Suche nach Haltungen als Form der Erinnerung – ein alternatives Begehen des 27. Januar

Als Tag des Gedenkens für die Opfer des Nationalsozialismus wird der 27. Januar begangen. Dazu würdigt Sara Han mit Ernst Ludwig Ehrlich eine der Gründungspersönlichkeiten jüdischen Lebens im Nachkriegsdeutschland.

Ernst Ludwig Ehrlich zählt zu den Pionieren des jüdisch-christlichen Gespräches und wird von Vielen als Brückenbauer zwischen Judentum und Christentum, als Wegbereiter und Wegbegleiter einer neuen Verhältnisbestimmung christlicher Theologie zu Judentum und Juden erinnert. Zahlreiche Ehrungen, Auszeichnungen und die Ehrendoktorwürden der Universität Basel, der Freien Universität Berlin und der Universität Luzern belegen, wie sehr seine Stimme und sein Wirken im jüdisch-christlichen Gespräch theologisch und gesellschaftspolitisch gewürdigt wurden.

Durch Flucht überlebt der Schüler
von Leo Baeck

Als einziger seiner Familie überlebte der 1921 in Berlin geborene Ernst Ludwig Ehrlich die Shoa durch eine Flucht im Frühjahr 1943 in die Schweiz. Aufgrund seiner Studien an der Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judentums konnte er 1950 sein Studium an der Universität Basel mit der Promotion abschließen.
Bereits im Sommer 1946 traf er seinen Lehrer Leo Baeck wieder, der das Konzentrationslager Theresienstadt überlebt hatte und seit Juni 1945 in London lebte. Ehrlich begleitete seinen Lehrer auf die Gründungstagung des „International Council of Christians and Jews“ und traf bei diesem England-Aufenthalt erstmals auf Gertrud Luckner. Während der Naziherrschaft hatte Gertrud Luckner verfolgten Jüd*innen geholfen und war deswegen verhaftet und 1943 ins Frauenkonzentrationslager Ravensbrück verschleppt worden. Nach der Shoa widmete sie sich der Versöhnungsarbeit zwischen Jüd*innen und Christ*innen und gründete den Freiburger Rundbrief.

Dialogarbeit wird Lebenswerk

Beide Ereignisse aus dem Sommer 1946 stellten für Ernst Ludwig Ehrlich den Beginn seiner Mitarbeit im jüdisch-christlichen Dialog dar. „Schicksalsmäßig“, heißt es bei ihm, wurde die Dialogarbeit zu seinem Lebenswerk. Sie war geprägt war von seiner eigenen Verlustgeschichte und bestimmt von der Überzeugung, dass sich Entrechtung, Ausgrenzung und Verfolgung von Menschen nicht wiederholen dürfen und jüdisches Leben in Europa wiederaufgebaut werden müsse.

Es geht ihm um Zeugenschaft ohne Rache

Über persönliche Erfahrungen zur Zeit der Shoa berichtete Ehrlich äußerst selten; die wenigen biographischen Interviews, die er gab, unterscheiden sich kaum in ihrem nüchternen protokollarischen Stil. Zwar sei die Zeit der Verfolgung in Nazi-Deutschland Teil seiner Biographie, aber – so hielt er fest – er sehe „sie nicht als Opfer, sondern als Historiker.“[1]
Und dennoch hat er sich der Aufgabe – „Zeugenschaft ohne Rache“ – verpflichtet, „wenigstens für das Ereignis Zeugnis ablegen, besonders für alle die, die es nicht mehr können. Die wenigen, die zu fliehen versuchten, taten es nicht nur, um ihr geschundenes, armseliges Leben zu retten, sie taten es, um vor der Welt ein Zeugnis von etwas abzulegen, von dem die Welt zwar längst wusste, das sie aber in Wahrheit nicht wissen wollte“[2].

Ernst-Ludwig Ehrlich, Foto: refbild/Pamar (AfZ NL E.L. Ehrlich/17)

Christ*innen versagten an ihrem

eigenen Glauben.

Die Aufforderung zum Zeugnis und die von ihm wahrgenommene Pflicht des Zeugnisablegens entgrenzte Ehrlich dem Rahmen des autobiographischen Erzählens. Für ihn ist es eine öffentliche Handlung, die ihre Präsenz in Politik, Gesellschaft und Kirchen haben muss. Es war für Ehrlich von zentraler Bedeutung, dass der Akt des Erinnerns in den Bereich theologischer Diskurse hineinwirkte. Ehrlichs Engagement im jüdisch-christlichen Gespräch hat seinen Grund darin, dass er einerseits nie verstehen konnte, wie Christ*innen dermaßen an ihrem eigenen Glauben und dessen basalen Forderungen versagen konnten wie in der Shoa, anderseits in seiner festen Überzeugung, dass die christlichen Kirchen wegen ihres Glaubens verpflichtet waren, an einer humanen Wirklichkeit mitzuarbeiten.

