»Wir sind die Digitalen«

Digitalisierung ist ein kultureller Transformationsprozess. Die Kirche hat vielleicht den Anschluss verloren. Das ist aber kein Grund, sich negativ abzugrenzen. Von Andree Burke.

Was meinen wir heute umgangssprachlich, wenn wir von Digitalisierung sprechen? Sicherlich: In einigen wenigen Fällen werden wir es Digitalisierung nennen, wenn analoge Daten in Digitalformate umgewandelt werden, zum Beispiel wenn ein Blatt Papier gescannt wird und dadurch ein digitaler Datensatz entsteht.

Weitaus häufiger wird der Begriff aber genutzt, um eine sich vollziehende kulturelle Transformation zu kennzeichnen. „Mittelständische Unternehmen sind von der Digitalisierung herausgefordert.“, „Die Digitalisierung der Schulen schreitet zu langsam voran.“ Oder: „Die Gesellschaft hat sich durch die Digitalisierung verändert.“, heißt es dann zum Beispiel.

Wann hat  Digitalisierung als Transformationsprozess eingesetzt?

Transformationen sind geschichtliche Phänomene und provozieren deshalb dazu, nach ihrem Beginn zu fragen: Wann hat die Digitalisierung als ein solcher Transformationsprozess eingesetzt? Schnell fallen Ideen und Möglichkeiten ein, einen Startpunkt mittels technologischer Erfindungen und Entwicklungen zu verorten. Ein paar Beispiele:

  • Die Entwicklung des universell programmierbaren Computers, der auf das logische Modell der Turingmaschine (entwickelt von Alan Turing in den 1930er Jahren) zurückgeht.
  • Die Kommerzialisierung des Internets als World-Wide-Web etwa ab Beginn der 1990er Jahre.
  • Die erstmalige Vermarktung des Smartphones: 2007 machte das iPhone das Internet unkompliziert mobil zugänglich.
  • Als ein verbindendes Element dessen könnte ein Startpunkt digitaler Transformation auch mit der Entwicklung bestimmter Ausgabegeräte wie der von Bildschirmen beschrieben werden, die man bspw. mit der Erfindung und Vermarktung des Fernsehgeräts in den 1930er Jahren terminieren kann.
  • Andererseits könnte mit Fokus auf die Entwicklung von Eingabetechnologien auch die Ablösung von der Schreibmaschine durch den Schreibautomaten ab den 1950er Jahren als Datum für einen beginnenden Digitalisierungsprozess herhalten.

All diese Daten – und wahrscheinlich noch weitere – stehen zur Verfügung, um einen Beginn der Digitalisierung zu behaupten. Doch um der Komplexität geschichtlicher Entwicklung gerecht zu werden, wird es erforderlich, auf die Ursachen der Entwicklung jener Technologien zu schauen. Im Zuge dessen lauten die Fragen: Aus welchem Bedürfnis heraus entsteht der Schreibautomat? Aus welchem Grund wandert das Internet 2007 in die Hosentasche?

Es liegt nahe, veränderte Bedürfnisse im Kommunikationsverhalten der von der Digitalisierung affizierten Subjekte zu vermuten. Das Smartphone wäre vermutlich zum Flop geworden, wenn seine Vermarktung nicht einem Bedürfnis nach beschleunigter Kommunikation begegnet wäre; und schon die Schreibmaschine wäre vielleicht nie entwickelt worden, wenn es kein steigendes Bedürfnis nach der Fabrikation von Texten gegeben hätte.

Technologien entstehen zuerst aus Bedürfnissen, die mittels ihrer Erfindung Soziales und Kulturen prägen – nicht umgekehrt.

Ähnlich verhält es sich mit Technologien, die erst jüngst erfunden wurden – und sogar mit jenen, deren Erfindung noch aussteht. Ihr Erfolg hängt davon ab, ob sie die Subjekte ihrer Gegenwart affizieren. Technologien entstehen insofern zuerst aus Bedürfnissen, die mittels ihrer Erfindung Soziales und Kulturen prägen – nicht umgekehrt.

Die Artefakte, die durch sogenannte Digitalisierungsprozesse hervorgebracht werden (wie Computer, Bildschirme, Tastaturen, Scanner, Kopierer, Smartphones, MP3-Player, Smartwatches, VR-Brillen usw.), sagen also etwas über die Menschen ihrer Zeit aus, sofern sie deren kommunikative Affekte manifestieren. Will sagen: Digitalisierung ist nicht nur das, was durch (landläufig sogenannte) digitale Technologien ausgelöst wird, sondern eben auch der Prozess, der diese Technologien hervorbringt.

Abstände kultureller Art zueinander müssen nicht als Abgrenzung voneinander verstanden werden.

Das bedeutet zugleich, dass wir uns in einem unabgeschlossenen Prozess befinden, wenn wir Digitalisierung als kulturelle Transformation verstehen. Die Ursprünge dieses Prozesses werden wir bloß mit einer gewissen Willkür und je mit Blick auf einzelne Phänomene bestimmen können. Digitale Technologien erzeugen insofern Abstände kultureller Art zueinander, müssen aber nicht als deren Abgrenzung voneinander verstanden werden. Und das wäre eine optimistische Lesart der Geschichte. Denn folgt man François Jullien, entwickeln gerade kulturelle Abstände neu erschließbare Ressourcen des Denkens und des (sozialen) Miteinanders.

