Der glühweingeschwängerte Gott. Eine kleine Theologie des Weihnachtsmarktes (Teil 2)

Fortsetzung des weihnachtlichen Erkundungsgangs mit Christian Kern (Würzburg).

Distanziertheit der Kirchen?

Am Rande der Weihnachtsmärkte stehen häufig Kirchen. Ihre Fassaden sind erleuchtet und gehören zur Kulisse der Märkte. Sie nehmen Teil am Spiel der Differenzen aus Licht und Schatten. Sie tragen mit ihrer Architektur und Beleuchtung einen besonderen Teil zur Atmosphäre der Marktplätze bei und markieren, dass hier etwas besonders ist und anders als üblich. Tagsüber sind ihre Türen geöffnet. Abends allerdings, gerade wenn die Mengen die Marktgassen fluten und sich an den Ständen drängen, machen die Kirchenpforten zu. Es gibt dann kein Licht in ihnen, die emsigen Küster haben getreu ihrer Aufgabe die Pforten geschlossen und sind gegangen. So passiert es allabendlich beispielsweise am Würzburger Marktplatz, die spätgotische Marienkapelle wird mit dem Anbruch des Abends geschlossen. Ist das ein Indiz für eine Distanz zwischen den Kirchen und den Märkten? Hier die Marktökonomie in den Läden, dort die Heilsökonomie hinter verschlossenen Türen? Anzeichen einer Trennung zwischen der Spiritualität der Märkte vor Weihnachten und der Spiritualität der Kirchen im Advent?

Die Spiritualität der Kirchen folgt einem grundsätzlichen Stichwort bzw. einer weitverbreiteten Praktik, die so etwas wie die regulative Idee des Advent darstellt: „Besinnung“. Die Spiritualität der Kirchen im Advent ist „besinnlich“. „Sich besinnen“ heißt soviel wie, wieder „zu Sinnen kommen“. Hier ist nicht primär gemeint, sich auf äußere sinnliche Reize einzulassen, sondern die inneren Sinne zu schärfen. Es geht um Selbstreflexion und Selbstwahrnehmung. Es geht darum, bewusster zu glauben und bewusster zu leben. Also kein „sensual turn“, eher ein „subjective turn“. Die Einformung der Innerlichkeit bedingt die Ausformung des spirituellen Lebens und umgekehrt. Mit Selbstreflexion und Selbstwahrnehmung geht deshalb auch eine Selbstbeherrschung und Selbstdisziplinierung einher („Komm wieder zu Sinnen!“) sowie eine Aktivierung nach außen in sozial-karitativer Hinsicht. Sie ist gegen den Wahnsinn des Lebens gerichtet, gegen das Auseinanderbersten seiner Ordnungen.

Es folgt im Advent dann auch ein vielfältiges Ensemble von besinnlichen Praktiken und Glaubensformen: Zeiten der Stille, nachdenkliche Musik, Adventstexte zum Lebenswandel, Bußandachten, meditative Texte mit Lebensweisheiten und Gestaltungsregeln zu Frieden, Versöhnung, Achtsamkeit. Bei Adventsfeiern werden besinnliche Texte gelesen. Sie unterbrechen den Redefluss. Jetzt wird auf den Text gehört und zu erlauschen versucht, welche Lebens- oder Glaubensweisheit er in weihnachtlicher Atmosphäre verbreitet. Nicht das Reden und der Austausch zwischen den Leuten werden als adventlich wahrgenommen, vielmehr machen erst das Aussetzen des Redens und das besinnliche Zuhören aus dem Treffen eine gefühlt „adventliche“ Feier.

