Angesichts der Tatsache, dass die Demokratie weltweit unter Druck steht, kommt der politischen Bildung Jugendlicher gerade im Kontext der direkten Demokratie in der Schweiz besondere Bedeutung zu. Stefanie Schüpbach hat zu diesem Thema im «Demokratieturm» des Polit-Forums Bern viel Erfahrung gesammelt und sich intensiv mit der Frage eines sachgemässen und einfach vermittelbaren Demokratieverständnisses befasst.
Demokratie ist Teil unseres Alltags. Ein wichtiges Merkmal der Demokratie ist die Vielfalt: die Anerkennung von verschiedenen Lebensentwürfen, unterschiedlichen Meinungen, Interessen und Zielen. Eine starke demokratische Gesellschaft zeichnet sich dadurch aus, dass unterschiedliche Positionen und Perspektive nicht als Gefahr, sondern als Bereicherung gesehen und respektvoll diskutiert werden.
in einer globalen Welle der Autokratisierung
Doch dies scheint immer schwieriger und die Demokratie steht weltweit unter Druck. Das unabhängige Forschungsinstitut V-Dem Varieties of Democracy spricht von einer globalen Welle der Autokratisierung.[1] So leben heute 40% der Menschheit in mehr oder weniger autokratisch regierten Ländern und die Tendenz ist weiterhin steigend. Die Angriffe auf die Meinungs- und Medienfreiheit nehmen zu und gemäss dem Civic Space Report 2025 werden die Versammlungsfreiheit und die zivilgesellschaftlichen Räume für Teilhabe und politisches Engagement auch in demokratischen Ländern immer stärker eingeschränkt. [2] Die zunehmend polarisierende Rhetorik «Wir gegen sie», Misstrauen gegenüber anderen Meinungen und eine sinkende Qualität der Debatten, in denen vermehrt Hassreden zu hören sind und Gegenargumente nicht respektiert werden, tragen zu einem Rückgang der demokratischen Kultur bei.
Erarbeitung eines gemeinsames Demokratieverständnisses
Für einen respektvollen, lösungsorientierten und demokratischen Dialog auf Augenhöhe ist daher die Erarbeitung eines gemeinsames Demokratieverständnisses zentral.
Demokratie als Lebensform
Die Überlegungen des amerikanischen Philosophen und Pädagogen John Dewey im Jahr 1939 zur «Kreativen Demokratie» sind hochaktuell: «[…] Ein wirklich demokratischer Glaube an den Frieden ist der Glaube an die Möglichkeit, Streitigkeiten, Kontroversen und Konflikte als kooperative Unternehmungen zu führen, bei denen beide Seiten lernen, indem sie dem anderen die Möglichkeit geben, sich zu äussern, anstatt dass eine Seite die andere durch gewaltsame Unterdrückung besiegt. […] Die Zusammenarbeit, in der man Unterschieden die Möglichkeit gibt, sich zu zeigen, weil man glaubt, dass das Ausdrücken von Unterschieden nicht nur ein Recht der anderen Person ist, sondern auch ein Mittel, um die eigene Lebenserfahrung zu bereichern, ist ein fester Bestandteil der demokratischen Lebensweise.» [3]
das Ausdrücken von Unterschieden als Mittel, die eigene Lebenserfahrung zu bereichern
Dewey versteht Demokratie als Lebensform und Teil des Alltags: es geht um gemeinsames Erleben, um Teilen von Wissen und Austausch, um Zuhören und gemeinsames Entscheiden. Die US-amerikanische politische Philosophin Elizabeth Anderson formulierte es einige Jahrzehnte später folgendermassen: «Demokratie als Lebensform ist die kollektive Ausübung praktischer Intelligenz oder des Lernens, angewandt auf die Probleme des Zusammenlebens als Gleichberechtigte.» [4]
weltweite Infrastruktur für die Demokratie
Die Zivilgesellschaft und die kollektive Intelligenz einer Gesellschaft stehen im Zentrum des demokratischen Zusammenlebens. Um diese Intelligenz für die gemeinsame Lösungsfindung aktueller Herausforderungen zu nutzen, braucht es Strukturen und Rahmenbedingungen, welche persönliche Begegnungen, den Austausch auf Augenhöhe und gemeinsames Lernen ermöglichen. Weltweit setzen sich Menschen auf unterschiedliche Art und teils unter schwierigen Bedingungen für demokratische Austauschorte, d.h. offene Räume für Dialog und politische Bildung, ein: sei dies in der Demokratie-Garage[5] in Kopenhagen, in der Art Station in Usbekistan, im Demokratie-Turm in Bern oder in Museen, Bibliotheken oder Kaffeehäusern. Das verbindende Element dieser weltweiten Infrastruktur für die Demokratie, ist die Überzeugung, dass alle Menschen über Fähigkeiten und Wissen verfügen, um sich an den Diskussionen und der Suche nach Lösungen für die aktuellen gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen zu beteiligen.
Drei Fragen für die Demokratie
Doch was bedeutet «Demokratie», d.h. die «Herrschaft des Volkes», eigentlich? Die Demokratietheorie diskutiert unterschiedlichste Modelle und viele Menschen verbinden Demokratie mit institutionellen Elementen wie Parlamenten, Abstimmungen oder Wahlen. Im Austausch mit Schulklassen wird im Demokratie-Turm aber auch immer wieder betont, dass in einer Demokratie alle mitreden und mitentscheiden sollen. Doch was heisst alle? Wie wird mitgeredet? Und was bedeutet mitentscheiden?
Doch was heisst alle? Wie wird mitgeredet? Und was bedeutet mitentscheiden?
