Der leere Thron

Die Aufgabe der Kirche ist es nicht, Thron Gottes in der Welt zu sein, sondern mit aller Kraft die Leerstelle offenzuhalten angesichts beständiger Versuchungen von Menschen und Mächten, Throne einzunehmen. Egbert Ballhorn zeigt die frühen Spuren dieses Denkens im altchristlichen Motiv der „Thronbereitung“.

Die Nachbarin gleitet in eine Alzheimer-Erkrankung hinüber. Seit ich sie kenne, lebt sie allein. Nun stehen den ganzen Sommer über drei Liegestühle auf dem Rasen, auf denen nie jemand sitzt. Herbstregen fällt auf die Polster. Ich hörte, sie hatte Mann und Tochter. Den Rest ergänze ich in meiner Phantasie. Wartet sie auf die, die nicht mehr da sind? Werden sie sie einmal besuchen? Oder sind sie in ihrer Vorstellungswelt die ganze Zeit über schon anwesend?

Die leeren, die unbesetzten Plätze rühren mich jedesmal, wenn ich meinen Balkon betrete und auf das Nachbargrundstück schaue.

Ein altchristliches Bildmotiv: „Thronbereitung“

In der altchristlichen Bildtradition gibt es ein ganz ähnliches Motiv: Die Hetoimasia, die Thronbereitung. In Rom ist es zum Beispiel ein Mosaik in der Kirche Santa Prassede. Auf goldenem Grund in einer Nische über dem Altar, außer Reichweite: der Thron, geschmückt – und leer. Eine Vision von der zukünftigen Stadt Jerusalem: „Und der Thron Gottes und des Lammes wird in ihr sein, und seine Knechte werden ihm dienen, und sie werden sein Angesicht schauen“ (Offb 22,3-4). Die Bildtradition setzt diese Hoffnung um und macht sie anschaulich.

Eine gewaltige Vorstellung: Der himmlische Thron steht bereit, und er ist noch unbesetzt. Dieses Bild haben sich Christinnen und Christen in ihren Kirchen vor Augen gestellt. Ist der Thron wirklich (noch) unbesetzt, oder ist nur den äußeren Augen verborgen, wer dort thront? Darum kreist die gesamte Offenbarung des Johannes: Auf der einen Seite kann Johannes seine Augen nicht vor einer von zerstörungswütiger Gewalt beherrschten Welt verschließen, und gleichzeitig wird ihm der Blick in die gleichzeitige himmlische Wirklichkeit gewährt, in der Gott machtvoll seine Herrschaft ausübt. Was im Himmel zu sehen ist, ist vor Gott schon längst Gegenwart – und es ist die hoffnungsvolle Zukunft der Erde. Der leere Thron ist augenfälliger Platzhalter für das nicht vom Menschen Gemachte, für das allein von Gott Erwartbare.

Auch in den Evangelien spricht Jesus vom Thron. Er ist der Endpunkt und Zielpunkt der Weltgeschichte, auf den alles zuläuft (Mt 25,31). Damit zieht er eine lange biblische Linie aus. Dass ein Thron eigens aufgestellt und bereitet wird, ist ein biblisches Motiv, das sich in Dan 7,9 und Ps 9,8 findet. Das Motiv der Thronbereitung ist nicht nur eine theologische, es ist vor allem eine politische Aussage, denn es stellt eine Stück Gegenwartsdiagnostik dar: Die Welt ist nicht so, wie sie sein soll, und sie bleibt nicht, wie sie ist. Die alltägliche Erfahrung der Menschen ist viel zu oft diese „Schreie ich: Gewalt!, wird mir keine Antwort, rufe ich um Hilfe, gibt es kein Recht“ (Ijob 19,7).

Der Thron Gottes als Hoffnungsperspektive für die Welt

Gott behält sich das letzte Wort vor – und macht damit jede menschliche Handlung zu etwas Vorläufigem. Die biblische Rede vom Thronen Gottes sprengt zwei Dimensionen: Sie sprengt das menschliche Handeln als faktenschaffendes letztgültiges Tun, und sie sprengt die Gegenwart. Es gibt eine Zukunft, in der alles anders sein wird als jetzt. „Er, der im Himmel thront, lacht“ – das ist die Hoffnungsperspektive auf einen Gott, der höher ist als jeder menschliche Emporkömmling (Ps 2,4). Dass Gott hoch ist, ist in biblischer Sprache Zeichen seines Überblicks und seiner alles menschliche Tun überragenden Handlungsmöglichkeiten, nicht seiner Ferne. Die Bibel bekennt sich zu einem Gott „der in der Höhe thront, der hinabschaut in die Tiefe – und der aus dem Schmutz erhebt den Armen“ (Ps 113,6f.). Die Höhe Gottes dient den Erniedrigten. Deshalb entthront er die Mächtigen (Lk 1,52).