Der Advent macht in diesem Sinne gehorsam, er fördert und fordert das stille Zuhören. Er praktiziert „Besinnung“. Natürlich gibt es auch andere Formen der Spiritualität der Kirchen im Advent, die andere Akzente setzen. Die Häufigkeit aber, mit der von „Besinnung“ gesprochen und mit der diese praktiziert wird, spricht für eine Dominanz dieses Konzeptes.
In den besinnlichen Praktiken zeigt sich ein Merkmal, das für das abendländische Christentum typisch ist: reflexive Individualisierung bzw. individualisierte Reflexivität. Sie stellt eine (wenn nicht die) Grundform der praktischen Vernunft abendländischer Spiritualität dar. Es geht darum, die Gläubigen zur Erkenntnis ihrer inneren Wahrheit zu führen und sie diese Wahrheit eventuell auch artikulieren zu lassen (vgl. Bußandachten, Glaubensbekenntnisse). Darin soll die Glaubensdisziplin des individuellen wie sozialen Lebens gestärkt oder aufgebaut werden. Es geht damit um eine „Regierung der Lebenden“ (Foucault) zu deren diesseitigem und jenseitigem Heil. In eben diesem Sinne heißt es in einem bekannten Adventslied des protestantischen Komponisten Valentin Thilo von 1662: „Mit Ernst, o Menschenkinder das Herz in euch bestellt! Bald wird das Heil der Sünder, der wunderstarke Held, den Gott aus Gnad allein der Welt zum Licht und Leben versprochen hat zu geben, bei allen kehren ein… Ein Herz, das Demut liebet, bei Gott am höchsten steht; ein Herz, das Hochmut übet, mit Angst zu Grunde geht. Ein Herz, das richtig ist und folget Gottes Leiten, das kann sich recht bereiten, zu dem kommt Jesus Christ“.

Diese Praktiken der Besinnung in der christlichen Glaubenskultur des Abendlandes haben Menschen zu Höchstleistungen im religiösen Leben, in sozialen Aktivitäten und theologischen Erkenntnissen geführt. Sie sind ein nachhaltiges Erfolgsmodell. Allerdings ist die Fokussierung auf selbstreflexive Besinnlichkeit heute problematisch geworden. Denn in den Praktiken der Besinnung wird etwas verdoppelt, was das Leben vieler Menschen von heute kennzeichnet und vor dem sie bisweilen das Weite suchen: eben jene individualisierte Reflexivität. Sie prägt die Lebenswelt der Menschen und ihre alltäglichen Praktiken, ihre Alltagsökonomie in weiten Teilen. Menschen sind zu „Unternehmern ihrer selbst“ geworden (Bröckling). Sie gestalten ihr Leben als selbständige „Unternehmenseinheiten“ (Foucault), und die Reflexion über das eigene Kapital ist eine Grundpraxis dieser Lebenskunst bzw. Lebenspflicht. Dazu gehört eine tagtägliche buchhalterische Aktivität: das Prüfen und Reflektieren des eigenen Hausstandes in ökonomischer Hinsicht, eine alltägliche Kosten-Nutzen-Kalkulation. Sie bezieht sich auf das materielle, kulturelle und soziale Kapital.

Diese Praxis wird im Advent zu einem gesellschaftlichen Breitenphänomen, und zwar bei den Einkaufstouren für das Weihnachtsfest. Zuerst werden mehr oder weniger explizite Überprüfungen, Bilanzierungen und Berechnungen durchgeführt, wem was geschenkt werden kann und wofür die Mittel reichen. Dann touren die Menschen durch die Geschäfte und decken sich mit Geschenken ein. Das Touren ist ebenfalls begleitet von einem steten inneren Kalkulieren und Mitrechnen. Kann ich das auch noch mitnehmen? Einkaufstouren sind deshalb gerade keine irrationalen „Kaufräusche“, sondern im Gegenteil Aktivitäten einer ausgefeilten ökonomischen Rationalität. Hier kehrt die Verdopplung ein: Der Praktik christlicher Gewissensprüfung entspricht das innere Mitrechnen und Bilanzieren als individualökonomische Variante.

Das ist nun sehr weit entfernt von der Spiritualität der Weihnachtsmärkte. Hier geht es ja gerade nicht um individuelle Selbstreflexion, sondern vielmehr um kommunikative Selbstüberschreitung, die zu kreativen Entdeckungen aus spannenden Differenzen führt. Es geht um eine Transzendenz der persönlichen Immanenz. Ich stoße auf etwas Anderes, Veränderndes, und zwar in den Anderen, die sich ebenfalls einfinden, wenn wir uns im Glühweindampf anstoßen, uns zulachen und über das hinausdenken und hinaussprechen, was sonst Thema ist. Gerade in diesen Überschreitungen des Üblichen – inklusive der das Alltägliche prägenden ökonomischen Selbstreflexivität und Prüfung – öffnet sich ein andersartiger Raum, der befreiend wirkt.

