Die Zukunft? Sie ist blau.

Kirche „ins Blaue hinein“ zu entwickeln, versuchen die Beiträge junger Pfarrer:innen, die von Jakob Kühn vorgestellt und besprochen werden. 

Wer sich die Frage stellt, was die Zukunft bringt, wie die evangelische Kirche in Zukunft aussehen wird oder aussehen soll, begibt sich auf ungesichertes Terrain. Trends und Prognosen geben eine Ahnung davon, was da kommen mag. Doch ob das gegenwärtig Gute auch in Zukunft gelingt und ob Probleme mit Lösungsvorschlägen behoben werden können, ist ungewiss. Wer die Zukunft bedenkt, spricht immer auch ins Blaue.

„Kirche der Zukunft – Zukunft der Kirche“ so der Titel des im Frühjahr 2021 von Ferenc Herzig (Leipzig), Konstantin Sacher (Leipzig) und Christoph Wiesinger (Heidelberg) veröffentlichten Sammelbandes. An Mehrdeutigkeit kaum zu überbieten sind es die von den jeweiligen Autor:innen gewählten Perspektiven, die die Frage nach Kirche und Zukunft entfalten. Aus jeder Landeskirche und je einmal aus Österreich und der Schweiz versammelt sich so eine Vielzahl an Beiträgen. „23 junge Pfarrerinnen und Pfarrer erzählen“, so der Untertitel. Wohlgemerkt: junge evangelische Pfarrer:innen. Wird hier das Versprechen in den Raum gestellt, dass junge Professionelle ganz besonders in der Lage sind, die Zukunft in den Blick zu nehmen – oder gar selbst die farbenfrohe Zukunft sind?

Wenn junge Theolog*innen Kirche entwerfen

Wer sich die Zukunftsfrage stellt, muss sich positionieren und auch abgrenzen. Zukunftsforscher:innen wissen dies schon lange. Und die Beiträge zeugen davon, dass Positionierungen Mut erfordern. Von daher ist es nicht hoch genug zu achten, dass die Autor:innen sich öffentlich äußern, persönliche Einblicke in ihre (Gemeinde-)Arbeit gewähren, sagen was sie denken und sich schon damit einer (möglichen) Kritik stellen. Und in diesem Sinne ist dieses Buch nicht nur dahingehend zu lesen, welche Entwürfe von Kirche junge Pfarrer:innen entwickeln. Es ist auch in einem gewissen Maße wie ein Seismograph kirchlicher Wirklichkeit pastoraler Berufspraxis.
Und es wird nicht nur zwischen den Zeilen deutlich, dass in die mitunter noch kurzen Berufsbiographien der Autor:innen Ernüchterung eingetreten und der allseits bekannte Kampf gegen die Windmühlen nicht nur Klischee sondern Realität ist. In manch einem Beitrag klingt Ratlosigkeit an. Doch allen Autor:innen ist anzumerken, dass sie um eine gelingende Zukunft ringen. Mehr noch: Die Beiträge zeugen von der Lust und dem Gestaltungswillen aus der Zukunft der Kirche eine Kirche der Zukunft werden zu lassen.

Eine lähmende Logik liegt im Sterben

Die Beiträge sind darin vereint, dass sie mit klarem Blick die gegenwärtige Gestalt von Kirche wahrnehmen. Sei es als Vision oder Traum (vgl. u.a. Beitrag von Ch. Eisenberg), als eindrücklicher Bericht aus dem Gemeindealltag (vgl. u.a. Beitrag von H. M. Golz), oder als Forderungskatalog des Notwendigen bzw. „Wunschkonzert“ (vgl. Beitrag M. Weida). Transformation ist das (hintergründige) Leitmotiv, welches alle Beiträge durchzieht.

Wenn Gemeinden ein Ausdruck vom Fragen und Antworten im und nach dem Glauben sind, dann kann es nicht das Ziel sein, an der liebgewonnenen Kirche festzuhalten. In der Hoffnung nicht sterben und somit auch nicht trauern zu müssen, kommt nur „der Selbsterhaltungstrieb des Bettlägerigen“ zum Vorschein (vgl. Beitrag von B. Rogge). Die Umkehr dieser lähmenden Logik liegt im Streben nach und dem Wollen von etwas, welches sich durch ein „positives noch nicht“ auszeichnet (vgl. Ders.).

