Eleanore und Gertrud – Von Hoffnungen und Aufbrüchen

Zuweilen können einen Geschichten von Menschen aufrütteln. Und wichtige Ereignisse in deren Leben lassen im eigenen Dasein, wie in einem Brennglas, alte Fragen mit neuer Priorität hervortreten. Zwei Frauen, die Birgit Mock im besten Wortsinn inspiriert haben, stehen im Mittelpunkt dieses Beitrages.

Auf gesellschaftlicher Ebene erlebten wir 1948 ein geniales Meisterstück: die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte wurde verabschiedet. Und wir verdanken diesen Erfolg unter anderem einer Frau und ihrem klugen Handeln: Eleanore Roosevelt. Sie wurde 1884 in New York geboren und starb 1962. Ohne Übertreibung lässt sich sagen, dass sie ein bewegtes Leben hatte. Äußerlich mit auffällig hervorstehenden Zähnen und einer Körpergröße von 1,80 m gesegnet, entsprach sie nicht gerade einem klassischen Frauenbild. Ihre Ehe zu Franklin Roosevelt, den sie 1905 heiratete, war getragen von gegenseitiger geistiger Anregung und romantischer Anziehung, aber nicht frei von Spannungen. Als das sechste Kind geboren war, fand Eleanor heraus, dass ihr Mann ein Verhältnis hatte und bot ihm die Scheidung an. Wegen der Kinder und wegen seiner politischen Pläne blieb das Paar zusammen. Doch Eleanore Roosevelt ging mehr und mehr ihren eigenen Weg. Sie war schon zuvor politisch in verschiedenen Frauenrechtsvereinigungen aktiv gewesen. Als ihr Mann 1920 an Polio erkrankte, begleitete sie ihn selbstbewusst durch das Land. Und als er 1933 als Präsident ins Weiße Haus gewählt wurde, erfand sie die Rolle der First Lady neu. Legendär wurden ihre Pressekonferenzen im Weißen Haus, zu denen ausschließlich Journalistinnen zugelassen waren. Dies führte dazu, dass jede große Zeitung in Washington zu der Zeit wenigstens eine weibliche Reporterin einstellte.

Pressekonferenzen – zugelassen waren nur Journalistinnen

Eleanore Roosevelt war selbst eine gefragte Journalistin. Sie gab kurz nach der Amtseinführung ihres Mannes ihr erstes Interview. Und ihre Tages-Kolumne erreichte in den 30er Jahren Millionen Menschen. Nach dem Tod ihres Mannes 1945 entsandte sein Nachfolger, Henry Truman, Eleanore Roosevelt als Delegierte der Vereinigten Staaten in die Versammlung der neu gegründeten Vereinten Nationen. Um den Schrecken des Zweiten Weltkrieges zu entfliehen, wurden 12 Männer und Frauen von der UNO beauftragt, Grundsätze zu erarbeiten, die der Wiederholung solcher Verbrechen entgegenwirken sollten.

Eleanore wurde als Vorsitzende dieses Menschenrechtsausschusses gewählt. Und arbeitete mit ihrem Team zwei Jahre lang an einer Erklärung – mit viel Klugheit, diplomatischem Geschick, Zuversicht, und sicher auch Sturheit. Denn es galt in Zeiten des Kalten Krieges vor allem auch die sowjetische Delegation ins Boot zu holen. Das ist ihr letztlich gelungen.

Klugheit, diplomatisches Geschick,
Zuversicht, Sturheit

Am 10. Dezember 1948 um 3 Uhr früh mitteleuropäischer Zeit wurden 30 Artikel einer Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte ohne Gegenstimmen und mit 8 Enthaltungen verabschiedet. Und als Anna Eleanore Roosevelt im Saal der Vereinten Nationen in New York die ersten beiden Artikel verlas, „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Wissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen. Die Menschenrechte gelten für alle Menschen gleichermaßen. Niemand darf benachteiligt werden wegen seines Geschlechts, seiner Hautfarbe, Religion, seiner nationalen Zugehörigkeit, politischen Überzeugung, seines Besitzes oder anderer Unterschiede“[i], erhob sich die Versammlung das erste und bisher einzige Mal zu stehenden Ovationen für eine Rednerin aus dem eigenen Kreis.[ii]

Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten.