In diesem Punkt sind Weihnachtsmärkte repräsentativ für eine Vielzahl von kulturellen Praktiken und Lebensweisen v.a. von Menschen der 20er-, 30er-, 40er-Jahre-Generation. Sie praktizieren Lebensweisen, die weniger mit individualisierter Reflexivität arbeiten, sondern auf kommunikative Kreativität setzen. Man lebt experimentell und explorativ in der Offenheit für Andere und Anderes. Beispiele finden sich in den Bereichen der alternativen Ökonomie (Vegan Food, Shared Economy), der experimentellen Sportarten (Sportarten mit geringem Materialaufwand, welche die situativen Gegebenheiten nutzen, beispielsweise Boldern, Slacklining), der situativen Kunstformen (Improtheater, Jam-Sessions, Poetry-slam).

Am 7. Dezember 2015 beispielsweise erhielt die britische Gruppe „Assemble“, ein Kollektiv aus Architekten, bildenden Künstlern und Soziologen, den renommierten britischen „Turner-Preis“ für moderne Kunst. Das „Assemble“-Projekt setzt schon im Namen um, was es praktiziert: eine Zusammenkunft von unterschiedlichen Akteuren, aus deren Differenz kreative und kommunikative Prozesse entstehen, die Neues und Anderes entdecken. Im Falle der „Assemble“ handelt es sich konkret um alternative Räume, die Ästhetik und Soziales in neuen Wohnkonzepten miteinander verbinden. Ihnen gelang in ihrer Arbeit, woran die Stadtplaner Londons scheiterten: das aufgegebene Wohnviertel Londons „Toxteth“ wieder bewohnbar und attraktiv zu machen. Als Kollektiv bestehen „Assemble“ gerade aus Unterschieden, bisweilen aus Kontrasten. Aber in diesem Raum aus Differenzen entstehen Kontaktzonen, die Kommunikation ermöglichen, Kreativität freisetzen und Überschreitungen des Bisherigen bewirken. Sie entdecken Anderes und Neues. Sie bergen das Risiko des Scheiterns, weil sie vorläufig und instabil sind. Aber gerade deshalb sind sie fähig zu innovativen Entdeckungen. In ihnen entfaltet sich eine transformative Spiritualität aus Differenzen und Kontrasten.

Es gibt insofern eine gewisse Diskrepanz und Distanz zwischen der Spiritualität der Kirchen im Advent und der Spiritualität der Weihnachtsmärkte. Die Kirchen setzten im Wesentlichen auf Besinnlichkeit und Reflexion, die Märkte öffnen Räume explorativer, transformativer Kommunikation. Darin zeigt sich eine grundsätzliche Verschiedenheit, vielleicht auch Entfremdung kirchlicher Disziplin einerseits und säkularer Kommunikativität andererseits. Das kann Distanzierungen bewirken. Wer mit einer solchen kreativ-kommunikativen Spiritualität lebt, geht im Advent auf den Weihnachtsmarkt, nicht in die Kirche.

Die Äußerbarkeit von Glauben der Kirche und Leben des Marktes

Statt einer Trennung der Spiritualität der Kirchen im Advent und der Spiritualität der Weihnachtsmärkte kann es auch zu einem Austausch zwischen beiden kommen, zu gegenseitigen Entdeckungen. Dann erfolgt weder eine Trennung noch eine Vermischung von Kulturen und Spiritualitäten, sondern es entsteht eine Wechselwirkung, die beiden etwas geben und eröffnen kann. Der Weihnachtsmarkt kann Impulse geben, das Glaubensgeheimnis der Kirchen mehr zu verstehen. Die Kirchen können Impulse geben, um das Lebensgeheimnis der Weihnachtsmärkte mehr zu ergründen. Das passiert, wenn Ortswechsel vollzogen werden. Faktisch geschieht dies: Kirchenleute verschlägt es im Advent auf die Weihnachtsmärkte, Marktleute (die Besucher der Märkte) verschlägt es in die Kirchen. Umfragen, die jährlich in den Wochen vor Weihnachten von Instituten, Verlagen oder Onlineplattformen durchgeführt werden, zeigen, dass sich konstant ca. 50% der Deutschen vornehmen, am Fest an einem Gottesdienst teilzunehmen oder eine religiöse Feier zu besuchen.

