Der umjubelte Gaza-Friedensplan des US-Präsidenten Donald Trump bröckelt. Andreas G. Weiß analysiert das Selbst- und Friedensverständnis hinter diesem Plan.
Peacemakers in the making
Es war ein Moment ganz nach seinem Geschmack: Alle Augen, Kameras und Weltmedien blickten auf ihn allein, sein Auftritt war ein gekonntes Politschauspiel von choreographierter Größe und moralischem Pathos. Als Donald Trump am 13. Oktober 2025 in der israelischen Knesset seinen sogenannten „Friedensplan“ für den Nahen Osten vorstellte, inszenierte er sich nicht als Vermittler in einem Konflikt, nicht als politischer Netzwerker, sondern letztlich als alleiniger Herr der Lage. Schon die Rhetorik verriet die Rollenverteilung, die Begriffe der Ansprache gaben die eigentliche Botschaft als werbetechnisches Programm vor: Es war keine Friedensrede, sondern eine Selbstinszenierung. Das Wort „I“ (Ich) fiel häufiger als „peace“. Trump sprach von dem, was er erreicht habe, von den mutigen Entscheidungen, die er getroffen habe, von den historischen Ergebnissen, die er herbeigeführt habe. Zweifellos war das Schweigen der Waffen nach Monaten des Blutvergießens und der Verwüstung eine Erleichterung. Doch der sich abzeichnende Friede erschien als persönlicher Sieg, als Errungenschaft des Starken, nicht als gemeinsames Werk der Beteiligten. Trump stand dort nicht als vermittelnder Repräsentant einer Ordnung des Friedens, sondern als Autor eines Drehbuchs, in dem er selbst die Hauptrolle spielte – der Macher, der Retter, der Allmächtige.
Es war keine Friedensrede, sondern eine Selbstinszenierung.
Der spektakuläre Gestus überlagerte jede leise Nuance: Die Bilder erzählten von Triumph, nicht von Annäherung; von Geschlossenheit, nicht von Aushandlung. Die Inszenierung war nicht nur politische Kommunikation, sondern quasi-religiöses Theater, das suggerierte, Frieden sei die Folge eines einzigen Willens – des ausschließlichen Planens des Mächtigen. Der errungene Waffenstillstand wurde damit weniger zu einem mühsamen Ergebnis der Verständigung als zur Arena seines persönlichen Führungsanspruchs erhoben: Wer stark genug ist, so die Logik, darf bestimmen, was Friede sei.
„Man in Charge“: Der Präsident als Ich-Inszenierung
Über Generationen galt der amerikanische Präsident als Symbol kollektiver Verantwortung. Seine Autorität war abgeleitet – aus dem Vertrauen, dass der Amtsinhaber sichtbarer Repräsentant der gesamten Nation und ihres freiheitlichen Auftrages sei.[1] Trump kehrte dieses Verhältnis bereits in seiner ersten Regierungsperiode vielfach um: Das Amt diene ihm, nicht umgekehrt. Sein politisches Handeln war performativ, nicht deliberativ; es schuf Wirklichkeiten, indem es sie ausrief. „I alone can fix it“[2] – dieser Satz aus seinem Wahlkampf wurde zur Grundformel eines politischen Selbstverständnisses, das Macht mit Sendung und Erfolg mit Wahrheit verwechselte.
In dieser radikalen Ich-Inszenierung schwang ein Missionsgestus mit, der religiöse Kategorien entlehnte, aber säkular überzeichnete. Trump präsentierte sich als Instrument der Geschichte, als Vollstrecker eines Schicksals. Er wurde zur Figur, die – wie in alttestamentlichen Königsnarrativen – göttlichen Auftrag beansprucht, ohne prophetische Korrektur zu dulden.[3]
Damit geriet auch das Verständnis von Frieden in Schieflage. Aus einem Beziehungsprozess wurde ein Projekt. Der Präsident als Peacemaker – das klingt nach biblischer Würde, doch in der amerikanischen Gegenwartspolitik bedeutet es meist: einer, der durch Überlegenheit befriedet.[4] Frieden wird nicht gestiftet, sondern verordnet. Er wird nicht gesucht, sondern hergestellt – wie ein Produkt, das durch Machtvollzug entsteht.
Die Theologie des Erfolgs
Trumps Denken wurzelt in einer religiös aufgeladenen Erfolgskultur, die Norman Vincent Peale in den 1950er-Jahren popularisierte. The Power of Positive Thinking[5] war weniger Ratgeber als erfolgsorientierte Gnadenlehre: Wer an sich glaubt, steht unter Gottes Beistand; Erfolg gilt als Signatur der Erwählung. Dieses Denken verschob das — von Max Weber, wenn auch in Teilen einseitig, analysierte[6] — protestantische Arbeitsethos ins Individualpsychologische. Glaube bedeutete nicht mehr Demut, sondern Leistungsnachweis: Gesegnet ist, wer gewinnt; wer scheitert, hat nicht genug geglaubt.
