zäh entgegen, so dass das eigentlich Angezielte plötzlich nicht mehr ohne Weiteres erreichbar ist. Dann bleibt nichts übrig, als sich von der Menge führen, ja mittreiben zu lassen in der Weise eines Treibholzes, bis dann in einem Strudel oder einer Pirouette wieder der eigene Weg einschlagbar wird. Auf einem Weihnachtsmarkt kann man sich in der Menge verlaufen, darin sogar untergehen und verschwinden, bis man wieder auftaucht und anderswohin gelangt ist.

Die Buden sind aber nicht nur Orte, von denen man sich spielerisch anziehen und abstoßen und abtreiben lässt. Sie können auch zu Haftpunkten werden, wo man verweilt. Auch diese Praxis ermöglicht der Markt: das Anhalten, Stehenbleiben und Rasten. Wenn sonst kein Markt da ist, wenn der Marktplatz leer ist und keine Buden stehen, dann geht man üblicherweise schnell über ihn hinweg. Er hat keinen Bleibe-Wert und ist eine Art Nicht-Ort. Mit dem Weihnachtsmarkt ändert sich das. Jetzt ist hier ein Ort, um zu bleiben, zu rasten, zu stehen, zu verweilen.

Dabei gibt es zwei besondere Fixpunkte. Das sind einmal die Öffnungen der Läden. Hier werden im warmen, teilweise hellen Licht der Beleuchtungen die Wahren angeboten. Da kann ich schauen, was es gibt. In einem Universum von Kleinigkeiten und Großartigkeiten kann ich schauen, was sich bietet. Habe ich einige Zeit verweilt, gehe ich weiter zum nächsten, lasse mich dort hintreiben oder halte direkt darauf zu. Den zweiten besonderen Fixpunkt bilden die Läden, wo der Glühwein, die Pusche und die anderen Getränke ausgeschenkt werden. Sie sind besondere Orte des Verweilens. Meistens bilden sich Trauben von Menschen rund um die Buden. Oft sind Stehtische aufgestellt, an denen man die Krüge abstellen kann. Schirme schützen vor unangenehmer Witterung und Heizpilze wärmen. Zusammen mit den Krügen kann man sich dort auch selbst hinstellen und abstellen.

Der Weihnachtsmarkt ermöglicht in seiner räumlichen Struktur und den räumlichen Prozessen, die sich darin abspielen und einfädeln, besondere soziale Praktiken. Sie kennzeichnen die Weihnachtsmärkte und geben ihnen ihr eigenes Gepräge. Zu diesen sozialen Praktiken gehören Affektion und Kommunikation. Wer auf den Markt kommt, setzt sich einer Vielzahl von Eindrücken aus, man taucht ein in diese kleine Welt aus Geräuschen, Gebrutzel, Geklapper, Gespiele, Gemurmel, Gehängen und Klängen, in eine Art Wolke aus süßen, herben, würzigen, sanften, beißenden, dampfenden, fruchtigen, fremdartigen, heimelichen, anregenden Gerüchen, Düften und Noten. Weihnachtsmärkte sind eine durch und durch sinnliche Erfahrung, die in der Vielzahl der Elemente und ihrem Ineinander und Auseinander einen Mikrokosmos an Leben bereithält. Wer auf den Weihnachtsmarkt geht, unterwirft sich diesem Weltenzauber an Einflüssen und Sinnlichkeit.

Diese Düfte und Klänge sind soziale Gesten: Sie locken an, halten ab, sie führen heran, lenken weiter, kommunizieren, dass es hier und dort etwas zu entdecken gibt, was anderswo fehlt. Sie reizen und geizen nicht damit, sich üppig zu verströmen. Man kann gar nicht anders, als sich davon affizieren zu lassen. Diese Außenlenkung, die doch so ganz stark ins Innere hineinreicht, durchzieht den Weihnachtsmarkt und die Sinne ihrer Besucher. Sie setzt sich auf die Schleimhäute, geht auf die Drüsen, geht unter die Haut, ja bisweilen ins Intime hinein. Wer einen „sensual turn“ verspüren will, der kann auf dem Weihnachtsmarkt gehen und diese Praxis der Affektion probieren, sich selbst anregen, erregen lassen von den vielfältigen Weltendüften, die einen da umwehen. An den Glühweinständen wird der „turn“ bisweilen zum Taumel, welcher der Welt eine ganz eigenartige Verschwommenheit einhaucht und überzieht.