Zunächst zum ersten Punkt: Weihnachtsmärkte geben Glaubensimpulse für Kirchenleute. Diese können hier ihren eigenen Glauben tiefer verstehen und erleben. Sie nehmen dort teil am Gewusel und Gewimmel, an der Kultur der Kommunikation und des Entdeckens von Neuigkeiten in der Vielfalt der Waren und Menschen. Sie können dort erfahren, was es heißt, sich im gegenseitigen Austausch und in der Vielfalt der Kontraste überraschen zu lassen. Die Märkte werden dann für sie Orte der Entdeckung von Neuem und Andersartigem, Orte einer Neugier und Offenheit für Anderes, Orte einer kommunikativen Kreativität. Weihnachtsmärkte lehren dann einen wirklich adventlichen Lebensstil: das Erwarten eines Anderen in den Anderen. In diesem Sinne „äußern“ die Weihnachtsmärkte den Glauben, sie weisen ihn lachend darauf hin, dass er über sich selbst hinaus gelangen kann und muss, will er wirklich eine Ankunft erwarten. Der Ortswechsel und das Eintauchen in die andere Welt inklusive seiner kommunikativen, explorativen Dynamik macht das möglich. Auf dem Weihnachtsmarkt kann ich erleben, was es heißt, adventlich zu leben.

Aber nicht nur das. Der Weihnachtsmarkt führt nicht bloß tiefer in das Leben des Advents ein, er erschließt auch das Weihnachtsevangelium. Denn er macht später die Erfahrung der „Stillen Nacht“ eigentlich erst möglich. Dies hat mit den vielen Worten zu tun, die auf dem Markt gewechselt werden, mit seiner quirligen Kommunikativität. Er ist ein Raum, der diese Kommunikationsprozesse ermöglicht. Er ist voll Getümmel und Gemurmel und Gebärden; eine Wolke aus Worten, in denen sich menschliches Leben im Advent äußert. Diese Wolke löst sich nun an einem entscheidenden Punkt auf: am 23.12. abends oder spätestens am 24.12. mittags (Der Nürnberger Christkindlesmarkt beispielsweise schließt am 24.12. um 14 Uhr). Jetzt endet das Markttreiben, und auf den Plätzen schließen die Läden. Für viele stehen nun die Feiern im Familienkreis an. Diese sind nochmal besonders kommunikativ, mitunter besonders konfliktiv. Und dann folgt für einige ein weiterer, entscheidender Ortswechsel: in die Kirche.

Wenn man die Kirche betritt, geht man nochmals in einen andersartigen Raum über. Hier öffnet sich ein Raum für die Stille. Vorher wurden so viele Worte gewechselt. Das quirlige Leben hat sich geäußert. Nun kann man auch darüber nochmals hinausgelangen. Jetzt kann man die vielen Worte selbst noch überschreiten und in einen Raum des Schweigens und der Stille eintreten, in eine „Stille Nacht“. Damit diese Stille der Nacht und das Schweigen des Raumes erfahren werden, ist gerade konstitutiv, was vorher war: die Kommunikativität des Lebens, exemplarisch auf dem Weihnachtsmarkt. Denn nur weil es den Markt mit seinem Getümmel und Gemurmel gab, wird jetzt das Hören der Stille möglich. Im Kontrast zum vielfältigen Gemurmel auf dem Markt wird jetzt das Schweigen vernehmbar. Das Gemurmel des Weihnachtsmarktes, seine kreative Kommunikativität ist konstitutiv für die Erfahrung der Stille. Der Weihnachtsmarkt hat ihre Ankunft vorbereitet und gibt ihr jetzt Herberge.

Darin kehrt sich die Bewegung aber auch um, denn nun kann es der Kirchenraum werden, der einen Impuls freisetzt für das Markttreiben des Lebens. Dies hat mit der Stille zu tun, die man hier finden kann. Diese Stille ist eigenartig. Mit „Stille“ ist hier nicht primär die Abwesenheit von Worten gemeint. Sprechen ist nicht verboten, die Wörter müssen nicht verstummen. Im Kirchenraum müssen die Münder jetzt nicht völlig geschlossen gehalten werden, so wie vorher vielleicht die Türen der Kirchen mancherorts abends während des Adventsmarktes geschlossen gehalten wurden. Es wird jetzt im Gegenteil ja auch viel gesungen, es werden Texte gelesen, es wird gemeinsam gebetet. Der Kirchenraum ist ein Ort, der von Klängen und Worten erfüllt wird. Die Stille der Nacht, die hier angesprochen ist, meint nicht wortlose Stille und reines Schweigen, indem die Sprache verbannt und das Sprechen verboten wäre. Sie steht also nicht über den Worten, so als könnte oder müsste sie diese verbieten. Sie steht auch nicht gegen die Worte, so als müsste sie sich von ihnen trennen. Sie steht nicht jenseits der Worte.