Christlicher Antijudaismus als
„Lehre der Verachtung“

Hier forderte Ehrlich immer wieder das „harte Gespräch“ ein, denn erst in der Konfrontation mit der kirchlichen „Lehre der Verachtung“ (Jules Isaak)[3], ohne die der moderne Antisemitismus für ihn nicht denkbar war, da „der Antijudaismus die Menschen unsensibel gemacht hat gegenüber dem Hass der Nazis“[4], werde deutlich, ob christliche Theologie-Treibende als Hörer*innenschaft der jüdischen Zeugnisse ihre Haltung nach der Strategie der Vertuschung oder nach den Opfern, den Mitmenschen, ausrichteten.

Nicht Suche nach Antworten,
sondern Suche nach Haltungen

Aufgabe einer Theologie nach Auschwitz sei jedoch nicht ein einseitiger Freispruch Gottes oder eine Rechtfertigung menschlicher Schuld, sondern die Verantwortung, die „Theodizee in den Bereich der Ethik [zu] verlagern“[5]. Dabei gilt es jedoch, „das Offenhalten der Frage“ nach dem Wesen und Herkunft des Bösen auszuhalten. Denn: „Anstelle der Suche nach einer Antwort tritt die Suche nach den Haltungen, die dieses Offenhalten ermöglichen.“[6]

Erinnern führt immer zu Aktivität

Die Widersprüchlichkeiten bleiben bestehen, aber die Gleichgültigkeit gegenüber Unrechtssystemen, die die Würde der Schöpfung und der Menschen verletzen, soll überwunden werden. Aus einer biblischen Lesart interpretierte Ernst Ludwig Ehrlich, dass Erinnern stets zum gegenwärtigen Handeln auffordert und keinesfalls kontemplative Nabelschau ist. Einer Wiederholung von Unrecht sollte durch kritische Auseinandersetzung mit dem Geschehenen inmitten einer Generation, die sich auch christlich nannte, „die ja nicht nur mordete, sondern raubte, verachtete und sich gleichgültig gegenüber Verbrechen verhielt, die sie mit eigenen Augen sah“[7], vorgebeugt werden. Einer wiederholenden Gleichgültigkeit entgegenzutreten, deren Ursprung Ehrlich in der Superioritätshaltung des Christentums erkannte, war sein Gesprächsangebot an Christ*innen gerichtet.

Heutigem Unrecht widerstehen

Ehrlich war der Ansicht, dass Gedenkstätten, Wandtafeln, Gedenktage und Museen zwar einer Erinnerung dienen, aber die Entsetzlichkeit nicht aus der Welt bringen. Diese Erinnerungsformen seien wichtig, aber: „Wir haben ferner uns zu vergegenwärtigen, was wir aus der Geschichte in unserer Zeit mitzunehmen haben, wie wir uns daran gewöhnen müssen, dem Unrecht, wo immer wir es antreffen, zu widerstehen. Unrecht finden wir heute überall, sei es in der Ausländerfeindlichkeit oder im wieder an die Oberfläche kommenden Antisemitismus.“[8]

Zeugenschaft als Dialog

Nicht die autobiographische Zeugenschaft wurde für Ehrlich Ort der Erinnerungs- und Versöhnungsarbeit, sondern er begriff die Zeugenschaft als locus dialogus. Im jüdisch-christlichen Gespräch blieb Auschwitz die Zäsur, nach der zunächst von einer kleinen Gruppe von Laien und Theolog*innen die gemeinsame Arbeit gegen Antijudaismus und Antisemitismus, d.h. gegen Vorurteile, geführt und das gemeinsame Fundament zwischen Judentum und Christentum wiederentdeckt wurde, das für Ehrlich in der biblischen Ethik gründete.

Bleibendes Unverständnis angesichts der Shoa

Aber: „Im Fanal der Schoah“, so Ehrlich, „muss Christen aufgehen, was sie geschehen ließen.“[9] Darin formulierte er dann auch sein bleibendes Unverständnis, das es im Gespräch mit Christ*innen auszuhalten galt und für ihn eine offen bleibende Frage bei der Suche nach Haltungen war.
Eine veränderte Haltung der christlichen Kirchen zum Judentum belegen dann auch die offiziellen Erklärungen Nostra aetate 4 (1965) und die EKD Studien I-III (1975-2000); mit Dabru emet (2000), „Den Willen unseres Vaters im Himmel tun: Hin zu einer Partnerschaft zwischen Juden und Christen“ (2015) und mit der jüngst erschienenen jüdisch-orthodoxen Stellungnahme „Zwischen Rom und Jerusalem“ (2017) wird der grundlegenden Wende christlicher Theologie jüdischerseits geantwortet.