In dieser sinnlichen Selbst- und Fremdaffektion ist der Weihnachtsmarkt ein Ort für Kommunikation. Das kennzeichnet ihn. An den Öffnungen der Läden kommt man mit den Verkäufern ins Gespräch, kann sich über das Sortiment informieren, sich beraten lassen oder einfach wahrnehmen, was hier gezeigt und angeboten ist. Man kann hier spielerisch Interesse vortäuschen und nach dieser Finte sich anderswohin wenden. Handwerker erläutern die Herkunft ihrer Produkte und lassen die Fertigkeit, bisweilen ihre Meisterschaft erkennen, die es braucht, um die filigranen Kunstwerke oder die tauglichen Utensilien des Alltags herzustellen. In den Gässchen zwischen den Läden bleiben Menschen stehen, kommen zusammen, tauschen sich aus oder überlegen, wohin die Wege sie nun führen.

Besondere Orte für Kommunikation, vielleicht die wichtigsten auf dem Weihnachtsmarkt, bilden die Imbisse und Getränkeläden, besonders jene, wo man Punsch oder Glühwein erstehen kann. Die Glühweinstände gehören zu den am häufigsten frequentierten Läden der Weihnachtsmärkte. Sie gehören zusammen mit den Läden für Holzschnitzereien zu den ältesten Läden der Markttradition an Weihnachten und stellen die lukrativsten Einnahmequellen dar . Entsprechend viele Leute kommen hier her und bleiben hängen, um sich einen Glühwein zu erstehen. Manchmal muss man ihn sich wirklich erstehen, d.h. in der Schlange oder im Gedränge ausharren, bis die vielen Hände vor einem bedient sind und man schließlich selbst an der Reihe ist. Aus dem Gedränge heraus kann man sich dann zu den anderen gesellen, die schon an einem der Stehtische einen Platz gefunden haben. Dort nun kommen die Tassen und die Menschen zusammen, oft in kleinen Kreisen, Ovalen, Trauben oder Zirkeln. Dort wird jetzt angestoßen, indem man sich zuprostet und die Tassen aneinander stößt. Es klackt und klappert. Und über die Tische hinweg und durch den Dampf der Atem und der warmen Getränke hindurch entfaltet sich das Gespräch, das Gemurmel, das Gelächter. Hier werden die Märkte zu Räumen einer lebendigen Gesprächigkeit und einer quirligen Kommunikation, wo man Standpunkte hat, Meinungen äußert oder einfach irgendwas erzählt ohne Belang, wo Worte vermischt und vermengt werden, so dass sich die Wolke des frohen, heitern, nachdenklichen, manchmal von Lachen durchzogenen emsigen Sprechens ausbreitet, enthüllt, wiederkehrt, verweht. Der Weihnachtsmarkt ist ein Raum affektiver Kommunikation.

„Stellten die Weihnachtsmärkte früher vorrangig Warenmärkte dar, die Schaustellern, Handwerkern und Händlern eine Einkommensmöglichkeit boten und die Bevölkerung mit Lebensmitteln für das bevorstehende Weihnachtsfest versorgten…, steht heute mehr der gesellschaftliche und soziale Aspekt dieser Veranstaltungen im Vordergrund…: Sie sind zu Treffpunkten und Orten der Geselligkeit und Kommunikation geworden“.