Und nun der Blick in eine besondere Zeit aus der (neueren) Kirchengeschichte. Befragt man Zeitzeuginnen zum Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) sind Worte wie: Aufbruchsstimmung, Hoffnung, Experimentierfreude und „Aggiornamento“ zu hören.[iii] Allein dieser letzte Begriff hat viele beflügelt. Und das an die Kaufmannssprache angelehnte „aggiornare“ (= auf den neuesten Stand bringen) wurde bis in die Gemeinden vor Ort zu einem Symbol des hoffnungsvollen Aufbruchs.

Eine der 23 Frauen, die als Laienauditorinnen beim Konzil zugegen waren, war Dr. Gertrud Ehrle. Sie war von Papst Paul VI. im Jahr 1965 für die 4. Konzilsperiode als „Auditorin“ berufen worden. Zu der Zeit war sie Mitglied im Vorstand des Katholischen Deutschen Frauenbundes. Der Frauenbund hatte die Vorbereitung und Durchführung des Zweiten Vatikanischen Konzils intensiv begleitet und ebenso wie die Katholische Frauengemeinschaft Eingaben zur Situation von Frauen gemacht. Gertrud Ehrle, am 29. April 1897 in Ravensburg geboren, entstammte einer Bankiersfamilie. Sie pflegte gute Kontakte zu den Jesuiten, ihr Onkel war der Kurienkardinal Franz Ehrle. Besonders eng arbeitete sie mit dem Kölner Weihbischof Dr. Augustinus Frotz zusammen, der langjähriger Geistlicher Beirat des Frauenbundes war. Er sprach in zwei viel beachteten Redebeiträgen auf dem Konzil über die Rolle von Frauen, was sicherlich auf den intensiven Austausch mit Gertrud Ehrle zurückzuführen ist. Und sie selbst war in der Konzilsperiode nicht nur Zuhörerin, vielmehr setzte sie sich bei den deutschen Bischöfen dafür ein, dass in Konzilstexten Formulierungen wie „Frauen und Männer“ oder „dass Frauen auch an den verschiedenen Bereichen des Apostolats der Kirche wachsenden Anteil nehmen“ aufgenommen wurden.[iv] Nach dem Konzil engagierte sich Gertrud Ehrle bis zum Ende ihrer Amtszeit als Präsidentin des Frauenbundes (1979) für die Einführung von Diakoninnen.

in Konzilstexten Formulierungen wie

„Frauen und Männer“

Das Wirken von Gertrud Ehrle in Rom während des Konzils ist gut überliefert, weil es viele Fotos von ihr gibt: auf dem Petersplatz, in der Konzilsaula, im Kontakt mit Bischöfen und den wenigen anderen internationalen Laienauditorinnen. Sie hat sehr pragmatisch einen Fotografen, der beauftragt war Fotos vom Konzil zu erstellen, angesprochen und um Aufnahmen gebeten. Diese hat sie aus eigener Tasche bezahlt – die Rechnungen finden sich im Archiv des KDFB.

Und heute noch lesen wir in der viel beachteten Pastoralkonstitution des Konzils „Gaudium et Spes“, die am 7.12.1965 mit 2309 Ja- und 75 Nein-Stimmen verabschiedet wurde, in Artikel 29: „Da alle Menschen eine geistige Seele haben und nach Gottes Bild geschaffen sind, da sie dieselbe Natur und denselben Ursprung haben, da sie, als von Christus Erlöste, sich derselben göttlichen Berufung und Bestimmung erfreuen, darum muß die grundlegende Gleichheit aller Menschen immer mehr zur Anerkennung gebracht werden. (…) Doch jede Form einer Diskriminierung in den gesellschaftlichen und kulturellen Grundrechten der Person, sei es wegen des Geschlechts oder der Rasse[v], der Farbe, der gesellschaftlichen Stellung, der Sprache oder der Religion, muß überwunden und beseitigt werden, da sie dem Plan Gottes widerspricht.“[vi]

dieselbe göttliche Berufung und Bestimmung

An diese beiden Geschichten muss ich denken, wenn ich mich frage, was wir als politische Christ*innen heute zu sagen und zu tun haben:

