Der Papst und der Krieg

Der Papst und der Krieg

Papst Franziskus weiht die Ukraine und Russland gemeinsam dem „unbefleckten Herzen“ Mariens. Diese symbolische Handlung wie auch andere Worte und Taten des Papstes werfen viele Fragen auf. Von Elżbieta Adamiak.

Die Worte und symbolischen Taten von Papst Franziskus seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine werden von vielen als einseitig und uneindeutig oder sogar verwirrend aufgenommen. Neben einer entschlossenen Ablehnung der Gewalt lässt die Position des Papstes keine Unterscheidung zwischen der angegriffenen und der angreifenden Seite des Krieges erkennen. Die Äußerungen des Papstes setzen damit eine Tradition der zurückhaltenden Position des Apostolischen Stuhls gegenüber den totalitären Systemen des 20. Jahrhunderts fort, sowohl gegenüber dem nationalsozialistischen Deutschland als auch gegenüber der Sowjetunion.

Welche Ökumene?

Mehr noch. Der Papst bemüht sich um Kontakt mit dem russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill I. Nach mehreren Telefongesprächen, die durch die russische Propaganda instrumentalisiert werden, wird ein Treffen der beiden Kirchenoberhäupter in Jerusalem geplant. In den päpstlichen Auftritten gibt es kein Anzeichen einer kritischen Betrachtung der theologischen Vision einer „russischen Welt“ (russkij mir), die von Patriarch Kyrill I. vertreten und von Wladimir Putin umgesetzt wird. Das erstaunt umso mehr, als dass es eine Reihe von kritischen Stellungnahmen unter orthodoxen Hierarchen und Theolog:innen gibt[1].

Dafür gab es bis heute keine öffentlich bekannten Gespräche mit Oberhäuptern ukrainischer Kirchen – weder mit Epiphanius, dem Metropoliten der Orthodoxen Kirche der Ukraine noch mit Onufrij, dem Metropoliten der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats, und auch nicht mit Swjatoslaw Schewtschuk, dem Großerzbischof der Ukrainischen katholischen Kirche des byzantinischen Ritus. Besonders die öffentliche Zurückhaltung gegenüber der letztgenannten Kirche, die im Verlauf der Geschichte für ihre Papstreue bekämpft und verboten wurde, ist schwer verständlich. Obwohl zahlenmäßig klein (ca. 6 % der Ukrainer:innen) spielte gerade diese Kirche für die Herausbildung des nationalen Bewusstseins in der Ukraine eine wichtige Rolle.

Eine Unterscheidung zwischen Tätern und Opfern wird vermisst.

Seit dem 24. Februar 2022 hat Papst Franziskus in keiner seiner bisherigen Ansprachen Russland als denjenigen Staat bezeichnet, der versucht, das Gebiet eines anderen Staates rechtswidrig zu besetzen. In der Benennung von Opfern werden russische und ukrainische Menschen in einem Atemzug genannt. Eine Unterscheidung zwischen Tätern und Opfern wird vermisst. Ein Paradebeispiel dafür ist die wichtigste Reaktion des Papstes auf den Krieg: Am 25. März 2022, der liturgischen Feier der Verkündigung des Herrn, hat Franziskus einen Akt der Weihe Russlands und der Ukraine an das „unbefleckte Herz“ Mariens vollzogen. Dieser Akt soll die Erfüllung der Bitten der katholischen Bischöfe beiden Riten aus der Ukraine und der römisch-katholischen Kirche in Russland sein.

Ein Weiheakt dieser Art wirft viele Fragen auf. Hervor kommt er aus einer Marienfrömmigkeit, die einer vorkonziliaren Theologie entspringt. Er ist mit einer Opfertheologie verbunden und setzt voraus, dass die Mutter Jesu eine mächtige Fürsprecherin für uns und Mittlerin zwischen uns und ihrem Sohn bzw. Gott ist. Diesen konkreten Weiheakt sehen viele als die Erfüllung des Wunsches von Maria an, entnommen aus der Offenbarung in Fatima aus dem Jahr 1917 (offiziell von der katholischen Kirche anerkannt, ohne jedoch für die Gläubigen verpflichtend zu sein).

Aus ökumenischer Perspektive kommt noch eine weitere Schwierigkeit damit hinzu. Die Unbefleckte Empfängnis Mariens ist eine im lateinischen Westen der Kirche entstandene Lehre, die erst 1854 von Pius IX. als Dogma verkündet wurde. Die Weihe Russlands wird somit in Begrifflichkeiten erfasst, die der orthodoxen Theologie selbst fremd sind.

Dieser Weiheakt des Papstes erscheint für viele unverständlich.

In den aktuellen Reformdebatten in der Kirche bedeutet dies, dass ein von konservativen Kreisen mehrfach kritisierter Papst Franziskus plötzlich als derjenige gilt, der das Versprechen von Maria – gegeben zu Fatima – vollständig erfüllt hat. Im Gegensatz zu früheren Gebetsakten eines Johannes Paul II. Für viele reformorientiere Kreise erscheint dieser Weiheakt des Papstes dagegen unverständlich.

Vieles von diesem Mäandern und den Spannungen in der Haltung des Papstes werden in den Worten des Weiheaktes sichtbar.

Wer sind „wir“?