Die Stille, die hier gemeint ist, steht vielmehr in den Worten selbst, sie wohnt ihnen inne. Denn jedes Wort ist zugleich ein Nicht-Wort. Jedes Wort sagt ‚etwas‘, aber indem es ‚etwas‘ sagt und darin eine Grenze markiert, überschreitet es diese zugleich. Jedes Wort ist darin offen für ‚etwas Anderes‘. Mit jedem Wort ist eine Andersheit ausgesagt, die es von außen betrifft und die sich das Wort nicht einverleiben kann. Das gilt nicht nur für einzelne Worte, es gilt für die Sprache insgesamt. Ihre gesprochenen Worte sagen nicht alles, sie gehen über sie hinaus. Deshalb hat es auch das Sprechen der Sprache insgesamt mit ihrem Gegenüber zu tun, dem Nicht-Sprechen. Mitten im Sprechen gibt es eine leere Andersartigkeit. An dieser inneren Grenze werden die Worte zur Passage: In ihnen geht das Sprechen über ins Schweigen. Dieses findet sich immer schon insgeheim in den Worten des Lebens und seiner Sprache als Anderes ihrer selbst. Sie sind „Worte ins Schweigen“ (Rahner). Jedes Wort ist darin der Ort der möglichen Ankunft eines anderen.

Mit anderen Worten: in der Stille entdeckt man die Relativität der Worte, ihre unabschließbare Offenheit und ihre nicht beherrschbare Andersheit. Es gibt darin immer ein „Mehr“ und „Anders“ zu entdecken. Man stößt darauf in den Momenten, wo die Sprache zerbricht oder bewusst „ausgesetzt“ wird, wo das Sprechen ins Schweigen übergeht und sich die Sprache „erübrigt“. Was hier für die Sprache entdeckt wird, gilt für das Leben insgesamt. Es ist nicht bloß gefasst und Ordnungen, Regeln und Worten, es ragt immer darüber hinaus – bzw. etwas Anderes ragt in es hinein. Wie die Sprache steht es relativ zu dem, was es nicht ist. Das Leben ist der Ort einer Ankunft des Anderen und Neuen, das nicht beherrschbar und antizipierbar ist. Es kommt, wann es will, und sei es im Schweigen einer mitternächtlichen Wache. In der Begegnung mit diesem unvorhersehbaren Anderen ergibt sich mit der Sprache auch das Leben. Das Leben „äußert“ sich darin.

Die äußere Stille – z.B. ein gemeinsame Schweigen oder eine nachdenklicher Gesang – kann eine Hilfe sein, dieses innere Schweigen der Worte und des Lebens zu entdecken. Durch das äußere Schweigen kann man die Worte des Lebens mehr als Orte der Ankunft eines Anderen erfahren. Genau diese Erfahrung der „inneren Stille“ macht der Kirchenraum am Weihnachtsabend möglich. Er tritt in Differenz zu den wuseligen Märkten und ihrer Redseligkeit. Er macht in seinem Schweigen ihre Relativität deutlich, dass sie nochmals anders werden können. Er weist wortlos darauf hin, dass in ihnen etwas Anderes schweigend aufwartet. Und indem er so auf ihre Relativität hinweist, zeigt er auch ihre Endlichkeit und Begrenztheit. Die Ordnungen, Worte und Sprachen des Lebens haben nicht das letzte Wort. Sie sagen nicht alles, sondern sind auf ein Anderes verwiesen, das sie sich nicht einverleiben können. In ihrer Relativität steckt so etwas wie ein Freiraum, der das überschreitet, was gerade sagbar oder zu sagen ist. Der Kirchenraum am Weihnachtsabend kann zu einem Ort werden, wo dieser Raum tatsächlich entdeckt wird: das innere Schweigen der Worte und das befreiende Neu-geboren-werden des Lebens in seiner Überschreitung.

