Erinnerungsarbeit im öffentlichen Raum

Woran bleiben die Augen hängen in einer fremden Stadt, im eigenen Quartier? Wer wird auf einen Sockel gestellt? An wen wird mit einem Strassennamen erinnert? Urs Häner geht diesen Fragen nach in seinem Wohnquartier in Luzern.

Es mag Ihnen ähnlich gehen wie mir: Da läuft in unregelmässiger Regelmässigkeit dieser General Suworow durch das eigene Gehirn, jahrelang wird er als Frucht skurriler Folklore abgespeichert, weil irgendwelche uniformierten Patrioten sich vor einem Denkmal in Andermatt versammeln und an seltsame Heldengeschichten erinnern. Und dann kommt unverhofft der Moment, da ein solches Denkmal ins Fadenkreuz der Aufmerksamkeit gerät, plötzlich auf ganz neue Weise toxisch wird und uns ein Bekenntnis abverlangt: Kann es bleiben, muss es weg? Sollte dieses Denkmal «der Russen» nicht wenigstens abgedeckt werden? Am liebsten mit einer ukrainischen Fahne…

Verschiedene Kraftfelder

Sie sehen, Erinnerungsarbeit im öffentlichen Raum steht mitten in verschiedenen Kraftfeldern, sie ist fluid und selbst bei steinernen Denkmälern ist Erinnerung mitnichten in Stein gemeisselt. Was jahrelang ungefragt tradiert wurde, wird unter neuen Vorzeichen unvermittelt zu einer manchmal unangenehmen Frage. Nicht immer muss es dann gleich um eine Entscheidung zwischen Entfernen und Bleiben gehen. Aber ich finde es gut, sich periodisch darüber zu vergewissern, womit wir unseren öffentlichen Gedächtnisraum «möblieren».

Bevor mir General Suworow ungefragt ins Bild lief, wurde meine Aufmerksamkeit nach Zürich gelenkt. Denn dort wurde kürzlich ein Bericht von Professor Georg Kreis veröffentlicht, nachdem 38 Denkmalobjekte der Stadt einer Überprüfung unterzogen worden waren. Georg Kreis hatte schon 2008 im Buch «Zeitzeichen für die Ewigkeit» 300 Jahre schweizerische Denkmalgeschichte facettenreich dargelegt, nun bekam er Ende 2020 den Auftrag, die städtische Denkmalkultur in Zürich aufzuarbeiten. Er kam zum Schluss, dass keines der untersuchten Denkmäler grundsätzlich als heikel einzustufen sei, ein Rauschen der Erleichterung ging durch Zürichs Blätterwald… Ein voreiliges Abhaken des Themas finde ich allerdings nicht angebracht, zumal Kreis durchaus auch problematische Aspekte benennt. Die Fragen, wer ein Denkmal bekommt und wer nicht, in welchen Formen ein öffentliches Erinnern angemessen und stimmig ist, wer schliesslich die Definitionsmacht haben soll über die Gestaltung des öffentlichen Raums, sind wohl nie abschliessend zu beantworten.

Gedächtniskultur mit Bertolt Brecht

In meiner Wahrnehmung hat keiner die Fragen einer Gedächtniskultur so plastisch und anschaulich auf den Punkt gebracht wie Bertolt Brecht in seinen «Fragen eines lesenden Arbeiters»[1]:

Wer baute das siebentorige Theben?
In den Büchern stehen die Namen von Königen.
Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt?
Und das mehrmals zerstörte Babylon
Wer baute es so viele Male auf? In welchen Häusern
Des goldstrahlenden Lima wohnten die Bauleute?
Wohin gingen an dem Abend, wo die Chinesische Mauer fertig war
Die Maurer? Das große Rom
Ist voll von Triumphbögen. Wer errichtete sie? Über wen
Triumphierten die Cäsaren? Hatte das vielbesungene Byzanz
Nur Paläste für seine Bewohner? Selbst in dem sagenhaften Atlantis
Brüllten in der Nacht, wo das Meer es verschlang
Die Ersaufenden nach ihren Sklaven.

Der junge Alexander eroberte Indien.
Er allein?
Cäsar schlug die Gallier.
Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?
Philipp von Spanien weinte, als seine Flotte
Untergegangen war. Weinte sonst niemand?
Friedrich der Zweite siegte im Siebenjährigen Krieg. Wer
Siegte außer ihm?

 Jede Seite ein Sieg.
Wer kochte den Siegesschmaus?
Alle zehn Jahre ein großer Mann.
Wer bezahlte die Spesen?

So viele Berichte.
So viele Fragen.

Mal abgesehen von der Tatsache, dass Genosse Brecht wie andere ein «roter Patriarch» war und in diesem Gedicht nur Männer aufscheinen liess, stellte er doch viele richtige und wichtige Fragen. Der öffentliche Raum ist wie ein grosses Geschichtsbuch, in dem es sich weitläufig blättern lässt, und es liegt an uns, die markanten Titel von Kapiteln ebenso zu lesen wie allfällige Fussnoten.

Stadtspaziergänge zur Vermittlung von Alltags- und Sozialgeschichte

Seit über 25 Jahren bin ich Teil einer Gruppe, die im Luzerner Untergrundquartier Stadtspaziergänge zur Vermittlung von Alltags- und Sozialgeschichte anbietet, und ich kokettiere gegenüber den Teilnehmenden jeweils gerne mit dem Anspruch, ich sei ihre «Lesehilfe im öffentlichen Raum».

