Digitalisierung und Kirchenbild – Ein Blick auf die evangelische Kirche

Die Nutzung digitaler Möglichkeiten ist aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Sind sie Fluch oder Segen? Gerald Kretzschmar über kirchliche Bilder des Digitalen.

Was bedeutet die Digitalisierung für unser alltägliches Leben? Behält der Mensch die Regie des Geschehens oder sind die Menschen auf dem besten Weg in die digitale Fremdbestimmung? Auch die Kirche bzw. die Kirchen sind kein digitalisierungsfreier Raum. Hier ein Blick auf die evangelische Kirche.

Seit dem Jahr 2012 entstanden im Raum der EKD-Landeskirchen einige Papiere und Initiativen zum Thema Digitalisierung in der Kirche (vgl. zu den Papieren und deren ausführlicher Analyse: Gerald Kretzschmar, Digitale Kirche. Momentaufnahmen und Impulse, Leipzig 2019). Sie zeigen, wie die Kirche auf das Phänomen der Digitalisierung reagiert. Hoffnungen und Chancen werden mit den Möglichkeiten der Digitalisierung verbunden. Es gibt aber auch Befürchtungen und kritische Fragen. Außerdem kann man den Texten und Initiativen entnehmen, welche Resonanzen das Digitalisierungsthema im Blick auf das kirchliche Selbstverständnis auslöst. Welche Kirchenbilder transportieren die Texte und Initiativen? Wie inszeniert sich Kirche in der Öffentlichkeit, wenn sie sich mit dem Thema Digitalisierung befasst?

Kirche als Gegenwelt zur Gesellschaft?

Der Befund ist eindeutig: Dominierend ist immer noch das Bild von Kirche als Gegenwelt zur Gesellschaft. Die Digitalisierung erscheint dabei als eine Art Scheidelinie. Diesseits steht „die“ Kirche als analoger Raum und jenseits „die“ Gesellschaft als Raum der Digitalisierung. Motiviert durch die Erkenntnis, sich zu dem gesellschaftlichen Digitalisierungsprozess verhalten zu müssen, inszeniert sich die Kirche als starke Organisation. Sie wähnt sich im Besitz einer Art Richtlinienkompetenz in Bezug auf ethische Bewertungen sowie die Steuerung und inhaltliche Profilierung religiöser Kommunikation. Mit diesem Selbstverständnis geht eine Inszenierung von Kirche als missionarischer Organisation einher. Phänomene des Digitalen sind aus dieser Perspektive Objekte, die den Vorstellungen der starken Organisation Kirche entsprechend missionarisch zu bearbeiten sind.

Kirche als konziliarer Diskursgemeinschaft

Andere, auf die Bedürfnisse der Menschen bezogene Kirchenbilder wie zum Beispiel das Bild von Kirche als konziliarer Diskursgemeinschaft oder einer öffentlichen Kirche sind kaum anzutreffen.

Welche Schlussfolgerungen und Impulse lassen sich der kritischen Sichtung der kirchlichen Digitalisierungspapiere entnehmen? Erstens: Das in den kirchlichen Digitalisierungsinitiativen vorherrschende Kirchenbild ist für die Gestaltung des kirchlichen Lebens nicht ertragreich. Die Möglichkeiten der Digitalisierung werden auf missionarisches Handeln oder Öffentlichkeitsarbeit enggeführt. Digitalisierung bietet bei weitem umfassendere Optionen – zum Beispiel im Verwaltungsbereich, im diakonischen Kontext und im Bildungsbereich. Außerdem gerät das Bild einer Kirche als starker Organisation leicht in Konflikt mit ekklesiologischen Grundsätzen reformatorischer Theologie. Kirche umfasst in dieser Perspektive bei weitem mehr als den Bereich kirchenleitender Organisationen. Nicht nur ihnen kommt ein Akteursstatus oder eine theologische Deutungskompetenz zu.

…weder digitalisierungs- noch im theologischen Sinne kirchentauglich.

Reformatorische Kerngedanken wie zum Beispiel das „Priestertum aller Glaubenden“ oder der „Gottesdienst im Alltag“ sollten an dieser Stelle zum Tragen kommen. Die evangelische Kirche ist eine Gemeinschaft, in der jede und jeder Einzelne ein Akteur oder eine Akteurin der je eigenen Gottesbeziehung ist. Dieser je individuellen Gottesbeziehung wiederum verleiht Jede und Jeder den individuellen Lebensbedingungen entsprechend einen eigenen Ausdruck im Alltag. Zu diesem Alltag gehören digitale Medien übrigens längst dazu. Kirche im reformatorischen Sinne ist automatisch weit mehr, als das, was kirchliche Organisationen regeln sollen und können. Kurz: Das bislang im kirchlichen Digitalisierungsdiskurs vorherrschende Kirchenbild ist weder digitalisierungs- noch im Sinne reformatorischer Theologie kirchentauglich. Notwendig ist die Arbeit am Kirchenbild.