Es muss also keine Trennung zwischen der Spiritualität der Kirchen im Advent und der Spiritualität der Weihnachtsmärkte geben. Es kann vielmehr zu wechselseitigen Entdeckungen und Überschreitungen kommen. Einerseits kann der Weihnachtsmarkt Kirchenleuten einen adventlichen Lebensstil lehren, die Ankunft und Zukunft eines Anderen in den anderen. Andererseits kann der Kirchenraum Marktleuten (den Besuchern der Märkte) die befreiende Relativität ihrer eigenen Worte und Ordnungen erschließen. Der Markt äußert den Glauben, die Kirche äußert das Leben. Beide verinnerlichen sich dabei gegenseitig, ohne sich aufzuheben. Kirche und Markt werden so wechselseitig zum Ort, um die unbeherrschbare Ankunft eines Anderen zu erfahren: einem befreienden, schweigsamen Wort Platz zu geben in den vielen Worten der Welt.

Eine Mystagogie des Wortes in den Worten

Diese Erfahrung des Wortes der Weihnacht in den Worten der Welt wird möglich, wenn die Weihnachtsgottesdienste eine entsprechende Gestaltung erfahren. Dies gilt besonders für die Christmette. Sie steht exemplarisch für die vielen Gottesdienste, die im Laufe der Weihnachtszeit stattfinden. Hier entscheidet sich dann auch, ob die Erfahrung der Stillen Nacht utopisch bleibt, oder ob die Gottesdienste tatsächlich jenen heterotopen Charakter gewinnen und die Überschreitung der Worte in ein erfülltes Schweigen ermöglichen.

Was dem nicht zuträglich, mitunter sogar abträglich ist, ist informative Wortfülle. Dazu neigen Vorsteher und Vorsteherinnen der Gottesdienste am Weihnachtsabend gelegentlich. Jetzt sind die Leute ja endlich mal da! Also wird ausgepackt und mit z.B. langen, üppigen Predigten das Volk „beglückt“. Wenn man sie schon einmal vor der Flinte hat, wird abgedrückt. Es knallt ziemlich laut. Dass dann ein schweigsames Wort hörbar wird, ist eher unwahrscheinlich. Das ruft auch wieder das Problem der Verdopplung auf den Plan. Der Abend des Feierns war eventuell äußerst wortreich, wie zuvor schon der Weihnachtsmarkt. Er war dabei eventuell auch schon angefüllt mit Entdeckungen, in Form von Geschenken, in Form von klangvoller Musik oder einfach in Form von guten Gesprächen oder anstrengenden Streitigkeiten. Der Worte genug! Und nun noch mehr Worte, die einladen zur inhaltlichen, theologischen, biblischen Entdeckung von Weihnachten heute? Dies gilt ebenso, wenn die Predigten und Gestaltungen der Gottesdienste anleiten, das eigene Verhalten zu reflektieren, sich nach weihnachtsmäßigen Disziplinierungen zu befragen oder Haltungen zu überprüfen. Auch dies würde erneut eine Verdopplung erzeugen, nämlich der individualisierten Reflexivität. Die Stille Nacht wäre dann doch sehr geschäftig.

Die Kunst besteht wohl nicht primär darin, über Weihnachten zu informieren, Reflexionen anzuleiten oder weihnachtsmäßige ethische Impulse zu geben. Sie besteht vielmehr darin, an eine Grenze zu führen: an die Grenze der Sprache und des darin gefassten Lebens. Dafür ist es hilfreich, wenn man weiß, was vorher gesprochen wurde, wenn man auf den Weihnachtsmärkten des Lebens gewesen und daran teilgenommen hat. Dann wird es möglich, diesen Raum kreativer Kommunikativität hier zu äußern; also erstens das auszusprechen, was Menschen momentan eventuell bewegt, ihre Freude und Hoffnung, Trauer und Angst. Und zweitens können diese Lebenssprachen und –erfahrungen nun auch an ihre Grenze geführt und überschritten werden. Man gelangt so an den Rand des Schweigens, und dort kann ein Anderer hörbar werden, der die Worte nochmals von anderswoher schweigsam bewohnt; sich als Außen im Innen ergibt. Wenn der Raum des Sprechens und Betens am Weihnachtsabend, wenn der von Worten und Klängen erfüllte Kirchenraum so „grenzgängerisch“ wird, dann erschließt er eine Erfahrung der Weihnacht, eben die Erfahrung eines schweigsamen Wortes in den Sprachen der Welt, einer nicht beherrschbaren Leerstelle im Sprechen. Der Ortswechsel des Weihnachtsabends wird dann zu einer Mystagogie des eingeborenen Wortes im Leben.