  1. im Sinne der Gottesebenbildlichkeit die unverfügbare Würde eines jeden Menschen zum Maßstab unseres Handels machen;
  2. uns für gleiche Rechte für alle Menschen einsetzen;
  3. gegen jegliche Form von Diskriminierung vorgehen;
  4. für diese Ziel Bündnispartner*innen gewinnen,
  5. die eigenen Botschaften platzieren,
  6. die in dieser Anwaltschaft tätige Frauen und Männer sichtbar machen und der Geschichtsschreibung zuweilen auf die Sprünge helfen;
  7. aus den Schrecken der Vergangenheit lernen, auch wenn Aushandlungsprozesse schwierig werden;
  8. mit exklusiven und inklusiven Arbeitsformaten experimentieren;
  9. eine echte Teilhabe ermöglichen, die Stimmrechte und weitere Entscheidungsrechte miteinschließt;
  10. und – nicht zuletzt – Entscheidungen treffen und Weichen stellen, die vor Ort bei den Menschen ankommen und für sie spürbar sind.

Viele drängende politische Herausforderungen erwarten uns in unserer Verantwortung für die Welt auf die sich diese Leitlinien anwenden lassen: Unumkehrbarer Klimawandel, wirtschaftliche, soziale und gesundheitliche Folgen der Corona-Krise, Fluchtbewegungen und kaum vorstellbare Folgen von Kriegshandlungen, Gewalt und Armut.

Ich nehme sie als Lernerfahrungen mit auf den synodalen Weg. Wir stehen dort vor not-wenigen Reformen in unserer deutschen Kirche. Und wenn diese gelingen, können sie ein Modell sein, das in die Weltkirche ausstrahlt. Ich wünsche uns hierfür den Mut, die Überzeugungskraft und die Klarheit der Visionärin Eleanore Roosevelt. Und die Präsenz, das vorausschauende Handeln und die verlässlichen Bündnisse der Pragmatikerin Gertrud Ehrle. Von Eleanore Roosevelt sind folgende Worte überliefert: „Tun Sie das, was Sie Ihrem Herzen nach für richtig empfinden. Sie werden ohnehin dafür kritisiert. Sie werden verdammt, wenn sie es tun und verdammt, wenn sie es nicht tun.“

Das sollten wir als Frauen und Männer der Kirche tun. Menschen berühren in ihrem Innersten. Ihnen die frohe Botschaft zusprechen. Und uns selbst zusprechen lassen: Wir sind nicht allein. Gott geht mit uns auf dem Weg – so wie wir geschaffen sind, als Frauen, als Männer und als diejenigen dazwischen.


Autorin: Birgit Mock, Naturwissenschaftlerin und Organisationsentwicklerin, ist Geschäftsführerin des Hildegardis-Vereins. Sie ist verheiratet und Mutter von zwei erwachsenen Kindern. Mock ist Vizepräsidentin des Katholischen Deutschen Frauenbundes (KDFB), Familienpolitische Sprecherin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) und Vorsitzende des Forums Sexualität und Partnerschaft im synodalen Weg (in Doppelspitze mit Bischof Dieser).

Beitragsbild: Getrud Ehrle (links), Sr. Juliana Thomas (rechts)
Quelle: Archiv Katholischer Deutscher Frauenbund, Köln.


[i] Vgl. www.institut-fuer-menschenrechte.de
[ii] Papst Johannes XXIII. hat die Erklärung der Menschenrechte in seiner Menschenrechtsenzyklika „Pacem in terris“ von 1963 als „Zeichen der Zeit“ gewürdigt. Pacem in terris, Nr. 75: http://www.vatican.va/content/john-xxiii/de/encyclicals/documents/hf_j-xxiii_enc_11041963_pacem.html
[iii] Vgl. Theologische Kommission des Katholischen Deutschen Frauenbundes e.V. (Hg.), Die Tür ist geöffnet. Das Zweite Vatikanische Konzil – Leseanleitungen aus Frauenperspektive, Münster 2013.
[iv] Vgl. auch Heyder, Regina, Muschiol Gisela (Hg.), Katholikinnen und das Zweite Vatikanische Konzil. Petitionen, Berichte, Fotografien, Münster 2018.
[v] Dieser Begriff ist historisch einzuordnen und heute kritisch zu bedenken.
[vi] Zitiert nach der amtlichen deutschen Übersetzung: http://www.vatican.va/archive/hist_councils/ii_vatican_council/documents/vat-ii_const_19651207_gaudium-et-spes_ge.html.

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