Kirche im Plural

Zweitens: Man sollte über digitale Möglichkeiten in der Kirche nicht so nachdenken, als fände das alles in einer Art luftleerem Raum statt. Die gegebenen Strukturen des kirchlichen Lebens als Ganzes müssen wahrgenommen werden. Die Kirche ist eine plural verfasste und ausdifferenzierte gesellschaftliche Großorganisation. Sie umfasst eine Vielzahl von Teilorganisationen in unterschiedlichen Handlungsfeldern mit ganz verschiedenen Verortungen in der Gesellschaft. Diese Organisationen – von der Parochialgemeinde über diakonische Einrichtungen bis hin zu kirchlichen Bildungseinrichtungen – halten ihrerseits ganz unterschiedliche Angebote und Veranstaltungen vor, die von Kirchenmitgliedern, aber auch von vielen anderen zur Kenntnis genommen und genutzt werden.

Aus Mitglieder- und Nutzersicht korrespondieren diesen vielfältigen Organisationen, Angeboten und Veranstaltungen ganz unterschiedliche Formen der Kirchenbindung, je nach Prägung, Lebenssituation und individuellen Bedürfnissen. Beim Nachdenken über die Digitalisierung sollte kontextbezogen gefragt werden: Wie nutzen kirchliche Organisationen bereits digitale Möglichkeiten, oder wie könnten sie sie nutzen? Wie sind digitale Möglichkeiten in institutionelle Strukturen zu integrieren? Welche Rolle spielen digitale Möglichkeiten in den Beziehungen unter den Menschen? Und schließlich: Wie können digitale Möglichkeiten für die öffentliche Inszenierung von Kirche genutzt werden?

Die eine kirchliche Digitalisierungsstrategie kann es nicht geben.

Angesichts der komplexen Struktur des kirchlichen Lebens wird die Einschätzung, die der hessen-nassauische Kirchenpräsidenten und EKD-Medienbeauftragten Volker Jung im Jahr 2018 äußerte, um so evidenter: Die eine kirchliche Digitalisierungsstrategie kann es nicht geben. Zielführend ist ein kleinteiliges, kontext- und anwendungsbezogenes Vorgehen.

Drittens: Das bisherige Ausblenden der Mitglieder- und Nutzerperspektive überrascht. Schließlich entscheidet diese Perspektive maßgeblich darüber, ob bestimmte Digitalisierungsprojekte mit positiven Resonanzen auf der Nutzerseite rechnen können oder nicht. Künftig sind also empirische Kenntnisse über die faktische Nutzung digitaler Medien innerhalb der Kirche genauso notwendig wie Kenntnisse über Wünsche und Bedürfnisse aller potenzieller Nutzerinnen und Nutzer. Was gebrauchen die Menschen bereits? Was gibt es noch nicht, würde ihnen aber helfen? Wie steht es um das Verhältnis von analogen und digitalen Kommunikationsformen und Medien in der Kirche? Was wünschen sich die Mitglieder und Nutzer in Bezug auf das Miteinander und Ineinander von Analogem und Digitalem in der Kirche? Schätzungsweise ist die Kirche schon viel mehr analog-digital koordiniert, als es vordergründig den Anschein haben mag.

Nicht nur an digitale Leuchtreklame denken

Wie könnte es nun weitergehen mit der Kirche und der Digitalisierung? Vielleicht kann man ja die kirchliche Digitalisierungsgeschichte von 2012 bis heute vergleichen mit der flächendeckenden Elektrifizierung, wie sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts erfolgte. Was damals der Strom war, ist heute die Digitalisierung. Ein imponierender Möglichkeitsraum eröffnet sich. In der Kirche dominiert jetzt erst einmal die Idee: Wir nutzen den Strom respektive die Digitalisierung zum Aufstellen leistungsstarker, weithin sichtbarer Leuchtreklamen. Auf die Dauer wäre dieser Zustand nicht gut. Es wird viel Energie verbraucht, ohne dass die Menschen etwas davon haben. Darum sollte künftig genauer hingeschaut werden: Was brauchen die Menschen? Wo nützt die Digitalisierung? Aber auch: Wo bringt sie nichts oder schafft gar Probleme? Sollen für Kirche und Gesellschaft gute Ergebnisse am Ende stehen, wird man das alles in Ruhe und Gelassenheit bedenken müssen.

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Gerald Kretzschmar ist Professor für Praktische Theologie an der Universität Tübingen.

Bild: Gerd Altmann auf Pixabay.

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