Es geht also weniger um Information oder Reflexion als um eine nochmalige Überschreitung und „Äußerung“. Ich glaube, dass genau darin ein wesentliches Attraktivitätsmoment der Weihnachtsgottesdienste besteht. Vielleicht geht es einigen Menschen beim Besuch der Weihnachtsgottesdienste bloß darum, eine besondere Atmosphäre zu erleben. Vielleicht geht es vielen gar nicht darum, ein Bekenntnis zu Weihnachten zu erneuern oder zu vertiefen. Vielleicht geht es auch „bloß“ darum, an die Erinnerungen der Kindheit anzuknüpfen, sich wieder irgendwie geborgen zu fühlen in der wohligen Wärme der Kerzen und Lieder. Es ginge dann darum, selbst wieder auf die Spur der eigenen Kindheit zu stoßen und die Welt anderes zu sehen. Aber geht es nicht genau darin um eine „Äußerung des Lebens“? Ist nicht genau darin eine Suche nach Überschreitung wirksam, ein Sehnen nach einer ganz anderen Ordnung der Dinge mitten im Leben?

Die Kirche und ihr Glauben wären dabei der Raum für diese Äußerung des Lebens. Dort kann ich heraustreten aus dem Üblichen, kann ich die Routinen des Alltags inklusive seiner ökonomischen Reflexivität und Kalkulation überschreiten. Dann kann ich aber noch einen Schritt weiter gehen und in einen Raum der Stille gelangen, wo nun mein emsiges Sprechen zur Ruhe kommen kann. Ich stoße in einen Freiraum vor, der die Dinge und Ordnungen des Lebens relativiert, bis ich mich in deren Überschreitung eventuell auch selbst gehen lasse.

Diese „Äußerung“ ist befreiend und riskant zugleich. Weihnachten wird darin zu einem Übergang, zu einem Austritt aus sich selbst, einer Selbstäußerung. Die Ökonomie des Alltags geht über in die Ökonomie des Festes, des Ek-zesses. Und dies befreit schließlich, weil sie alles relativiert und anders zu sich kommen lässt.

Damit hätte sich die Bewegung des Weihnachtsabends wirklich umgekehrt. Jetzt ist es nicht mehr bloß der Weihnachtsmarkt, der einer Entfaltung und einem tieferen Verständnis des Weihnachtsevangeliums im Kirchenraum Impulse gibt. Jetzt ist es umgekehrt der Weihnachtsglaube, der dem Weihnachtsmarkt und dem Treiben des Lebens insgesamt einen entscheidenden Impuls verleiht: In der Stille der Nacht und ihrem insgeheimen Exzess zeigt sich die Relativität der Ordnung der Dinge des alltäglichen Lebens. Er verkündet schweigsam die Botschaft, dass das Leben immer nochmal über sich selbst hinaus kommen kann, auch jenseits der Worte, die es aussagt. Die Macht seiner Ordnungen, die Macht seiner Worte, der Kommunikation, die Prozesse der Entdeckung und der Erfindungen sind selbst nochmal relativ. Das Leben lässt sich darin nicht gänzlich beherrschen und abschließen. Es hat im Gegenteil eine unabschließbare Offenheit. Sie kann immer neu zu einem Riss, einer Bruchstelle werden, an dem Anderes und Neues entdeckbar wird. Der Herr bricht ein in der Stille der Nacht. Im leeren Schweigen der Worte pulsiert das Leben. Es ist so zerbrechlich und verletzlich wie ein Kind in der Krippe. Aber wer dorthin gelangt, erlebt eine überraschend neue Geburt.

Die Unabschließbarkeit des Weihnachtsmarktes

Es ist für Kirchenleute verhältnismäßig einfach möglich, sich auf diese Mystagogie des Weihnachtswortes vorzubereiten und einzustimmen: Man muss nur auf den Weihnachtsmarkt gehen. Hier trifft man auf das Getümmel, Gemurmel und Gestikulieren der Leute. Hier tritt man aus dem Alltag mit seinen Routinen heraus. Hier kann man eine Überschreitung ins Außen erfahren und erkunden. Man kann hier wirklich adventlich zu leben beginnen, also sich auf das Ankommen und Zukommen eines überraschenden Anderen einlassen, jenseits machtbesetzter Ordnungen des Lebens.