Ein spannender demokratietheoretischer Ansatz findet sich beim politischen Philosophen Mark E. Warren. Er schlägt einen «problembasierten Ansatz der Demokratietheorie» vor und fragt: «Welche Probleme muss ein politisches System lösen, um als ‚demokratisch‘ zu gelten?»[5]. Warren identifiziert drei Hauptprobleme: ein politisches System ist dann demokratisch, wenn es Inklusion fördert (empowered inclusion), kollektive Agenden und Willensbekundungen formuliert (collective agenda and will formation) und kollektive Entscheidungsmechanismen ermöglicht (collective decision-making). Diese drei Elemente dienen gemäss Warren dazu unterschiedlichste politische Praktiken auf Stärken und Schwächen zu überprüfen. Sein Ansatz ermöglicht es das Demokratieverständnis anhand von drei Fragen zu diskutieren:
Wer ist in einer Demokratie beteiligt und wer nicht? Wie kommen Themen auf den Tisch (d.h. auf die politische Agenda) und wie und von wem werden sie diskutiert? Wie entscheiden wir gemeinsam?
Gemeinsames Demokratieverständnis und Austausch auf Augenhöhe
Diese drei Fragen und die Idee Demokratie als Lebensform zu verstehen, bieten im Demokratie-Turm praktische Ansatzpunkte für die politische Bildung, die Diskussion aktueller Herausforderungen mit unterschiedlichen Alters- und Gesellschaftsgruppen und die gemeinschaftliche Erarbeitung von Lösungsansätzen für die Weiterentwicklung der Demokratie. Dabei sind die thematische Offenheit, eine wertschätzende und respektvolle Atmosphäre, das Zuhören und Abwägen von anderen Argumenten und Meinungen zentral.
an der «Demokratie-Bar» sind alle Anwesenden Expert:innen
Ein konkretes Beispiel ist die «Demokratie-Bar». Als fester Bestandteil der Dauerausstellung des Demokratie-Turms ermöglicht dieses Format persönliche Begegnungen mit einem informellen und niederschwelligen Austausch auf Augenhöhe. Die «Bargäste» mit unterschiedlichen Erfahrungshintergründen teilen ihr Wissen, hören einander zu und diskutieren. Das Thema des Austausches wird von einem oder mehreren «Barkeeper» in Form eines kurzen Inputs gesetzt. Die «Barschicht» bricht klassische Diskussionsformate wie eine moderierte Podiumsdiskussion unter Expert:innen auf. An der «Demokratie-Bar» sind alle Anwesenden Expert:innen und teilen ihre Alltagserfahrungen, Meinungen und Ideen.
komplexe Themen in einer diversen Gruppe ohne spezifisches Vorwissen respektvoll diskutieren
Dadurch finden neue und wenig beachtete Themen eine Plattform und neue Perspektiven, die in der politischen Diskussion selten gehört werden, fliessen in den Agenda Setting-Prozess und die Meinungsbildung ein. Beispielhaft können die «Barschichten» zu Reformideen für das politische System der Schweiz von Studierenden, die Alltagserfahrungen eines Mitglieds des Berner Kinderparlaments, die Einordnung der richtungsweisenden georgischen Parlamentswahlen im Jahr 2024 durch eine Vertreterin der georgischen Diaspora in der Schweiz oder auch die Diskussion der Schweizer Bundesverfassung mit einem lokalen Schriftsteller, genannt werden. Diese exemplarische Auswahl zeigt, dass auch komplexe und schwierige Themen in einer diversen Gruppe ohne spezifisches Vorwissen respektvoll diskutiert und verhandelt werden können. Solche Austausche ermöglichen zudem eine Vernetzung und ein gemeinsames Weiterdenken der Weiterentwicklung der Demokratie.
Was alle angeht, können nur alle lösen
Die Erfahrungen an der Demokratie-Bar aber auch in partizipativen Austauschformaten im öffentlichen Raum, in Debattierworkshops oder in dialogischen Führungen durch den Demokratie-Turm zeigen, dass Demokratie im Alltag gelebt werden kann, ein respektvoller Austausch auf Augenhöhe mit ganz unterschiedlichen Meinungen möglich ist und in deliberativen Formaten gemeinsam Lösungen ausgehandelt werden können. Wie schon der Schweizer Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt feststellte: «Was alle angeht, können nur alle lösen».[6]
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[1]V-Dem Institute (2025): Democracy Report 2025. 25 Years of Autocratization – Democracy Trumped. Göteborg: V-Dem Institute, Universität Göteborg.
[2]European Civic Forum (ECF) und Civic Space Watch: Civic Space Report 2025.
[3]Dewey, John (1976): Creative democracy: The task before us. In J. Boydston (Ed.), John Dewey: The later works, 1925-1953, volume 14 (pp. 224-230). Carbondale: Southern Illinois University Press. (Original work published 1939). Available from: https://chipbruce.files.wordpress.com/2008/11/dewey_creative_dem.pdf (Accessed May 8th, 2022).
[4]Anderson, Elizabeth (2009): Democracy: Instrumental vs. Non-Instrumental Value, in Contemporary Debates in Political Philosophy, Kapitel 12; Herausgeber: Thomas Christiano, John Christman, 2009 Blackwell Publishing Ltd.
[5]Warren, Mark E. (2017): Democracy: A Problem-Based Approach to Democratic Theory, in: American Political Science Review, 2017; 111(1), 39-53.
[6]Dürrenmatt, Friedrich (1962/1980): Die Physiker. Eine Komödie in zwei Akten. Zürich: Diogenes, 92.
Fotos: Susanne Goldschmid, Bern