Trumps Friedensrhetorik folgt exakt dieser Logik. Er ist gesegnet, weil er Erfolg hat — und erfolgreich, weil er an sich glaubt. Diese Zirkularität immunisiert gegen Kritik: Zweifel richtet sich scheinbar nicht gegen ihn, sondern gegen Gottes Willen. So wird selbst ein ausgehandelter Friede zum Produkt seiner Stärke. Nicht Versöhnung, sondern Durchsetzung gilt als Beweis göttlicher Unterstützung: Das göttliche fiat pax wird zum präsidentiellen I made peace.
Das göttliche fiat pax wird zum präsidentiellen I made peace.
Damit wird die spirituelle Dimension nicht aufgehoben, sondern personalisiert: Aus Gnade wird Bestätigung, aus Berufung Legitimation, aus Hoffnung Strategie. Die religiöse Aura des Erfolgs verschiebt Frieden von der Ethik in die Grammatik der Effizienz.
Der falsche Friede
Doch ein in dieser Art „gemachter“ Friede bleibt trügerisch. Der Waffenstillstand ist ein Produkt von Macht, ein Ergebnis rein äußerlicher Vorgänge. Ein Friede, der „hergestellt“ wird, entsteht aus der Macht des Überlegenen, aus einer Formung durch Druck und Gewalt, nicht aus der Haltung der Beteiligten. Er ist der Zwang eines Moments, kein Wandel des Herzens. Die Ruhe, die er schafft, ist nicht Stille, sondern Stillstellung. Frieden zu „machen“ bedeutet: Bedingungen zu setzen, Loyalitäten zu erzwingen, Verbindlichkeiten zu berechnen. Frieden zu „stiften“ heißt: Vertrauen zu wagen, Raum für Verständnis zu öffnen, das Unverfügbare zuzulassen.
Der Unterschied ist nicht nur semantisch, sondern theologisch grundlegend. Machen („facere“) ist das Verb des Reproduzierens, des Willens zur Gestaltung und der Formung. Schaffen („creare“) hingegen ist in der klassischen Theologie ein Akt, der nur dem Göttlichen vorbehalten ist. Das „kreative“ Schaffen trägt eine schöpferische Offenheit in sich, welche Menschen in ihrem Tun maximal imitieren und nachahmen können. Das schöpferische Ins-Werden-Rufen jedoch ist ein sakral exklusiver Vorgang, der allem irdischen Werden und Herstellen vorangeht.[7] Im biblischen Sinn „schafft“ allein Gott – creare ex nihilo.[8] Alles menschliche Tun bleibt Teilnahme, nicht Ursprung. Darum ist die Rede in der Bergpredigt von denen, „die Frieden stiften“ konsequenter als von jenen, die ihn „machen“. Oder, anders ausgedrückt: Die Benennung einer Faustfeuerwaffe als „Peacemaker“ würde auch im theologischen Sinn niemals ein göttliches Schaffen beschreiben, sondern bliebe immer im gewaltvollen Verständnis von Macht verhaftet.
Frieden zu machen ist Management. Frieden zu stiften ist Teilhabe an einer göttlichen Berufung. Frieden zu erzwingen ist Gewalt. Frieden zu schaffen ist sich beteiligende Hingabe. Diese Differenz lässt sich politisch verwalten, aber nicht spirituell überbrücken.
Frieden zu erzwingen ist Gewalt.
Der Zwang des Machens
Kann jedoch ein mit politischem Druck erzeugter Waffenstillstand oder erzwungener „Friede“ schlecht sein? Sehr wahrscheinlich nicht – das Ende von Gewalt und Krieg ist immer besser als sein Fortgang. Aber Zwang heilt nicht. Er stoppt das Blutvergießen, aber nicht das Misstrauen. Er senkt die Waffen, aber nicht den Hass. Ein (Schein-)Friede, der durch Überlegenheit entsteht, verwandelt nicht, sondern unterdrückt. Die Konfliktgründe bleiben unter der Oberfläche lebendig – wie glimmende Kohlen unter dünner Asche.
Jesu Lehre der Feindesliebe ist vor diesem Hintergrund auch keine moralische Utopie, sondern eine tiefe anthropologische Erkenntnis: Denn der einem äußeren Konflikt zugrundeliegende Krieg findet bereits im Herzen statt. Deswegen erscheint auch die Durchbrechung jeglicher Gewalt, sei es im kleinen alltäglichen Streit oder im großen weltpolitischen Zusammenhang als ein äußerst anspruchsvoller Akt der Freiheit. Wer das eigene Ego entwaffnet, entzieht sich der Logik des Gegenschlags. Friede, so verstanden, beginnt in der Tiefe der menschlichen Person. Er ist eine Form innerer Umkehr, nicht äußerer Regulierung.