Die Spiritualität der Weihnachtsmärkte

Weihnachtsmärkte haben also eine eigene Ordnung der Dinge. In dieser Eigenartigkeit sind sie andersartige Orte. Sie unterscheiden sich von der normalen, alltäglichen Ordnung des Lebens und öffnen eine Welt, die jenseits des Üblichen liegt. Sie sind Heterotopien. Wer sie betritt, tritt aus dem Alltäglichen heraus und überschreitet es anderswohin. Konstitutiv für diese Andersartigkeit der Weihnachtsmärkte ist ein Spiel von Differenzen. Die Weihnachtsmärkte werden zu Weihnachtsmärkten, gerade weil sie ein mannigfaltiges Spiel von Gegensätzen und Kontrasten freisetzen und erschließen. Darin gründet ihre besondere Atmosphäre und darin unterscheiden sie sich auch von anderen Märkten und Orten.

Das Spiel aus Licht und Dunkel zählt beispielsweise dazu. An vielen Stellen des Marktes hängen Lichterketten, leuchten Lampen oder brennen Flammen und Kerzen. Sie bilden helle Flecken oder flackernde Flächen, sie verbreiten ein warmes Licht und heben sich so sanft, nur selten grell, vom Dunkel des Abends und der Nacht ab. Sie erzeugen bisweilen eine eigenartige Zwielichtigkeit der Szenerien: Im Gegenlicht der Lampen und Leuchten und Läden sind die Konturen der anderen Menschen erkennbar, Haare strahlen im Gegenlicht hell und fast feurig, die Gesichter bleiben gleichwohl im Schatten verborgen und machen aus den Nahestehenden Fremde einer glanzvollen Gesichtslosigkeit. Wenn Schnee gefallen ist, dann verstärkt sich der Kontrast aus Licht und Dunkel: Das klare Weiß des Schnees hebt sich nun vom Dunkel des Nachthimmels ab.

Zusammen mit dem Kontrast aus Licht und Dunkel spielt der Weihnachtsmarkt mit Wärme und Kälte. Die Kälte der Wintertage trifft auf die Wärme, die man auf dem Markt finden kann. Aus dem Inneren der Läden strömt warme Luft heraus und weht den Menschen, die in die Ladentheken hineinluken und ihre Köpfe dabei nach vorne neigen, um die ausgekühlten Gesichter und geröteten Nasen. Winterkleidung hält die Leute warm und ermöglicht es, dem Frost auch bei längeren Aufenthalten zu trotzen. Besonders die Glühwein- und Punschläden schenken Wärme aus: Wer sich angestellt hat, bekommt eine warme Tasse mit einem heißen Getränk. Die Handschuhe werden ausgezogen. Jetzt berührt die vielleicht kalt gewordene, etwas frierende Hand das heiße Gefäß. Mit prickelnden Fingerspitzen beginnt man am dampfenden Getränk zu nippen, und langsam schleicht sich die Wärme süßherb den Gaumen entlang und den Hals hinab. Man rückt näher zusammen oder zieht die Mützen tiefer ins Gesicht, wenn eine eisige Windböe einem den Winter ins Gesicht oder um den Nacken haucht.

Auch die Polarität aus Gehen und Stehen kennzeichnet den Weihnachtsmarkt. Im Flanieren gelangen die Besucher von hierhin nach dorthin, sie verweilen an den Haftpunkten der Läden, stehen irgendwo an oder schauen gebeugt näher hin, dann brechen sie neu auf und gehen weiter. Der Markt gewinnt einen ganz eigenen Rhythmus aus Bewegung und Stillstand, wie ein Wechselspiel von Wellen, die irgendwo hinwogen, sich dann aber wieder anderswohin verlaufen und abschwellen. Das Gehen und Stehen entspricht auch einem weiteren Grundkontrast der Märkte: das Provisorische und das Stabile. So wie die Menschen stehen und gehen, so kommt und geht auch der Markt. Seine Buden erzählen davon, dass sie nicht für immer hier sind. Jetzt gerade trotzen sie zwar der Witterung. Aber sie sind nicht auf Ewigkeit gebaut. Mit all ihren Riegeln, Latten, Ketten, Häringen, Schnüren, Klappen und Planen erzählen sie davon, dass sie vorläufig sind. Ihre jetzige Anwesenheit geht ihrer baldigen Absenz voraus. Irgendwann wird der Markt zu Ende gehen, dann werden die Buden wieder verschwunden und der Platz wie leergefegt sein; wie ein Spuk wird sich das Getümmel, das jetzt pulsiert, aufgehoben haben; fast irreal, als sei der Markt nie gewesen, wenn nicht die Spuren auf dem Boden, die roten Flecken der Beerenpunsche, noch einige Zeit davon erzählten, wer hier zusammengestanden war, bis auch sie im abtauenden Schnee verschwimmen und verschwinden.