Das gilt allerdings nur dann, wenn die kulturellen Abstände nicht als Abgrenzungen verstanden werden. Ein schillerndes Beispiel dafür kann sich in einer bestimmten Verwendung des Begriffes „digital natives“ ausdrücken – und zwar dann, wenn dieser zwei sich gegenüberstehende kulturelle Identitäten zu behaupten versucht: auf der einen Seite die „digital natives“ mit ihrer digitalen Kultur und auf der anderen Seite die anderen mit ihrer anderen, nicht-digitalen Kultur.

Eine solche Beobachtung erstreckt sich auch auf den Umgang kirchlicher Verkündigung mit digitalen Transformationen. Beispielsweise wirft das Direktorium für die Katechese (2020) die Frage nach einem Umgang mit Digitalisierung in einer Logik der Abgrenzung oder des Abstands zur digitalen Kultur auf.

Die digital natives werden wie Ureinwohner_innen (natives) einer fernen und fremden Welt dargestellt, die kirchlich zu erschließen sei.

Im Kapitel zu Katechese und digitaler Kultur ist die Rede von einem „digitalen Kontinent“ (371.372), auf dem man zu einer „evangelisierenden Gegenwart“ (371) werden solle. Die „digital natives“ werden als Subjekte beschrieben, die aus einem „echten anthropologischen Wandel“ (362) hervorgehen. Ihre „anthropologischen Anliegen“ seien zu „entschlüsseln“ (367) und es wird gewarnt vor ihrer Sprache und ihrer Kommunikationsweise, „die die Suche nach dem Wahren und Guten verhindern“ und dabei auch die sittliche Norm unterwandern (364) kann.

Die digital natives werden wie Ureinwohner_innen (natives) einer fernen und fremden Welt dargestellt, die kirchlich zu erschließen sei. Jedenfalls lassen sich Teile des Textes so lesen und interpretieren, als würde eine digitale Kultur einer Kultur des Evangeliums gegenübergestellt (gut greifbar zum Beispiel auch in der Warnung davor, das Jüngersein nicht mit dem Verhältnis zwischen Influencern und ihren Followern zu verwechseln, 370). Und das entspräche einer eher pessimistischen Lesart der Geschichte.

Transformationen zeichnet aus, dass sie Gegebenheiten verändern, diese deshalb als solche aber nicht unbedingt ablehnen.

Sicherlich sind dabei die Analysen des Direktoriums im Einzelnen und für sich genommen nicht falsch. Aber sie stehen abhängig von der Lesart in der Gefahr, eine Logik der Abgrenzung zu erzeugen, die sich dadurch auszeichnet, einseitige Lernprozesse vorzuschlagen: Hier die „digital natives“ (mit ihrer defizienten Kultur), da die kirchliche Verkündigung (mit ihrem Wissen um die richtige Kultur). Doch gerade diesen Gegensatz sollte Verkündigung vermeiden, wenn sie als Evangelisierung in wechselseitige Lernprozesse einsteigen will – wenn sie auch vom Evangelium in der menschlichen Kultur lernen will.

Das ist es, was andererseits durch eine Hermeneutik des kulturellen Abstands ermöglicht würde. Sicherlich erzeugt ein kultureller Transformationsprozess Abstände zwischen denjenigen Subjekten, die mehr oder weniger stark von ihm affiziert werden. Doch Transformationen zeichnet aus, dass sie Gegebenheiten verändern, diese deshalb als solche aber nicht unbedingt ablehnen. Unter anderem das Zeitempfinden, das Kommunikationsverhalten und die Ordnung des Wissens verändern sich im Zuge digitaler Transformationen – sie erzeugen deshalb aber nicht unbedingt eine andere Kultur, sondern eher kulturelle Abstände.

Abstand vermutet einen gemeinsamen Ursprung und ermöglicht es dadurch, in einen Prozess involviert zu werden, zu lernen und zu staunen.

Ein kultureller Abstand muss im Unterschied zu einer kulturellen Abgrenzung nicht die Wahrheit und das Gute auf einer Seite der Grenze verorten. Der Abstand vermutet einen gemeinsamen Ursprung und ermöglicht es dadurch, in einen Prozess involviert zu werden, zu lernen und zu staunen. Es muss dabei nicht darum gehen, eine größere Nähe zwischen den beteiligten Akteuren herzustellen. Und ebenso wenig muss es darum gehen, jede Entwicklung und Veränderung für gut und richtig zu erklären.

Der Abstand eines Großteils kirchlicher Bemühungen und Kommunikationsformen zur Kultur des „digitalen Kontinents“ lässt sich nicht bestreiten. Er lässt sich in mancherlei Hinsicht sogar empirisch belegen (vgl. bspw. MDG-Trendmonitor 2021). Kirchlicherseits ist er zu bedauern, für ihn schämen braucht man sich nicht. Das wäre erst angebracht, wenn der Abstand in Abgrenzung umschlägt.

Ist Kirche willig, dem Evangelium an neuen Orten neu und anders zu begegnen?

Zum Prüfstein hierfür dienen Fragen, denen sich kirchliche Akteure auf unterschiedlichsten Ebenen stellen sollten: Verstehen wir uns selbst – zumindest ein Stück weit – als „digital natives“? Gehören auch wir zu „den Digitalen“? Vermag es die Kirche, sich als involviert in einen kulturellen Transformationsprozess zu betrachten? Ist sie dazu bereit, zu lernen, neu und anders zu kommunizieren? Ist sie willig, dem Evangelium an neuen Orten neu und anders zu begegnen?

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Dr. Andree Burke verantwortet die Fort- und Weiterbildung im Erzbistum Hamburg.

Beitragsbild: Burst, CC0 Creative Commons. 


Vom Autor zuletzt auf feinschwarz.net erschienen:

Wem gehört die Kirche?

Vom Ende des Berufs – oder: Wider die Abgrenzung!

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