Dass Gott richtet, ist die größtmögliche Hoffnungsperspektive der Bibel. Jahrhunderte einseitiger Interpretation und womöglich auch des Missbrauchs der biblischen Aussage haben die Gerichtsaussicht zu einer Drohkulisse werden lassen, die unzähligen Menschen Angst eingeflößt hat. In Wirklichkeit geht es um etwas ganz anderes: Gott schafft Recht. Im Gericht setzt Gott dem Unrecht ein Ende und bringt die Welt zurecht. Er sorgt für den Ausgleich, den die Menschen, den die gesellschaftlichen Institutionen, den das Leben nicht bieten.

Was bedeutet die biblische Vision für die christliche Kirche? Im Aachener Dom steht immer noch prominent der schlichte Marmorthron Karls des Großen. Wie viele Menschen werden sich im Laufe der Jahrhunderte in einem unbeobachteten Augenblick heimlich-probend auf diesen Thron gesetzt haben? Wohl wissend, dass ein solches Thronen nicht nur unrealistisch, sondern zutiefst unangemessen ist. „Manche Stühle bleiben besser frei“ (Klaus Hemmerle). Die Verlockung, den leeren Platz zu besetzen, ihn gar einzunehmen, ist groß. Manche Lücke können wir nicht füllen, manchen Lücke brauchen wir nicht zu füllen, manche Lücke dürfen wir nicht füllen.

Die Vorläufigkeit kirchlichen Handelns

In der Spätantike übernahmen die Bischöfe die kaiserliche sella curulis, auch weil eine Leerstelle weltlicher Machtausübung entstanden war und sie eine öffentliche ordnende und leitende Funktion übernommen hatten, Dienst und Herrschaft zugleich.

Das Bild des leeren Thrones führt vor Augen, dass jede Form der Repräsentation eine vorläufige, eine gebrochene ist. In dieser Hinsicht ist die Aufgabe der Kirche nicht, der Thron Gottes in der Welt zu sein, sondern mit aller Kraft die Leerstelle offenzuhalten angesichts beständiger Versuchungen von Menschen und Mächten, Throne einzunehmen. Davon abgeleitet wäre auch jede Form von Vorsitz innerhalb der Kirche die Platzhalterschaft einer göttlichen Wirklichkeit, die mit menschlichen Mitteln nicht zu vertreten ist. Leitungsaufgaben, Liturgie und Caritas der Kirche sind nur möglich angesichts des leeren Thrones Christi.

Der vermeintlich leere Thron bezeugt das Wirken Gottes – auf Seine Weise. „Nur nicht die Ohren hängen lassen, es wird regiert“ sagte Karl Barth tröstend an seinem letzten Erdentag.

Mit dem Bild des bereiteten Thrones geht es nicht um Spiritualisierung kirchlicher Macht, sondern um Ent-mächtigung menschlichen Tuns, auch um Entlastung. Der auf den leeren Thron gerichtete Blick ist das Bekenntnis der Kirche, die in der Weltpolitik wirkenden Machtmechanismen nicht akzeptieren und nicht übernehmen zu wollen, sich selbst unter Gottes Urteil zu stellen, die Vorläufigkeit eigenen Handelns anzuerkennen und vor sich selber und vor aller Welt die Maßstäbe Gottes zu bezeugen und sein Handeln zugunsten der Schwachen einzuklagen. Es geht darum, bewusst eine Lückenexistenz zu führen, jederzeit bereit zu sein, den Platz zu räumen für den, der ist, der war und der kommen wird (Offb 1,8).

Weiterführende Hinweise:

  • H. Eickhoff, Himmelsthron und Schaukelstuhl. Die Geschichte des Sitzens; München/Wien 1993.
  • Zum thronenden Christus: E. Ballhorn, Intermezzo. Wer handelt im Text?, in: ders., S. Horstmann (Hg.), Theologie verstehen. Lernen mit dem Credo, Paderborn 2019, 91f.
  • Sitzen und Thronen im Kirchenraum: https://www.youtube.com/watch?v=PT5KL0FYig0
  • T. Ruster, Balance of Powers, Für eine neue Gestalt des kirchlichen Amtes, Regensburg 2019.

Dr. Egbert Ballhorn ist Professor für Exegese und Theologie des Alten Testaments an der TU Dortmund. Er ist Vorstandsvorsitzender des Katholischen Bibelwerks Stuttgart e.V. 

Bild: AliceKeyStudio – pixabay

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