Diese Kontraste und Gegensätze sind konstitutiv für den Weihnachtsmarkt. Er spielt mit ihren Differenzen und gibt sich so seine besondere Atmosphäre. Ohne sie wäre der Weihnachtsmarkt nicht der Weihnachtsmarkt. In anderen Klimazonen, die solche Kontraste nicht ermöglichen, gibt es ihn nicht. Wer würde heißen Glühwein bei 30 Grad plus am Strand ausschenken? Welches Interesse würden Lichterketten wecken, wenn die Tage hell, die Sonne heiß und die Nächte nicht wirklich dunkel sind? Weihnachtsmärkte verdichten typische Faktoren der Lebensräume Mitteleuropas. Hier sind sie durch ihre Außenfaktoren möglich. Sie sind als Städtchen in den Städten Biotope besonderer Lebenskunst, aber auch besonderer „Regierungskunst“, also eines Wissens, die Dinge des Lebens so einzurichten, dass die Bevölkerung gerade in diesen Kontrasten hausen kann und dass sie Lust empfindet, sich diesen kleinen Welten – wenigstens zeitweise – einzubürgern.

Ein weiterer Kontrast kennzeichnet die Märkte: das Wechselspiel aus Anonymität und Identität, aus Fremdheit und Bekanntheit. Viele kommen mit anderen her, die sie kennen. Gemeinsam taucht man ein in die Menge und lässt sich gehen. Von hierhin nach dorthin führt der Weg. Beim Kreuzen der Gässchen, im Entgegenkommen und Ausweichen vor den anderen verliert man sich aus den Augen. Man sieht viele von hinten oder von der Seite, flüchtig im Vorbeigehen und Durchhuschen, ohne genau zu erkennen, wer sie sind. Dann tauchen vermeintlich die Konturen der Begleiter wieder auf, geben sie beim Näherkommen aber als Fremde zu erkennen. Durch die anonyme Menge, die nur in Augenblicken im Vorbeigehen gesehen und in kurzen Berührungen beim Hindurchschlüpfen gestrichen wird, verschwinden die anderen. Später trifft man sich wieder am vereinbarten Stand und steht zusammen, um sich über die vielfältigen Eindrücke oder über sonst irgendetwas auszutauschen. Auch damit – mit der anonymen Menge und den bekannten Gesichtern – spielt der Markt und führt diese Kontraste zusammen.

Der Markt führt nicht nur Bekannte wieder zusammen, sondern auch Fremde. Es kann sein, dass man an einer der Buden oder an einem der Stehtische mit wirklich Unbekannten zusammentrifft. Weihnachtsmärkte sind eben besondere Orte der Kommunikation. Das kennzeichnet und prägt sie, ihr Raum ist so konzipiert, dass er den kommunikativen Austausch zulässt und herstellt. Er ermöglicht es, mit Fremden zusammenzukommen, er drängt manchmal sogar darauf hin. Spätestens beim Regen oder Schnee, wenn sich alle unter den Vordächern oder Schirmen zusammendrängen, geht man auf Tuchfühlung. Die räumlichen Strukturen rund um die Glühwein- und Punschläden sind dafür wichtig, denn sie stehen bisweilen dicht an dicht. Dort geht man dann eben nicht aneinander vorbei oder schaut durch sich hindurch, sondern kommt in Kontakt miteinander. Vielleicht stößt man miteinander an. Vielleicht entsteht irgendein belangloses Gespräch. Vielleicht weißt man sich gegenseitig auf etwas Interessantes hin. Eventuell entsteht auch ein wirklicher Austausch, in dem Eigenes erzählt und Anderes entdeckt wird. Der Weihnachtsmarkt ist ein Raum für Kommunikation auf engem Raum, der eine große Weite in sich hat. Das charakterisiert ihn. Und in der Begegnung mit den Besuchern ereignet sich ein Wechselspiel aus Fremdheit und Bekanntheit, das Neues und Anderes sichtbar werden lässt, mitunter überraschend und ganz ohne vorgesehen oder geplant zu sein.