Digitalität als natürliche Realität
kirchlichen Lebens

Explizit wird das Motiv der Transformation, wenn das Ideal einer flächendeckenden Versorgungskirche in den Hintergrund rückt. Formen drängen sich auf, bspw. einer „personalisierten Kirche“: „Nur dort, wo wir uns persönlich zeigen und auf unsere eigenen religiösen Resonanzerlebnisse hin transparent machen, sind wir interessant und greifbar. Es wird darum gehen, gemeinsam […] eine persönliche Glaubenspraxis zu entwickeln, die zu einer christlichen Zeigepraxis in der Welt wird.“ (vgl. Beitrag von E. Handke).
Einhergehen damit Formen, die für viele Menschen viel zugänglicher und selbstverständlich sind. „Digitalität ist natürliche Realität“ (vgl. Beitrag von Th. Brückner). Das Evangelium kommuniziert sich auch über das Posten, Liken und Teilen. Und es ist Ausdruck und Chance zugleich, dass Menschen sich in der christlichen Gemeinschaft zu Hause fühlen. Der Ideenreichtum und die Innovationskraft mancher Praxisbeispiele und Leitperspektiven sollte nicht nur die Grenzen der Landeskirchen und zu bzw. von den Nachbarkirchen im deutschsprachigen Raum überschreiten (vgl. Beitrag von M. Totzeck).

Die Zukunft der Kirche ist vielgestaltig

Und so wie manche Strukturen und Denkmuster als veränderungswürdig erscheinen, kommen mit einer „ärmeren, keuscheren und hörenden Kirche“ wiederum Handlungen in den Blick, die in ihrer Wirkmächtigkeit nicht stärker sein können: „Händefalten und Händeauflegen, Schweigen, Singen und Brotbrechen.“ (vgl. Beitrag von H. Pyka). Die Verbundenheit mit der Vergangenheit befähigt trotz aller Transformationsnotwendigkeit die Kirche der Zukunft dazu, das empfangene „göttliche ‚Go’“ auszuleben, zu erzählen und erfahrbar zu machen: „Vom Getragen- und Beflügeltsein, von Wasser das sich in Wein verwandelt, von Wundern, die dort geschehen, wo menschliches Engagement an seine Grenzen kommt.“ (vgl. Ders.).

Die Frage nach der Zukunft der Kirche kann nur vielgestaltig und vielstimmig bearbeitet werden. Davon zeugen die versammelten Beiträge. Dieses Buch wäre missverstanden, würde es als ein Sammelsurium von guten Ideen und Erfahrungsberichten zur Hand genommen. Freilich: so kann und sollte es auch gelesen werden! Doch trotz handfester Vorschläge (vgl. u.a. Beitrag von A. E. Scholz), die darauf drängen, umgesetzt zu werden, liegt nicht alles auf der Hand. Das Patentrezept – wie es die Herausgeber formulieren – gibt es nicht. Und mit den Beiträgen wird deutlich, dass die Suche nach einer verbindenden Perspektive für viele Autor:innen von Bedeutung ist.

Geht es doch darum, den Status quo zu retten?

Die Zukunft der Kirche? Sie erscheint aktuell nicht rosig. Die Kirche der Zukunft? Dieses Buch macht die Leser:innen gewiss: Es wird bunter. Und himmelblau. Damit die Zukunft der Kirche nicht schon eine vergangene ist und in gleicher Weise auch nicht ins ferne zukünftige abgeschoben wird, gilt es, sie gegenwärtig zu machen. Und indem die versammelten Beiträge (und ihre Rezeptionen) in ihrer Gesamtheit wie im Einzelfall die Kirche der Zukunft entwerfen und diskutieren hat diese schon eine gegenwärtige Zukunft.

Darin kommt freilich auch die Grenze der Anlage des Buches zum Ausdruck: Die Frage nach Kirche der Zukunft – Zukunft der Kirche lässt sich in einem pastoral-orientierten Zugriff nur begrenzt diskutieren. Das ist den Herausgebern wie den Autor:innen bewusst. Eine derartige Konzeption kann jedoch auch deutlich kritischer gelesen werden: Wenn ausnahmslos evangelische Pfarrer:innen zu Wort kommen, ist man dann „ernsthaft an notwendigen Veränderungen interessiert“ oder geht es letztendlich darum „den status quo zu retten, Macht zu bewahren“ (vgl. bes. Beitrag von H. Jacobs)? Was als Kritik mehr als berechtigt ist, kann jedoch auch produktiv gewendet werden: Als Aufgabe, das Thema weiterzubearbeiten indem bspw. weitere Berufsfelder, Altersgruppen, Beteiligte usw. eingebunden werden. Die tieferliegende Logik „Wo kein Pfarrer, da keine Kirche“ hemmt nicht nur, sondern ist selbst zu transformieren (vgl. Beitrag von M. Olejnicki).

Den geneigten Leser:innen – und wünschenswert sind viele davon – ist abschließend ein spoilerfreier Lektürehinweis gegeben: Zücken Sie ihr Smartphone und schlagen Sie das Buch auf. Spätestens auf S. 112 brauchen Sie beides. Denn die „Kirche der Zukunft – Zukunft der Kirche“ gibt es nur permixtum bzw. digitalog.

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Autor: Jakob Kühn, ev. Theologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Rostock

Photo: Robert Stemler / unsplash.com

Literaturhinweis: Herzig, Ferenc / Sacher, Konstantin / Wiesinger, Christoph (Hg.): „Kirche der Zukunft – Zukunft der Kirche“, 224 Seiten, Gütersloher Verlagshaus, 22,00 €.

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