In diesem Sinne sind Weihnachtsmärkte wirkliche Adventsmärkte: Indem sie Schritte ins Außen jenseits der etablierten Dinge ermöglichen, machen sie vertraut mit dem Anderen. Diese Erfahrung der Ent-Äußerung ist eine Bedingung der Möglichkeit, Weihnachten tiefer zu verstehen und in einer Weise zu gestalten, die das Fest anders erschließt, eben als Wort Gottes, das sich mitten in den vielfältigen Worten des Lebens äußert. Der Weihnachtsmarkt als Erfahrungsraum und Lernort macht diese Wechselseitigkeit, diesen Tausch zugänglich und öffnet ein tieferes Verständnis dafür.

Wenn die Glaubensfeiern der Kirchen von dieser Erfahrung herkommend gestaltet werden, dann gewinnen sie an Attraktivität für die Menschen von heute. Denn sie ermöglichen dann nochmals eine heilsame Überschreitung nach draußen. Weihnachten äußert dann das Leben im Glauben und den Glauben im Leben.

Der Weihnachtsmarkt hat eine eigene Ökonomie: die Ökonomie kommunikativer Kreativität. Man setzt etwas oder sich selbst ein, um zu Entdeckungen und Überraschungen zu gelangen. In diesem Sinne überschreitet der Weihnachtsmarkt die Ökonomie des Alltags, die Ökonomie der selbstreflexiven Kalkulation. Er erzeugt dadurch einen Freiraum, der eine transformative Spiritualität anbietet. Der Weihnachtsmarkt ist repräsentativ für zahlreiche andere Felder, für viele Kulturen der Menschen von heute. Seine Ökonomie ist repräsentativ für viele andere Ökonomien anderer Orte. Sie ist allen alternativen Ökonomie und heterotopen Lebensbereichen eigen. An ihnen trifft man auf ein Außen, das die übliche Ordnung der Dinge durchkreuzt oder übersteigt. Diese Orte drängen von der Ökonomie der Disziplinierung auf die Ökonomie des Festes hin: den Exzess des Lebens, das Außer-sich-sein. Die vorigen Erfahrungen erweisen sich darin als relativ, als „vorläufig“ und bereiten darin zugleich den Weg, Leben anders zu entdecken. Der Weihnachtsmarkt ist nicht abschließbar. Einmal, weil er sich sowieso anderswo in anderer Gestalt fortsetzt. Und aber, weil er selbst auf Überschreitung seiner selbst hindrängt. Er wird im vielen Gemurmel selbst immer neu gefunden und überschritten.

Die Spiritualität des Weihnachtsmarktes – seine kreative Kommunikativität und kommunikative Kreativität – ist deshalb ebenfalls repräsentativ für viele Bereiche kulturellen und gesellschaftlichen Lebens. Im Weihnachtsmarkt ist etwas gefasst, das das Leben von Menschen in der Gesellschaft der heutigen Zeit kennzeichnet: eine Art Offenheit für das Andere und die Bereitschaft, es zu entdecken, mitunter auch mit riskanten Überschreitungen und Ortswechseln. Eine Art Advent in der Zeit. Wer daran teilnimmt, findet Möglichkeiten, Glauben und Leben zusammenzubringen und zu äußern. Die Diskurse dieser Zeit sind eine Bedingungen der Möglichkeit, das Wort Gottes neu zu entdecken und darin das Leben selbst anders leben zu lernen. Sie werden zu Orten, in denen man mit dem Glauben schwanger geht, um Leben anders Gestalt werden zu lassen. Auf dem Weihnachtsmarkt sind es die Buden der Punsche und Plätzchen. Wenn man dort im zwielichtigen Halbdunkel zusammensteht, wenn man im Lachen aus sich heraustritt, wenn man mit den warmen Krügen mit anderen Fremden anstößt und auf Unbekanntes Neues trifft, dann ist Advent: Zeit eines glühweingeschwängerten Gottes, der bald anderswo zur Welt kommt.

(Christian Kern)

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