Damit ist ein weiterer Kontrast berührt, welcher den Weihnachtsmarkt kennzeichnet: das Wechselspiel aus Altbekanntem und Neuem. Zu den Weihnachtsmärkten gehört einerseits ein Grundsetting an Waren, Angeboten, Speisen und Getränken, die sich nahezu immer gleichen und wiederholen. Weihnachtsmärkte ähneln sich darin über die Orte und Zeiten hinweg. Wenn der Advent vor der Tür steht, kann man sich ausrechnen, dass der Markt wieder da sein und was er traditionell wieder anbieten wird. Dieser Regelhaftigkeit und Regelmäßigkeit aber steht die Unberechenbarkeit und das immer Neue der Märkte entgegen. Das bedeutet nicht bloß, dass die Märkte sich selbst verändern, dass die Palette ihrer Angebote, ihrer Waren und Stände variiert und sich entwickelt. Das meint vor allem, dass die Märkte selbst immer Orte des Neuen und Anderen sind. Sie bieten eine so große Anzahl an Gegenständen, Angeboten, Waren oder Utensilien, dass man nie fertig wird, alles zu sehen oder alles erkundet zu haben. Die Märkte sind Mikroversen der Kleinkunst und des Handels, aus einer Vielfalt an Formen und Farben. Wie sich das Licht der Kerzen in den angebotenen Glaskunstwerken bricht, so entfächert sich in den Gässchen der Märkte, zwischen ihren Buden und auf den Theken der Läden eine Mannigfaltigkeit der Waren und Dinge. Sie haben eine Ordnung, aber sie lassen sich auch spielerisch umkehren und neu in Verbindung bringen im Hin- und Her der Bewegung, so dass sie ein nicht enden wollendes Spiel an Zusammenhängen und Beziehungen eröffnen. Der Markt wartet mit dem überraschenden Neuen und Anderen auf, das vorher noch nicht im Blick war, jetzt aber sichtbar, spürbar und berührbar wird.

Diese Differenzen machen den Weihnachtsmarkt zu einem Ort der kreativen Entdeckungen. Dies ist sein entscheidendes Merkmal und bildet eine Art Synthese aus dem Spiel seiner Mannigfaltigkeit. Der Weihnachtsmarkt ist der Raum einer offenen Kommunikation und Bewegung, in dem Menschen auf Neues und Andersartiges stoßen. Solche Entdeckungen ereignen sich zum einen an den Buden und Läden und allem, was sich dort aufstöbern lässt. Solche Entdeckungen ereignen sich aber auch in der Begegnung mit den Marktbesuchern. Die kommunikativen Räume der Märkte öffnen die Möglichkeit, auf Andere, Bekannte und Unbekannte, auf Fremde zu treffen, sie zu sehen, mit ihnen zu sprechen, mit ihnen Austausch zu betreiben. Über den Weihnachtsmärkten liegt die Wolke von Geräuschen, Gemurmel, Gelächter. Sie klingt wie eine amorphe Masse an menschlichen Äußerungen. Und sie ist genau das: Im Inneren dieser Wolke öffnen sich Relationen, treffen Perspektiven zusammen, finden sich Worte, in denen Menschen etwas entdecken, das neu ist und anders. Die räumliche Struktur der Märkte, die räumlichen Praktiken des Hin und Her, des Ab- und Auftauchens, die sozialen Praktiken der Begegnung und der Kommunikation im Wechselspiel aus Fremdheit und Erkennen machen aus den Märkten Orte der Entdeckung. Ihre Kommunikativität macht sie zu Stätten des Überraschenden und Neuen, das sich zu entdecken gibt: im Gewimmel, der Menschen, im Getümmel, Gelächter, Gerede, Gemurmel der Leute das Andere.