Kennen Sie das auch: Sie sind jahrelang achtlos an etwas vorübergegangen, aber plötzlich haben Sie dank einem Hinweis, einer passenden Hintergrundgeschichte oder einer historischen Erläuterung einen Bezug zu jenem «Haftpunkt» in Ihrer Umgebung?

Es beginnt bei den Strassennamen: Ich hatte selber Freude an der Entdeckung, dass auf der Luzerner Sentimatt, wo das heutige Weltunternehmen Schindler AG gross geworden war (bevor es dann nach Ebikon weiterzog), nicht dem Patron der Firma eine Strasse gewidmet wurde, wohl aber dessen Eisengiessern – Bert Brecht hätte seine Freude daran. Die Giesserstrasse hat zwar keinerlei Hausnummer, niemand wohnt an dieser Adresse, trotzdem ist es gut, dass es sie gibt. Es ist wie bei Minnie Hauk: Diese seinerzeit berühmte Opernsängerin war bis vor 20 Jahren die einzige Frau – neben der Heiligen Anna –, an die in Luzern überhaupt ein Strassenschild erinnerte, aber auch am Minnie-Hauk-Weg wohnt niemand… Ich gehe davon aus, dass viele dieses Weglein nicht kennen, während ihnen das benachbarte Richard-Wagner-Museum sehr geläufig ist.

Arbeitsorte einfacher Menschen

Die Giesserstrasse steht für die Erinnerung an die industrielle Vergangenheit des Arbeiter- und Arbeiterinnenquartiers, deren Spuren sich zu verflüchtigen drohen. So auch auf der nahen Reussinsel, der sog. Wiege der Luzerner Industrie, wo das moderne ‘Wohnen am Fluss’ die ehemals gewerblich-industrielle Zone neuerdings überformt. Nun sind kürzlich beim Abriss des letzten Gewerbegebäudes alte Turbinenräder zum Vorschein gekommen und mir stellte sich sogleich die Frage, in welcher Form diese integriert werden könnten in die künftige Gestaltung des öffentlichen Raums. Denn nicht nur der Wasserturm und das Bourbaki-Panorama gehören zum historischen Erbe dieser Stadt, sondern auch die Arbeitsorte einfacher Menschen. Es wäre daher m.E. angebracht, diese alten Turbinenräder zu restaurieren, in eine neue Aussenanlage zu integrieren und allenfalls mit einer erläuternden Tafel «lesbar» zu machen.

Erinnerungsarbeit im öffentlichen Raum
Heinz Gilli auf dem Kreuzstutzkreisel, Luzern

Gehen wir gedanklich noch ein paar Schritte weiter im Quartier: Ich bin froh und auch ein wenig stolz, dass seit einigen Jahren auf dem Kreisel am Kreuzstutz ein übergrosses Denkmal steht, das dem – kürzlich verstorbenen – Strassenarbeiter Heinz Gilli gewidmet ist. Der Künstler Christoph Fischer hat diese über drei Meter hohe emblematische Figur gestaltet, ihm war es wichtig, dass sein bekannter unbekannter Nachbar als Betonskulptur mindestens gleich gross wurde wie das Kreuz oben am Hang über der Kreuzung.

Nicht immer ist Erinnerungsarbeit mit Freude und Stolz besetzt, es gibt durchaus auch Unangenehmes, das aber nicht verdrängt und verschwiegen werden darf. So war in früheren Zeiten auch die Richtstätte angesiedelt im Gebiet «meines» Quartiers. Wie könnte ein Denkmal angemessen an diese dunkle Seite der Stadt- und Justizgeschichte erinnern? Derzeit finde ich es selber grad stimmig, diese Geschichte jeweils am Ort eines öden Nicht-Ortes zu erzählen, zwischen randständigen Parkplätzen und einer Tunnelmauer, wo niemand gerne verweilt. Aber nun wurde vor einiger Zeit ein parlamentarischer Vorstoss angenommen, der an dieser Stelle eine Gedenkstätte für die über 700 städtischen Opfer der Todesstrafe errichten will.

Wie könnte ein Denkmal angemessen an die dunkle Seite der Stadt- und Justizgeschichte erinnern?

Nicht dass ich mich sträuben würde dagegen, aber bisher hatte ich leicht gezögert, weil eine singuläre Memorierung der Richtstätte die Negativzuschreibungen zu unserem Quartier eher zementiert als aufbricht. Andererseits schaffen Denkmäler immerhin den Raum für kontroverse Debatten – sei es zu russischen Generälen oder zu Zürcher Promis, zu einem Luzerner No-Name wie unserem HEINZ oder auch zur Geschichte der Luzerner Strafjustiz.

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Text und Fotos:
Urs Häner (65), Theologe und pensionierter Zeitungsdruckereiarbeiter, seit über 25 Jahren passionierter «UntergRundgänger» in Luzern.

[1] Werkausgabe Edition Suhrkamp, Frankfurt/Main 1967, Auflage 1990, Bd. 9.

Von Urs Häner ebenfalls auf feinschwarz.net erschienen:

Les Prêtres-Ouvriers existent!

 

 

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