Das Weihegebet wird von einem wiederholten „wir“ getragen, das sich an Maria – Mutter, Weggefährtin und Fürsprecherin wendet. Der Papst betet hier im Namen aller Menschen, besonders denjenigen Völker, „die unter Krieg, Hunger, Ungerechtigkeit und Armut leiden“. Das ukrainische und das russische Volk werden direkt genannt. „… [E.A. wir] vertrauen darauf, dass der Friede auch jetzt wieder über dein [E.A. Marias] Herz zu uns kommt. Dir also weihen wir die Zukunft der ganzen Menschheitsfamilie, die Nöte und Erwartungen der Völker, die Ängste und Hoffnungen der Welt“, so Papst Franziskus.

Das „wir“ dieses Gebets kommt auch mehrmals im Schuldbekenntnis vor, in einer problematischen Art und Weise: „Wir aber sind vom Weg des Friedens abgekommen. (…) Wir haben die Verpflichtungen, die wir als Gemeinschaft der Nationen eingegangen sind, nicht erfüllt, und wir verraten die Träume der Völker vom Frieden und die Hoffnungen der jungen Menschen. (…) Wir haben Gott nicht beachtet, wir haben es vorgezogen, mit unseren Lügen zu leben, Aggressionen zu nähren, Leben zu unterdrücken und Waffen zu horten. (…) Mit Kriegen haben wir den Garten der Erde verwüstet, mit unseren Sünden haben wir das Herz unseres Vaters verletzt, der will, dass wir Brüder und Schwestern sind. (…) Wir haben die Menschlichkeit verloren, wir haben den Frieden verspielt. Wir sind zu aller Gewalt und Zerstörung fähig geworden“.

Welche Schuld tragen die ermordeten ukrainischen Zivilist:innen?

Das „wir“ des Gebets wird hier gleichermaßen und unterschiedslos für schuldig erklärt. Theologisch gesehen ist dies eine Aussage über das erschreckende Potenzial jedes Menschen, böse zu handeln. Aber ausgesprochen im Kontext des Krieges, angesichts der Opfer, die nur deswegen leiden müssen oder ermordet werden, weil sie zu einem bestimmten Volk gehören, weil sie an konkreten Orten in der heutigen Zeit leben, erscheint in moraltheologischer Perspektive unpräzise und aus menschlicher Sicht gefühllos. Und das um so mehr, als dass derselbe Papst bei zahlreichen anderen Gelegenheiten durchaus in der Lage war, differenzierte und einfühlsame Worte zu finden und auszusprechen.

Welche Schuld tragen die ermordeten ukrainischen Zivilist:innen? Welche Schuld die von russischen Soldaten vergewaltigten Frauen und die vom russischen Angriffskrieg traumatisierten Kinder? Welche Schuld Kranke und Verletzte in den bombardierten Krankenhäusern auf ukrainischem Boden? Welche Schuld diejenigen, die verhungern und verdursten, und diejenigen, für die keine humanitären Korridore geöffnet werden?

Die Gedanken des Weiheaktes wurden am 25.03.2022 ausgesprochen, vor der Enthüllung der Verbrechen von Butscha. Der theologische Hauptgedanke des Papstes blieb aber auch danach gleich: „Möge der Herr uns gnädig sein, uns allen. Wir sind alle schuldig“ (Twitter Konto des Papstes, 4.04.2022). Die Diskussion um die vom Papst ausgesprochene Einladung zum Kreuzweg an eine Ukrainerin und eine Russin, zeigt das von vielen empfundene Problem seiner Haltung. Mit einer undifferenzierten Schuldzuweisung geht eine unscharfe, undifferenzierte Sicht der Verantwortung einher. Damit ist denjenigen Menschen, die der Gewalt ausgeliefert sind, in ihrer Ohnmacht nicht geholfen.

Es stellen sich viele Fragen.

Ist die von Franziskus vertretene radikale Ablehnung von Gewalt, die das Konzept des „gerechten Krieges“ in Frage stellt, angesichts des Überfalls Russland auf die Ukraine tragbar? Teilen angegriffene Ukrainer:innen angesichts der Tötung ihrer Nächsten und allem durch den Krieg verursachten Leids diese päpstlichen Worte: „Deshalb können wir den Krieg nicht mehr als Lösung betrachten, denn die Risiken werden wahrscheinlich immer den hypothetischen Nutzen, der ihm zugeschrieben wurde, überwiegen“ (Enzyklika „Fratelli tutti“, Nr. 258)?

Wenn ein Verteidigungskrieg keine Option ist, was bleibt dann als eine Hoffnung bringende Lösung übrig? Mit welchen konkreten Mitteln kann der gerechte Frieden erreicht werden? Stößt die Friedenstheologie des Papstes hier nicht an ihre Grenzen? Seine indifferente „Anschuldigung“ aller tut es auf jeden Fall!

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Elżbieta Adamiak ist Professorin für Fundamentaltheologie und Dogmatik am Institut für Katholische Theologie der Universität Koblenz-Landau, Campus Landau.

Bild: Bauernhof in der Ukraine nach Beschuss, April 2022 / Wikimedia Commons

[1] Siehe Erklärung zur Lehre von der „Russischen Welt“ (ruskij mir): https://publicorthodoxy.org/2022/03/13/a-declaration-on-the-russian-world-russkii-mir-teaching/#more-10842.

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