Der Weihnachtsmarkt ermöglicht deshalb eine Überschreitung. Menschen, die am Marktgeschehen teilnehmen und darin in gewisser Hinsicht aufgehen oder untergehen, überschreiten die üblichen Arten ihres Lebens und gelangen in ein Jenseits der alltäglichen Ordnung der Dinge. Dort gelangen sie in einen andersartigen Raum, der anders leben lässt. Der Weihnachtsmarkt verändert in dieser Hinsicht. Er lässt über das Übliche hinausgelangen. In der vielfältigen Kommunikation und in den vielfältigen Entdeckungen öffnet er einen Freiraum jenseits des Normalen. Deswegen führt er die Besucher von sich selbst weg. Nicht nur alltägliche Ordnungen des Lebens kann man wenigstens für kurze Zeit hinter sich lassen. Der Markt führt auch über das Eigene hinaus, er macht Überschreitungen des Lebens und des Selbstseins möglich. Ich kann hier die alltägliche Selbstdisziplinierung sein lassen, die Bilanzierung der eigenen und fremden Ressourcen und Kräfte. Im Trubel des Marktes kann ich mich im doppelten Sinne gehen lassen. Ich kann dort im Getümmel der Leute verschwinden, ich kann mich im Gemurmel und im Gelächter verlieren und abtauchen. Dort werde ich selbst als eine andere oder als ein anderer.

Damit ist die Grunddifferenz benannt, die den Weihnachtsmarkt kennzeichnet: In ihm gelangt man vom Eigenen ins Fremde, vom Üblichen ins Unübliche, von den Ordnungen desselben Lebens anderswohin. Er ist als Heterotopie der Ort einer Überschreitung. Sie konstituiert sich in den Wegen von hier nach da, den „Äußerungen“ der Neugier im räumlichen Bewegungen und den überraschenden Entdeckungen zwischen den Dingen und Menschen. Weil der Weihnachtsmarkt in diesem Sinne Überschreitungen und Transformationen eröffnet, ist er ein vehement spiritueller Ort. Die Spiritualität des Weihnachtsmarktes besteht in einer kreativen und kommunikativen Überschreitung des Lebens. Er ist offene Neugier für das Andere, – und deshalb ist er in besonderer Weise „adventlich“.

Der Prolog des Chriskindles auf dem Nürnberger Weihnachtsmarkt artikuliert diese Heterotopologie des Weihnachtsmarktes, seinen Charakter des Neuen, Entdeckerischen, Jungen, Verändernden, Transformativen und Befreienden, Vergänglichen und Ewigen: „Dies Städtlein in der Stadt, aus Holz und Tuch gemacht, so flüchtig, wie es scheint, in seiner kurzen Pracht, ist doch von Ewigkeit. Mein Markt bleibt immer jung, solang’ es Nürnberg gibt und die Erinnerung“. Der Prolog bezeichnet den Markt dann auch als „neue Stadt“ und lädt die Besucher ein, sich mit neugieriger Lust am Treiben des Marktes zu erfreuen und anders zu werden, zu Kindern, die sich im staunenden Zauber spielend verlieren.

Es gibt also tatsächlich so etwas wie eine säkulare Spiritualität des Weihnachtsmarktes. Sie arbeitet mit einem Ortswechsel: von den geordneten Strukturen des Alltags hin ins bunte Treiben der Märkte. Das verändert die Menschen. Es „begeistert“ sie, so dass jährlich viele Millionen dorthin kommen. – Und die Kirchen? Wie verhält es sich mit ihrer eigenen Spiritualität im Advent? Leben sie eine Parallelexistenz, die lediglich die Fassade hergibt? Oder gibt es Punkte der Berührung, ja des Tausches, die selbst zu Orten kreativer, kommunikativer, transformativer Entdeckungen werden?

Christian Kern

Bildquelle: http://www.sueddeutsche.de/bayern/nuernberger-christkindlesmarkt-weihnachtliche-wiesn-1.1537875-5

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