Erinnerung als Pflicht

Erinnern und Erinnerung im religiösen Denken, basierend auf einem biblisch-frühjüdischen Konzept, meint mehr als ein Sich-Erinnern an etwas Gewesenes oder Abgeschlossenes. Die historische Distanz zur Vergangenheit erfährt einen Transfer in die Gegenwart, so dass historische Ereignisse gegenwärtig werden. Die Erinnerung als Pflicht, ein Ereignis präsent zu halten, ist eines der wesentlichen Motive biblischer Botschaft, die durch Auschwitz, so formulierte es Ernst Ludwig Ehrlich, „seine dramatische Aktualität erhalten hat: die Zeugenschaft.“[10]

Mehr als Betroffenheit: die Haltung der eigenen Theologie anfragen

Dieses Jahr wird der 75. Holocaust-Gedenktag begangen, der seit 2005 weltweit durch die Vereinten Nationen auf den 27. Januar festgelegt wurde. An diesem Tag können Christ*innen nicht in ihrer Betroffenheit über die Ereignisse verharren, sondern müssen konsequent ihr Handeln, die Haltung der Kirche und das ihrer Theologie anfragen und verändern. Das jüdisch-christliche Gespräch darf bereits als Narrativ der Erinnerung an die Shoa verstanden werden, das einerseits Verständigungskonzepte zwischen Menschen unterschiedlicher religiöser Auffassungen entworfen hat und anderseits als Barometer christlicher Haltung gegenüber Leidenden und Unterdrückten ernstgenommen werden muss. In dem Beitrag des katholischen Theologen Johann B. Metz für die Festschrift zum 70. Geburtstags Ernst Ludwig Ehrlichs finden sich die auch heute zu wiederholende Fragen: „Hat uns die Erinnerung an Auschwitz in unserem Christsein verändert? Sind wir tatsächlich eine ‚Kirche nach Auschwitz‘?“[11]

Es bleibt eine Frage

Im Rahmen des Gedenkens an die Shoa bleibt für Ernst Ludwig Ehrlich die Frage: „Ob es doch einmal möglich sein könnte, dass unsere christlichen oder nichtjüdischen Freunde und Mitbürger den Versuch unternehmen mögen, alle die Vorurteile über Juden und Judentum bei sich zu beseitigen, Vorurteile, die Auschwitz erst ermöglicht haben?“[12]

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Autorin: Sara Han ist Judaistin und Katholische Theologin. Sie promoviert am Seminar für Katholische Theologie der Freien Universität Berlin.

Bild: Ricardo Gomez Angel / unsplash.com

 

[1] https://www.swissinfo.ch/ger/holocaust-ueberlebender-dank-pass-faelscher/4264622

[2] Ehrlich, Ernst Ludwig, Die Bedeutung von Auschwitz für Juden, in: ders. (Hg.), Der Umgang mit der Shoah. Wie leben Juden der zweiten Generation mit dem Schicksal der Eltern?, Gerlingen 1993, 35.

[3] Vgl. Isaac, Jules, Jesus und Israel, Wien/Zürich 1968; ders., L’Enseignement du mépris, Paris 1962.

[4] Ehrlich, Ernst Ludwig, Judenfeindschaft im Christentum, in: ders., Reden über das Judentum (Judentum und Christentum Bd.6), Stuttgart 2001, 105.

[5] Ehrlich, Ernst Ludwig, Von Gott reden nach Auschwitz, in: ders., Reden über das Judentum (Judentum und Christentum Bd.6), Stuttgart 2001, 115.

[6] Ebd., 114.

[7] Ebd., 114.

[8] Ebd., 116.

[9] Ebd., 117.

[10] Ehrlich, Ernst Ludwig, Die Bedeutung von Auschwitz für Juden, 34.

[11] Metz, Johann Baptist, Kirche nach Auschwitz, in: Marcus, M./Stegemann E.W./Zenger, E. (Hrsg.), Israel und Kirche heute. Beiträge zum christlich-jüdischen Gespräch, Freiburg i.Br. 1991, 116.

[12] Ehrlich, Ernst Ludwig, Die Bedeutung von Auschwitz für Juden, 44.

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