Frieden kann nicht befohlen werden, weil er Beziehung ist. Wo Macht Gewaltlosigkeit erzwingt, bleibt diese äußerlich. Wo Menschen sich verwandeln, kann aber Friede wachsen. Das eine ist ein politisches Produkt, das andere eine spirituelle Haltung.
Vom Deal zur Stiftung
Die moderne Friedenspolitik – nicht nur unter Trump – verengt sich auf die Grammatik des Machens. Diplomatie wird zur Managementkunst, Frieden erscheint als bloße Abwesenheit von Krieg, Blutvergießen und Konflikt. Der Weg dorthin entstehe durch Verhandlung, Balance, Protokoll. Aber wo sich das menschliche Friedensverständnis von der Ethik der Umkehr löst, verliert es seine moralische Substanz. Nicht die Stärkeren sichern ihn, sondern jene, die den Mut zur Verwundbarkeit haben.
Frieden stiften heißt, den Raum der Begegnung offenzuhalten. Es ist ein schöpferischer Akt – einer, der Geduld, Vertrauen und Bereitschaft zum Risiko braucht. Diejenigen, die Frieden stiften, wissen, dass er nie endgültig ist, dass er immer wieder neu geschaffen werden muss.
Der Preis des Friedens
Ein gerechter Friede misst sich nicht an der Zahl der Unterschriften unter Verträgen, sondern an der Tiefe der inneren Wandlung. Er fragt nicht: Was kostet der Friede?, sondern: Wer sind wir bereit zu werden, um ihn möglich zu machen? Denn Friede ist kein Zustand, sondern eine Haltung – eine tägliche Entscheidung gegen die Logik der Macht und für die Logik der Beziehung.
Friede ist kein Zustand, sondern eine Haltung
Vielleicht liegt darin die größte Herausforderung unserer Zeit: Frieden nicht zu machen, sondern ihn zu stiften, zu ermöglichen. Das heißt, auf den Zwang des Überlegenen zu verzichten und den Mut zu haben, das Unverfügbare zuzulassen.
Die wahren Friedensfürsten sind keine Revolverhelden und keine Strategen, sondern jene, die in sich selbst die Fronten abbauen. Denn Friede ist kein Deal, sondern ein Geschenk – und seine Bedingung ist Umkehr.
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Andreas G. Weiß, Dr. theol., geb. 1986 in Schwarzach i. Pongau (Ö), ist kath. Theologe, Religionswissenschaftler und Philosoph in Salzburg. Nach Studien in Salzburg und mehrjährigen Forschungs- und Lehraufenthalten in den USA ist er seit 2016 theologischer Bereichsverantwortlicher und seit 2024 Direktor des Katholischen Bildungswerkes Salzburg.
Die US-Präsidentschaftswahlen und deren religionspolitische Einflüsse bzw. Auswirkungen kommentierte er seit 2012 für zahlreiche Zeitungen.
Im Mai 2026 erscheint sein neues Buch: Das Ende eines Traums Was bleibt, wenn der »Amerikanische Traum« zerbricht? — Donald Trump und der 250. Geburtstag der USA bei Patmos.
Beitragsbild: pixabay.com
[1] Vgl. zum klassischen Amtsverständnis des US-Präsidentenamtes: Milkis, Sidney M./Nelson, Michael, The American Presidency. Origins and Development, Washington, D.C. 2019, besonders: 1–25/257–278.
[2] Vgl. die Rede vom republikanischen Parteitag in Cleveland 2016, bei der Trump seine Nominierung annahm: Donald Trump accepts GOP nomination, says ‚I alone can fix‘ system (Zugriff am 8.11.25)
[3] Neustadt, Richard E., Presidential Power. The Politics of Leadership, New York 1960, 3–29.
[4] Anm.: Eine solche Personenzentrierung in den Auftritten amerikanischer Präsidenten wurde schon vor knapp 30 Jahren registriert. Trump ist demnach nicht der Erfinder dieser Tendenz, wohl aber ihre Überspitzung. Vgl. Tulis, Jeffrey K. The Rhetorical Presidency, Princeton 1987, 17–54.
[5] Peale, Norman Vincent, The Power of Positive Thinking, New York 1952.
[6] Vgl. Weber, Max, Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus. Herausgegeben und eingeleitet von Dirk Kaesler. München 2004 (EA: 1904/05).
[7] Vgl. etwa Thomas von Aquin, Summa Theologiae. ST I-I, q. 44-45 a. 1.
[8] Rahner, Karl, Grundkurs des Glaubens. Einführung in den Begriff des Christentums, Freiburg 1976, 92–103.


